Samstag, 14. März 2026

 


Fabrik der Offiziere, der echte Kinski, Schwejk und das Heydrich- Attentat

Es ging in den Ostblock, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich war schon mal bei einem Schulausflug nach Prag an der tschechischen Grenze hängen geblieben. Meine Haare waren länger als auf dem Passfoto, also ließen sie mich nicht rein.

Ich hatte sicherheitshalber den ADAC angerufen, ob es wegen meines Katalysators bleifreies Benzin gäbe. „Ja“, hieß es, „zwei Tankstellen in Prag.“ Leider wussten die Tankstellen nichts davon, es gab kein bleifreies Benzin. Ich musste also von den Produktionsfahrern per Kanister mit Benzin versorgt werden. Ich fuhr also durch die im Westen „Ostzone“ genannte DDR über Dresden nach Prag. Wohnen sollte ich im Interhotel Průhonice, etwas außerhalb von Prag. Das war ein Autobahnhotel, aber dennoch ganz nett, für drei Monate Aufenthalt etwas abgelegen.





Die Schauspieler wohnten im Esplanade, der Regisseur Wolf Vollmar im Pariz. Es gab nur wenige Deutsche im Team, so auch der Ton-Assistent Frank F. Ich fand das sehr witzig, denn so hieß auch der Sohn einer meiner früheren Lehrerinnen, den ich allerdings nie kennengelernt hatte. Er schaute mich erstaunt an, als ich ihm das erzählte. Kein Wunder, denn es war der Sohn meiner früheren Lehrerin und war lange mit einer Klassenkameradin von mir liiert gewesen.

Im Pariz traf ich dann den Regisseur Wolf Vollmar, ein angenehmer, sympathischer Mann, sehr kultiviert. Allerdings war er Zahnarzt, kein Regisseur, hatte aber ein paar Jahre zuvor schon kleinere Filme gemacht. Jetzt hatte er Geld für den Spielfilm aufgetrieben, und ich sollte die Dreharbeiten dokumentieren. Wir besprachen ein wenig das Konzept, leider wollte er immer wieder was anderes, sodass ich jedes Mal neu anfangen musste, da immer wieder Leute in Ungnade fielen. Die Regie-Assistentin flog sogar raus, obwohl sie überaus kompetent war, Wolfs Frau übernahm den Job. Auch sonst waren noch andere Familienmitglieder dabei. Einer von ihnen sollte mir helfen, tat aber über die ganzen drei Monate keinen Handschlag und verschwand immer, wenn ich ihn brauchte.


 Die Dreharbeiten waren nicht sonderlich stressig, denn Vollmar drehte die meisten Szenen in einer Einstellung, ohne Zwischenschnitte, deshalb waren wir immer relativ früh fertig. Das hatte zur Folge, dass er natürlich kaum Schnitt- und Kürzungsmöglichkeiten hatte. Es war also von vornherein klar, dass der Film Überlänge haben würde. Ich mochte Wolf ganz gerne, weil er noch Visionen und Träume hatte, und er mochte mich auch. Mal schenkte er mir ein Polo von sich, mal etwas anderes.


Der „Tommy Lee Jones“ aus Deutschland und der Bettler mit der Uhr

Eigentlich konnte kaum was schief gehen, denn er hatte eine ganze Reihe von guten Schauspielern am Start. Manfred Zapatka, ein brillanter Schauspieler, der mich ein wenig an Robert De Niro erinnerte, da er immer ein wenig überperfekt wirkte. Manfred war einer, der sein Handwerk oder seine Kunst sehr ernst nahm.

Karl Walter Diess war für mich allerdings die Überraschung schlechthin. Ich kannte ihn aus der Schwarzwaldklinik und hatte ihn in diversen Schurkenrollen gesehen. Er war ein völlig desillusionierter Schauspieler, der von seinen Regisseuren immer unterfordert wurde und im Prinzip nur noch wegen des Geldes schauspielerte. Was für ein verkanntes Talent! Was für eine Kraft und Ausstrahlung dieser Mann hatte! Er gab vielleicht 10 % seines Könnens und spielte mit diesen 10 % die meisten seiner Kollegen schlichtweg an die Wand. Wenn man ihn gelassen hätte, hätte er ein deutscher Tommy Lee Jones werden können, aber er wurde immer wieder nur in denselben Rollen eingesetzt. Sigmar Solbach spielte eine weitere Hauptrolle, auch er war überzeugend.

Eines Abends holte ich diese drei Schauspieler vom Esplanade ab und wollte sie zum Pariz zu einer Besprechung fahren. Es war ein kalter Januartag. Ich wollte gerade losfahren, da klopfte es an das Autofenster. Es war ein älterer, ärmlich gekleideter Mann. „Darf ich fragen, wer bitteschön der Älteste in diesem Auto ist?“, fragte er in perfektem, charmanten Schwejk-Deutsch. „Ich glaube, das bin ich“, sagte Karl Walter Diess. „Hab ich ein Problem“, antwortete der Mann, „hab ich kranke Schwester in andere Stadt, ist plötzlich in Krankenhaus gekommen. Banken sind aber zu, brauch ich 44 Kronen 25 für Zugticket hin und zurück, hab ich aber nicht. Wollt ich fragen, bitteschön, ob Sie mir geben können 44,25 Kronen gegen meine Armbanduhr, brauch ich dringend das Geld, Zug geht in Viertelstunde.“

Es war lausig kalt, er hielt uns eine Quarzuhr ins Auto, die nicht viel, aber sicher mehr wert war als die vierundvierzig Kronen, denn das waren nach unserem Spesenkurs etwa 3,70 Mark. Wir erhielten die Tagesspesen durch das Studio Barrandov zu einem Kurs von etwa 1 zu 12, etwa 70 Prozent des Schwarzmarktkurses, das konnte man definitiv nicht ausgeben bei den Preisen in der Tschechei. Während der drei Monate Dreharbeiten erhielt ich etwa 15 durchschnittliche Tschechische Jahreslöhne an Spesen.

