Montag, 16. März 2026

 Hollywood-Ambitionen, Bernd Eichinger, Wolfgang Petersen, Sonny Bono ----                                                                                                          Parallel hatte ich die ganze Zeit über für das ZDF gearbeitet und für das für RIAS TV Frühstücksfernsehen. Einer meiner Assistenten war ein netter Perser namens Mehran Bozorgnia, der ein unglaubliches Talent besaß: Er konnte das, was Alchemisten seit Urzeiten vergeblich versuchten. Er konnte aus „Scheiße Gold machen“. Er verkaufte den Redakteuren die abstrusesten Geschichten, die wir dann drehten.

Dank meiner Kontakte in die Filmwelt boten wir Aspekte (ZDF) einen Film über den Niedergang der deutschen Filmindustrie an – natürlich aus der Perspektive von Leuten, die in Hollywood ihr Glück versucht hatten. Gesagt, getan, und prompt saßen wir im Flieger nach L.A. Zuerst fuhren wir nach San Diego, wo seine Eltern wohnten – nette Leute, bei denen ich mich sofort wie zu Hause fühlte. Dort entdeckten wir einen „Mount RIAS Place“, und als dort ein Oldtimertreffen stattfand, filmten wir das und verscherbelten die Story an RIAS TV. Dann machten wir uns auf nach L.A., um deutsche Filmschaffende zu finden. Der erste war Bernd Heinl, den ich noch von der „Asphaltnacht“ kannte. Er hatte zwar seinen großen Durchbruch noch nicht erlebt, aber wir interviewten ihn trotzdem. Über das Goethe-Institut lernten wir Gabriele Landwehr und ihren Freund Hans-Jürgen Spürkel kennen. Beide waren äußerst nett, und Gabriele verschaffte uns einen Interviewtermin bei Wolfgang Petersen. Das war schon deutlich besser und ein gutes Interview, die Story war gerettet. Die Interviews drehten wir auf dem Gelände der Paramount Studios, unter Aufsicht, damit wir nicht versehentlich Schauspieler filmten, die dort herumliefen (glaube, „Dallas“ wurde dort gedreht). Petersen drehte, glaube ich, gerade „Enemy Mine“ oder war gerade fertig damit. Das war ziemlich spannend.
Dann interviewten wir Rainer Stonus, den Oberbeleuchter von Jürgen Jürges, der in Venice wohnte und ebenfalls sein Glück in den USA suchte.

Bernd Eichinger war gerade in L.A. und wohnte im Chateau Marmont, dem seit Jahrzehnten angesagten Hotel für Schauspieler und Musiker am Sunset Boulevard. Jim Morrison fiel dort mal vom Dach, John Belushi gab sich den goldenen Schuss. Popsängerin Britney Spears erhielt Hausverbot, nachdem sie sich im Hotelrestaurant Essen ins Gesicht geschmiert hatte. Schauspielerin Lindsay Lohan wurde des Hauses verwiesen, nachdem sie Rechnungen in Höhe von 46.000 US-Dollar nicht bezahlt hatte. Errol Flynn, Humphrey Bogart und Robert Mitchum sowie zahlreiche weitere Größen des US-amerikanischen Filmgeschäfts zählten dort früher zu den Stammgästen.

Als Kamera-Assistent von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (dort hatte ich ihn kennengelernt) erhielten wir natürlich einen Interviewtermin. Das Interview fand am frühen Morgen statt, Barbara Rudnik wuselte noch relativ leicht bekleidet durchs Apartment, und Bernd hatte noch deutliche Reste von Alkohol im Blut. Weinflaschen standen auf dem Terrassentisch – ich bat darum, sie wegzuräumen. Bernd meinte nur: „Lass die stehen.“                                                                                                                     Das Interview war gut, und Bernd ließ ordentlich Dampf ab, genau die Aussagen, die wir haben wollten – doch wir schnitten sie nicht in den Film, denn man sah die Flaschen auf dem Tisch und hörte deutlich, dass er getrunken hatte. Ich habe stets versucht, so seriös wie möglich zu bleiben. Selbst einen Idioten hätte ich nicht bloßgestellt, und erst recht nicht einen Mann wie Bernd Eichinger, einen der wirklich Großen des deutschen Films, ohne den dieser immer noch absolut bedeutungslos wäre. Bernd hat genau das Richtige getan und mutig frühzeitig versucht, für den internationalen Markt zu produzieren. Auch Roland Emmerich gehört zu diesen Pionieren, der allerdings einen reichen Vater hatte, der ihm seinen ersten Film finanzierte, was seine Leistung keineswegs schmälern soll.

Dann lernten wir Ray Perschke kennen, eigentlich Raimund Perschke, ein wahnsinniger (im positiven Sinn) Bayer, der bei fast allen Filmen von Oliver Stone als Oberbeleuchter dabei war. Ray war ein guter Kumpel, sprach inzwischen nur noch Deutsch mit starkem Ami-Akzent und besaß eine eigene Lampenfirma namens Raybeam.

Er nahm uns mit zu Dreharbeiten für einen Film in einem Tal nördlich von L.A. – sehr spannend, aber auch sehr langweilig. Für eine kleine Szene, in der ein kleines Mädchen auf dem Rücksitz eines Autos sitzt, aufspringt und zwischen den Vordersitzen hindurch aus dem Auto schaut, hatten die Beleuchter am Vortag bereits überall auf den Bergen des kleinen Tals Lampen aufgestellt. Ab dem späten Nachmittag wurde die Straße permanent von einem Sprengwagen nass gehalten. Als es dunkel wurde, wurden weitere Lampen aufgebaut. Gegen Mitternacht ließ der Kameramann alle Lampen ausschalten und drehte die Szene so, wie es auch ein deutscher Kameramann von vornherein gemacht hätte: Eine starke HMI-Lampe als Gegenlicht und zwei kleine Einheiten am Auto. Nun wurde mir klar, warum amerikanische Produktionen so teuer sind. Welch ein Aufwand für eine derart banale Szene!

Auf dem Rückweg, ich wohnte bei Gaby und Jürgen, holte ich mir an einem AM.PM oder Seven Eleven am Mulholland Drive noch etwas zu trinken. Dort war ein ziemlich schräger Typ als Kunde im Laden, mitten in der Nacht und im Bademantel. Er bewegte sich irgendwie wie ein Massenmörder. Ich stand kurz hinter ihm, als er sich umdrehte, um hinauszugehen. Mich traf fast der Schlag: Es war Jack Nicholson! Er grinst auch privat wie ein Wahnsinniger. Er ging mit seiner Tüte über die Straße und verschwand im Dunkeln, musste also hier irgendwo wohnen. 


„I Got You Babe“                                                                                                                                                

Natürlich hätte ich Jack Nicholson auch ansprechen können, für ein Interview. Doch man munkelte, er könne sehr rabiat werden, weshalb ich es unterließ. Erstens war ich hundemüde, zweitens wollte ich nicht mit einem Veilchen – selbst von Jack Nicholson persönlich geschlagen (vielleicht mit einem Autogramm darunter, wo das Blau etwas blasser gewesen wäre) – zu unserem nächsten Interviewpartner fahren. Das war Sonny Bono, der Ex-Mann von Cher. Einige von euch kennen vielleicht noch das Duo Sonny und Cher, das in den Sechzigern einige große Hits hatte wie „I Got You Babe“, „Little Man“ oder „The Beat Goes On“.

Cher setzte ihre Karriere im Musik- und Filmbusiness fort, Sonny komponierte weiter und war inzwischen in die Politik gewechselt – er war Bürgermeister von Palm Springs. Ein kurzer Anruf genügte, und Sonny war bereit, uns zu empfangen. Ich war angenehm überrascht; er war ein smarter, überaus angenehmer Typ mit viel Humor, und wir hatten echte Schwierigkeiten, mit dem Interview anzufangen, da wir ins Plaudern gerieten und viel lachten. Vielleicht hätte ich Jack die Nacht zuvor doch fragen sollen!

