Sonntag, 8. März 2026

 Schwarz Rot Gold oder vom Regen in die Traufe

Das nächste Projekt von Hans war wieder ein Film mit Neuenfels, aber mein Bedarf an Neuenfels war gedeckt, deshalb entschied ich mich für einen Film mit folgenden Drehorten: Genf, Hamburg, London, New York und Palm Springs. Ich war noch nie in den USA gewesen, deshalb stand mein Entschluss schnell fest. Ich kam vom Regen in die Traufe.





Schwarz Rot Gold.

Der Anruf kam vom NDR, ob ich bei einem „Schwarz-Rot-Gold“ Assistent machen wolle – das waren hochkarätige Wirtschaftskrimis beim NDR, mit Uwe Friedrichsen in der Hauptrolle. Kamera sollte Kurt Weber machen. Ich wusste, dass Theo Mezger, mein Vorbild, diese Serie auch machte und dachte, er hätte mich angefordert. Weit gefehlt, ich weiß bis heute nicht, wie ich diesen Job bekommen habe. Gerüchteweise hatte Weber schon 1000 Assistenten abgelehnt, und bei Nachfragen bei Kameramännern tauchte mein Name als Empfehlung am häufigsten auf. Regie machte aber nicht Theo, sondern so eine Art Super-GAU für das Team: Dr. Dieter Wedel. Ich war gewarnt, denn Wedel bedeutete massig Überstunden, schlechte Stimmung am Drehort, und mit Wedels Firma Active hatte ich schon superschlechte Erfahrungen gemacht – aber ich war noch nie in den USA, und dort wollte ich hin. Ich sagte also zu.

Kurt Weber war ein komischer Typ, Exilpole, der etwas polnisch rückwärts sprach, ein Pedant, völlig unflexibel. Unser erster Drehort war Genf. Mein Assistent Michael und ich fuhren mit der Ausrüstung im besten VW Bus, den der NDR hatte, dorthin, und das war eine uralte Krücke. Ich hatte erstmal Vorbehalte gegen ein festangestelltes NDR Team und die auch gegen mich als Freiberufler – aber es war eine der angenehmsten Erfahrungen überhaupt. Das Team war superklasse, kompetent, nett – wir hatten viel Spaß, und mit meinem Assistenten kam ich gut klar.

Mit Weber weniger. Normalerweise hatte ich bei allen Kameramännern, mit denen ich gearbeitet hatte, das Licht gemessen, doch als ich meinen Belichtungsmesser zum ersten Mal zückte, sagte Weber nur: „Stecken Sie den weg (der einzige Kameramann übrigens, mit dem ich per Sie blieb), kümmern Sie sich um Ihre Arbeit.“ Wenn er nun seinen Belichtungsmesser zückte und mir die Blende mitteilen wollte, hatte ich die schon lange bei ihm abgelesen, denn ich habe Augen wie ein Adler, und sagte zum Beispiel: „Ich weiß schon, eine 4“, wenn 4 auf seinem Belichtungsmesser stand. 

Das verblüffte ihn total, er konnte es gar nicht fassen, denn er hatte ja nicht mitbekommen,  dass ich aus der großen Entfernung abgelesen hatte. Er sagte nur: „Sie haben einen guten Blick fürs Licht.“ Ab dem zweiten Tag war er wegen meiner „Zauberkünste“ schon schwer genervt, ab dem dritten Tag belichtete er lieber falsch, als zuzugeben, dass ich Recht hatte – höchst gefährlich bei dem Umkehrmaterial, auf dem wir drehten, und das nur wenig Belichtungsspielraum hatte.

An einem Drehtag auf dem Flughafen von Genf probten wir mit einem Scheich, das war ein deutscher Schauspieler, mit so einer Kameltreiberkutte verkleidet. Ich hatte gerade woanders zu tun, als mich jemand ansprach. Ich drehte mich um, huch, ein richtiger Scheich! Er wollte wissen, was wir da machen, und erklärte mir, dass unser Schauspieler leider den Burnus (oder wie heißt die Kopfbedeckung?) eines Hirten trug. Ich erzählte es Wedel, der war total sauer. Der echte Scheich ließ seinen Flieger ohne sich losfliegen, lieh uns seine Burka (Kaftan oder wie das Ding heißt), blieb während der Dreharbeiten bei uns und amüsierte sich köstlich. Er war wirklich supernett. Er flog wegen uns erst am nächsten Tag weiter.

Wedel, Weber und die Schauspieler flogen nach Hamburg, unserem nächsten Drehort. Wir mussten nach Drehschluss mit dem ollen VW Bus losfahren, der gerade mal 110 schaffte. Am nächsten Tag um 12 sollten wir in Hamburg, unserem nächsten Drehort, sein – das war kaum zu schaffen, denn wir konnten erst um 19 Uhr losfahren. Wir mussten übernachten. Den VW Bus parkten wir in einer kleinen Garage des Hotels. Am nächsten Morgen sprang er nicht an, der Anlasser war kaputt. Mit Anschieben war auch nichts, da die Garage ungünstig gelegen war. Trotzdem waren wir um 13 Uhr am Drehort. Weber machte ein riesiges Theater, wir hätten uns das falsche Auto ausgesucht, alles wäre unsere Schuld. 

So ein Idiot. Ich sagte nur, weil wir ja im Gegensatz zu ihm, der geflogen war, fast 12 Stunden im Auto gesessen hatten: „Hatten Sie einen anstrengenden Flug?“ Er kapierte meinen Zynismus gar nicht und sagte: „Ja, es gab Turbulenzen.“ Bis dahin war der Dreh ja noch halbwegs okay, aber es wurde schlimmer.

Hamburg war sehr nett. Ich hatte eine nette Wohnung in einem restaurierten Altbau in der Nähe des Hamburger Michels. Da wir immer lange drehten, gab es danach nur noch Essen in einer Kneipe, die hieß „Gestern und Heute“ oder so ähnlich, in der Nähe des Springer Verlags. Auf dem Weg nach Hause musste ich immer über die Schnapsleichen steigen, die vor dem Blauen Peter 1 oder 2 lagen, das kannte ich aus Berlin nicht.

Der Dreh war enttäuschend. Mit Friedrichsen, der den Zollfahnder Zaluskowski gab und der eigentlich einer meiner Lieblingsschauspieler war, wurde man nicht warm, und als ich irgendwann hörte, wie er und Wedel sich darüber lustig machten, wie wenig Unterhalt sie für ihre Kinder aus anderen Beziehungen zahlten, war er bei mir durch. Witta Pohl, seine Filmehefrau, war sehr nett, aber die mochte ich nicht wegen ihrer weinerlichen Spielweise. George Meyer-Goll, Siegfried Kernen und Peter Fitz waren allerdings Supertypen.

Wedel galt ja als einer der besten deutschen Regisseure, und ich hatte viel Gutes von ihm gesehen. Bei diesem Dreh lieferte er höchstens Durchschnitt, er behandelte Statisten wie den letzten Dreck, er kokettierte ständig mit seiner (gespielten) Vergesslichkeit, wenn er über Kollegen herzog und tat so, als könne er sich deren Namen nicht merken. Sein Hauptgegner schien im Moment ein Kollege zu sein, den er permanent „Salmonelli“ (Salmonelli oder wie heißt der noch?) nannte. Mir war klar, dass er damit nur Marco Serafini meinen konnte, einen netten Zeitgenossen und guten Regisseur, mit dem ich später noch drehen sollte.

Mit Kurt Weber hatte ich meine täglichen Kleinkriege, denn er war ziemlich link. Einmal mussten wir in einer Szene auf höher empfindliches Filmmaterial wechseln (von 125 auf 500 ASA). Er gab mir den Auftrag, das Material zu wechseln. Ich wies ihn darauf hin, dass er nun seinen Belichtungsmesser umstellen müsse, und erhielt wie immer die Antwort: „Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit, das ist meine Arbeit.“ Als er mir dann die Blende nannte, wusste ich, er hatte es vergessen. Ich sagte ihm, er solle doch noch einmal nachkontrollieren, das könne nicht stimmen mit dem hoch empfindlichen Material. Jetzt plärrte er mich an, ich solle die Klappe halten und mich um meinen Kram kümmern, das habe er mir schon tausendmal gesagt. Ich stellte die Blende ein, die er mir genannt hatte, und fertig – ab diesem Zeitpunkt machte ich den Job nicht mehr aus Spaß, sondern wegen des Geldes. Sicherheitshalber ging ich zum Aufnahmeleiter Reiner Milker (die zarteste Versuchung seit es Aufnahmeleiter gibt), ein netter und sehr kompetenter Kollege, und ließ ihn eine Aktennotiz aufschreiben, in der ich feststellte, dass mein Vorgesetzter, trotz meiner Warnung, das Filmmaterial falsch belichtet.