Karl zückte 50 Kronen und gab sie ihm und gab ihm natürlich die Uhr zurück. „Das sind 50 Kronen, brauch ich nur 44,25“, sagte der Alte und gab Karl den Schein zurück: „Haben Sie nicht 44,25?“ Wir suchten in unseren Taschen und bekamen mühsam die 44 Kronen 25 zusammen und gaben sie ihm. Nun gab er uns erneut die Uhr. Wir machten ihm klar, dass er die Uhr behalten könne. Er nahm die Uhr, zog seine Jacke aus und schob sie durch das geöffnete Fenster ins Auto. „Wenn sie nicht wollen Uhr, nehmen sie halt Jacke“, sagte er. Es waren einige Grad unter Null. Wir machten ihm klar, dass er den Mantel behalten könne. Nun wollte er uns das Geld zurückgeben. Wir sagten ihm, er solle das Geld als Geschenk betrachten, das sei schon okay, er müsse sich keine Sorgen machen. Er fing an zu weinen, sagte, das ginge nicht, er habe Geld genug, nur die Bank sei zu, er schäme sich gefragt zu haben. Es kostete uns große Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass das in Ordnung sei und er sich nicht schämen müsse. Er solle sich beeilen, den Zug zu seiner Schwester zu bekommen. Er bedankte sich und ging davon, sich die Tränen aus den Augen wischend.

Wir fuhren zum Hotel Pariz im Hochgefühl, eine gute Tat begangen zu haben, und wollten Wolf Vollmar davon erzählen. Der sagte nur: „Der ist gut der Mann, was, er hat nur ein Problem, er kann sich keine Gesichter merken. Mit mir hat er die Geschichte schon 3 Mal gemacht, und ich hab ihm 3 Mal Geld gegeben. Diese Show ist echt 44,25 wert.“ Karl Walter Diess drehte sich nur zu uns um und sagte: „Was sind wir für miese Gaukler gegen diesen Mann, er war so überzeugend, er hätte einen Oscar verdient.“ Wir waren wirklich verblüfft. Drei der besten Schauspieler Deutschlands und auch ich hatten unseren Meister gefunden. Komischerweise fühlten wir uns keineswegs betrogen.


Die Schwejk-Zöllner, Schnee-Panzer und das Berlinale-Chaos 

Jedes Wochenende fuhr ich nach Berlin zu meiner Freundin und Sonntag Abend wieder zurück. Natürlich versorgte ich das Team mit Zeitschriften, was aber verboten war. Nun hatte ich keine Lust, richtig Stress zu kriegen. Also legte ich immer etwa fünf Stern, Spiegel und die Zeit offen in den Kofferraum, den ich eh aufmachen musste. Aber die tschechischen Zöllner waren auch mit Schwejk verwandt. Immer wenn sie die Zeitschriften entdeckten, trat einer ganz förmlich an mich heran und sagte: „Sie dürfen leider keine westlichen Presseerzeugnisse einführen, die muss ich beschlagnahmen“, nahm je einen Stern, Spiegel und eine Zeit weg und ließ mir den Rest – und ich konnte fahren. Das wurde bald schon zu einer Zeremonie, und die Zöllner grinsten schon, wenn sie mich kommen sahen. Die waren wirklich nicht so pingelig wie die DDR-Zöllner. Die Strecke war zwar nur etwa 350 km lang, aber über die desolaten Ostautobahnen und dann noch übers Gebirge. Manchmal lag der Schnee tierisch hoch, und einmal kam sogar die NVA mit Panzern, um uns wieder frei zu bekommen.

Ich erhielt das Programm der Berlinale und erfuhr, dass mein Film an einem Samstag um 16 Uhr Premiere haben sollte, und da wollte ich natürlich dabei sein. Leider hatten wir den Freitag vorher einen Nachtdreh, eine Panzerschlacht auf einem Warschauer-Pakt-Truppenübungsplatz, ich konnte also nicht schon Freitag am späten Nachmittag losfahren.

Die Drehs auf dem Truppenübungsplatz waren sehr merkwürdig. Ich fuhr also mit meinem Alfa mit Westberliner Kennzeichen an der daneben liegenden Kaserne vor, sagte meinen Spruch auf: „Wir drehen hier einen Film“ – und wurde ohne Kontrolle reingelassen. Stellten die Tschechen Fragen, antwortete ich mit den beiden Sätzen, die ich auf Tschechisch beherrschte: „Nemluvím česky“ – ich spreche kein Tschechisch – oder wahlweise: „Nemám tušení“ – ich habe keine Ahnung. Das reichte.






Alle Statisten, die Soldaten spielten, waren echte tschechische Soldaten. Es gab nur ein Problem: Alle wollten deutsche Soldaten spielen, keiner wollte ein russischer Soldat sein. Das war schon merkwürdig, von wegen sozialistischer Bruderstaat und so, außerdem waren wir ja im zweiten Weltkrieg die Bösen, nicht die Russen. Trotzdem, es war schwierig, sie davon zu überzeugen, Russen zu spielen.

Für die Panzerschlacht hatten wir nur 17 Schüsse aus den Panzern, weil die so teuer waren, und es gab nur 3 Panzer (T54, glaube ich). Es gibt ein großes Problem mit Schüssen, wenn man auf Film dreht, da es so schnell geschieht. Ich versuche es mal zu erklären. Der Film wird pro Sekunde 25 Mal belichtet (also 25 Bilder), aber auch 25 Mal transportiert. Belichten und Transport dauern also je eine fünfzigstel Sekunde. Nur während des Filmtransports wird das Bild über einen Spiegel ins Okular geleitet, und man kann es sehen, während der Belichtung ist es schwarz, man sieht nichts. Da das je 25 Mal pro Sekunde passiert, sieht man natürlich durchgehend ein Bild, aber die Sucher von Filmkameras flimmern deshalb. Bei Schüssen gibt es folgendes Problem: Sehe ich das Mündungsfeuer im Sucher, ist es nicht auf dem Film, oder nicht vollständig, denn wenn ich was sehe, wird der Film gerade transportiert, aber nicht belichtet. Verstanden?






Wir drehten zwar mit 3 Kameras, aber wenn man Pech hat, sieht man nur jeden zweiten Schuss oder noch weniger, das ist Glückssache und nicht beeinflussbar. Wir hatten relativ viel Pech, zudem die tschechischen Kameramänner relativ unkoordiniert die Panzer verfolgten und zusätzlich noch manchen Schuss versäumten. Wir hatten am Ende 7 Schüsse, mehr nicht. Es war eine ziemlich mickrige Panzerschlacht.


