Ein Landei in der großen Stadt – und eine heikle Tramperfahrt

Ich hatte keinen Bock auf die Bundeswehr, also blieb nur die Flucht nach Berlin. Aber wie? Da ich mich damals, anstatt in die Schule zu gehen, häufig in unserer Bahnhofskneipe aufhielt, um Karten zu spielen, waren mir natürlich fast alle Stammgäste bekannt. Plötzlich gab es dort einen Neuen, Gert, und oh Wunder, der wohnte in Berlin, war aber aus irgendeinem Dorf in der Nähe. 


Gert war etwa Ende 20 und bot mir an, bei ihm zu wohnen – in Berlin, natürlich nicht in seinem Dorf. Ich wusste allerdings nicht, dass Gert ein ziemlicher Säufer war und sich auch gerne mal mit dem Gesetz anlegte. Ich packte also meine Siebensachen und fuhr mit meinem Polski Fiat nach Berlin. Fast wäre ich auf der ersten Fahrt schon gescheitert, denn die damaligen Transitbestimmungen waren mir noch nicht so geläufig. Ich entdeckte auf halbem Weg in der Zone eine hübsche Tramperin, hielt an und nahm sie mit; sie sah aus wie ein Wessi. Wir unterhielten uns prächtig, sie schwärmte von meiner Musik auf Kassette und erzählte mir von allen In-Kneipen und Discos, die sie so besuchte. Gert hatte mir schon einiges über das Nachtleben von Berlin erzählt, aber sie erwähnte völlig andere Lokalitäten, mit teils merkwürdigen Namen. 

Ich versuchte, mir alles zu merken. Kurz vor Michendorf erwähnte ich beiläufig, dass ja jetzt bald der Abzweig nach Westberlin kommen müsse, den wir nicht verpassen sollten. Da wurde sie plötzlich etwas blass. Sie sei aus Ostberlin, erzählte sie, und würde zwar gerne mitkommen, dürfe aber nicht, und ob ich nicht wüsste, dass man als Wessi im Transit keine Ossis mitnehmen dürfe.

Nee, wusste ich nicht. Und dann erzählte sie, dass der Rasthof Michendorf voller Stasileute sei; da könne sie nicht aussteigen. Sie bat mich, an der Potsdamer Abfahrt, gleich nach Michendorf, zu halten und sie dort rauszulassen. Ich fuhr ein paar Meter die Abfahrt runter, hielt, und wir luden ihr Gepäck aus. In diesem Moment hielt ein Vopo-Lada oben an der Ausfahrt. Sie ging ganz eilig davon, und ich fuhr wieder auf die Autobahn, an den Vopos vorbei, die mir sofort folgten. Ich achtete jetzt pedantisch auf die Geschwindigkeit, denn die Vopos fuhren direkt hinter mir und bogen mit mir Richtung West-Berlin ab. Ich hatte tierische Angst, wollte nicht im Gulag in Sibirien landen und dachte mir permanent irgendwelche Ausreden aus.

Kurz vor der Abfahrt Potsdam-Babelsberg setzten sie zum Überholen an. Scheiße, dachte ich, so kurz vor dem Ziel. Nun drohte mir statt Bundeswehr ein sicherlich unangenehmerer DDR-Knast. Als sie parallel neben mir fuhren, öffnete der Beifahrer das Fenster, drohte mir mit dem Finger, worauf ich ihm sofort den Stinkefinger zeigte. Darauf rammten sie mich, brachten mich nach Sibirien, wo ich bei 40 Grad minus geteert und gefedert wurde und dann nackig durch die Tundra laufen mußte.

Natürlich war ich nicht so blöd, sondern hob entschuldigend meine Schultern. Sie fuhren an mir vorbei und bogen nach Babelsberg ab. 

Schweißgebadet kam ich in West-Berlin an, das Bild von mir (geteert, gefedert, minus 40 Grad, am Arsch der Welt) noch vor Augen. Ich konnte damals nicht wissen, dass ich viel später die Abfahrt Babelsberg fast jeden Tag benutzen würde.