Nach dem Interview lud er uns in sein italienisches Restaurant ein und stellte uns seine Frau vor. Er war wirklich ein netter, kumpelhafter Typ, der sich riesig darüber freute, dass sich unsere Fragen nur um ihn drehten und nicht um Cher. Er war sehr erfolgreich als Bürgermeister und hatte viel Leben in den zwar prominenten, aber doch etwas verschlafenen Ort gebracht, in dem zum Beispiel auch Frank Sinatra wohnte, den uns Sonny als Interviewpartner besorgen wollte, der aber leider nicht in der Stadt war. Ein Filmfestival und ein Oldtimerrennen hatte er ins Leben gerufen, er war eben ein Showbiz-Profi. Als wir ihn verließen, war es fast, als würden wir einen guten Freund verlassen. Leider starb er einige Jahre später bei einem Skiunfall.



Ich kaufte mir in einem Pawnshop eine alte Gibson SG E-Gitarre, die einst Mark Farner von Grand Funk Railroad gehört hatte, mit dessen Autogramm drauf, und schmuggelte sie nach Deutschland. Hatte sie 1971 mal „Live“ gesehen. 



Für uns hieß es erstmal, zurück nach Deutschland zu gehen. Dort wartete schon die nächste Herausforderung: Hollywood im Kleinformat. Ich sollte einen Spielfilm in Spanien drehen. Regisseur war ein Typ, der sich Gene Reuter nannte, aber eigentlich Anton Karl Heinz H. hieß. Gene gab sich als Hollywood-Größe aus, prahlte mit amerikanischen Geldgebern und rannte wie ein aufgezogenes Spielzeug durch die Gegend. Mein Verdacht: Koksnase. Dennoch fuhr ich nach Almería in Spanien.

Schon die Unterkunft, nahe dem Flughafen, deutete auf „Hollywood für Arme“ hin: eine Pension mit Restaurant. Manolo, der Besitzer, war schmuddelig und hatte sich sicher in seinem ganzen Leben noch nie die Fingernägel gereinigt. Gene besaß einen alten Mercedes und fuhr damit so halsbrecherisch, dass ich ab dem zweiten Tag nicht mehr mit ihm im Auto fuhr. Wir hatten Walkie-Talkies zur Verständigung zwischen den Autos, und damit seine Beifahrer eine Überlebenschance hatten, funkte ich ihn jedes Mal kurz vor einer scharfen Kurve an, damit er den Fuß vom Gas nehmen musste, um nach dem Walkie zu greifen. Eine äußerst effektive Maßnahme.

Viele Spanier waren involviert und arbeiteten seit Wochen sehr fleißig, doch niemand hatte bis dahin auch nur einen Pfennig gesehen. Nach zwei Wochen Arbeit wollte ich endlich mein Geld sehen, denn wir mussten mittlerweile das Essen selbst bezahlen, und Manolo forderte die Bezahlung der Zimmer. Ich stellte Gene zur Rede. Er prahlte wie immer mit Geldgebern aus Hollywood, mit kurzer Verzögerung und Blah, Blah, Blah. Hätte er mir am Anfang gesagt: „Du, ich habe keine Kohle, will aber einen Film machen“, hätte ich ja die Wahl gehabt und vielleicht zugesagt. Aber es hieß ja immer: Hollywood.

Ich teilte ihm mit, dass mein Assistent Rainer und ich aussteigen würden, falls wir unser Geld nicht innerhalb von drei Tagen erhielten. „Dann sieh mal, wie Du nach Hause kommst“, erhielt ich zur Antwort. Solche Typen kann ich besonders gut leiden. Also zeigte ich ihm die Dosen mit dem belichteten Filmmaterial, die ich gebunkert hatte, und fragte ihn, ob ich sie einfach mal nacheinander aufmachen solle (was sie ruiniert hätte). Das wollte er nun auch wieder nicht. Jetzt sah ich, wie prekär die Produktion wirklich stand. Sie konnten nicht einmal Flüge bezahlen, sondern gaben uns einen der Berliner Leihwagen und 400 Mark für Benzin und Übernachtung, um nach Hause zu kommen. Den nächsten Kameramann ließen sie natürlich einfliegen. Wir brauchten drei Tage nach Hause mit der alten Gurke, weil wir feststellen mussten, dass wir die Autobahngebühren nicht einkalkuliert hatten.

Ich ging sofort zum Anwalt, und nachdem auf unsere Schreiben keine Antwort kam, zum Arbeitsgericht. Gene versteckte sich so gut es ging, das heißt, die Ladung konnte nicht zugestellt werden, da er nirgends gemeldet war. Ich erfuhr, dass er bei seiner Freundin wohnte, und ließ dort zustellen, was auch klappte. 

Beim ersten Termin versteckte er sich aber hinter einer ominösen Firma Tricom Entertainment in Los Angeles und erzählte wehleidig, er sei nur Angestellter der Firma und legte Arbeitsverträge vor. Die Verhandlung wurde vertagt. Am nächsten Morgen war ich im Reisebüro, und einen Tag später saß ich im Pan Am Flieger nach L.A. – es ging immerhin um 14.000 Mark! Dort fuhr ich zur Firmenadresse im Sherman Way im San Fernando Valley.

Kein Schild, nichts. Der Verwalter wusste auch nichts von einer Firma, aber Gene Reuter war Mieter eines Apartments dort. Ich trommelte an die Tür, und ein verschlafener Typ machte auf. „Was wollen Sie? Gene ist nicht hier, welche Firma? Keine Ahnung“, antwortete er auf meine Fragen. Ich interviewte den Vermieter, machte Fotos und fuhr zur Deutsch-Amerikanischen Industrie- und Handelskammer auf dem Wilshire Blvd. Die waren sehr hilfsbereit, orderten einen Dunn and Bradstreet Report (eine Art offizieller Wirtschaftsauskunft) über Tricom, der innerhalb von drei Tagen fertig war. Die Firma gab es tatsächlich, sie gehörte Gene, und er hatte sie gegründet, nachdem ich Klage eingereicht hatte, um sein Geld zu schützen. Eine Woche später stand ich wieder vor Gericht, der Richter las den Report und verurteilte Gene, an mich und meinen Assistenten zu zahlen. Gene zahlte natürlich nicht, aber als es dann um den Offenbarungseid ging, war das Geld plötzlich innerhalb von 24 Stunden bar bei meinem Anwalt.

Der Film wurde fertig, aber außer mir und Rainer hat niemand je Geld gesehen. Die Spanier, die teilweise wochenlang für ihn gearbeitet hatten, hatte er mit „Schüttelschecks“ bezahlt, sie kamen nach Berlin, um ihr Geld einzuklagen. Es war hoffnungslos, denn der Trick mit der Firma funktionierte bei den anderen; sie hatten zu spät Klage eingereicht. Ein klassischer Fall von „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.


Sonntag, 15. März 2026

 Justitias kleine Fische und Günter Pfitzmann                                                                       SAT.1, damals noch jung und wild, wagte sich an die Eigenproduktion von Serien. Ich durfte mitmischen. Unter der Ägide von Chefkameramann Michael Marszalek wurde mit drei Studiokameras gearbeitet – für mich absolutes Neuland. Bei der ersten komplexen Kamerafahrt gelang mir dann auch prompt ein glorreiches Scheitern. Beruhigend war allerdings, dass es meinen Kollegen nicht anders erging. 




Zu diesen Kollegen zählten Rolf B., mit dem ich die kommenden zehn Jahre noch viele Projekte teilen sollte, sowie ein unkollegialer Perser, dessen Name meiner Erinnerung leider entfallen ist. Dieser Herr war bekannt dafür, heimlich Kameramarken umzukleben, um sich auf unsere Kosten die besten Positionen zu sichern. Eine charmante Eigenart.