Als die Vorführung kam und wir uns diesen Teil unseres Drehs anschauten, war natürlich alles zwei Blenden zu hell. Weber stand auf und sagte zu mir vor allen Leuten: „Ich hatte wahrscheinlich vergessen, meinen Belichtungsmesser umzustellen, sie hätten mich darauf hinweisen müssen, das ist ihr Fehler.“ Normalerweise wäre ich sofort rausgeflogen, doch Gott sei Dank gab es ja die Aktennotiz. Ab da waren wir wirklich keine Freunde mehr. Wedel raunzte mich an, was mir einfiele, meinen Vorgesetzten zu belasten.

Ich hoffte mittlerweile, grundlos rauszufliegen und bis zum Ende der Drehzeit das Geld zu kassieren. Doch immer wenn mich Weber mal wieder entlassen und ich frohlockend abhauen wollte, tauchte Henning Heyde, unser Produktionsleiter, auf und sagte: „Hier entlässt nur einer, und das bin ich, du bleibst gefälligst hier und machst weiter.“ Henning war ein sehr teamfreundlicher Produktionsleiter.


London Calling

Unser nächster Drehort war London, und damit kamen wir in den Genuss von englischem Catering – widerlich. Einmal mussten wir um sechs Uhr früh im Zoo drehen. Da es um diese Zeit noch kein Frühstück im Hotel gab, stand in der Disposition von diesem Tag: Ankunft 6 Uhr, Frühstück (Catering); Arbeitsbeginn 6 Uhr 30. Um sechs Uhr hetzte mich Weber mit der Kamera zum Bärenzwinger. „Wo sind die Anderen, wo ist dem T…..r (mein Assistent)?“, blaffte er mich an. „Die frühstücken“, sagte ich. „Warum?“, wollte er wissen. „Weil jetzt Frühstück angesetzt ist, Drehbeginn ist erst in 30 Minuten“, sagte ich ihm. „Sie meinen, dem (kein Schreibfehler, so sprach er) Team kommt jetzt nicht?“, fragte er. „Nein, dem Team kommt jetzt nicht“, sagte ich spöttisch. „Dann lassen wir dem Stativ stehen, damit wir den Ort wieder finden“ (klar, denn es gibt ja Millionen Bärenzwinger in jedem Zoo).

Total sauer rannte er auf den Cateringwagen zu. Dort sah er den armen, ahnungslosen Michael, meinen Assistenten, frühstücken und blaffte ihn an: „Wo waren sie?“ „Na hier“, sagte Michael verdutzt. „Und was haben sie gemacht?“, wollte Kurt nun wissen. „Ähh, ich hab gefrühstückt“, entgegnete Michael. „Warum?“, wollte Kurt wissen. „Äh, weil ich Hunger hatte“, sagte Michael, der immer noch nicht wusste, was er nun falsch gemacht hatte (nichts nämlich). „Sie sind für diesen Beruf nicht geeignet“, teilte ihm nun Weber wütend mit. In den nächsten Tagen hatte ich erstmal Ruhe, denn Weber hackte nun grundlos erstmal auf Michael rum.

Am letzten Drehtag in London drehten wir in einem Jumbo der Pan Am, der generalüberholt werden sollte. Wir sollten um 22 Uhr spätestens fertig sein, ins Hotel zurück, packen und dann zum Flieger nach New York, der um 8:30 Uhr abfliegen sollte. Wedel ließ sich Zeit. 

Gegen sechs Uhr früh waren wir erst fertig mit dem Drehen, wir rasten ins Hotel, warfen unseren Kram in die Koffer und fuhren sofort zurück zum Flughafen. Gerade noch rechtzeitig kamen wir an. Jetzt seit 24 Stunden ohne Schlaf. Wir checkten ein, nichts passierte. Es wurde 11, dann 13 Uhr, dann kam eine Nachricht von der Pan Am, dass es noch etwas dauern könne, der Jumbo sei kaputt. Nun bedrängten wir Henning Heyde. Nach 30 Stunden ohne Schlaf wollten wir zumindest Business Class fliegen, denn nach Ankunft in New York sollte es gleich am nächsten Morgen weitergehen. Nach neun Stunden legte endlich ein Pan Am Jumbo am Finger an.

Es war der, in dem wir die Nacht gedreht hatten und der eigentlich generalüberholt werden sollte. Der Name des Jumbos war „Maid of the Seas“, einige Jahre später holte ihn eine Bombe über Lockerbie vom Himmel, ebenfalls auf dem Weg nach New York.


First Class nach New York

Beim Einsteigen wurde meine Bordkarte ausgetauscht, und ich fand mich in der Ersten Klasse wieder. Nur nette Leute aus dem Team saßen dort: Norbert, der Tonmeister, ein Bühnenmann, die Aufnahmeleitung, die Maskenbildnerin, ein paar Schauspieler und ich. Wedel und Weber saßen nur Business Class und waren stinksauer, sie wollten sofort die Plätze tauschen. Doch der Produktionsleiter sagte nur (der auch nur Stress mit den Beiden hatte): „Wer tauscht, kann gleich wieder nach Hause fliegen“ – das hatte Stil. So flog ich First Class nach New York. Mein Sitznachbar, ein Ami und Besitzer einer Ölquelle, fragte mich nach meinem Job und wollte dann wissen, wo unser Regisseur sitzt. Er war schon etwas verdutzt, als ich auf die Business Class deutete.

In New York angekommen, drückte mir der erste Aufnahmeleiter den Autoschlüssel von einem Van in die Hand, sagte kurz: „Wir treffen uns im Hotel“, und verschwand. Ich war etwas verblüfft. Ich war noch nie in den USA, hatte keinen Stadtplan, etwa fünf Dollar und auch keinen internationalen Führerschein. Trotzdem fand ich das Hotel auf Anhieb, es war ja nachts, kein Verkehr, und New York war überraschenderweise ziemlich übersichtlich.

Dummerweise passte der Van mit der Kameraausrüstung nicht in die Hotel-Tiefgarage. Ich parkte irgendwo auf einem bewachten Parkplatz für etwa 100 Dollar die Nacht und lief mit Michael zum Hotel Omni Park. Etwas mulmig war mir schon, denn aus New York hörte man zu der Zeit wenig Gutes. Im Zimmer angekommen, fand ich fette Warnhinweise, man solle doch vor Verlassen des Zimmers durch den Türspion schauen, ob die Luft auch rein sei usw. Das baute nicht gerade auf.

New York war nun wirklich nicht mein Ding. Bin zwar mit dem Hubschrauber durch Manhattan geflogen, war ganz nett, aber ansonsten riss mich das alles nicht vom Hocker. 