Der „Letzte Raucher“ auf der Berlinale und der echte Kinski                                       Jetzt fing es auch noch an zu schneien, und als ich um drei Uhr früh losfahren wollte, erzählten sie mir, dass der Grenzübergang Zinnwald geschlossen war. Ich musste also mit Sommerreifen im Schneegestöber einen Umweg über Hof machen. Ich schaffte es mit Ach und Krach in den Westen. Es gab ja kein bleifreies Super in der ČSSR, ich musste es also in den Westen schaffen. Mit dem letzten Tropfen erreichte ich eine Tankstelle und schlief an Ort und Stelle ein. Halb erfroren wachte ich eine halbe Stunde später auf und schleppte mich auf spiegelglatten Straßen nach Berlin. Um 15 Uhr war ich zu Hause, um 16 Uhr sollte die Premiere sein.

Ich schleppte mich also total müde und unrasiert in den Zoopalast, war aber überhaupt nicht aufgeregt, dafür war ich viel zu müde. Ich nahm die Zuschauer nur als eine Masse im Dunkeln wahr. Natürlich wurde ich vom Moderator zuerst gefragt, ob ich selbst rauche. Dafür hatte ich sicherheitshalber eine brennende Kippe hinter meinem Rücken gebunkert. Die Lacher waren auf meiner Seite, als ich „Nein“ sagte, die Zuschauer aber die rauchende Zigarette entdeckten.

Dann wurde mir gesteckt, dass ich Chancen auf den Goldenen Bären habe. Daraus wurde leider nichts, denn aus politischen Gründen gewann ein nichtssagender, chinesischer Film. Gut, mein Film war auch nicht so der Superhit, aber besser als die anderen.

Ich fuhr also wieder in die ČSSR zurück, bepackt mit allen möglichen Bestellungen von meinen tschechischen Kollegen. Einige wollten sogar Joghurt oder Waschpulver mitgebracht haben, das hab ich dann nicht gemacht, denn das dortige Waschpulver war auch okay. Dem Nachtportier musste ich immer Schallplatten mitbringen, er war ein supernetter Typ, noch sehr jung und hieß Kinski. Ein echter Kinski, nicht wie unser Klaus, der den Namen ja nur angenommen hat. Die Kinskis waren reiche tschechische Adlige und hatten nach ’45 alles verloren. Ich habe mich sehr gefreut, als ich nach der Wende hörte, dass die Kinskis fast alles zurückbekommen haben, so ein netter Typ wie er, hat es verdient. Ich gönn’s ihm.


Das „Bonzen-Restaurant“ und die Geheimnisse des tschechischen Widerstands

Nach einigen Wochen ČSSR hatten wir natürlich die Speisekarte in den beiden Restaurants des Hotels schon hoch und runter gegessen, da entdeckte ich auf dem Hotelgelände, im Garten, noch ein kleines Häuschen. Abends war es beleuchtet, und ganz selten sah ich jemanden hineingehen. Ich fragte Kinski. Es war nicht etwa ein Bordell, es war ein Restaurant für Bonzen, die kamen allerdings nur einmal pro Woche nach Voranmeldung.


Am nächsten Tag war ich beim Hotelmanager und machte ihm klar, dass wir dort gerne essen würden. Er wand sich wie ein Aal, aber mein Argument, dass wir schließlich mit 20 Leuten hier monatelang wohnten, überzeugte ihn. Wir durften, wenn keine Bonzen kamen, dort essen. Der Gastraum war sehr klein, es gab nur 4 Tische. Die Kellner waren perfekt, aber super arrogant; wenn man mal ein falsches Besteckteil nahm, schauten sie ganz abschätzig. Das Essen war sensationell, das Feinste vom Feinen, aber supergünstig. Für 5 Mark konnte man sich volllaufen lassen und gut essen. 

Nachdem die Kellner gemerkt hatten, dass wir weitaus netter und unkomplizierter waren als die Bonzen, holten sie den Koch aus der Küche, der machte uns Menüvorschläge für die folgenden Tage und kochte dann speziell für uns. Einen ganz gravierenden Nachteil hatte die Sache allerdings: Jeder von uns hat in dieser Zeit mindestens 5 Kilo zugenommen.

Der Produktion ging inzwischen das Geld aus, es wurde immer schleppender bezahlt. Neue Geldgeber wurden gesucht. Ich machte den Vorschlag, nach Berlin zu fahren und dort eine Art Trailer zu schneiden, also so einen kleinen Vorschau-Werbefilm und den mit zu potentiellen Investoren zu nehmen. Wolf war begeistert. Ich fuhr also hin, ließ mir das 35 mm Material auf Video überspielen und fing an zu schneiden. Der Trailer war superlangweilig. Ich warf alle moralischen Bedenken über Bord, konzentrierte mich auf die wenigen Actionszenen, die ich auf Kürze und Schnelligkeit schnitt, dann riss ich bedeutungsschwangere Sätze aus verschiedenen Szenen aus dem Zusammenhang und reihte sie passend, neu aneinander, sodass sie einen Sinn ergaben und eine spannende Geschichte erzählten, aber definitiv nichts mehr mit dem wirklichen Inhalt des Films zu tun hatten, und siehe da, es sah spannend aus und hörte sich super spannend an.

In Prag zurück, schauten sich alle den kurzen Film an. Manfred Zapatka sagte nur: „Ich wusste gar nicht, dass ich in so einem spannenden Film mitspiele.“ Wolf war zufrieden. Der Film wurde kopiert und an die potentiellen Geldgeber geschickt, und – sie sprangen auf! Falls diese ihr Geld nicht zurückbekommen haben, möchte ich mich hiermit in aller Form dafür entschuldigen.

Ich habe bei dieser Produktion gut verdient und leider, auch bedingt durch die vielen Konzeptänderungen durch Wolf und mangelnde Hilfe, die mir aber fest zugesagt worden war, eine relativ lausige Arbeit abgeliefert, aber allein diese Aktion war meine Gesamtgage wert, denn sie hat wahrscheinlich die gesamte Produktion gerettet.

Natürlich gab es bei der Produktion auch Dolmetscher, weil nicht alle Tschechen Deutsch sprachen, die sprachen das typische Schwejk-Deutsch, das sich sehr charmant anhört. Das hatte zur Folge, dass sich innerhalb kurzer Zeit fast alle Deutschen im Team im gleichen Tonfall unterhielten. Einer von den Dolmetschern war ein Historiker, eigentlich Professor an der Universität, und hatte den tschechischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg recherchiert. Als er seine Untersuchungen fertig hatte und veröffentlichen wollte, war er plötzlich Fremdenführer und kein Professor mehr.