Die Besetzung war typisch Berlin: von Brigitte Mira über Barbara Schöne bis hin zu allen, die in der Hauptstadt halbwegs flüssig sprechen konnten, ohne allzu oft ins Stocken zu geraten. Den Richter spielte Ezard Haussmann, Vater des späteren Regisseurs Leander Haussmann. Ezard, ein brillanter Schauspieler, pendelte täglich aus Ost-Berlin an. Angesichts der eher seichten Drehbücher war er jedoch chronisch unterfordert, was sich in einer gewissen Abneigung gegen übermäßige Proben oder Wiederholungen äußerte. Die Regie übernahmen Wolf Dietrich und Norbert Schulze junior, mit denen ich bereits mehrfach zusammengearbeitet hatte – beides äußerst angenehme Zeitgenossen.

Für mich markierte diese Produktion einen neuen Abschnitt meiner Karriere, da sie mich in die Welt der Fernsehstudios katapultierte.


Afrika, ich komme                                                                                                              Bevor ich mich fast ganz den Studios verschrieb, stand noch ein Fernsehspiel der Reihe „Berliner Weisse“ mit dem unvergleichlichen Günter Pfitzmann an. Atze Glanert führte die Kamera, Ralf Gregan Regie. Mit allen hatte ich bereits das Vergnügen gehabt: Pfitzmann bei „Berliner Weisse“, Gregan von Hallervorden-Produktionen, und Atze war ohnehin ein exzellenter Weggefährte. Die Handlung sollte in Kenia spielen – Afrika, ein unbeschriebenes Blatt für mich, was die Sache von vornherein interessant machte. Mit dabei waren unter anderem Ursula Monn, Evelyn Hamann, Dolly Dollar, Barbara Schöne und Helmut Zierl.

Das Projekt entwickelte sich rasch zu einer Art Familienausflug für die Pfitzmanns und Gregans, deren Anhang ebenfalls mitreiste. Da ich wusste, dass Ralf der Aufnahmeleiter von Losberg in Kenia einst eine illegale Surfschule betrieben hatte, schlug ich ihn für den Job vor. Er erwies sich tatsächlich als äußerst ortskundig und eine große Hilfe. Viele bekannte Gesichter aus früheren Produktionen waren im Team – Reni und Helmut als Requisiteure, Pancho als Oberbeleuchter – es hatte in der Tat den Charakter eines Betriebsausflugs.

Der erste Eindruck von Mombasa war allerdings schockierend: Ein Ort, der mit dem Charme mancher brasilianischer Armenviertel rein gar nichts gemein hatte. Es war schlichtweg desolat.

Unser Hotel war ansprechend, das Essen vorzüglich. Dennoch ereilte mich wie die meisten anderen innerhalb von zwei Tagen ein heftiger Durchfall. Im Gegensatz zu meinen Leidensgenossen litt ich jedoch nicht darunter, nahm auch kein Imodium, sondern schaufelte all die schönen Speisen des Hotels in mich hinein. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich derart ausgiebig und gut gegessen. Bei meiner Rückkehr nach Berlin hatte ich sieben Kilo abgenommen, war aber kerngesund – dank des konsequenten Essens.

Mein Unternehmungsgeist war ungebrochen. Am ersten freien Wochenende fuhr ich mit dem Auto in einen nahegelegenen Nationalpark. Die ersten drei Stunden sah ich kein einziges Tier, was den Verdacht eines „faulen Zaubers“ nährte. Plötzlich blickte ich zur Seite und entdeckte Elefanten im Unterholz. Die Frage nach der zulässigen Annäherung verpuffte, als ich weitere Exemplare vor mir sah und mich plötzlich inmitten der Herde befand. Die Panik war real. Mein Gedanke: „Hier muss ich irgendwie weg.“ Vorsichtig legte ich den ersten Gang ein, um am nächsten Elefanten vorbeizurollen. Dieser quittierte mein Vorhaben mit Ohrenwackeln, Trompeten und dem drohenden Anheben einer Vorderpfote. Es gab nur eine Option: Rückwärtsgang. Doch der Weg führte eben nur vorwärts. Nach zwanzig Minuten fasste ich mir ein Herz und schoss mit Vollgas an dem Tier vorbei, hoffend, dass es mich nicht verfolgte. Der Elefant war zwar verstimmt, ignorierte mich aber.

Der Sonnenuntergang war atemberaubend, und ich hatte noch 25 Minuten bis zum Ausgang des Parks, der um halb sieben schloss. Eine Übernachtung dort kam nicht in Frage, da ich weder Wasser noch Essbares dabeihatte. Mitten auf dem einzigen Weg nach draußen blockierte eine Herde Wasserbüffel den Weg. Mit diesen Tieren ist bekanntlich nicht gut Kirschen essen. Ich hupte aus der Ferne – keine Reaktion. Dann schlugen wir abwechselnd die Türen auf und zu, was die Büffel offenbar nervte, denn die Herde bewegte sich langsam weiter. Nur der Anführer der Büffel blieb ungerührt am Straßenrand liegen. Ich versuchte das gleiche Manöver wie bei den Elefanten – im ersten Gang vorbeizuschleichen. Doch der Büffel stand auf, senkte den Kopf und scharrte mit den Vorderhufen. Das verhieß nichts Gutes. Erneut: Rückwärtsgang. Die Zeit wurde knapp; entweder vorbei oder eine Nacht im Park. Also erster Gang, Vollgas. Der Büffel sprang blitzartig auf, stieß mit dem Kopf Richtung Auto und verfehlte mich nur knapp. Dann verfolgte er mich. Die Straße war schlecht, ich erreichte 40, dann 50 km/h. Das Tier war ebenso schnell. Bei 55 km/h fiel es zurück, doch dann kam ein riesiges Schlagloch, und ich musste vom Gas. Der Büffel nutzte die Chance und legte noch einmal richtig zu. Beinahe hätte er mich erwischt, doch dann kam ein Stück Teerstraße, und ich war gerettet. Auf der anderen Seite des Hügels traf ich Engländer mit einem Land Rover. Zwei standen mit Ferngläsern auf dem Dach ihres Wagens. „Did you see animals?“, fragten sie. „Yes, Buffalos“, antwortete ich. Ich habe noch nie Menschen so schnell von einem Autodach klettern sehen. Dann zeigten sie mir das Heck ihres Wagens: In der Doppeltür klaffte ein riesiges Loch. Sie waren dem Büffel schon morgens begegnet, und er hatte sie erwischt.

Ich war heilfroh, als wir den Park verlassen hatten. Zum Glück hatte mein Auto keine Klimaanlage und das Fenster war offen, denn nach einigen Kilometern hörte ich brechendes Unterholz. Ich machte sofort eine Vollbremsung. Glück gehabt: Direkt vor mir brach eine Elefantenherde aus dem Dickicht und überquerte die Straße. Mein Bedarf an Begegnungen mit Wildtieren war vorerst gedeckt.



Auf dem Rückweg, kurz vor Mombasa, musste ich anhalten, weil ein entgegenkommendes Auto die Fahrbahn kreuzte und auf den Seitenstreifen fuhr, wodurch die vielen Fußgänger auf die Straße ausweichen mussten. Es waren sicherlich hundert Leute. Im Rückspiegel sah ich ein Auto kommen, noch etwa zweihundert Meter entfernt. Doch wegen der Menschen auf der Straße konnte ich nicht weiterfahren. „Der muss doch irgendwann bremsen“, dachte ich, aber er tat es nicht. Fast ungebremst fuhr er mir ins Heck. Etwa zehn Männer fielen von der Ladefläche. Gott sei Dank gab es keine Verletzten.