Der Dreh dort war durchwachsen. Kurt nervte die ganze Zeit. Einmal drehten wir in Queens. Ich hatte gerade das Stativ am Straßenrand aufgebaut, als es zu regnen anfing. Wir beschlossen, erstmal drinnen zu drehen. Kurt befahl mir, das Stativ draußen stehen zu lassen, damit er den Platz wiederfinde. Ich schlug vor, ich könne ja eine Markierung machen, aber Kurt sagte nur: „Wenn ich sage, dem Stativ bleibt stehen, dann bleibt dem Stativ stehen.“ Also ließ ich „dem“ Stativ mitten in New York stehen. Als wir nach Stunden wieder rauskamen, war das Stativ natürlich weg. Kurt sagte nur cool: „Wo ist dem Stativ, ich hatte befohlen dem Stativ stehen zu lassen.“ Da kam Rainer, unser Aufnahmeleiter, angerannt und sagte: „Ihr hattet das Stativ auf der Straße stehen lassen, ich habe es in den Beleuchterwagen gelegt.“

Statt froh zu sein, sagte Kurt nur: „Sie sind entlassen“, worauf Rainer nur antwortete: „Sie können mich nicht entlassen, ich bin beim NDR festangestellt, nicht bei Ihnen.“

Eines Nachts ging ich mit Peter Fitz (ein angenehmer Mensch und hervorragender Schauspieler) von Little Italy zu Fuß bis fast zum Central Park, wo unser Hotel lag. Wir hatten ziemliches Muffensausen, fast alle Kartons, die da rumlagen, bewegten sich, und daraus lugten Köpfe hervor. Doch Peter sieht eh aus wie ein italienischer Mafiosi, und ich mit Bart, langen Haaren und Lederjacke sah aus wie ein Auftragskiller. Alle Leute, die uns begegneten, wechselten vor uns die Straßenseite. Trotzdem waren wir froh, endlich im Hotel anzukommen.

More than 99 Miles from L.A.

Dann ging es weiter nach L.A. Das war schon eher mein Ding, die Stadt sollte ich später öfters besuchen, das konnte ich nur nicht ahnen zu diesem Zeitpunkt. Wir wohnten und drehten in Palm Springs. Wedel verließ in seiner Freizeit kaum die Poolarea, während Peter Fitz, unsere Maskenbildnerin, Rainer und ich nach Tijuana fuhren. Dort wollte Peter unbedingt die Maskenbildnerin heiraten. Die zwei hatten nichts miteinander, aber die 50 Dollar wäre ihm die Sache wert gewesen, als Joke, zumal man sich für den gleichen Preis wieder scheiden lassen konnte. Dummerweise waren die Beiden anderweitig verheiratet, irgendwie klappte es nicht, schade, wäre ein schöner Spaß fürs Team gewesen.











Zurück im Marriott, unserem Hotel, werde ich mitten in der Nacht wach und sehe einen Schatten an der Wand. Das war eindeutig eine Pumpgun, zumindest ihr Schatten. Ich ließ mich sofort von meinem Riesenbett auf den Boden fallen, robbte zum Fenster. Ganz vorsichtig lugte ich aus dem ebenerdigen Fenster. Scheiße, das war wirklich der Lauf einer Pumpgun. Jetzt kam der Killer auch noch näher, und dann konnte ich ihn deutlich sehen. Entwarnung – es war einer der Wächter des Hotels, der draußen patrouillierte. Ich hatte einfach zu viele amerikanische Krimis gesehen.

Am nächsten Morgen – ich wollte gerade mit dem Auto zu einem kleinen Münzwaschraum auf dem Hotelgelände, als mich Weber abpasste: „Wo wollen Sie hin?“ Statt ihm zu sagen, dass ihn das einen Dreck angeht, entgegnete ich: „Wäsche waschen.“ „Warten Sie, ich komme mit“, sagte er. Kurt holte seine Wäsche. Ich war noch nicht ganz vor dem Gebäude mit den Waschmaschinen angekommen, als Kurt schon aus dem Auto sprang und hineinrannte. Nach dem Motto: Wenn es nur eine Maschine gibt, ist das meine. Es gab zwei. Kurt hatte seine Maschine schon gefüllt und gestartet.

Nun muss ich erstmal das System erklären. Man wirft die Wäsche rein, das Waschpulver hinterher, Münzen in den Schlitz und es geht los. Ich wählte „Cold“ als Waschprogramm, worauf mir Kurt einen langen Vortrag hielt, dass man so seine Wäsche nicht waschen könne. Ich sagte ihm nur kurz und pampig, er solle sich um seinen Kram kümmern – hatte ich ja von ihm gelernt. Nach einer Stunde holte ich ihn wieder von seinem Zimmer ab (das Marriott ist ein riesengroßes Gelände). Meine Maschine war fertig, die Wäsche war porentief sauber. Kurts Maschine lief noch. 

Er fasste die Maschine an, die ziemlich warm war, und sagte kleinlaut: „Vielleicht hatten Sie doch recht mit Cold.“ Dann riss er an der Tür. Sie öffnete sich und gab den Blick auf eine wunderbare Melange aus Wäsche und verschmiertem Waschpulver frei. Kurt hatte seine Wäsche in den Trockner geworfen, statt in die Waschmaschine, und das Waschpulver hinterher. Da noch ein wenig Feuchtigkeit im Trockner war, war nun alles schön verschmiert. Hätte mir auch passieren können, als Amerikaneuling, ist mir aber nicht passiert. „Ich hole Sie in einer Stunde wieder ab“, sagte ich ihm und nutzte die Zeit, um allen zu erzählen, was passiert war.

Irgendjemand petzte. Jedenfalls sagte er am nächsten Drehtag nur: „Sie soll der Teufel holen!“ und sprach fortan nur noch über Dritte mit mir.

Vor unserer Abreise kaufte ich mir ein paar Cowboystiefel, aber keine Prollstiefel, sondern schicke Stiefel aus Brasilien, die wie Schuhe mit höheren Absätzen aussahen. Ich Idiot zog sie am Tag der Abreise an. Stiefel waren für mich ungewohnt, deshalb brach ich mir in L.A. am Flughafen fast den Hals. Es waren ja nur etwa zehn Stufen, aber neun davon waren zu viel mit den Brettern an den Füßen. Ich stürzte die Treppe hinunter, kam exakt vor meinen 300 Mitpassagieren zu liegen. Erst lachte keiner, denn sie dachten, es sei mir was passiert. Erst als ich wie ein professioneller Stuntman aufstand und den Staub abklopfte, konnten sich einige das Grinsen nicht verbeißen. Ich tötete etwa 250 von ihnen mit Blicken und trollte mich humpelnd (ich gebe zu, ich hätte über so einen Idioten auch gelacht). Nicht weil ich mich verletzt hatte, nein, die Stiefel waren wie aus Stahl, ich hatte schon mörderische Blasen. Ich brauchte etwa drei Jahre, um die Stiefel einzulaufen, trug sie dann etwa sieben Jahre täglich, bis ein schwachsinniger Boot-Taxifahrer in Mexiko seinen blöden Kahn umkippte, weil er zu dumm war, eine Welle richtig anzufahren. Ich stürzte mit meinen Stiefeln ins Meer und schwamm die 300 Meter zum Ufer und versuchte krampfhaft, die Stiefel nicht zu verlieren – gar nicht so einfach bei hohem Wellengang und mit allen Klamotten.

Nun hatten die Stiefel aber Salz abbekommen und wurden etwas brüchig. Ich packte sie bei jeder Reise ein und versuchte von Thailand, Kenia über die Türkei bis in die USA einen Schuster zu finden, der das Modell nachbaut, vergebens. 2002 schenkte ich sie einem Arbeiter, der auf der Farm meines Schwiegervaters in Brasilien arbeitete. Der trägt sie wahrscheinlich heute noch. Es war für mich ein schönes Gefühl, sie zurück nach Brasilien zu bringen, wo sie ja mal ursprünglich hergestellt wurden.


Samstag, 7. März 2026

 


„Reise in ein verborgenes Leben“ oder wäre ein verdorbenes Leben nicht der bessere Titel?

Hans hatte einen neuen Film. Regie sollte Hans Neuenfels machen, ein renommierter Theaterregisseur. Produzentin war Regina Ziegler. Hörte sich interessant an. Wir trafen uns im Cafe Untreu (gibt’s nicht mehr), in der Bleibtreustraße. Neuenfels war hochintelligent, ich habe niemals mehr einen Menschen getroffen, der so gebildet war, zumindest auf kulturellem Gebiet. Dass Neuenfels nicht gerade eine Leuchte in Geschichte war, stellte sich erst später heraus. Ich gebe einfach mal sicherheitshalber vorab zu, dass ich ein totaler Banause bin, was Theater und Oper betrifft, damit erklärt sich dann auch die nun folgende Peinlichkeit. Neuenfels fragte uns, was wir zuletzt im Theater gesehen hätten. Ich hatte mehrmals mit dem ZDF im Theater gedreht, war aber alles Boulevardtheater, deshalb war es mir eher peinlich, da einen Titel zu nennen (freiwillig habe ich selten eines betreten). Da kam mir ein spontaner Einfall. „Alles im Garten – in Frankfurt“, sagte ich, das hatte ich mal als Fünfzehnjähriger in Frankfurt gesehen, bei einem Schulausflug. Ich hoffte, dass das Stück so unbedeutend war, dass Neuenfels es nicht kannte.