Er gab mir einen Teil seiner Untersuchungen in Kopie. Der tschechische Widerstand war eben nicht so heldenhaft gewesen: So gelang es den Alliierten nicht, die Skoda-Werke, einen Rüstungsbetrieb, zu bombardieren. Damit die Bomber den Weg fanden, sollten jeweils eine Scheune vor und eine Scheune hinter den Werken angezündet werden. Eine Scheune wurde von Exiltschechen angezündet, die mit dem Fallschirm abgesprungen waren, die andere sollte vom lokalen Widerstand gezündelt werden, die zogen aber vor, zu Hause zu bleiben. Bei nur einer brennenden Scheune hatten die Bomber jedoch keine Orientierung, und es konnten dort weiter Waffen produziert werden. 





Das Heydrich-Attentat: Historische Korrekturen

Auch seine Untersuchungen des Heydrich-Attentats fielen anders aus, als die Regierung gewünscht hatte. Heydrich nahm immer den gleichen Weg in sein Büro und, entgegen Hitlers Anweisung, fuhr er ohne Eskorte. Einige Exiltschechen aus England taten so, als würden sie in einer engen Kurve, die Heydrich Tag für Tag passierte, an der Begrünung der Rabatten arbeiten. Man grüßte sich schon gegenseitig. Am Tag des Attentats ging alles schief, das Maschinengewehr des Schützen hatte Ladehemmung.                                      Anstatt durchzustarten, ließ Heydrich anhalten und befahl seinem Fahrer, die Attentäter zu verfolgen. Dessen Pistole erwies sich als genauso unzuverlässig. Ein Attentäter warf eine Handgranate, die hinter dem Auto explodierte. Heydrich wurde nur leicht am Rücken verletzt. Nachdem man Heydrichs Fahrer den Daumen weggeschossen hatte, flüchteten die Täter. Hitler befahl einen Rachefeldzug gegen die Tschechen, dem sich Heydrich widersetzte („Meine Tschechen machen das nicht“, soll er angeblich gesagt haben), denn für ihn deuteten alle Indizien auf eine von England aus geplante Aktion, womit er Recht hatte. Wenige Tage später starb Heydrich an einer Blutvergiftung, verursacht durch die Rosshaarpolsterung seines Autos. Erst nach seinem Tod ordnete Hitler die Massaker in Lidice und anderen Orten an.

Eine weitere Mär ist die Bombardierung Prags durch die Deutschen, die die Stadt nie bombardiert haben. Die wenigen Bomben, die auf Prag fielen, kamen aus englischen Bombern, die Prag mit Dresden verwechselten, aber es schnell merkten. All dies machte ihn urplötzlich zum Fremdenführer und unserem Dolmetscher.

Es war eine schöne Zeit in Prag, die Stadt ist eine der schönsten der Welt, und sie hatte auch schon zur Vorwendezeit ihren Charme. Nie, aber auch niemals wurden wir von den tschechischen Behörden drangsaliert oder schlecht behandelt. Selbst meine Strafzettel konnte ich in einheimischer Währung bezahlen. Sie haben sich wirklich vorbildlich und human verhalten, im Gegensatz zu vielen DDR-Grenzern.

Nun hieß es Abschied nehmen, ich hatte nur ein Problem, ich hatte noch wahnsinnig viele Kronen, die ich nicht umtauschen konnte und durfte nur für 1000 Kronen Waren ausführen, das waren etwa 70 Mark. Antiquitäten durfte man nicht ausführen, Grundstücke kaufen ging auch nicht. Also kaufte ich Kristalllüster, Modeschmuck, Klamotten bei Designern, die es dort gab, Uhren, Teddybären, bis mein Auto bis unter das Dach voll war. Für eine Kaminuhr aus Porzellan bekam ich eine Quittung über 940 Kronen, die hob ich auf. Etwas mulmig war mir schon, als ich in Zinnwald ankam.

Die Zöllner kannte ich ja mittlerweile alle. „Gehen Sie zurück nach Deutschland?“, fragte mich einer listig. „Ja“, antwortete ich.                                                                                                       Jetzt kam das unvergleichliche Spiel, was man kaum beschreiben kann, wenn man den Schwejk nicht gelesen hat und die tschechische Mentalität ein wenig versteht. „Haben Sie etwas zu verzollen?“, fragte der Zöllner feist grinsend. „Ja“, antwortete ich, öffnete meinen total überladenen Kombi, einige Kisten fielen raus, und fand endlich den Karton mit der Kaminuhr. Ich gab ihm die Quittung über 940 Kronen. Er machte sich fast in die Hosen vor Lachen und antwortete todernst: „Sie hätten noch für 60 Kronen mehr einkaufen können, denken Sie das nächste Mal daran. Gute Reise.“ 


Ich bedankte mich und fuhr nach Hause. Nicht, dass die tschechischen Zöllner nachlässig waren, aber sie hatten wohl gemerkt, dass ich ihre Großzügigkeit bei fast 20 Fahrten nie ausgenutzt hatte, sondern immer freundlich war, und wenn ich was zu verbergen hatte, es eben nicht verbarg, sondern es ihnen offen zeigte (z.B. Westpresse), und sie entscheiden ließen, ob das okay war oder nicht. Sie kannten mein Spesenproblem (zu viel Spesen, um sie ausgeben zu können) und zeigten einfach ihre menschliche Seite. Ich hatte auch absolut nichts Illegales gekauft, nur Waren, die ich auch ausführen durfte.


Jetzt fiel ich bei unserem Regisseur und Produzenten Wolf auch in Ungnade. Es wurden später noch weitere fünf Wochen für eine Fernsehserie des Films gedreht, und wieder war das Geld knapp. Wolf erwartete, dass ich diese fünf Wochen ohne Bezahlung arbeite und dann auch noch meine Dokumentation schneide. Das konnte ich aber nicht tun, ich musste ja von irgendwas leben, zwei Wochen, kein Problem, aber keine zwei Monate, sorry.