Nun entspann sich allen Ernstes eine Diskussion über die Schuldfrage. „Ich sei schuld“, behaupteten sogar die Leute, die ich höflicherweise nicht überfahren hatte und die der Grund für meinen Stillstand waren. 

Man dürfe für Fußgänger nicht halten, sondern müsse einfach weiterfahren. Die Polizei belehrte alle eines Besseren: „Es sei wie in Europa“, erzählten sie mir stolz, „wer auffährt, hat Schuld, und ich hätte mich absolut korrekt verhalten.“ Ein wirklich nettes Land.

Mit meinem nun etwas kürzeren Auto kam ich im Hotel an. Der Autovermieter war nicht gerade amüsiert.


Barbara Schönes BH und die schlangenjagenden Katzen

Am nächsten Tag erschien Barbara Schöne völlig aufgelöst zum Frühstück. Sie hatte das Fenster offen gelassen, und Affen waren eingedrungen. Sie hatten versucht, sie zu bestehlen, und ihr gesamtes Gepäck gleichmäßig im Zimmer verteilt. Einer der Affen wurde später sogar mit einem ihrer BHs auf dem Hotelgelände gesichtet.

Interessant waren auch die gewöhnlichen Hauskatzen, die überall wohlgenährt und gepflegt herumliefen oder in der Sonne dösten. Bis ich eines Tages ihre wahre Aufgabe erfuhr. Wir aßen gerade, als etwas von den über dem Tisch hängenden Ästen auf den Tisch fiel. Bevor irgendein Gast realisieren konnte, was geschehen war, kamen die Katzen buchstäblich angeflogen. Geschirr fiel vom Tisch, Gläser klirrten, und eine der Katzen verschwand mit ihrer Beute. Ich folgte ihr. Zwanzig Meter weiter konnte ich beobachten, was dort heruntergefallen war: eine giftige Baumschlange, die gerade von der Katze getötet wurde. Der Schweizer Hotelmanager bestätigte meine Vermutung. Es war die Aufgabe der Katzen, für eine schlangenfreie Anlage zu sorgen. Zufällig hatte man entdeckt, dass normale europäische Hauskatzen hervorragende Schlangenjäger sind und selbst mit Giftschlangen keine Probleme haben.

Wir flogen mit einer kleinen Maschine nach Tsavo, einem Nationalpark, und wohnten dort im Hilton. Das Hotel war auf Stelzen gebaut. Es war gewöhnungsbedürftig, beim Essen zuzusehen, wie Riesenkakerlaken und Gottesanbeterinnen direkt neben einem an den Stelzen hochkletterten. Auch in meinem Zimmer raschelte es an allen Ecken und Enden, und alles Mögliche, was da kreucht und fleucht, verschwand hinter Möbeln oder Spiegeln. Auf der Dachterrasse flogen einem fast handtellergroße, flugfähige, aber völlig orientierungslose Käfer an den Kopf.

Eines Abends nach dem Dreh erfuhr ich, dass ein Teil der Ausrüstung am nächsten Morgen nach Mombasa zurückgebracht werden sollte, da nicht alles in den Flieger passte. Da ich keine Lust hatte, noch früher aufzustehen, beschloss ich, es sofort zu erledigen. Das Hotel war auf Betonstelzen gebaut, der Eingang ein schmaler Turm mit einer Treppe nach oben, links und rechts davon eine etwa acht Meter lange Bretterwand – und danach nichts mehr. Ich wollte zu unseren Autos, aber der Ausgang war verschlossen. Ich schnappte mir einen Hotelbediensteten und befahl ihm, aufzuschließen.                                                                   Er zierte sich, aber ich, stinksauer, schrie ihn an, und er gehorchte. Draußen war es stockdunkel. Mit einer Taschenlampe im Mund warf ich die Blechkoffer von einem Auto ins andere, laut fluchend, und hörte Löwen brüllen. Nach einer halben Stunde war ich fertig und wollte zurück ins Hotel. Es war verschlossen. Ich hatte Hunger, war müde, wütend und wollte dringend duschen. Ich hämmerte an die Glasscheibe – nichts. Ich rief, oder besser brüllte, nach jemandem, der aufmachen sollte.

Plötzlich kam ein schwarzer Angestellter oben an der Treppe vorbei, erschrak, rannte weg und kam Sekunden später mit dem Schlüssel zurück, um aufzuschließen. Er war kreidebleich. „Mister, Mister, what do you do there outside? It’s dangerous, they eat you.“ Ich verstand nur Bahnhof. Er führte mich auf die Terrasse und zeigte mir die andere Seite der Bretterwand aus sicherer Höhe. Dort lagen sieben dieser „schönen Miezekatzen“, auch bekannt als Löwen, träge herum. In diesem Moment wurde mir allerdings klar, dass die Bretterwand ja endete und die Löwen lediglich hätten herumlaufen müssen, um mich zu vernaschen. Nachträglich überkamen mich weiche Knie, und ich verstand auch, warum die Tür verschlossen war, als ich hinauswollte: um zu verhindern, dass ein dummer Tourist (oder Kameramann) draußen herumläuft und von Löwen gefressen wird. Ich wäre damit um ein Haar ein Kandidat für den Darwin Award geworden, der an Menschen verliehen wird, die sich auf möglichst ungeschickte Weise unbeabsichtigt umbringen. Sehr amüsant zu lesen unter: www.darwinawards.com.

Im Morgengrauen, als wir zum Dreh fuhren, sah ich dann, wie man das Hotel im Dunkeln oder Halbdunkeln eigentlich verlässt: Zwei bewaffnete Personen gehen hinaus, sichern die Umgebung, und dann kann man zum Auto laufen. Eine durchaus pragmatische Lösung.





Kilimandscharo-Fiktion und britische Hubschrauberdiplomatie

Am nächsten Wochenende beschloss ich, mir eine Belohnung zu gönnen. Ich wollte zum ehemals höchsten Berg Deutschlands fahren, dem Kilimandscharo, oder Kaiser-Wilhelm-Koppe. Meinen ursprünglichen Wunsch, auf einer Teerstraße bis kurz unter den Gipfel zu fahren und die letzten zweihundert Meter zu Fuß zu gehen, hatte ich bereits ad acta gelegt. Aber ich wollte ihn zumindest aus der Ferne sehen. Lunga Lunga, ein schmutziges Grenzörtchen in Kenia, war der Endpunkt meiner Reise. Die tansanischen Grenzer verlangten Impfnachweise – gegen Fußpilz, Spreizfüße und dergleichen. Es war offensichtlich, dass sie Geld wollten. Ich wäre bereit gewesen, bis zu 50 Dollar zu zahlen, aber nicht die geforderten 200. In diesem Moment gab ich auch meinen Plan auf, aus Kenia mit Zug und Bus zurück nach Deutschland zu reisen, was, wie ich später recherchierte, ohnehin nicht möglich gewesen wäre.

Ich lungerte noch ein wenig in Lunga Lunga herum, fuhr dann zu irgendeinem Strand, nahm mir ein Zimmer und ging schnorcheln. In der Dusche vergaß ich prompt meine nagelneue Badehose. Ein Klassiker.

Alle wollten wissen, wie es am Kilimandscharo war. Ich erzählte meinen Kollegen, Lunga Lunga sei so schön gewesen, mit alten Kolonialbauten und herrlichen Stränden, dass ich deshalb gar nicht bis zum Kilimandscharo gekommen sei. Atze schwieg und petzte nicht, denn er kannte sich in Afrika bestens aus und hatte eine Freundin aus Namibia. Genau eine Woche später, am nächsten Sonntagabend, hatte ich dann etwas Stress, denn acht Leute waren nach Lunga Lunga gefahren, um sich die schönen Kolonialbauten anzusehen, die es gar nicht gab. In Lunga Lunga gab es eigentlich nichts. Es war mir etwas peinlich, aber auch den acht, denn alle anderen fanden es superwitzig.