Ihm verschlug es die Sprache. „Das wurde in Frankfurt nur mal Ende der Sechzigerjahre aufgeführt“, sagte er. Er hatte mich ertappt. Dummerweise wusste ich nicht, dass Neuenfels vorher das „Enfant Terrible“ der Frankfurter Theaterszene gewesen war. Ziemlich peinlicher Einstand von mir. Hans war aber auch nicht viel besser dran.

Ein Drehbuch gab es nicht, das wollte Neuenfels während des Drehs schreiben. „Reise in ein verborgenes Leben“ sollte das Meisterwerk heißen und Jean Genets (Jean wer?) Leben verfilmen. Ich hatte zwar mal den Namen gehört, aber hatte keine Ahnung, dass wir damit mal wieder an eine Schwulengeschichte geraten waren. Etwa ab dem dritten Drehtag hieß der Film dann für mich: „Reise in ein verdorbenes Leben“. Motive gab es noch nicht, sollte alles vor Ort gesucht werden, Hotels gab es auch nicht, sollte der Aufnahmeleiter vor Ort suchen, der aus Paris kam und der Sohn des dortigen Direktors des Goethe-Instituts war, den Neuenfels wohl kannte. Charleville-Mézières sollte der erste Drehort sein, eine hässliche Industriestadt in den Ardennen. Wer je einen meiner Lieblingsfilme gesehen hat, nämlich „Das Auge“ von Claude Miller mit Isabel Adjani und Michel Serrault, weiß, wie es da aussieht. Die deprimierende Schlussszene spielt dort.


Treffpunkt Marktplatz

Ich kam dann auf die glorreiche Idee, da es ja noch keine Hotels und damit keinen Treffpunkt gab, uns einfach am Marktplatz zu treffen, in der nächstgelegenen Kneipe. So einfach, so gut. Wir fuhren mit mehreren Autos los. Es war Ende April und noch ziemlich kalt. Wir fuhren im Pulk, Neuenfels kam später nach, die Schauspieler kamen aus Frankfurt, der Aufnahmeleiter kam mit dem Zug aus Paris.

Gegen 19 Uhr waren wir da, parkten unsere Autos mit den deutschen Nummernschildern direkt auf dem Marktplatz, legten fette Schilder ins Fenster mit dem Hinweis auf die Kneipe, in die wir dann gingen und die direkt am Platz lag. Wer nicht kam, war der Aufnahmeleiter. Es wurde acht, es wurde neun, die Schauspieler kamen, es wurde zehn. Ab da waren eigentlich nur noch etwa zwölf Deutsche in der Kneipe, die sich lautstark unterhielten. Gegen halb elf wollte der Wirt schließen – noch immer kein Aufnahmeleiter da. Seit etwa zwei Stunden saß in einer Ecke ein einsamer junger Mann, sollte der etwa? Nein, so blöd kann niemand sein. Vielleicht doch. Ich ging hin, sprach ihn an, oh Wunder, es war unser Aufnahmeleiter, der trotzdem, nur Deutsche in der Kneipe waren, nicht auf die Idee gekommen war, wir könnten das Team sein, auf das er wartete. Trotzdem brauchten wir ihn dringend, denn keiner außer ihm sprach vernünftiges Französisch.



Nun wollten wir uns zu einem Meeting ins Hotel zurückziehen, was uns aber nicht gelang, denn der Aufnahmeleiter hatte zu Fuß, vom Bahnhof kommend, in jedem kleinen Hotel, was auf dem Weg lag, ein paar Zimmer gebucht, sodass wir in fünf verschiedenen Hotels untergebracht waren, statt alle zusammen in einem Großen.

Am nächsten Morgen, Neuenfels war inzwischen da und Carlo sein Regie-Assistent, gingen wir Motive suchen. Wir fanden einen superschönen kleinen Bahnhof, ein schöneres Bahnhofsmotiv habe ich seitdem nie wieder gesehen. Der Zug kommt wegen eines Berges aus einem Tunnel, nach etwa 200m kommt der schmucke Bahnhof, und nach weiteren 200 Metern verschwindet der Zug wieder in einem Tunnel – einfach traumhaft.

Da der Aufnahmeleiter sehr schüchtern war, oder einfach nur eine Sprachamöbe, waren immer wieder meine dürftigen Sprachkenntnisse gefragt. Leider hatte ich eine recht gute Aussprache, dadurch überschätzten meine französischen Gesprächspartner immer wieder erheblich meine Kenntnisse, was zur Folge hatte, dass sie zwar verstanden, was ich wollte, ihre Antwort mir aber unverständlich blieb. Oder kurz gesagt, ich verstand nur Bahnhof. Neuenfels war aber auch nicht besser.



Während Neuenfels und ich also gerade mit dem Bahnhofsvorsteher um die Drehgenehmigung für sein schönes Stück feilschten, sah ich, wie unser genialer Aufnahmeleiter seine Hose öffnete und im Hintergrund an den frisch getünchten Bahnhof urinierte. Leider bekam das auch der Bahnhofsvorsteher mit. Es kostete uns danach viel Arbeit, trotzdem die Drehgenehmigung zu bekommen. Abends bekamen wir dann kleine, handgeschriebene, unleserliche Zettel, das war das Drehbuch für den nächsten Tag.


Wie wir Neuenfels’ Kreativität zügelten

Wir mussten einige Motorradfahrten mit einem alten Motorrad drehen. Das wurde gerade von einem der Schauspieler, auch so eine Intelligenzbestie, aus Berlin persönlich überführt. Leider war er noch nicht angekommen, weil in Braunschweig der Gaszug gerissen war. Auch am nächsten Morgen war es noch nicht da, denn der Fahrer hatte aus Versehen Diesel getankt. Man war aber guter Dinge für den nächsten Tag.

Wir drehten deshalb in einer Fabrikruine. Früher waren hier mal die Schrauben für den Eiffelturm galvanisiert worden, heute war das Gebäude stark einsturzgefährdet. Wir wagten uns nur mit Helm rein. Die Schauspieler – ja, richtige Schauspieler waren das ja nicht gerade, sondern eher junge Frankfurter Neuenfels-Fans. Ein Perser war dabei, der nichts Besseres zu tun hatte, als dem Aufnahmeleiter sofort die Freundin auszuspannen, die nachgekommen war. Eine menschliche Tragödie jagte die andere. Carlo, der Regie-Assistent, war eine Ausnahme, er hatte richtig was drauf und hat auch später Karriere gemacht.

Wir hatten gerade eine etwa 10 Meter lange Schienenfahrt vorbereitet, als der Unterbau einbrach und Hans noch lachend vom Elemack fiel, bis seine Hand auf ein Brett schlug, aus dem ein rostiger Nagel lugte. Ein glatter Durchstich. Er war tapfer, trotzdem wurde er sofort zum Arzt gefahren. Auf dem Weg zum Auto schrie Neuenfels noch hinterher: „Fahrt ihn am besten zum Veterinär, die sind hier in der Gegend am besten.“

Neuenfels hatte immer abstrusere Ideen. Mal wurde einer seiner Schauspiellakaien (Stefan, der Hauptdarsteller) nackend an einen kleinen Wasserfall gebunden. Diese Szene probte er endlos, bis Hans und ich in unseren dicken Daunenjacken ihm klarmachten, dass es sicher nicht so angenehm sei, nackt im April an einem Wasserfall zu hängen, und wenn er nicht sofort drehe, wir zusammenpacken würden und nach Hause fahren. Diese Drohung wirkte, und wir setzten sie mehrmals täglich ein, wenn es zu arg wurde.