Total fertig kam ich bei Gert an, nachdem ich mich etwa zehnmal verfahren hatte. Berlin-Moabit war nun meine neue Heimat. Ich war total begeistert. Berlin hatte ungefähr zehnmal so viele Kneipen und Discos wie meine Heimatstadt Häuser – ich hätte Jahre gebraucht, um alle zu besuchen, also konzentrierte ich mich auf wenige.


Gert, die BZ und der Weg ins Filmbusiness

Gert war eine Seele von Mensch, relativ arbeitsscheu, was damals zu Zeiten üppigen Arbeitslosengeldes kein Problem war. Leider änderte sich sein Charakter unter Alkoholeinfluss sehr heftig, aber das richtete sich nicht gegen mich, sondern vorwiegend gegen Staatsdiener. 

Er verkehrte gerne im Polkwitz, einer Saufkneipe am Olivaer Platz.

Ich machte mich lieber auf die Suche nach einem Job, hatte erwartet, dass alle auf mich warten, aber das war leider eine Illusion. Zudem konnte ich ja auch nichts vorweisen, kam ja direkt von der Schule ohne Abitur. Gleich am nächsten Abend kam Gert gegen Mitternacht nach Hause, sturzbetrunken und zeigte mir ganz stolz einen Strafzettel, den er gerade erhalten hatte: Trunkenheit im Straßenverkehr als Fußgänger – kostete damals 20 Mark. Mir war bis dahin völlig unbekannt, dass es ein solches Delikt überhaupt gab.

Gert lebte in Scheidung, seine Ex arbeitete im Grunewald bei einer stinkreichen Familie, deren Firma Elektroherde herstellte. Sie wohnte auch dort. Eines Nachts kam er auf die Idee, dass der Fernseher, den seine Ex mitgenommen hatte, eigentlich ihm gehörte. Also machte er sich hackebreit auf den Weg, suchte seine Ex auf und als die nicht öffnete, trat er die Tür ein, nahm den Fernseher und ging. Seine Ex hatte natürlich sofort die Polizei angerufen, als er krakeelend vor der Tür stand, und als Gert mit dem Fernseher gerade zur Straße gehen wollte, wurde er von seinen "Freunden", den Staatsdienern, schon empfangen. Auf die Ermahnung, den Fernseher doch zurückzubringen, ließ er ihn vor die Füße der Polizisten fallen. Es sei ja sein Fernseher, und er könne damit machen, was er wolle. Mit dieser Aktion brachte er es immerhin auf die Titelseite der BZ, einer Berliner Boulevardzeitung. Davon träumen viele, Gert schaffte sowas ohne Probleme.

Gott sei Dank fand ich bald einen Job als Fahrer in einer Lichtpauserei. Dies war der wichtigste Kontakt überhaupt, wie sich später herausstellen sollte; er ebnete mir den Weg ins Filmbusiness. Volker, der Chef, trank auch ganz gern mal einen über den Durst, und seine Frau verprasste gerne das Geld, das er verdiente. Beide waren aber supernett. Schon damals, 1974, erwarteten Bedienstete kommunaler Betriebe für die Auftragsvergabe üppige Geschenke. Der Begriff Korruption war mir allerdings noch nicht so geläufig. Auch Volker musste da mitspielen, und es kotzte ihn an.


Taxistreit und der Stinkefinger gegen die Polizei

Es ging nun auf Weihnachten zu, als ich plötzlich durch lautes Gehämmere an der Tür wach wurde. Ich stand auf und hörte Gert rufen: "Lass mich schnell rein, ich hab keinen Schlüssel!" Ich machte auf. Gert schloss die Tür sofort wieder ab; er hatte ein schönes blaues Veilchen. Er ging zum Fenster, da standen inzwischen an die zehn Taxen. Des Rätsels Lösung: Gert war mit dem Taxi gekommen, hatte sich mit dem Fahrer wegen des Fahrpreises gestritten, nicht den vollen Preis bezahlt, und dieser hatte ihm sofort aufs Auge geschlagen. Gert war ins Haus geflüchtet und befürchtete nun die Lynchjustiz der Taxifahrer, denn sein Fahrer hatte Verstärkung geholt. 