Es gibt noch eine Anekdote, aber ich weiß nicht, ob sie der Wahrheit entspricht. Karel Kochman, der tschechische Produktionsleiter (Studio Barrandov) des Films, erzählte sie uns. Bei den Verhandlungen über die Kosten der Produktion, die das Studio dem Produzenten in Rechnung stellen sollte, stürmte Wolf angeblich das Büro der Tschechen, schlug auf den Tisch und sagte: „Ich bezahle (ich weiß die Zahl nicht mehr) x Millionen Kronen und keinen Pfennig mehr.“ Die Tschechen zogen sich erstaunt zur Beratung zurück und sagten dann zu, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, zu handeln. Das war auch nicht nötig, eigentlich hatten sie 1 Million Kronen weniger erwartet.

Freitag, 13. März 2026

 Der letzte Raucher

Es war November und schweinekalt, regnerisch, superschlechte Luft. Ich musste zum Steuerberater und stand an der Bushaltestelle Lehniner Platz in Berlin. Horst Buchholz stand da auch rum und wartete. Er sah noch genau so aus wie bei den „Halbstarken“, genau so schlank, nur jetzt halt mit ein paar Falten. Er musste irgendwo hier wohnen, denn ich hatte ihn schon öfter gesehen. Auch drei alte Damen warteten auf den Bus, ein junges Mädchen rauchte ein Stück entfernt. Die Autos fuhren in Schlangen vorbei, Abgasschwaden hinterlassend. Die Damen mokierten sich über das junge Mädchen, dass es doch eine Frechheit sei, in ihrer Nähe zu rauchen – die Autoabgase ignorierten sie völlig. Mein Gott, wo soll das noch enden, dachte ich, wenn man jetzt nicht mal mehr auf offener Straße rauchen darf. Der Bus kam, und wir stiegen ein. Jetzt hörten die alten Damen auf, über das Mädchen zu schimpfen, denn sie hatten Horst Buchholz entdeckt, der auch eingestiegen war. Sie kicherten und zeigten fast mit dem Finger auf ihn. Buchholz sah müde aus.




Der Steuerberater machte mir klar, entweder musste ich noch etwas investieren, oder das Finanzamt schlug unbarmherzig zu. Das wollte ich nun auch nicht, doch irgendwas Nutzloses kaufen, nur wegen des Finanzamtes, nö. Ich hatte mir gerade meinen ersten Alfa Romeo gekauft, nicht weil ich einen Alfa wollte, ich wollte nur einen Kombi mit Katalysator, und überall hatten Sie mir erzählt: „Bloß nicht – das wird nie Gesetz, rausgeworfenes Geld!“, und wollten mir partout kein Auto mit Kat verkaufen. Bei Alfa stand ein schöner, silberner 33 Kombi rum, und der hatte einen, und die wollten mir den auch verkaufen. Um es gleich mal vorweg zu sagen, für alle Lästerer – es war ein guter Kauf. 110.000 km in vier Jahren, nicht eine Reparatur, mal abgesehen von den abgefallenen Fensterkurbeln, herausgesprungenen Heckklappenfedern und sonstigem Kleinkram, den ich aber selbst beheben konnte. Der Boxermotor hörte sich schon neu an, als sei er kaputt, hielt aber auch beim folgenden Besitzer.

Also Auto kaufen ging nicht. Die Rauchern wird es immer mehr an den Kragen gehen, die sterben bald aus, dachte ich. Ich musste auch noch immer an die Omas und das Mädel denken, die hätten am Liebsten eine Bombe unter ihr gezündet. Bombe, Zünder. Da hatte ich eine glorreiche Idee! Ich finanzierte einen Kurzfilm, der mir gerade eingefallen war. Ich brauche eine Toilette, so mit Herz drin in der Tür, einen Acker, 35 mm Filmmaterial, keine Schauspieler – Mist, Bombe bedeutet Pyrotechniker.

In Lübars wurde gerade ein historischer Film gedreht. Mein Freund Bernd Hübner sagte mir, da kannst du ’ne Toilette kriegen. Sie sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Für 100 Mark war sie mir, und für weitere 50 stand sie auf einem schneebedeckten Acker, ganz einsam. Der Bauer bekam einen Fuffi, dafür durfte ich ein Loch in seinen Acker sprengen. Der Pyrotechniker Lothar Tropp verlangte 1000, für Schauspieler und Musik war kein Geld da. Die Kamera bekam ich von Achim Onnasch, dem Kameraverleiher für lau. Der Titelgenerator kostete auch was, der Rest waren Kopierwerkskosten.

Die Filmmusik entstand bei Michael Marszalek, das heißt, ich klopfte auf eine Stuhllehne, und das wurde mit Echo aufgenommen, dann gaben wir noch ein wenig Sphärenklang dazu. Die Tonmischung und den Ton machte mein Freund Frank Massholder, von Thurnau Film. Es wurde, sagen wir mal, ein Low-Low-Budget-Film für 3000 Mark, aber auf 35 mm Kinoformat und später in englischen, spanischen und französischen Versionen.

Die Geschichte ist ganz einfach. Ich filmte einen Monitor ab, darauf war als Rolltitel zu lesen: Auszug aus dem Videogeschichtsbuch: Thema Raucher. „Nach jahrelangen Kämpfen zwischen Rauchern und Nichtrauchern befanden sich die Raucher weltweit auf dem Rückzug. Man glaubte sie schon ausgestorben, da entdeckte man: Den letzten Raucher.“ Totale im Schnee mit Toilette auf einem Acker. Aus dem Herz kommt eine Qualmwolke. Man hört jemanden auf die Toilette zugehen und fragen: „Entschuldigen Sie bitte, sind Sie Raucher?“ Aus der Toilette antwortet jemand mit „Ja“. Dann sieht man eine Eierhandgranate unter der Tür durchfliegen und die Toilette explodiert in 1000 Teile. Nun kommt wieder der Rolltitel: „Sie sahen den letzten Raucher. Der Gesundheitsminister warnt: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit.“


Filmfestspiele Berlin, der tote Günther und die DDR-Panzer

Die Dreharbeiten waren wider Erwarten gefährlich, denn die Tür kam direkt auf mich zugeflogen, drei Meter weiter und sie hätte mich erschlagen. Es waren etwa 30 Leute am Drehort, alles Freunde vom Film, alle kamen auf den Titel, damit der Film länger als 1 Minute dauerte.