Abends trafen wir an der Bar einige „Inselaffen“ (Engländer), die mit einem Kriegsschiff vor der Küste lagen. Wir hatten keine Luftaufnahmen. Im Suff versprachen uns die Engländer am nächsten Tag, ihren Hubschrauber zu schicken, damit wir filmen konnten. Wir glaubten ihnen kein Wort, doch als am nächsten Tag ein Hubschrauber über das Hotelgelände flog, wussten wir: Engländer halten auch im Suff gegebene Versprechen. Wir packten schnell zusammen und fuhren zum vereinbarten Treffpunkt, einer kurzen Landepiste in der Nähe. Wir wollten gerade einsteigen, als bewaffnete Soldaten aus dem Gebüsch kamen. Sie stritten sich sofort mit den Engländern und drohten mit den Waffen. Die Engländer taten so, als wären die gar nicht da. Wir drehten dennoch die Flugaufnahmen, und danach flogen die Engländer davon, obwohl die Soldaten immer noch mit den Waffen drohten. Coole Jungs, die Briten.

Die Engländer hatten tatsächlich keine Genehmigung bei den Kenianern eingeholt, was dann zu ernsthaften diplomatischen Verwicklungen führte. Ein klassischer Fall von britischem Understatement.


Abschiedsfeier und Kolonialerbe                                                                                                 Dann kam unser Abschlussfest. Alle einheimischen Helfer waren in unser Luxusresort eingeladen. Sie hatten so etwas noch nie von innen gesehen und genossen es sichtlich. Es kam zu politischen Diskussionen, die mit steigendem Alkoholpegel immer emotionaler wurden. Es ging um die Frage, was sie mochten und was sie hassten. Ich war schwerst interessiert. Es war verblüffend, den Jungs zuzuhören. Sie mochten definitiv die Engländer nicht, als ehemalige Kolonialmacht. Sie hassten die Inder und Araber, weil diese einfach geschäftstüchtiger waren und mittlerweile den gesamten Handel unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Tödlich verfeindet waren sie mit dem Stamm aus dem kenianischen Inland. Wer als Angehöriger eines falschen Stammes versehentlich die Stammkneipe eines anderen Stammes betrat, konnte tödlich enden. Raue Sitten in Kenia.

Sie liebten die Deutschen – das verblüffte mich! – und sie konnten auch gut erklären, warum. Der südliche Teil Kenias gehörte bis Mombasa zu Deutsch-Ostafrika. Die Deutschen waren zwar nicht weniger brutal als die Briten, hatten sich aber hartnäckig in den Kopf gesetzt, die Einheimischen auszubilden. Die Briten nutzten die Schwarzen nur als Hilfskräfte und Lastenträger. Die Deutschen bauten Schulen und zwangen die clevereren Einheimischen, ein Handwerk zu lernen: Schneider, Schuster, Hufschmied, was auch immer. Sie gingen dabei zwar brutal vor, doch dieses erlernte Handwerk ermöglichte den Männern später, ihre Familien zu ernähren, weil sie etwas beherrschten, was andere nicht konnten. So ging es diesen Familien über Generationen besser als den Ungebildeten, denn sie gaben ihr Wissen an die nächste Generation weiter. Deshalb sprechen viele Einheimische auch heute noch mit Hochachtung von den Deutschen und geben ihren Kindern altmodische deutsche Vornamen.

Diese Perspektive auf die Kolonialgeschichte war mir neu. Es freute mich auch, einmal irgendwo zu sein, wo man Deutschen Sympathie entgegenbrachte – nicht wegen Mercedes und erst recht nicht wegen dieses komischen, österreichischen Postkartenmalers aus Braunau am Inn.

Göteborg                                                                                                                            Nachdem mein Kurzfilm bereits auf den Festivals in Oberhausen, Bremen und Braunschweig gelaufen war, erhielt ich eine Einladung nach Göteborg in Schweden. Ich fasste mir ein Herz und reiste im Februar an.                                                                           Dort erlebte ich etwas Seltsames: die Trinksitten der Schweden, die mich doch etwas irritierten. Nichtsahnend betrat ich ein Restaurant, dessen Name – „Goethe“ oder „Faust“ – mir entfallen ist. Es war ein ruhiges Restaurant. Gegen 17 Uhr war ich dort und bestellte etwas zu essen. Zahlreiche nette Schweden saßen herum, kaum jemand aß. Um 18 Uhr geschah etwas Ungewöhnliches: Einer der Angestellten klappte einen Plattenspieler aus einem der Tische, legte Platten auf, und ab sofort gab es Alkohol.

Ich hatte in meinem Leben noch nie „beidhändiges Trinken“ – nein, es war kein Trinken, es war eindeutig Saufen – gesehen. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Schweden bis zur Halskrause abgefüllt. Sie waren so stark alkoholisiert, dass einige von ihnen unter den Tischen lagen. Das einst feine, ruhige Restaurant verwandelte sich in kürzester Zeit in ein Tollhaus. Ich war fassungslos, aber man sagt ja: andere Länder, andere Sitten. Liebe Schweden, bitte erklärt mir das, oder liegt es daran, dass ihr in Ikea-Möbeln wohnen müsst?

Ich fuhr entsetzt zurück ins gesittete Deutschland.


Samstag, 14. März 2026

 


Fabrik der Offiziere, der echte Kinski, Schwejk und das Heydrich- Attentat

Es ging in den Ostblock, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich war schon mal bei einem Schulausflug nach Prag an der tschechischen Grenze hängen geblieben. Meine Haare waren länger als auf dem Passfoto, also ließen sie mich nicht rein.

Ich hatte sicherheitshalber den ADAC angerufen, ob es wegen meines Katalysators bleifreies Benzin gäbe. „Ja“, hieß es, „zwei Tankstellen in Prag.“ Leider wussten die Tankstellen nichts davon, es gab kein bleifreies Benzin. Ich musste also von den Produktionsfahrern per Kanister mit Benzin versorgt werden. Ich fuhr also durch die im Westen „Ostzone“ genannte DDR über Dresden nach Prag. Wohnen sollte ich im Interhotel Průhonice, etwas außerhalb von Prag. Das war ein Autobahnhotel, aber dennoch ganz nett, für drei Monate Aufenthalt etwas abgelegen.





Die Schauspieler wohnten im Esplanade, der Regisseur Wolf Vollmar im Pariz. Es gab nur wenige Deutsche im Team, so auch der Ton-Assistent Frank F. Ich fand das sehr witzig, denn so hieß auch der Sohn einer meiner früheren Lehrerinnen, den ich allerdings nie kennengelernt hatte. Er schaute mich erstaunt an, als ich ihm das erzählte. Kein Wunder, denn es war der Sohn meiner früheren Lehrerin und war lange mit einer Klassenkameradin von mir liiert gewesen.

Im Pariz traf ich dann den Regisseur Wolf Vollmar, ein angenehmer, sympathischer Mann, sehr kultiviert. Allerdings war er Zahnarzt, kein Regisseur, hatte aber ein paar Jahre zuvor schon kleinere Filme gemacht. Jetzt hatte er Geld für den Spielfilm aufgetrieben, und ich sollte die Dreharbeiten dokumentieren. Wir besprachen ein wenig das Konzept, leider wollte er immer wieder was anderes, sodass ich jedes Mal neu anfangen musste, da immer wieder Leute in Ungnade fielen. Die Regie-Assistentin flog sogar raus, obwohl sie überaus kompetent war, Wolfs Frau übernahm den Job. Auch sonst waren noch andere Familienmitglieder dabei. Einer von ihnen sollte mir helfen, tat aber über die ganzen drei Monate keinen Handschlag und verschwand immer, wenn ich ihn brauchte.