Mal hatte er die Idee, bei einer Taufszene in einem schweinekalten Saustall, statt schmutzigem Wasser, Gülle zu nehmen. Wir drohten mit Abreise. Mal wollte er in einer einsamen Kirche in erzkatholischer Gegend, Stefan nackt auf den Altar legen, ihm eine Kerze in den After stecken und anzünden. Wir drohten mit Abreise – außerdem hätten die Katholen uns dabei erwischt, sie hätten uns mit Recht erschlagen. So langsam wurde mir klar, warum Neuenfels das „Enfant Terrible“ der Theaterszene war, und so langsam dürfte den Lesern klar werden, warum wir den Film in „Reise in ein verdorbenes Leben“ umgetauft hatten.

Es ist mir durchaus bewusst, dass wir mit unseren permanenten Abreisedrohungen Neuenfels’ Kreativitätsschüben starke Fesseln anlegten, aber immerhin haben wir damit die Sendefähigkeit des Films gefördert (eine Fernsehproduktion) und wahrscheinlich das Überleben der Schauspieler gesichert. Der gesamte Inhalt des Films blieb uns ja bis dahin sowieso verborgen, da es ja kein Drehbuch gab und die Zettel unleserlich waren. Der Film hat mir Jean Genet jedenfalls nicht gerade nähergebracht.

Carlo hatte nur noch ein Problem. In einer Szene musste er mitspielen und irgendeinen auf den Mund küssen. Da er aus irgendeinem Dorf bei Frankfurt kam, jammerte er die ganze Zeit nur noch: „Wenn das einer dort sieht, kann ich mich zu Hause nicht mehr blicken lassen.“


Nun kam der Bahnhof an die Reihe. Stefan musste vom Bahnsteig auf die Gleise springen und sagen: „Scheiße für mich, Scheiße für mich …“ – keine Ahnung, wie der Satz weiterging. Neuenfels hatte wieder einmal eine geniale Idee. „Ich brauch Scheiße!“, sagte er, „los, holt Scheiße, denn Stefan muss natürlich in richtige Scheiße treten dabei.“ Seine Lakaien fuhren los. Stunden später sah man dann ein Auto mit geöffnetem Fenster von weitem heranfahren. Plastiktüten wurden rausgehalten. Es stank bestialisch! Natürlich ist es nicht ganz einfach, ohne Französischkenntnisse loszufahren und nach Scheiße zu fragen. Trotzdem waren die Jungs erfolgreich. Um den Meister nicht zu verärgern, hatten sie Scheiße in allen erdenklichen Zustandsformen gesucht und auch gefunden. Auf dem Rücksitz in Eierkartons hatten sie verschiedenfarbige Scheiße von fester Konsistenz, aber mit farblichen Unterschieden. In den Plastiktüten hatten sie die etwas flüssigeren Exkremente. Ich ging um die Ecke, um mich zu übergeben. Neuenfels suchte sich seine Lieblingsscheiße aus, und wir drehten das Ganze ziemlich total. Es wäre also egal gewesen, ob da wirklich Scheiße gelegen hätte.

Im Nachhinein können wir von Glück reden, daß Neuenfels uns damals nicht aufforderte auf die Gleise zu kacken.

Unser nächster Drehort stand auf dem Programm: Brest in der Bretagne. „Brest hat eine traumhafte Altstadt“, hatte uns Neuenfels erzählt, „wenn ihr irgendwo die Kamera aufstellt und dann ein neues Motiv sucht, braucht ihr euch nur umzudrehen.“ Wir waren gespannt.

Hans und ich kamen als Erste in Brest an, Zeit genug, um sich die Altstadt anzusehen. Doch so sehr wir auch dem Wegweiser „Centre Ville“ folgten, wir fanden sie nicht, merkwürdige Beschilderung. Wir hielten an und ich fragte den ersten Franzosen nach der Altstadt. Der ging einfach weiter. Hey, ich hatte bislang nur freundliche Bretonen kennengelernt und war überrascht. Ich fragte den Zweiten, der schüttelte den Kopf, wie jemand, dem man eine saublöde Frage gestellt hat, und ging weiter. Der Dritte zeigte mir den Vogel. Der Zehnte etwa klärte mich mit einem Blick auf unser deutsches Nummernschild freundlicherweise auf Deutsch auf. „Sie als Deutsche sollten eigentlich wissen, dass Brest keine Altstadt mehr hat“, sagte er freundlich.

Jetzt fiel bei mir der Groschen. Brest war nicht von den Deutschen zerstört worden, aber die Alliierten hatten am Ende des Zweiten Weltkriegs, wegen der starken deutschen Militärpräsenz und des U-Boothafens, die Stadt in Schutt und Asche gelegt. 

Ich entschuldigte mich. Wir fuhren ins Hotel und warteten auf Neuenfels. Als er dann kam, teilten wir ihm höhnisch unser neues Wissen mit. „Das kann nicht sein!“, polterte Neuenfels los, mittlerweile mit total krächzender Stimme, zerrte einen Stapel Feldpostkarten aus seinem Koffer und zeigte sie uns, „und was ist das bitte schön, eine wunderbare Altstadt?“ „Mann, da ist Adolf hinten als Briefmarke drauf!“, sagte ich, und Hans sagte nur: „Viel Spaß bei der Motivsuche, ich geh ins Bett.“


Der tückischen Tidenhub macht auch vor Ignoranz nicht halt

Wir fanden schnell ein geeignetes Motiv. Le Conquet hieß die malerische Stadt, unser Hotel lag traumhaft auf einer Klippe, direkt über dem Meer. Neuenfels wollte am nächsten Tag in der Bucht unter dem Hotel drehen, eine kleine, sehr steile Treppe war in die Stufen geschlagen, zu steil für unser Equipment. Da ich die Bretagne gut kannte und wusste, dass der Tidenhub teilweise bis zu 17 Metern beträgt (der Unterschied des Wasserstandes zwischen Ebbe und Flut), warnte ich davor und bat darum, doch bitte nachzuprüfen, wie lange wir Zeit zum Drehen hätten. „Schon geklärt!“, blaffte mich Neuenfels an, „um 8 können wir drehen, die Flut kommt um 14 Uhr.“





Die Bucht hatte eine kleine Einfahrt. Es waren etwa fünf Meter zwischen Fels und Wasser. Da mußten wir mit dem Bühnentransporter durch. Als wir die Schienen für die Kamerafahrten ausgelegt hatten, waren es nur noch drei Meter, und dann mussten wir panisch einpacken und verschwinden. Um zehn Uhr stand bereits die ganze Bucht unter Wasser.

Als ich einige Jahre später mit meiner damaligen Lebensgefährtin, einer sehr von sich selbst überzeugten Dame, und ihrem vierjährigen Sohn Urlaub in der Bretagne machte, liefen wir zu einer kleinen Insel, etwa 300m vor der Küste. Ein betonierter Weg führte dorthin. Nach etwa zehn Minuten Aufenthalt sah ich das Wasser von den Seiten kommen. Ich schnappte mir den Jungen, warf ihn über die Schulter und sagte nur: „Los, renn, oder willst Du sechs Stunden auf der Insel bleiben?!“ Sie schaute mich total entgeistert an, sagte nur: „Du Feigling, das bisschen Wasser, das dauert noch ewig, Du erschreckst nur das Kind!“ Ich rannte sofort los und ließ sie fluchend stehen. Ich schaffte es noch, auf den letzten Metern stand mir das Wasser bis zu den Knien. Sie hatte zu lange gewartet und war zu langsam losgegangen, die letzten Meter musste sie schwimmen, die teuren Schuhe waren hinüber – das zum Thema Tidenhub in der Bretagne.

Am nächsten Tag hatte Stefan, unser Hauptdarsteller, eine dicke Lippe. Was war passiert? Neuenfels hatte ihm Konzentrationsübungen empfohlen. Den Rumpf beugen, Augen schließen, die Ohren zuhalten und den Oberkörper pendeln lassen. Das mag zwar gut für die Konzentration sein, ist aber überhaupt nicht gut für den Gleichgewichtssinn, folglich hatte Stefan das Gleichgewicht verloren und war auf die Lippe gefallen.

Im Hotel waren wir kurz vor dem Rausschmiss. Eines unserer hochverehrten Teammitglieder, der Regisseur, hatte sich im vollbesetzten Lokal, im Suff, ein Tischtuch um den Kopf gebunden und war auf allen Vieren, pöbelnd, durchs Lokal gerobbt. Das fanden die Franzosen, in ihrer sonntäglichen Abendgarderobe, mit Recht nicht wirklich witzig.