Nun kam das Ganze ins Kopierwerk, ich wartete dort auf die erste Kopie. Dort traf ich Günther Stocklöv, einen Produktionsleiter, der mir eine Dokumentation in der Tschechei anbot – drei Monate im Winter. Ich nahm trotzdem an, konnte nicht ahnen, dass es so schweinekalt dort sein würde. Zur Strafe ließ ich ihn zwölf Jahre später umbringen und die Leiche verbrennen. Kein Scherz. Ich muss allerdings gestehen, dass Günther in diesem Fall Schauspieler war und ich der Regisseur. Er spielte das Mordopfer bei einem Fall für die „Fahndungsakte“ auf SAT1.

Günther war gerade gegangen, und da lag ein Tagesspiegel rum, ich blätterte ein wenig und las, dass heute der Annahmeschluss für die Filme der Berlinale waren. Ich hatte noch zwei Stunden. Die Kopie war fertig, und ich fuhr sofort ins Büro der Filmfestspiele, füllte den Antrag aus und ließ die Kopie da. Zehn Minuten vor Annahmeschluss.

Einige Wochen später, ich war gerade dabei, die Dokumentation zum Kinofilm: „Fabrik der Offiziere“ vorzubereiten, klingelte das Telefon. „Filmfestspiele Berlin“, meldete sich die andere Seite. Aha, die Absage. Sie kommt immer telefonisch.  

Zu meiner großen Verwunderung sagte die Stimme: „Herzlichen Glückwunsch, Ihr Film ist offizieller deutscher Kurzfilmbeitrag im internationalen Wettbewerb der 38. Filmfestspiele Berlin.“ „Keine Verarschung?“, fragte ich. „Nein, Sie müssen unbedingt ein Foto für den Katalog vorbeibringen, am besten morgen.“

Ich musste mich setzen. Eigentlich hatte ich den Film nur aus Jux gemacht und auch ohne Erwartungen eingereicht. Und nun das! Jetzt wurde ich sogar gezwungen, Fotos zu machen, und dann drohte noch die Tschechei. Ostblock, Gulag, Eiserner Vorhang, aber auch Schwejk.


Donnerstag, 12. März 2026

 Didi Hallervorden und Whopper Punch

Ich sollte Assistenz bei einem Spielfilm machen, er hieß „Whopper Punch – Zimmer 777“. Der Film war ein Kinderfilm, Rudi Kaufmann spielte die Hauptrolle. Das Interessante an diesem Film war mein Material-Assistent. Er war ein ruhiger und humorvoller Bursche, der alles in sich aufsog und nur für das Kino lebte. Er war kompetent in seinem Job und arbeitete nebenher noch als Vorführer in einem Kino. Ich freue mich ganz besonders, dass er das geschafft hat, was mir nie vergönnt war, auch weil ich nicht ehrgeizig genug war (allerdings auch nie rumgeschleimt habe und keine Leichen im Keller habe). Ihm ist es gelungen, wirklich große Filme zu machen. 

Sein Name: Frank Griebe, mit „Lola rennt“ begann seine große und, wie ich hoffe, langandauernde Karriere.




Nun kommen wir zu einem Schauspieler, an dem sich die Geister scheiden. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn, können aber nicht verleugnen, dass er ein Stück deutscher Fernsehgeschichte geschrieben hat und ein begabter Schauspieler ist. Schon in einem seiner frühen Filme: „Der Springteufel“, muss jedem klar gewesen sein, was für ein Talent in ihm schlummert. Unvergessen seine Rolle als Killer in „Das Millionenspiel“. Ich rede von Dieter Hallervorden. Ich habe über einen Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder mit ihm arbeiten dürfen, und wenn ich auch seinen Humor nicht immer mochte, musste ich doch immer anerkennen, dass er ein Superprofi ist, der für seinen Job lebte.

Dieter hat, im Gegensatz zu vielen anderen Komikern, die privat total humorlos sind, wirklich Humor. Das bedeutete, dass er natürlich auch bei den Dreharbeiten seinen Spaß haben wollte. Das hatte zur Folge, dass jeder mal dran war und von Dieter verarscht wurde. Wenn man kontern konnte, war das kein Problem, denn er konnte es sehr wohl ab, wenn man ihn auch durch den Kakao zog. Blöd natürlich für die, die nicht schlagfertig genug waren.

Dieter testete seine neuen Gags im Team, indem er sie beiläufig vorspielte oder erzählte und beobachtete genau, wie wir darauf reagierten. Auch wenn irgendein Teammitglied einen Gag machte oder einen Witz erzählte, war Dieter sofort hellhörig und ließ sich den Witz nochmal erzählen, wenn er ihn verpasst hatte. Ein Profi halt, der alles aufsaugte, was für ihn verwendbar war.

Natürlich spielte in fast allen Filmen, die ich mit ihm gemacht habe, Rotraut Schindler mit, seine Ex-Frau, mit der ihn eine Art Hassliebe verband. Die beiden warfen sich humorvoll allerlei an den Kopf, wobei ich mir sicher bin, dass nicht wirklich alles humorvoll gemeint war, sondern dass sie einen kleinen posthumen Ehekrieg vor allen Leuten ausfochten, und keiner hat davon was mitgekriegt. Nur Natalie, die Tochter der beiden, die auch mitspielte, dürfte genau gewusst haben, was Ernst und was Spaß war.

Privat verkehrte er oft, auch mit Teammitgliedern, in Kneipen am Stuttgarter Platz in Berlin, das ist so eine Art Mini-Rotlichtviertel. Morgens kam er dann unrasiert an, roch nach Alkohol, war angetrunken und gut drauf, und hatte natürlich seinen Text nicht gelernt. Aber kein Problem für Dieter! Hallervorden hat eine Art fotografisches Gedächtnis, das heißt, während er sich anzog und geschminkt wurde, schaute er kurz über den Text, und schon hatte er ihn drauf. Jetzt gibt es natürlich ein Problem: War das alles echt, mit dem angetrunken sein, oder war es gespielt? Ich muss zugeben, obwohl ich Jahre mit ihm gedreht habe, weiß ich es bis heute nicht, denn dafür ist Dieter ein zu guter Schauspieler, auch wenn das nun viele Leute nicht glauben.