 Die Dreharbeiten waren nicht sonderlich stressig, denn Vollmar drehte die meisten Szenen in einer Einstellung, ohne Zwischenschnitte, deshalb waren wir immer relativ früh fertig. Das hatte zur Folge, dass er natürlich kaum Schnitt- und Kürzungsmöglichkeiten hatte. Es war also von vornherein klar, dass der Film Überlänge haben würde. Ich mochte Wolf ganz gerne, weil er noch Visionen und Träume hatte, und er mochte mich auch. Mal schenkte er mir ein Polo von sich, mal etwas anderes.


Der „Tommy Lee Jones“ aus Deutschland und der Bettler mit der Uhr

Eigentlich konnte kaum was schief gehen, denn er hatte eine ganze Reihe von guten Schauspielern am Start. Manfred Zapatka, ein brillanter Schauspieler, der mich ein wenig an Robert De Niro erinnerte, da er immer ein wenig überperfekt wirkte. Manfred war einer, der sein Handwerk oder seine Kunst sehr ernst nahm.

Karl Walter Diess war für mich allerdings die Überraschung schlechthin. Ich kannte ihn aus der Schwarzwaldklinik und hatte ihn in diversen Schurkenrollen gesehen. Er war ein völlig desillusionierter Schauspieler, der von seinen Regisseuren immer unterfordert wurde und im Prinzip nur noch wegen des Geldes schauspielerte. Was für ein verkanntes Talent! Was für eine Kraft und Ausstrahlung dieser Mann hatte! Er gab vielleicht 10 % seines Könnens und spielte mit diesen 10 % die meisten seiner Kollegen schlichtweg an die Wand. Wenn man ihn gelassen hätte, hätte er ein deutscher Tommy Lee Jones werden können, aber er wurde immer wieder nur in denselben Rollen eingesetzt. Sigmar Solbach spielte eine weitere Hauptrolle, auch er war überzeugend.

Eines Abends holte ich diese drei Schauspieler vom Esplanade ab und wollte sie zum Pariz zu einer Besprechung fahren. Es war ein kalter Januartag. Ich wollte gerade losfahren, da klopfte es an das Autofenster. Es war ein älterer, ärmlich gekleideter Mann. „Darf ich fragen, wer bitteschön der Älteste in diesem Auto ist?“, fragte er in perfektem, charmanten Schwejk-Deutsch. „Ich glaube, das bin ich“, sagte Karl Walter Diess. „Hab ich ein Problem“, antwortete der Mann, „hab ich kranke Schwester in andere Stadt, ist plötzlich in Krankenhaus gekommen. Banken sind aber zu, brauch ich 44 Kronen 25 für Zugticket hin und zurück, hab ich aber nicht. Wollt ich fragen, bitteschön, ob Sie mir geben können 44,25 Kronen gegen meine Armbanduhr, brauch ich dringend das Geld, Zug geht in Viertelstunde.“

Es war lausig kalt, er hielt uns eine Quarzuhr ins Auto, die nicht viel, aber sicher mehr wert war als die vierundvierzig Kronen, denn das waren nach unserem Spesenkurs etwa 3,70 Mark. Wir erhielten die Tagesspesen durch das Studio Barrandov zu einem Kurs von etwa 1 zu 12, etwa 70 Prozent des Schwarzmarktkurses, das konnte man definitiv nicht ausgeben bei den Preisen in der Tschechei. Während der drei Monate Dreharbeiten erhielt ich etwa 15 durchschnittliche Tschechische Jahreslöhne an Spesen.

Karl zückte 50 Kronen und gab sie ihm und gab ihm natürlich die Uhr zurück. „Das sind 50 Kronen, brauch ich nur 44,25“, sagte der Alte und gab Karl den Schein zurück: „Haben Sie nicht 44,25?“ Wir suchten in unseren Taschen und bekamen mühsam die 44 Kronen 25 zusammen und gaben sie ihm. Nun gab er uns erneut die Uhr. Wir machten ihm klar, dass er die Uhr behalten könne. Er nahm die Uhr, zog seine Jacke aus und schob sie durch das geöffnete Fenster ins Auto. „Wenn sie nicht wollen Uhr, nehmen sie halt Jacke“, sagte er. Es waren einige Grad unter Null. Wir machten ihm klar, dass er den Mantel behalten könne. Nun wollte er uns das Geld zurückgeben. Wir sagten ihm, er solle das Geld als Geschenk betrachten, das sei schon okay, er müsse sich keine Sorgen machen. Er fing an zu weinen, sagte, das ginge nicht, er habe Geld genug, nur die Bank sei zu, er schäme sich gefragt zu haben. Es kostete uns große Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass das in Ordnung sei und er sich nicht schämen müsse. Er solle sich beeilen, den Zug zu seiner Schwester zu bekommen. Er bedankte sich und ging davon, sich die Tränen aus den Augen wischend.

Wir fuhren zum Hotel Pariz im Hochgefühl, eine gute Tat begangen zu haben, und wollten Wolf Vollmar davon erzählen. Der sagte nur: „Der ist gut der Mann, was, er hat nur ein Problem, er kann sich keine Gesichter merken. Mit mir hat er die Geschichte schon 3 Mal gemacht, und ich hab ihm 3 Mal Geld gegeben. Diese Show ist echt 44,25 wert.“ Karl Walter Diess drehte sich nur zu uns um und sagte: „Was sind wir für miese Gaukler gegen diesen Mann, er war so überzeugend, er hätte einen Oscar verdient.“ Wir waren wirklich verblüfft. Drei der besten Schauspieler Deutschlands und auch ich hatten unseren Meister gefunden. Komischerweise fühlten wir uns keineswegs betrogen.


Die Schwejk-Zöllner, Schnee-Panzer und das Berlinale-Chaos 

Jedes Wochenende fuhr ich nach Berlin zu meiner Freundin und Sonntag Abend wieder zurück. Natürlich versorgte ich das Team mit Zeitschriften, was aber verboten war. Nun hatte ich keine Lust, richtig Stress zu kriegen. Also legte ich immer etwa fünf Stern, Spiegel und die Zeit offen in den Kofferraum, den ich eh aufmachen musste. Aber die tschechischen Zöllner waren auch mit Schwejk verwandt. Immer wenn sie die Zeitschriften entdeckten, trat einer ganz förmlich an mich heran und sagte: „Sie dürfen leider keine westlichen Presseerzeugnisse einführen, die muss ich beschlagnahmen“, nahm je einen Stern, Spiegel und eine Zeit weg und ließ mir den Rest – und ich konnte fahren. Das wurde bald schon zu einer Zeremonie, und die Zöllner grinsten schon, wenn sie mich kommen sahen. Die waren wirklich nicht so pingelig wie die DDR-Zöllner. Die Strecke war zwar nur etwa 350 km lang, aber über die desolaten Ostautobahnen und dann noch übers Gebirge. Manchmal lag der Schnee tierisch hoch, und einmal kam sogar die NVA mit Panzern, um uns wieder frei zu bekommen.

Ich erhielt das Programm der Berlinale und erfuhr, dass mein Film an einem Samstag um 16 Uhr Premiere haben sollte, und da wollte ich natürlich dabei sein. Leider hatten wir den Freitag vorher einen Nachtdreh, eine Panzerschlacht auf einem Warschauer-Pakt-Truppenübungsplatz, ich konnte also nicht schon Freitag am späten Nachmittag losfahren.

Die Drehs auf dem Truppenübungsplatz waren sehr merkwürdig. Ich fuhr also mit meinem Alfa mit Westberliner Kennzeichen an der daneben liegenden Kaserne vor, sagte meinen Spruch auf: „Wir drehen hier einen Film“ – und wurde ohne Kontrolle reingelassen. Stellten die Tschechen Fragen, antwortete ich mit den beiden Sätzen, die ich auf Tschechisch beherrschte: „Nemluvím česky“ – ich spreche kein Tschechisch – oder wahlweise: „Nemám tušení“ – ich habe keine Ahnung. Das reichte.