Also rief Gert die Polizei an und bat volltrunken um Hilfe. Nach zehn Minuten wummerte es an der Tür: "Aufmachen!" Gert verstand das völlig falsch und dachte, das seien die Taxifahrer. Also nahm er einen Spielzeugdegen, der irgendwo herumlag, ging zum Briefschlitz, stocherte hindurch und schrie: "Haut ab, ihr bekommt kein Geld!" "Aufmachen, Polizei!", hörte ich nur, und dann wummerte es derartig gegen die Tür, dass der Putz herunterfiel.

Ich machte auf. Zwei Polizisten stürzten sich sofort auf mich, doch ein Taxifahrer, der daneben stand, sagte: "Nee, der war et nich, der Andere", und zeigte auf Gert. Sie nahmen Gert in die Mangel und nahmen ihn mit.


Kripo-Klingeln um sechs und mein neues Zuhause im Abschaum-Komplex

Um Punkt sechs Uhr hämmerte es erneut gegen die Tür. Ich machte freiwillig auf – es war die Kripo, die mich zu nachtschlafender Zeit verhören wollte. Ich erzählte ihnen brav, dass Gert die Polizei selbst gerufen hatte, und zeigte ihnen den Gummidegen. Fest davon überzeugt, dass mein Kumpel abends wieder auf der Matte stehen würde, rechnete ich mit nichts Bösem.

Weit gefehlt! Die Anklage lautete "Mordversuch gegen einen Polizeibeamten" – die wurde zwar später fallen gelassen, aber erst nach satten vier Wochen Untersuchungshaft. Mir reichte es. 

            Ich beschloss, mir schleunigst eine eigene Bude zu suchen und fand auch bald eine, trotz der legendären Wohnungsnot in Berlin: Potsdamer Straße 63 lautete die Adresse. Dort wurde alles noch schlimmer, denn ich hatte eine Wohnung im übelsten Apartmentkomplex von Berlin ergattert. Dort residierte der Abschaum der Menschheit, und ich mittendrin.

Ich bezog also stolz wie Bolle meine erste eigene Wohnung, 23 qm möbliert für 370 Mark – bei 1000 Mark netto, die ich verdiente. Die Wohnung lag im zehnten Stock. Was mir bislang niemand so richtig erzählt hatte, war, dass die Potsdamer Straße damals Berlins Rotlichtbezirk war. Man hatte mir bei der Hausverwaltung versichert, die Post hätte eine komplette Etage gemietet und es wohnten vorwiegend Westdeutsche im Haus, die gerade nach Berlin gezogen seien – schließlich war ich ja auch einer davon.

Die Frauen, denen ich hin und wieder im Fahrstuhl begegnete, sahen schon ziemlich merkwürdig aus: ziemlich aufgedonnert, heute würde ich direkt "nuttig" sagen. Manchmal hatten sie aber auch ein Kreuz wie ein Holzfäller und sprachen sehr komisch, mit relativ tiefen Stimmen. Gelegentlich glaubte ich sogar, etwas Bartwuchs erkennen zu können – die sahen dann richtig gefährlich aus.


Warum Frauen gefährlich sind und der Zuhälter-Hund

Dass Frauen gefährlich sein können, wusste ich im Übrigen schon seit meiner Kindheit. Als Fünfjährige hatten wir in einem Park ein Kondom entdeckt und rätselten, was das sein könnte. Fritz kam dazu. Er war schon sechs, also quasi erwachsen. Schulmeisterlich klärte er uns auf und erzählte uns, das sei ein Gummischutz, den brauche man zur Sicherheit für den „Schniedel“, wenn man Kinder machen wolle. Mir war zwar nicht ganz klar, wie Kinder machen funktionierte, aber es musste sehr gefährlich sein, wenn man einen Schutz dabei brauchte – das lag dann sicher an den Frauen. Spinnenfrauen fressen ja schließlich auch ihre Männer auf! Ich war zutiefst beunruhigt und achtete fortan darauf, dass beim Pinkeln keine Mädchen in der Nähe waren – nur zur Sicherheit.