Was mich immer ein wenig nervte, waren die ganzen Schmeißfliegen oder sogenannten Freunde, die ihn umschwirrten, Typen, die sich bei ihm anbiederten, weil sie durch ihn auf eine Karriere hofften, Typen, die mit ihm durch die Kneipen zogen. Die waren natürlich bevorzugtes Opfer seiner Scherze, dennoch hat Dieter einigen von ihnen zu einem Karrieresprung verholfen. Manche von ihnen gingen subtiler vor, zum Beispiel ein Typ namens Thomas, der sich am geschicktesten dabei anstellte und später Karriere als Regisseur machte.

Hallervorden respektierte mich, und ich glaube, er mochte mich auch, denn er lud mich über die Jahre immer wieder ein, doch einmal mitzukommen, bei seinen Ausflügen durch das Berliner Nachtleben. Ich habe es nie getan, obwohl es vom Stuttgarter Platz nur 500 Meter nach Hause waren, das hätte ich auch auf allen Vieren geschafft. Er war darüber nicht sauer und respektierte meine, mit der Zeit doch fadenscheinigen Ausreden. „Ich wäre gerne mal mitgegangen, lieber Dieter, denn ich konnte Dich gut leiden, war ein großer Fan Deiner Spontanität, Deines Talentes, doch nicht zusammen mit den Schleimern, sorry, und von denen war immer einer dabei.“ Ich arbeitete gerne mit Hallervorden zusammen, mochte ihn und seinen Humor, hatte viel Spaß und habe auch viel von ihm gelernt. Er hat nie erfahren, dass gerade sein Metier, nämlich humorvolle Sketche und Stücke, genau das war, was ich immer machen wollte, dass ich vor Ideen sprühte und ihm am liebsten die einmal mitgeteilt hätte. Ich tat es nie, weil in jeder freien Minute immer so ein „DieterhierDieterda-Mensch“ um ihn rumwuselte.


Der „30. Urenkel Karls des Großen“ und der „Skilehrer-Charmeur“

Regie führte meistens Ralf Gregan, dessen Sohn auch als Aufnahmeleiter dabei war. Ralf war ein netter Kerl, kannte Hallervorden schon ewig lange, war zwar ein guter Regisseur, aber ohne ein besonderes Faible für Komödien, wie komischerweise fast alle Regisseure, die mit Hallervorden drehten.

Dann gab es auch noch andere Regisseure wie zum Beispiel Stefan Lukschy, der von sich behauptete, er sei der 30. Urenkel von Karl dem Großen. Stefan war nicht schlecht als Regisseur, aber er war ein kleiner Snob, der sich stundenlang mit Jörg Seidl, dem Kameramann, über die richtige Schuhcreme für braune Schuhe unterhalten konnte, denn für ihn gab es nur John Lobb Number 5, die er sich aus England einfliegen ließ. Dennoch war Stefan auch ein ganz netter Kerl, aber halt auch ein Snob. Das ging Hallervorden total auf den Keks, denn Dieter war ein recht einfacher Mensch (im positiven Sinne), ohne große Allüren, außer der Produktion gegenüber, der sich relativ schnell mit jedem anfreundete und nicht den Star raushängen ließ.

Die beiden gerieten fast täglich aneinander, und es eskalierte soweit, dass Hallervorden ihm sagte, er solle erstmal seinen Job richtig lernen, worauf sich Stefan unglücklicherweise auf einen Glastisch in der Dekoration setzte, dessen Scheibe prompt brach.

Jörg Seidl, der Kameramann von Stefan Lukschy, war Österreicher, ein richtiger Charmeur. Mit seinem Charme und Wiener Schmäh lief er aber bei Rotraud Schindler, einer waschechten Berliner Pflanze, völlig auf, die ihm dann immer, wenn er mal wieder den Charmeur raushängen ließ, nur spöttisch entgegnete: „Sie mit Ihrem Skilehrer-Charme.“

Das Team dort war eine einzige große Familie, wir hatten schon ganz viele Filme zusammen gemacht, waren alle per Du miteinander, auch mit Dieter Hallervorden. Natürlich war Hallervorden auch ein knallharter Geschäftsmann, der seine Interessen gegenüber der Produktionsfirma beinhart und nicht immer auf die feinste Art durchsetzte, aber er war halt auch der Star, der das Geld und den Sendeplatz brachte.


Die Live-Aufzeichnungs-Katastrophe: Der „Nerd“, die Panik-Assistentinnen und der Filmrest

Einmal drehten wir ein Theaterstück („The Nerd – Die Laus im Pelz“) live mit drei Kameras – mit Hallervorden in der Hauptrolle. Leider ging das total in die Hose. Rolf von Sydow war der Regisseur, ein guter Mann, ohne Zweifel, aber der Falsche für eine Aufzeichnung mit drei Kameras, wo man ganz anders vorgehen muss als bei einem Fernsehfilm, wie ich mittlerweile aus eigener Erfahrung als Studioregisseur weiß. Der zweite Fehler war, dass die Regie-Assistentin und das Continuity Girl, die das auch noch nie gemacht hatten, keine Ahnung von den völlig anderen Bedingungen hatten.

Ich machte eine der Kameras und hatte die Materialeinteilung geplant. Da wir auf 16 mm mit Videoausspiegelung drehten, gab es ein Problem: Eine Rolle Film hält genau 11 Minuten und 38 Sekunden. Das heißt, wenn alle Kameras gleichzeitig eingeschaltet werden, sind auch alle Kassetten gleichzeitig durch, und neue Kassetten müssen an die Kameras angedockt werden. Das geht aber nicht bei einer Liveaufzeichnung, denn dann fehlen die 20 Sekunden, die man braucht, um neue Kassetten anzudocken.

Ich hatte also das Drehbuch durchgelesen und hatte Punkte festgelegt, an denen jeweils nur eine Kamera neuen Film einlegt, und zwar an Stellen, an denen sie definitiv nicht gebraucht wird, weil andere Kameras im Einsatz sind und die benötigten Bilder liefern können. Wir hatten 36 Rollen Film, also 132 Minuten für jede Kamera, mehr als genug bei einem Stück von 90 Minuten, und wir hatten 18 Kassetten für die Kameras. Der Material-Assistent musste also in 90 Minuten maximal 18 Kassetten mit neuem Film bestücken, wenn alles wie geplant läuft, sogar nur 9, die restlichen Rollen waren Reserve, normalerweise kein Problem. Ich hatte ihn angewiesen, die Restfilme einfach wegzuwerfen, das waren nach meinen Berechnungen zwischen 5 und 20 Meter Film pro Kassette, solch kurzen Reste benutzt kein Mensch mehr.