Wir drehten noch einige Tage auf einem Leuchtturm westlich von Le Conquet, mit darunterliegendem deutschen Bunker, den ich einige Jahre später mal kaufen wollte, der aber leider nicht verkäuflich war.





Heiratsantrag auf Bretonisch und ein verpasstes Leben

Now for something completely different.

Wir waren in der Bretagne unterwegs. In Crozon oder Morgat gab es ein witziges Restaurant mit Kiesfußboden, da liefen Hühner herum, Hunde, und das Essen war super. Die Wirtin war stets superauffällig Ton in Ton gekleidet, leider waren es meistens Schockfarben. Wir waren dort jeden Tag, und die Wirtin beobachtete mich die ganze Zeit über. Sie hatte eine bildschöne Tochter, hochintelligent, etwa 20 Jahre alt, und die schmachtete mich deutlich erkennbar an. Die Wirtin hatte inzwischen schon mitbekommen, dass meine Freundin kein Französisch sprach. Also kam sie mit der Speisekarte, tat so, als wolle sie mir die Gerichte erklären, sagte aber stattdessen, meine Freundin immer wieder freundlich anlächelnd: „Pass mal auf, mein Lieber, meine Tochter hat sich in Dich verknallt. Du fährst jetzt Deine Schnecke nach Deutschland, kommst sofort zurück, ich finde Dich auch sympathisch, Du wärst der ideale Schwiegersohn. Ihr werdet heiraten, Kinder haben und bekommt von mir den Laden geschenkt. Hauptsache, sie heiratet keinen Franzosen (die Bretonen mögen die Franzosen überhaupt nicht).“ Bitte mach meine Tochter einfach nur glücklich.“

Leider war ich kein alleinreisender Junggeselle, sonst wäre die Entscheidung denkbar einfach gewesen. Wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich es getan hätte, ernstgemeint war es allemal. Die Wirtin lauerte mir sogar auf, wollte mir Geld für die Rückreise geben, um mich davon zu überzeugen, dass sie es wirklich ernst meinte. Ich habe meiner Freundin nichts davon erzählt. Mir blieb nur die Flucht, deshalb machte ich ihr den Vorschlag, nach Le Conquet zu fahren, und sagte, ich wolle unbedingt den Leuchtturm kaufen. Kleines Update: 2024 war ich mit meinen Söhnen dort und habe 40 Jahre später nach dem Restaurant gesucht und nach meiner Beinahe-Ehefrau, aber leider nicht gefunden.

Auch unser Dreh ging langsam zu Ende, Neuenfels’ Zettel wurden immer dürftiger, und wir beschlossen, aufzuhören. Der SFB war vom Ergebnis ziemlich schockiert und verbannte den Film ins Nachtprogramm.

Freitag, 6. März 2026

Der sexte Sinn und das Haus in Asien.                                                                                        Hans rief mich an – er hatte seinen ersten Film als Kameramann, ich sollte Assistent machen. Es war ein Kurzfilm, Low Budget, „42nd Street“ hieß er. Christoph E. spielte die Hauptrolle, produzierte und führte Regie. Wir arbeiteten auf Gagenrückstellung, das heißt: Wenn der Film Geld einspielt, gibt’s was, ansonsten hat man umsonst geschuftet. Ein bisschen wie Lotto, nur mit mehr Kamera.

Hans war richtig gut, hat viel Spaß gemacht. Nachdem wir einige Monate keinen müden Cent gesehen hatten, las ich plötzlich in der Zeitung, dass der Film eine Förderung bekommen hatte – eine relativ hohe Summe für einen Kurzfilm. Wunderbar, dachte ich, endlich gibt es Geld! Ich rief bei Christoph an und erfuhr, dass er nach Asien gefahren war, um sich dort ein Haus zu kaufen. Nun ratet mal, von welchem Geld wahrscheinlich? Ich habe nie eine müde Mark gesehen, und ins Haus wurde ich auch nicht eingeladen. Habe aber dadurch gelernt, wie man zu was kommt – leider aber nicht persönlich angewendet. Wenn der Tsunami auch nur einen Funken Anstand gehabt hätte, dann hätte er dieses Haus dem Erdboden gleichgemacht.

Hans hatte gleich den nächsten Film. „Der sexte Sinn“ sollte er heißen, Regie Lothar Lambert. Lambert, war das nicht der Schwulenfilmer? Ja, er war es, und was war das für ein Typ! Als Regisseur nun nicht übermäßig talentiert, aber als Mensch war Lothar klasse. Ich hatte ihn mir als total abgefahrenen Typen vorgestellt, da ich seine Filme kannte, aber Lothar war sehr bürgerlich, hatte gute Umgangsformen, ein angenehmes Wesen, und er beutete seine Darsteller nicht aus, die ganzen Loser oder gescheiterten Existenzen, die in seinen Filmen mitspielten. Er machte sich nicht lustig über sie, sondern nahm sie ernst. Sie verkörperten wahrscheinlich alle Freiheiten, die er nicht wagte, für sich einzufordern, dazu war er zu konservativ. Er lebte diese Freiheiten in seinen Filmen aus. Dagmar Beiersdorf war auch dabei, ebenfalls eine, sagen wir mal, Undergroundfilmerin aus Berlin, auch sie sehr angenehm, sehr bürgerlich, trotz ihrer Filme, die das Gegenteil zeigten. Beide lebten unauffällig, absolut gesetzestreue Bürger, ohne Eskapaden. Lothar schrieb damals, glaube ich, die Filmkritiken für die BZ, eine Zeitung in Berlin.


Der Zirkusdirektor der aus Scheiße Gold machen konnte.                                               Der Produzent war Albert H. Er hatte im Osten einen kleinen Wanderzirkus gehabt, der Tiere an Fernsehproduktionen vermietete, war rübergemacht, und da im Westen damals alle Ossis hofiert wurden, hatte er sich als Schauspieler ausgegeben, was keiner nachprüfte. Ich kannte ihn schon, er war der Schrecken aller Regisseure, „unbegabt“ ist gar kein Ausdruck, er war einfach unfähig und konnte keinen Satz fehlerfrei und irgendwie der Dramaturgie entsprechend aufsagen, bekam aber permanent kleine Rollen, da er nicht viel kostete.

Als Produzent war er, sagen wir mal bodenlos untertrieben, ein Schlitzohr. Es gelang ihm immer wieder, was Alchemisten schon seit dem frühen Mittelalter versucht, aber nie geschafft hatten: nämlich aus Scheiße Gold zu machen. So auch mit diesem Film. Schätzungsweise hatte der Film einen Etat von 1,2 Millionen DM. So wie der Film produziert wurde, blieben bestimmt 600.000 DM für ihn übrig, statt der 7 %, die ihm zustanden. Er war aber kein unangenehmer Typ. Sein Produktionsbüro war personalmäßig immer entweder halbseiden besetzt oder verrückt. In diesem Fall verrückt. Die Produktionsleiterin ging einige Jahre später zum Corbusierhaus (ein Hochhaus in Berlin), in dem sie mal gewohnt hatte, klingelte an der Wohnungstür ihrer früheren Wohnung im 6. Stock, fragte freundlich, ob sie sich mal umsehen dürfe, ging zum Balkon und sprang – und war sofort mausetot. Ein tragisches Ende für eine, nun ja, verrückte Zeit.

Der Dreh in Berlin verlief ohne Probleme, doch einige Tage sollten in Italien gedreht werden, im Haus des Schauspielers von Ingolf George, in der Nähe von Genua. Hans, ich, Alberts unbegabte Tochter, die Tonleute und Nicky, die Maskenbildnerin (Tochter von Sindermann, dem Volkskammerpräsidenten der DDR), sollten mit dem Auto hinfahren. 

Fast alle waren schon unterwegs, als unser Leihwagen eintraf, ein uralter Ford Transit, höchstens noch für eine Fahrt zum Bosporus geeignet, Spitze sicher 80 km/h, nach Genua 1200 km. Wir tankten voll, als wir anhielten, um Getränke zu kaufen, war der Tank schon fast wieder leer (nach 10 km). Des Rätsels Lösung: ein fingerdickes Loch im Tank, aus dem in einem ebenfalls fingerdicken Strahl der Sprit auslief, wie wir rauchenderweise feststellten. Etwa 8 Liter blieben allerdings immer drin.