Auf meiner Etage lebten Jimmy und Agnes, ein nettes Pärchen, mit dem ich mich gleich anfreundete. Die erzählten mir, das ganze Haus sei voller Schwuler, Transen, Zuhälter und Nutten. Kaum ein "normaler" Mensch sei dabei – die beiden hatten recht. Nach vierzehn Tagen dann der erste Mord im Haus. Ein anderer wurde in seinem Apartment eingemauert und musste durch die Feuerwehr befreit werden. Willkommen im Miet-Paradies!

Ein neues Paar zog in unsere Etage. Ab diesem Tag kläffte ein Riesenschäferhund auf dem Balkon, jede Nacht, bis in die frühen Morgenstunden. 

Manchmal versammelten sich dreißig Leute aus der ganzen Nachbarschaft im Flur, um sich zu beschweren – aber da war nie jemand zu Hause. Wir holten die Polizei, die zuckten nur mit den Achseln, und dann kamen sie irgendwann gar nicht mehr, wenn man anrief. Wir versuchten es mit in Wurst eingepackten Schlaftabletten, die wir auf den Balkon warfen – es half nichts, der Hund kläffte einfach weiter.


Der Zuhälter-Plausch und die Weisheit von der Straße

Ich wusste mittlerweile, wer dort wohnte: ein blutjunger Zuhälter, der eine Türkin auf den Strich schickte. Ich ging also eines Nachts zu dem Puff, wo ich sie mal hatte stehen sehen. Da stand sie auch, und er war dabei. Ich pflaumte ihn an, er solle seinen Hund mal ruhig stellen, und wusste im selben Moment: "Bad idea!" Er war zwar nicht kräftig genug und wagte es erst gar nicht, mir eins aufs Maul zu hauen, aber ruck-zuck war ich von heftig tätowierten, kräftigen, böse dreinschauenden Kerls umringt. „Was ich denn wolle?“, machte mich der Kräftigste von ihnen an. Äh – äh, das sah gefährlich aus, und in diesem Moment dachte ich, dass ich doch in meinem Dorf hätte bleiben und brav zur Bundeswehr hätte gehen sollen.

Ich fasste all meinen Mut zusammen und trat auf den Typen zu, immer damit rechnend, eine gedröhnt zu bekommen. „Du scheinst hier der Chef zu sein“, sagte ich zu ihm. Er nickte und verschränkte die Arme, die meine Oberschenkel hätten sein können, vor der Brust. „Weißt du, ihr arbeitet nachts und wollt tagsüber eure Ruhe haben. Ich arbeite tagsüber und will nachts schlafen“, und dann erzählte ich die Geschichte von dem Hund und dass die ganze Gegend nicht schlafen könne. Er hörte sich alles ruhig an, bot mir eine Zigarette an, und als wir dann rauchten, sagte er ganz ruhig zu dem Jungzuhälter: „Du gehst jetzt nach Hause, holst den Hund, und wenn ich noch eine Beschwerde höre, gibt’s was aufs Maul. Die Leute wollen schlafen, die müssen morgens arbeiten.“

Soviel Klugheit, Konsequenz und Sachverstand würde ich mir manchmal von den Politikern wünschen! Ein Wunder war geschehen. Ich hatte keine Zähne verloren, war nicht schwer verletzt, kein Haar war gekrümmt, und ich konnte fortan in Ruhe schlafen. Leider wohnten noch mehr Zuhälter im Haus.


Doggen-Begegnung, ein Revolver-Fund und der Kaufvertrags-Schock

Der nächste Zuhälter, mit dem ich zu tun bekam, war etwa 1,60 Meter groß, aber sehr kompakt und kräftig. Dummerweise wohnte er auch in dem Haus. Er hatte eine deutsche Dogge, die fast so groß war wie er, und eines Tages lief sie mir vor dem Haus vors Auto. Ich konnte gerade noch bremsen, aber es war wirklich knapp.