Nach neuneinhalb Minuten sollte die erste Kamera den Film wechseln. Etwa nach 10 Minuten die zweite, etwa zehneinhalb bis 11 Minuten, jeweils die dritte usw. Da konnte einfach nichts schief gehen. Wir fingen an. Nach dem ersten Kassettenwechsel wurde es plötzlich hektisch in der Regie. Rolf rief verzweifelt nach einer Kamera, die er brauchte, aber die gerade neu einlegte. Das konnte eigentlich nicht sein – waren die zu langsam oder was war passiert? – Eine andere Kamera versuchte, den Schuss zu bekommen, das wurde natürlich unsauber, denn diese Kamera hätte eigentlich etwas anderes machen sollen. Jetzt kam alles durcheinander. Wie konnte das passieren, es war alles so gut geplant! Die Laufzeiten der Kassetten kamen mir auch unheimlich kurz vor, das waren nie im Leben 10 Minuten.

Ich konnte nur nicht eingreifen oder irgendetwas kontrollieren, denn ich stand ja an der Kamera und musste Bilder abliefern, und bei jedem Kassettenwechsel hatte ich nur 20 Sekunden, also auch keine Zeit, um irgendwas zu klären. Wir mussten 15 Minuten vor Ende des Stückes abbrechen, der Material-Assistent war kurz vor dem Infarkt, denn er schaffte es nicht, die Kassetten einzulegen, und das Material war alle. Unmöglich, warum? Neun Kassetten in 90 Minuten, das musste er schaffen. Alle Assistenten halfen ihm nun in der Dunkelkammer, neuen Film einzulegen, wir drehten auf 40 bis 50 Meter Resten weiter, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen.

Die ersten Reste in dieser Länge hatte er weggeworfen, wie ich ihm gesagt hatte, nur sollten die Reste maximal 20 Meter lang sein, nicht 50. Wir schafften es gerade noch so, das Stück mit dem Restmaterial aufzuzeichnen. Das Ergebnis war eine Katastrophe, die Kameras nicht im richtigen Moment an der richtigen Stelle, unruhige Bilder – dabei war alles so gut geplant und es standen drei Profis an den Kameras.


Die „Hühner“ der Regie-Assistenz und der unwillige Aschenbecher

Ich brauchte einen vollen Tag, um zu verstehen, was passiert war, denn das hätte nicht passieren dürfen. Die Schuldigen waren die Mädels von der Regie-Assistenz und Continuity. In Panik und völlig überfordert, weil sie dachten, dass es passieren könne, dass plötzlich eine Kamera ohne Material dasteht, hatten sie eigenmächtig den Kameras an den falschen Stellen das Kommando zum Kassettenwechsel gegeben, teilweise schon nach 5 oder 6 Minuten, und hatten meine fest geplanten und geprobten Zeitpunkte zum Umlegen einfach ignoriert, ohne es irgendjemandem zu sagen oder mich zu fragen, ob das möglich sei. Und dies, obwohl die Proben wundervoll gelaufen waren und es gar keinen Grund gab, irgendetwas zu ändern. Da sie auch die Auflösung der Szenen nicht perfekt im Kopf hatten oder überblicken konnten, führte das dazu, dass die Kamera, die umlegte, manchmal gerade gebraucht wurde, jetzt musste eine andere Kamera aushelfen, um den Schnitt aus weitaus ungünstigerer Position zu bekommen, die aber dann teilweise nicht für ihre eigentliche Einstellung frei war. Dadurch kam alles durcheinander, und das Chaos begann. Der Material-Assistent warf am Anfang die Reste weg, die nun teilweise 50 Meter lang statt 10 waren und hatte nach 25 Minuten, statt 6 Kassetten zum Umlegen, plötzlich das Doppelte dort stehen.

Total in Panik machte er trotzdem einen guten Job, legte schnell um, und bemerkte auch, dass irgendwas nicht stimmen konnte, deshalb warf er die langen Reste clevererweise nicht mehr weg, denn ich hatte ja von maximal 20 Metern geredet, sondern packte sie zurück in die Filmdosen, was uns später rettete. Natürlich brauchte er dafür doppelt so lange, und irgendwann kam er nicht mehr hinterher, und wir mussten abbrechen. Da keiner mitbekommen hatte, dass die „Hühner“ von der Regie-Assistenz am Chaos schuld waren, auch ich nicht, dachten wir zuerst, irgendjemand habe Filmmaterial aus der Dunkelkammer geklaut, deshalb habe es Probleme gegeben.

Bis mir das Continuity Girl am nächsten Tag sagte: „Du, wir haben übrigens aus Sicherheitsgründen früher die Kassetten wechseln lassen, das war uns zu riskant, was Du geplant hattest, guck mal – hier haben wir nach 6 Minuten gewechselt, da nach 7 Minuten“ usw. Ich fiel fast tot um. Wir hatten das Wechseln an den von mir vorgegebenen Stellen sogar mehrmals ohne Filmmaterial geprobt, bei unseren Durchlaufproben, und es hatte immer reibungslos geklappt. Der ganze Ablauf, die ganze Auflösung der Aufzeichnung, war auf diese Punkte ausgerichtet. Da war nichts riskant, man musste nur wie geplant seinen Job machen und sonst nichts.

Sie hatte immer noch nicht kapiert, dass sie mit der eigenmächtigen Änderung das Chaos verursacht hatten und eine perfekte Ablaufplanung, die eigentlich absolut pannensicher war, in eine Katastrophe verwandelt hatten, weil nichts, aber auch nichts mehr kameraseitig so ablaufen konnte, wie es tagelang geprobt war. Auch als ich ihr wütend klarmachte, was sie angestellt hatte, verstand sie nur Bahnhof. Sie hatte eben keine Ahnung von ihrem Job, es war erst ihr zweiter oder dritter Film, aber sie sah gut aus, das hilft wahrscheinlich karrieremäßig weiter.

Was tun? Sie bei der Produktion anschwärzen? Vielleicht verlangte die Schadensersatz, und die Mädels waren ruiniert. Ich beschloss schweren Herzens, bei der Version mit dem gestohlenen Material zu bleiben.


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