Zurück zur Leihwagenfirma. Ein Anruf im Produktionsbüro ergab, dass wir nur dort einen Wagen leihen konnten, mangels Kohle – angeblich. Es gab nur einen VW-Bus, einen wirtschaftlichen Totalschaden, dem war ein anderes Auto voll in die Schiebetür gefahren. Die ließ sich zwar noch schließen, aber der Rahmen war verzogen, wie wir in Italien feststellten, als wir zum ersten Mal neue Reifen kaufen mussten, mangels Profil auf einer Seite.

Wir fuhren also mit etwa fünf Stunden Verspätung los, und um keine Zeit zu verlieren, sagten wir den Mädels im Wagen gleich, dass nur alle fünf Stunden gepinkelt wird, was sie sehr entsetzte. Ich musste als Erster, sagte aber nichts, sondern behauptete stur, meine Zigaretten seien ausgegangen. Wohnen sollten wir im Haus des Schauspielers, das sei groß und alles sei perfekt vorbereitet, hatte Albert erzählt.

Leider vergaß Alberts Tochter in einer Autobahnraststätte in Italien ihre Handtasche und bemerkte es erst nach einer Stunde. Also wieder zurück – völliger Schwachsinn in einem Land, in dem das Verbrechen erfunden wurde, wie mein Freund Michael Marszalek immer wieder behauptete. Na ja, die Tasche, okay, ich bleib ehrlich, sie war noch da, nichts fehlte, aber wir hatten über zwei Stunden verloren.

Um halb drei nachts, nach vier Packungen Marlboro (Hans und ich), kamen wir an, fanden das Haus natürlich nicht und riefen dort an. Natürlich war nichts vorbereitet, das Haus lag in den Bergen, es war saukalt (Mai!), es gab weder Decken noch Schlafplätze, deshalb fuhren wir wieder in die kleine Stadt und schliefen noch einige Stunden auf Parkbänken, dann suchten wir uns ein billiges Hotel. Albert bekam fast einen Infarkt, als erfuhr, dass er für uns ein Hotel bezahlen sollte. Er japste nach Luft und lief rot an, das Haus sei doch schön und wir seien verwöhnte Schnösel, sagte er, aber bezahlte. Ich gehe mal davon aus, dass pro Kopf 150 DM Übernachtung in der Kalkulation für den Sender gestanden haben dürfte. Wir waren für 35 abgestiegen. Ansonsten hatten Hans und ich viel Spaß bei der Produktion, bei den ganzen Dilettanten vor der Kamera, die wir, leider nicht so feinfühlig wie zum Beispiel Lothar, permanent verarschten, zu absurd war das Ganze, natürlich ließen wir Lothar und Albert auch nicht aus.

Die Rückreise kostete einen zweiten Satz Reifen, aber wir überlebten, und Albert kaufte sich ein weiteres Mietshaus in bester Lage, als der Sender bezahlte.


Ein Jahr später heulte mir Albert was vor: Er habe wieder mit Lothar eine sündhaft teure Produktion, eine Komödie über das Leichenbestatterwesen, dummerweise spiele ein Teil in Petra/Jordanien, und das sei teuer. Youssef, ein netter Studienkollege von mir, war mit dem jordanischen Königshaus versippt und verschwägert und versprach zu helfen. Albert war erleichtert. Er versprach mir den Kamerajob. Youssef besorgte Drehgenehmigungen, Kameraausrüstung, ein Team – alles mehr oder weniger umsonst. Aus Dank bezahlte Albert Youssef nicht dafür und gab meinen Kamerajob an einen Türken, der noch nicht mal eine Arbeitserlaubnis hatte, der aber Albert beim nächsten Film in der Türkei mit Kontakten helfen sollte.

Ich ging zum Arbeitsgericht. Mit einer Unverfrorenheit behauptete Albert, unterstützt mit einem Schreiben des NDR, der Redakteure T.K. und E.S., selbst der Programmdirektor Rolf Seelmann-Eggebert hatte unterschrieben, dass der Türke besser gewählt wurde, da er als Moslem dem deutschen Leichenbestatterwesen unbefangener gegenüber stehe und damit besser geeignet sei, als ich. Ich war Mitglied beim BVK, dem Berufsverband der Kameramänner. Dort ging ein Schreiben vom NDR ein, in dem behauptet wurde, ich hätte mich als Unbekannter in die Produktion eingeschlichen, sozusagen, niemand hätte mich gekannt und hätte mich als Kameramann ausgegeben, aus Mitleid hätte Albert mir den Job angeboten, aber als er erfuhr, dass ich zu wenig Erfahrung habe, sei ihm das Risiko zu groß gewesen. Der BVK solle doch mal überprüfen, ob ich als Hochstapler aus diesem Grund überhaupt als Mitglied tragbar sei. (Die Kopien dieser Briefe habe ich noch.)

Lieber Herr RSE, Sie sind jetzt auf Rente und haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren: Sie haben damals wahrscheinlich einen mutmaßlichen Betrüger gedeckt, der den NDR vermutlich viel Geld gekostet hat, und einen Redakteur, der den Spitznamen „Mister 10 %“ hatte. Raten Sie mal, warum man zu einem solchen Namen kommt? Schauen Sie sich mal den netten Film an, der im NDR lief und der Albert und Ihren Redakteur beim Pferdewetten an der Côte d’Azur zeigt (wie dreist von einem Zocker!), oder auch das leicht faschistoide Machwerk, das Albert dann in Costa Rica drehte, mit dem unsäglichen Edwin M. als Regisseur. Damals haben Sie auch noch eine Dokumentation auf einem Bananendampfer an Albert bezahlt (nicht persönlich), damit hat Albert auch noch an den Reisekosten doppelt verdient und ihr Redakteur auch.                                                        Vor dem Arbeitsgericht war Albert zum ersten Mal gut als Schauspieler, er zog alle Register, sagte, ich wolle ihn ruinieren. Barbara Salesch wäre vor Neid erblasst und hätte man es aufgezeichnet wäre es eine Sternstunde deutscher Comedy gewesen. Es war ein unterhaltsamer Prozess, alle hatten viel zu lachen, denn wir waren weiterhin per Du. Albert gab die Drama-Queen warf sich heulend auf den Boden, sagte „Ich bin ruiniert, wenn Du gewinnst!“ Ich antwortete nur: „Mach dich nicht lächerlich und zieh nicht so ’ne Show ab.“ 

Der Richter fand das hochinteressant, denn Albert hatte ja behauptet, er habe mich erst gar nicht gekannt, er hatte nicht geleugnet, mir den Job angeboten zu haben. Dummerweise konnte ich auch noch mit einem Vertrag belegen, dass Albert mich schon zwei Jahre lang kennen musste (der Vertrag vom „sexten Sinn“). „Ihr Verhältnis scheint ja nicht so schlecht gewesen zu sein, wenn Sie immer noch per Du sind, sich mit dem Vornamen anreden, obwohl Sie vor Gericht stehen“, sagte der Richter, „das sieht mir nicht danach aus, als ob sie sich nur flüchtig kennen.“ Er verknackte Albert dazu, meine Gage zu zahlen. Albert, immer noch heulend mit einem knallroten Kopf, wurde sofort ganz ruhig und sagte nur: „Das geht ja noch“, er hatte anscheinend mit Schlimmerem gerechnet. Sein Winkeladvokat hatte während der ganzen Verhandlung nicht ein Wort gesagt

Das Einzige, worüber ich mich heute ärgere, ist, dass ich damals nicht den Spiegel (Magazin) auf Albert und Mr. 10 % angesetzt habe, die hätten ihnen das Handwerk gelegt. Denn diese Verbrecher wollten durch den Brief an den BVK meine Existenz vernichten; wenn ich dort rausgeflogen wäre, hätte ich umschulen können. Falls jetzt einer der Betroffenen auf die Idee kommt, mich wegen Verleumdung verklagen zu wollen: Viel Spaß dabei, ich habe noch alle Briefe!