Obwohl der Hund schuld war, bedrohte mich der Idiot und sagte, wenn er mich erwische, würde er mich erschlagen.

Ich hatte tierische Angst, denn auf Prügeleien stehe ich überhaupt nicht. Fortan betrat ich das Haus nur, wenn die Luft rein war und nahm nur den Fahrstuhl nach oben; nach unten lief ich die zehn Stockwerke. Nach einigen Wochen wurde ich unvorsichtig und nahm auch den Fahrstuhl nach unten. Er stoppte im sechsten, die Tür ging auf, und wer trat ein: der Zuhälter. Er bot einen jämmerlichen Anblick. Das Gesicht war völlig blau geschlagen und beide Arme waren in Gips. Innerlich habe ich mich schlapp gelacht. Er grüßte freundlich und war ganz bescheiden. Karma, Baby!

Eine Woche später klingelte mein Nachbar um halb zwölf Sturm. Jimmy war ganz aufgeregt und wollte seine Neuigkeiten loswerden. Er hatte im Treppenhaus einen Revolver gefunden – geladen, eine echte Waffe, keine Schreckschuss-Pistole! Damit war er gleich hundert Meter weiter in den „Bierhimmel“ gelaufen, eine Kneipe, wo etwa 5000 Jahre Knast verkehrten, und hatte sie dort für 300 Mark verkauft. Am nächsten Morgen um sechs wurde Jimmy von der Polizei geweckt. Der Käufer hatte mit der Waffe gleich jemanden umgelegt. Das gab für Jimmy sechs Monate Gefängnis auf Bewährung und 1500 DM Geldstrafe – ein schlechtes Geschäft.

Zwei weitere Wochen später kam ein Einschreiben von einem Anwalt, der die Miete für sechs Monate nochmal kassieren wollte. Des Rätsels Lösung: Der Hausmeister, bei dem wir cash bezahlten, hatte die Mieten unterschlagen. Von den Prostituierten hatte er sich in Naturalien bezahlen lassen, den Rest unterschlagen. Deshalb die Nachforderung, und da ich eine Quittung verbaselt hatte, durfte ich einen Monat doppelt bezahlen.

Ich hatte mir einen schnieken Gebrauchtwagen angesehen und wollte den finanzieren. Unerfahren, wie ich war, fiel ich dann auf den dümmsten Trick rein. Ich sollte eine unverbindliche Anfrage zur Finanzierung unterschreiben. Als ich gerade unterschrieben hatte, stieß mich der Verkäufer weg, ein anderer gab mir dann die Kopie eines unterschriebenen Kaufvertrages für einen Opel. Der Kaufvertrag hatte drunter gelegen, es war nur nicht zu sehen gewesen, da die Gangster sich das Formular hatten drucken lassen – und wer schaut denn schon nach, ob die Durchschrift identisch ist?

Das waren 2600 DM Vertragsstrafe, weil ich den Opel nicht abnahm. Es fiel mir äußerst schwer, zu bezahlen. Vierzehn Tage später stand dann eine Warnung vor solchen Methoden in der Zeitung – leider vierzehn Tage zu spät für mich. Ich hab allerdings keine Ahnung, wer dem Verkäufer immer wieder alle vier Reifen platt gestochen hat, das ging über Jahre so (war auch in der Zeitung). Der Besitzer des Autohauses ersoff dann irgendwann beim Surfen in der Nordsee. Ich habe nicht geweint, als ich das las.


Ab ins Filmbusiness: Der unkonventionelle Weg zum Film

Mit meinem Fahrerjob war ich nicht wirklich zufrieden. Der Chef war nett, aber intellektuell war der Job nicht der Bringer. Ich beschloss, mein Leben zu ändern und zum Film zu gehen.

Hurra, ich bin beim Film!