Alle Statisten, die Soldaten spielten, waren echte tschechische Soldaten. Es gab nur ein Problem: Alle wollten deutsche Soldaten spielen, keiner wollte ein russischer Soldat sein. Das war schon merkwürdig, von wegen sozialistischer Bruderstaat und so, außerdem waren wir ja im zweiten Weltkrieg die Bösen, nicht die Russen. Trotzdem, es war schwierig, sie davon zu überzeugen, Russen zu spielen.

Für die Panzerschlacht hatten wir nur 17 Schüsse aus den Panzern, weil die so teuer waren, und es gab nur 3 Panzer (T54, glaube ich). Es gibt ein großes Problem mit Schüssen, wenn man auf Film dreht, da es so schnell geschieht. Ich versuche es mal zu erklären. Der Film wird pro Sekunde 25 Mal belichtet (also 25 Bilder), aber auch 25 Mal transportiert. Belichten und Transport dauern also je eine fünfzigstel Sekunde. Nur während des Filmtransports wird das Bild über einen Spiegel ins Okular geleitet, und man kann es sehen, während der Belichtung ist es schwarz, man sieht nichts. Da das je 25 Mal pro Sekunde passiert, sieht man natürlich durchgehend ein Bild, aber die Sucher von Filmkameras flimmern deshalb. Bei Schüssen gibt es folgendes Problem: Sehe ich das Mündungsfeuer im Sucher, ist es nicht auf dem Film, oder nicht vollständig, denn wenn ich was sehe, wird der Film gerade transportiert, aber nicht belichtet. Verstanden?






Wir drehten zwar mit 3 Kameras, aber wenn man Pech hat, sieht man nur jeden zweiten Schuss oder noch weniger, das ist Glückssache und nicht beeinflussbar. Wir hatten relativ viel Pech, zudem die tschechischen Kameramänner relativ unkoordiniert die Panzer verfolgten und zusätzlich noch manchen Schuss versäumten. Wir hatten am Ende 7 Schüsse, mehr nicht. Es war eine ziemlich mickrige Panzerschlacht.


Der „Letzte Raucher“ auf der Berlinale und der echte Kinski                                       Jetzt fing es auch noch an zu schneien, und als ich um drei Uhr früh losfahren wollte, erzählten sie mir, dass der Grenzübergang Zinnwald geschlossen war. Ich musste also mit Sommerreifen im Schneegestöber einen Umweg über Hof machen. Ich schaffte es mit Ach und Krach in den Westen. Es gab ja kein bleifreies Super in der ČSSR, ich musste es also in den Westen schaffen. Mit dem letzten Tropfen erreichte ich eine Tankstelle und schlief an Ort und Stelle ein. Halb erfroren wachte ich eine halbe Stunde später auf und schleppte mich auf spiegelglatten Straßen nach Berlin. Um 15 Uhr war ich zu Hause, um 16 Uhr sollte die Premiere sein.

Ich schleppte mich also total müde und unrasiert in den Zoopalast, war aber überhaupt nicht aufgeregt, dafür war ich viel zu müde. Ich nahm die Zuschauer nur als eine Masse im Dunkeln wahr. Natürlich wurde ich vom Moderator zuerst gefragt, ob ich selbst rauche. Dafür hatte ich sicherheitshalber eine brennende Kippe hinter meinem Rücken gebunkert. Die Lacher waren auf meiner Seite, als ich „Nein“ sagte, die Zuschauer aber die rauchende Zigarette entdeckten.

Dann wurde mir gesteckt, dass ich Chancen auf den Goldenen Bären habe. Daraus wurde leider nichts, denn aus politischen Gründen gewann ein nichtssagender, chinesischer Film. Gut, mein Film war auch nicht so der Superhit, aber besser als die anderen.

Ich fuhr also wieder in die ČSSR zurück, bepackt mit allen möglichen Bestellungen von meinen tschechischen Kollegen. Einige wollten sogar Joghurt oder Waschpulver mitgebracht haben, das hab ich dann nicht gemacht, denn das dortige Waschpulver war auch okay. Dem Nachtportier musste ich immer Schallplatten mitbringen, er war ein supernetter Typ, noch sehr jung und hieß Kinski. Ein echter Kinski, nicht wie unser Klaus, der den Namen ja nur angenommen hat. Die Kinskis waren reiche tschechische Adlige und hatten nach ’45 alles verloren. Ich habe mich sehr gefreut, als ich nach der Wende hörte, dass die Kinskis fast alles zurückbekommen haben, so ein netter Typ wie er, hat es verdient. Ich gönn’s ihm.


Das „Bonzen-Restaurant“ und die Geheimnisse des tschechischen Widerstands

Nach einigen Wochen ČSSR hatten wir natürlich die Speisekarte in den beiden Restaurants des Hotels schon hoch und runter gegessen, da entdeckte ich auf dem Hotelgelände, im Garten, noch ein kleines Häuschen. Abends war es beleuchtet, und ganz selten sah ich jemanden hineingehen. Ich fragte Kinski. Es war nicht etwa ein Bordell, es war ein Restaurant für Bonzen, die kamen allerdings nur einmal pro Woche nach Voranmeldung.


Am nächsten Tag war ich beim Hotelmanager und machte ihm klar, dass wir dort gerne essen würden. Er wand sich wie ein Aal, aber mein Argument, dass wir schließlich mit 20 Leuten hier monatelang wohnten, überzeugte ihn. Wir durften, wenn keine Bonzen kamen, dort essen. Der Gastraum war sehr klein, es gab nur 4 Tische. Die Kellner waren perfekt, aber super arrogant; wenn man mal ein falsches Besteckteil nahm, schauten sie ganz abschätzig. Das Essen war sensationell, das Feinste vom Feinen, aber supergünstig. Für 5 Mark konnte man sich volllaufen lassen und gut essen. 

Nachdem die Kellner gemerkt hatten, dass wir weitaus netter und unkomplizierter waren als die Bonzen, holten sie den Koch aus der Küche, der machte uns Menüvorschläge für die folgenden Tage und kochte dann speziell für uns. Einen ganz gravierenden Nachteil hatte die Sache allerdings: Jeder von uns hat in dieser Zeit mindestens 5 Kilo zugenommen.

Der Produktion ging inzwischen das Geld aus, es wurde immer schleppender bezahlt. Neue Geldgeber wurden gesucht. Ich machte den Vorschlag, nach Berlin zu fahren und dort eine Art Trailer zu schneiden, also so einen kleinen Vorschau-Werbefilm und den mit zu potentiellen Investoren zu nehmen. Wolf war begeistert. Ich fuhr also hin, ließ mir das 35 mm Material auf Video überspielen und fing an zu schneiden. Der Trailer war superlangweilig. Ich warf alle moralischen Bedenken über Bord, konzentrierte mich auf die wenigen Actionszenen, die ich auf Kürze und Schnelligkeit schnitt, dann riss ich bedeutungsschwangere Sätze aus verschiedenen Szenen aus dem Zusammenhang und reihte sie passend, neu aneinander, sodass sie einen Sinn ergaben und eine spannende Geschichte erzählten, aber definitiv nichts mehr mit dem wirklichen Inhalt des Films zu tun hatten, und siehe da, es sah spannend aus und hörte sich super spannend an.

In Prag zurück, schauten sich alle den kurzen Film an. Manfred Zapatka sagte nur: „Ich wusste gar nicht, dass ich in so einem spannenden Film mitspiele.“ Wolf war zufrieden. Der Film wurde kopiert und an die potentiellen Geldgeber geschickt, und – sie sprangen auf! Falls diese ihr Geld nicht zurückbekommen haben, möchte ich mich hiermit in aller Form dafür entschuldigen.