Natürlich war das nicht das letzte Erlebnis der besonderen Art mit dem netten Sender im Norden. 1988 hatte ich einen Kurzfilm von mir im internationalen Wettbewerb der Filmfestspiele Berlin, der lief dann auch auf dem No Budget Festival in Hamburg. Ich war hocherfreut, als mich ein Redakteur vom NDR anrief, der meinen Film haben wollte. Er erzählte mir, dass seine Freundin einen Film über das Festival produziere, in dem die besten Filme vertreten sein sollten. Er bot mir 150 Mark und verlangte dafür die Rechte an meinem Film für 15 Jahre. Ich musste lachen und sagte ihm, dass dies nicht gehe, da ich den Film von meinem eigenem Geld produziert hätte und natürlich meine Produktionskosten erstmal reinbekommen wolle, was nicht gehe, wenn er die Rechte erhalte. Er sagte mir offen und ganz unverblümt: „Wenn Sie jemals wieder für den NDR arbeiten wollen, rate ich Ihnen, mein Angebot anzunehmen.“ Ich legte auf. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber das war, glaube ich, derjenige, der erst vor Kurzem bei einer großen Münchner Firma rausgeflogen ist, weil er sich für Schleichwerbung in Filmen bezahlen hat lassen.

Anfang der Neunziger reichte ich ein Konzept über Kinder aus Namibia, die in der DDR aufgewachsen sind, beim NDR ein (wegen Meck-Vorpolen), erhielt eine Absage – und kurz darauf einen Anruf von einer Produktion, die davor stand, diesen Auftrag mit meinem Konzept zu bekommen und so dreist war, mich nach Informationen über das Thema befragen zu wollen, weil ich ja als Spezialist für das Thema gelte. Meine Telefonnummer hatten sie von dem Redakteur, bei dem ich das Konzept eingereicht hatte. Ein wirklich netter, sehr integrer Sender…


Der Unhold, me too unloaded: Ein Raubvogel von Regisseur und die „Besetzungscouch 2.0“

Vor wenigen Jahren hätte ich seinen Namen nicht nennen können, denn er würde sofort klagen und versuchen, mich zu vernichten. Aber alles, was ich über ihn schreibe, entspricht der Wahrheit. Ich habe es entweder selbst erlebt oder aus absolut verlässlichen Quellen. Er war mächtig und nutzte seine Macht aus wie kein anderer. Selbst die Metoo Kampagne überstand er fast unbeschadet trotz erdrückender Anschuldigungen.

Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der mir auf Anhieb so unsympathisch war. Stechende, kalte, blaue Augen, wie ein Raubvogel mustert er lauernd seine Umgebung. Man glaubt nur zwei Gefühlsregungen darin erkennen zu können: Desinteresse und Verachtung. Er verachtet die Menschen, behandelt sie wie den letzten Dreck – wenn die Definition eines Alpha-Tieres oder Leitwolfs seine Berechtigung hat, dann bei ihm. Was sich ihm nicht bedingungslos unterwirft, wird vernichtet. Sein Name: Dr. Dieter Wedel

Er hielt sich für den größten Regisseur Deutschlands und hat zweifellos einige gute Filme gemacht, aber auch deshalb, weil er mit großen Budgets drehte und damit auch die besten Schauspieler engagieren konnte. Ich habe ihn zwar als überdurchschnittlich kennengelernt, aber keinesfalls als genial. Wer sich mit ihm anlegte, kam auf eine schwarze Liste und hatte es fortan schwer, Arbeit in der Branche zu bekommen, denn der Unhold hatte zu großen Einfluss. Als in den siebziger Jahren die ersten Berufsverbote auftauchten, für Linke, die in den Staatsdienst wollten, war ich total dagegen. Als ich den Unhold kennenlernte, wurde ich dann ein großer Fürsprecher der Berufsverbote, aber nur in seinem Fall. Dieser Mann hätte ins Gefängnis  gehört wegen sexueller Nötigung und hätte seinen Beruf nicht mehr ausüben dürfen.

Als ich anfing in der Branche, hörte ich immer wieder Stories über die so genannte Besetzungscouch. Auf der waren früher (dreißiger bis sechziger Jahre) Starlets und junge Schauspielerinnen (freiwillig) gerne mal, wenn sie für eine Rolle vorsprachen, Regisseuren und Produzenten zu Willen, um schneller Karriere zu machen. Das hat anscheinend auch gut funktioniert, und es gibt einige sehr gute, ältere, internationale Schauspielerinnen, die dazu stehen, dass sie auf diese Weise angefangen haben. In den achtziger Jahren, dachte ich, gibt es so was nicht mehr. Weit gefehlt. Der Unhold ist viel schlimmer. Er engagierte für seine weiblichen Hauptrollen Schauspielerinnen, mit denen er unbedingt mal ins Bett wollte, und dann wurde er richtig widerlich.

Als ich mit ihm drehte, wusste ich von all dem nichts. Der Unhold zeigte mir während der ersten Drehtage, an denen unsere Hauptdarstellerin nicht dabei war, mal ein Bild von ihr und meinte nur: „Attraktive Frau, nicht wahr?“ 

Ich nickte nur. Dann warnten mich unsere Requisiteure vor, die schon mehrere Filme mit ihm gemacht hatten, und erzählten mir haarklein, was passieren würde und wie der Unhold vorgehen würde. Ich dachte, die verarschen mich, aber es geschah genau so, wie sie es mir erzählt hatten.

Einige Tage später kam unsere Hauptdarstellerin an. Die ersten drei Tage ließ er sie in Ruhe, hofierte sie sogar. Dann plötzlich und völlig unerwartet bebte das Set. Wedel brüllte die Darstellerin völlig grundlos an, bei einer völlig nichtigen Szene: „Das ist keine Kunst, das ist Karstadt, was du hier spielst, Du bist völlig unbegabt, ich weiß nicht, wie du es so weit bringen konntest, Du solltest den Beruf wechseln!“ usw. Wir (das Team) gingen einfach weg, nach dem Motto: Ohne Publikum macht das Fertigmachen von jemandem bestimmt keinen Spaß. Das brachte ihn völlig auf die Palme. „Ihr bleibt hier, sonst schicke ich euch alle nach Hause, ich will weiterdrehen!“, schrie er. Den ganzen Tag machte er die arme Frau (eine wirklich gute und engagierte Schauspielerin) fertig, egal, was sie auch spielte. Die anderen Schauspieler wurden natürlich auch nervös, denn die Luft brannte im wahrsten Sinne des Wortes, und sie wurden immer schlechter, versprachen sich, vergaßen ihren Text, spielten lustlos – das interessierte den Unhold überhaupt nicht, kein Wort der Kritik kam über seine Lippen (und so ein Arsch glaubt, dass er der beste deutsche Regisseur ist!). Nur sein Opfer musste leiden, tagelang, bis die Stimmung plötzlich umschlug. Plötzlich war sie die Größte, er war charmant zu ihr, hofierte sie und machte ihr Komplimente – das war etwa ab dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal aus dem Zimmer unserer Hauptdarstellerin kommen sah. Hony soit qui mal y pense.

Sein Verhalten war in der Branche bekannt, viele wissen davon, es ist ein absolut offenes Geheimnis und keineswegs Insiderwissen, doch keiner hatte je den Mut ihn anzuzeigen, kein Opfer hat sich gewehrt oder Klage erhoben. Alle, inklusive mir, hatten Angst, nie wieder Arbeit zu bekommen. Bei der ganzen „Me Too“-Kampagne wurde natürlich auch er genannt, aber nicht angeklagt. Ich habe keine Ahnung, wie viele Frauen er damit kaputt gemacht hat, aber vier oder fünf Schauspielerinnen haben Kinder von ihm.

Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich für Berufsverbote bin: Man muss solchen Menschen das Handwerk legen, sie gehören einfach in den Knast. Er wurde nie für seine Taten belangt, obwohl einiges ans Tageslicht kam. Jetzt schmort er ganz sicher in der Hölle, falls es diese gibt. 

  Schwarz Rot Gold oder vom Regen in die Traufe Das nächste Projekt von Hans war wieder ein Film mit Neuenfels, aber mein Bedarf an Neuenfe...