Nun ist es heute nicht so ganz einfach, einen Job beim Film zu bekommen, damals wahrscheinlich auch nicht, aber ich hatte Glück. Steven Spielberg war ein Brieffreund von mir, und den fragte ich einfach. Glaubt ihr nicht? Na gut, dann bleibe ich bei der Wahrheit: Ich ging zum Arbeitsamt und sagte: „Ich will zum Film.“ Keiner lachte. Ich war überrascht. Sie hatten ein Angebot. Eine Ausbildung zum Cutter-Assistenten, zwei Jahre, Anfangsgehalt 130 DM – im Monat! Wohlgemerkt nicht im Jahr 1930, sondern 1976. Da war das verdammt wenig Kohle. Außerdem war es kein anerkannter Lehrberuf, also wohl Ausbeutung pur. Egal, ich wollte zum Film! Zwei Tage später sollte mein Vorstellungsgespräch sein. Ich war ganz aufgeregt.



Am Abend klingelte das Telefon – meine Mutter. Mit der ihr eigenen Mischung aus Sorge und Neugier teilte sie mir mit, dass Klaus, ein alter Schulfreund von mir, von einer Brücke gesprungen sei. Sofort tot. Und dann die obligatorische Frage: „Hast du’s wieder geahnt?“

Nein, Fehlanzeige. Null Komma nichts geahnt. Nada.

Dabei hatte die Frage durchaus einen triftigen Grund. Mit 17 wachte ich eines Nachts schweißgebadet aus einem Albtraum auf: Klaus in seinem Auto, mitten auf einem Feld, Fenster zu, Schlauch vom Auspuff ins Innere – leblos. Ich erzählte meiner Mutter davon, ging in die Schule und traf Klaus als einen der Ersten. Ich schwieg. Seine Schwester hatte ein paar Jahre zuvor Selbstmord begangen – da wollte ich nicht der Bote schlechter Omen sein.

Am nächsten Tag: Chaos in der Schule. Klaus hatte exakt am Nachmittag zuvor versucht, sich genau so umzubringen – Auto, Schlauch, Abgase. Gott sei Dank überlebt. Meine Mutter war völlig durch den Wind: „Du kannst in die Zukunft sehen!“


Zwei Monate später hielt Hansi mit seinem nagelneuen von Papi finanzierten Käfer neben mir, hupte fröhlich und fragte, ob ich mit zu den Petards wolle – unserer lokalen Rockband, deren Proben wir gerne belauschten. Plötzlich: Herzrasen, Polizeisirenen im Kopf, Übelkeit. Ich sagte ab. Jürgen, ein anderer Freund, stieg stattdessen ein, ich drückte ihm noch meine Jacke in die Hand („Abends wird’s kühl“), und verzog mich erschöpft ins Bett. Um 18 Uhr. Für einen 17-Jährigen quasi Rentenalter.

Gegen 20:30 wurde ich wach – von meiner Oma, die herzzerreißend weinte, und dem Bürgermeister, der beruhigend auf sie einredete. Der ganze Hof voller Leute. Ich schaute aus dem Fenster, alle starrten hoch, dann brach schlagartig Erleichterung aus. Ich tappte runter und wurde sofort bestürmt: „Wer hat denn deine Jacke an?“

Hansi war in einer Kurve – Leitplanken links und rechts – frontal in einen Lkw gekracht. Zwei Lastwagen hatten sich dort verbotenerweise überholt, Ausweichen unmöglich. Beide tot, Jürgen als Beifahrer nicht mehr identifizierbar. Nur Hansis Eltern erkannten meine Jacke. Der Bürgermeister hatte gerade meiner Oma meinen vermeintlichen Tod mitgeteilt.





Ich dachte ernsthaft: Wow, ich bin ein Hellseher!

Leider: Never again. Außer einmal in Russland, als eine Wahrsagerin unserem TV-Team aus der Hand las. Bei mir schaute sie nur, lächelte milde und sagte: „Warum soll ich dir aus der Hand lesen? Du weißt es doch viel besser als ich.“

Sehr mysteriös. Und sehr ernüchternd.

Jahre später traf ich bei einer Fernsehshow jemanden, der wirklich übersinnliche Fähigkeiten hatte – James Van Praagh aus den USA. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die kommt viel, viel später.


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