Ich habe bei dieser Produktion gut verdient und leider, auch bedingt durch die vielen Konzeptänderungen durch Wolf und mangelnde Hilfe, die mir aber fest zugesagt worden war, eine relativ lausige Arbeit abgeliefert, aber allein diese Aktion war meine Gesamtgage wert, denn sie hat wahrscheinlich die gesamte Produktion gerettet.

Natürlich gab es bei der Produktion auch Dolmetscher, weil nicht alle Tschechen Deutsch sprachen, die sprachen das typische Schwejk-Deutsch, das sich sehr charmant anhört. Das hatte zur Folge, dass sich innerhalb kurzer Zeit fast alle Deutschen im Team im gleichen Tonfall unterhielten. Einer von den Dolmetschern war ein Historiker, eigentlich Professor an der Universität, und hatte den tschechischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg recherchiert. Als er seine Untersuchungen fertig hatte und veröffentlichen wollte, war er plötzlich Fremdenführer und kein Professor mehr.

Er gab mir einen Teil seiner Untersuchungen in Kopie. Der tschechische Widerstand war eben nicht so heldenhaft gewesen: So gelang es den Alliierten nicht, die Skoda-Werke, einen Rüstungsbetrieb, zu bombardieren. Damit die Bomber den Weg fanden, sollten jeweils eine Scheune vor und eine Scheune hinter den Werken angezündet werden. Eine Scheune wurde von Exiltschechen angezündet, die mit dem Fallschirm abgesprungen waren, die andere sollte vom lokalen Widerstand gezündelt werden, die zogen aber vor, zu Hause zu bleiben. Bei nur einer brennenden Scheune hatten die Bomber jedoch keine Orientierung, und es konnten dort weiter Waffen produziert werden. 





Das Heydrich-Attentat: Historische Korrekturen

Auch seine Untersuchungen des Heydrich-Attentats fielen anders aus, als die Regierung gewünscht hatte. Heydrich nahm immer den gleichen Weg in sein Büro und, entgegen Hitlers Anweisung, fuhr er ohne Eskorte. Einige Exiltschechen aus England taten so, als würden sie in einer engen Kurve, die Heydrich Tag für Tag passierte, an der Begrünung der Rabatten arbeiten. Man grüßte sich schon gegenseitig. Am Tag des Attentats ging alles schief, das Maschinengewehr des Schützen hatte Ladehemmung.                                      Anstatt durchzustarten, ließ Heydrich anhalten und befahl seinem Fahrer, die Attentäter zu verfolgen. Dessen Pistole erwies sich als genauso unzuverlässig. Ein Attentäter warf eine Handgranate, die hinter dem Auto explodierte. Heydrich wurde nur leicht am Rücken verletzt. Nachdem man Heydrichs Fahrer den Daumen weggeschossen hatte, flüchteten die Täter. Hitler befahl einen Rachefeldzug gegen die Tschechen, dem sich Heydrich widersetzte („Meine Tschechen machen das nicht“, soll er angeblich gesagt haben), denn für ihn deuteten alle Indizien auf eine von England aus geplante Aktion, womit er Recht hatte. Wenige Tage später starb Heydrich an einer Blutvergiftung, verursacht durch die Rosshaarpolsterung seines Autos. Erst nach seinem Tod ordnete Hitler die Massaker in Lidice und anderen Orten an.

Eine weitere Mär ist die Bombardierung Prags durch die Deutschen, die die Stadt nie bombardiert haben. Die wenigen Bomben, die auf Prag fielen, kamen aus englischen Bombern, die Prag mit Dresden verwechselten, aber es schnell merkten. All dies machte ihn urplötzlich zum Fremdenführer und unserem Dolmetscher.

Es war eine schöne Zeit in Prag, die Stadt ist eine der schönsten der Welt, und sie hatte auch schon zur Vorwendezeit ihren Charme. Nie, aber auch niemals wurden wir von den tschechischen Behörden drangsaliert oder schlecht behandelt. Selbst meine Strafzettel konnte ich in einheimischer Währung bezahlen. Sie haben sich wirklich vorbildlich und human verhalten, im Gegensatz zu vielen DDR-Grenzern.

Nun hieß es Abschied nehmen, ich hatte nur ein Problem, ich hatte noch wahnsinnig viele Kronen, die ich nicht umtauschen konnte und durfte nur für 1000 Kronen Waren ausführen, das waren etwa 70 Mark. Antiquitäten durfte man nicht ausführen, Grundstücke kaufen ging auch nicht. Also kaufte ich Kristalllüster, Modeschmuck, Klamotten bei Designern, die es dort gab, Uhren, Teddybären, bis mein Auto bis unter das Dach voll war. Für eine Kaminuhr aus Porzellan bekam ich eine Quittung über 940 Kronen, die hob ich auf. Etwas mulmig war mir schon, als ich in Zinnwald ankam.

Die Zöllner kannte ich ja mittlerweile alle. „Gehen Sie zurück nach Deutschland?“, fragte mich einer listig. „Ja“, antwortete ich.                                                                                                       Jetzt kam das unvergleichliche Spiel, was man kaum beschreiben kann, wenn man den Schwejk nicht gelesen hat und die tschechische Mentalität ein wenig versteht. „Haben Sie etwas zu verzollen?“, fragte der Zöllner feist grinsend. „Ja“, antwortete ich, öffnete meinen total überladenen Kombi, einige Kisten fielen raus, und fand endlich den Karton mit der Kaminuhr. Ich gab ihm die Quittung über 940 Kronen. Er machte sich fast in die Hosen vor Lachen und antwortete todernst: „Sie hätten noch für 60 Kronen mehr einkaufen können, denken Sie das nächste Mal daran. Gute Reise.“ 


Ich bedankte mich und fuhr nach Hause. Nicht, dass die tschechischen Zöllner nachlässig waren, aber sie hatten wohl gemerkt, dass ich ihre Großzügigkeit bei fast 20 Fahrten nie ausgenutzt hatte, sondern immer freundlich war, und wenn ich was zu verbergen hatte, es eben nicht verbarg, sondern es ihnen offen zeigte (z.B. Westpresse), und sie entscheiden ließen, ob das okay war oder nicht. Sie kannten mein Spesenproblem (zu viel Spesen, um sie ausgeben zu können) und zeigten einfach ihre menschliche Seite. Ich hatte auch absolut nichts Illegales gekauft, nur Waren, die ich auch ausführen durfte.


Jetzt fiel ich bei unserem Regisseur und Produzenten Wolf auch in Ungnade. Es wurden später noch weitere fünf Wochen für eine Fernsehserie des Films gedreht, und wieder war das Geld knapp. Wolf erwartete, dass ich diese fünf Wochen ohne Bezahlung arbeite und dann auch noch meine Dokumentation schneide. Das konnte ich aber nicht tun, ich musste ja von irgendwas leben, zwei Wochen, kein Problem, aber keine zwei Monate, sorry.


Es gibt noch eine Anekdote, aber ich weiß nicht, ob sie der Wahrheit entspricht. Karel Kochman, der tschechische Produktionsleiter (Studio Barrandov) des Films, erzählte sie uns. Bei den Verhandlungen über die Kosten der Produktion, die das Studio dem Produzenten in Rechnung stellen sollte, stürmte Wolf angeblich das Büro der Tschechen, schlug auf den Tisch und sagte: „Ich bezahle (ich weiß die Zahl nicht mehr) x Millionen Kronen und keinen Pfennig mehr.“ Die Tschechen zogen sich erstaunt zur Beratung zurück und sagten dann zu, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, zu handeln. Das war auch nicht nötig, eigentlich hatten sie 1 Million Kronen weniger erwartet.

  Hollywood-Ambitionen, Bernd Eichinger, Wolfgang Petersen, Sonny Bono ----                                                                 ...