Dienstag, 24. März 2026

 Der zu Unrecht gehasste deutsche Zoll und das Kurzfilmfestival in Grimstad

Ausschnitt aus meinem Film "Southwest Highways" Laughlin River Run mit der grandiosen Musik von Joey Albrecht und Tom Cunningham

https://www.youtube.com/watch?v=MJcEwM7Qqks



Am nächsten Tag musste ich wieder zum Flughafen. Eine andere 35mm-Kopie meines Films war aus Spanien zurückgekommen und hing beim Zoll fest. Die „Idioten“ hatten die Papiere nicht richtig ausgefüllt, und nun sollte ich 150 Mark Zoll bezahlen, weil die Spanier den Wert (wir sind zeitlich vor der EU-Zollunion) zu hoch angegeben hatten. Eine Kopie kostete gerade mal 100 Mark.

Ich zeigte dem Zöllner die Rechnung. Er hatte natürlich seine Bestimmungen und sah auch, dass es nur mein Eigentum war, was zurückkam. Er hatte Mitleid mit mir. Verschwörerisch erzählte er mir, dass es noch eine Möglichkeit gäbe, nämlich die Annahme zu verweigern. Ich fragte ihn, was dann passiere. Er nahm ganz vorsichtig den Karton mit dem Film, ging zu einem Pappcontainer, legte den Karton vorsichtig rein und sagte: „Dann muss ich den Film vernichten.“ Ich verweigerte die Annahme. Er legte den Film vorsichtig in den Container und sagte, er müsse mal dringend für 15 Minuten weg – ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Er ging, ich nahm den Film aus dem Container und machte mich vom Acker. Ein Paradebeispiel für bürgernahe Amtsführung.

So eine angenehme Erfahrung mit dem deutschen Zoll hatte ich schon einmal gemacht. Ich hatte mit einer Freundin einen Laden mit Modeschmuck, den wir in England einkauften. Damals brauchte man ein Ursprungszeugnis, um Waren zollfrei einzuführen. Leider streikte der Zoll in England, und ich hatte kein Ursprungszeugnis. Zu warten war sinnlos, denn am nächsten Tag sollten die Fähren streiken. Am holländisch-deutschen Grenzübergang fuhr ich zum deutschen Zoll, um die Waren anzumelden. Es war mitten in der Nacht. Natürlich wollte der Zöllner das Ursprungszeugnis sehen. Ich erklärte ihm mein Streikproblem, und er sagte mir ganz unverblümt, warum ich nicht einfach durchgefahren sei, ohne am Zoll zu halten.

Ich erklärte ihm, dass ich die Reise ja absetzen müsse, sonst lohne sich der Einkauf nicht, deshalb bräuchte ich die Einfuhrpapiere. Das sah er ein. Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf, er bat mich zu warten und verschwand. Nach zehn Minuten kam er wieder. „Sind Sie sicher, dass das Modeschmuck ist?“, fragte er. Ich kapierte sofort: Der Mann wollte helfen. Ich stocherte in den Tüten herum: „Nö“, antwortete ich. „Wenn es Ziergegenstände wären, müssten Sie keinen Zoll bezahlen“, sagte er, „und ehrlich gesagt, das sieht echt aus wie Ziergegenstände.“ Der Mann hatte Recht, es waren eindeutig Ziergegenstände, denn Frauen verzieren sich ja mit Ohrringen und dem ganzen Gedöns. Ich führte also ordnungsgemäß für 5000 Mark Ziergegenstände nach Deutschland ein. Ein Triumph der Kreativität über die Bürokratie.

Wann immer über deutsche Beamte gemeckert wird, muss ich eindeutig den Zoll in Schutz nehmen: Die Jungs machen ihren Job, aber haben zumindest mir gegenüber immer Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft gezeigt.


Norwegen: Zwischen Kotze und Geschwindigkeitsbegrenzungen

Die exakte zeitliche Reihenfolge meiner Erlebnisse ist leider im Laufe der Jahre etwas verschwommen, daher behelfe ich mir mit einer Liste der Filme und Fernsehsendungen, über die ich noch berichten möchte.

Meine Reise führte mich zunächst nach Grimstad in Norwegen, wo ich zu einem Kurzfilmfestival eingeladen war. Die Anreise erfolgte mit dem Auto und einer nächtlichen Fähre von Dänemark. Meine Vierbettkabine musste ich allerdings nach nur zwei Stunden verlassen. Das Unglück wollte es, dass ich mir die Kabine mit drei Touristen teilen musste, die sich so zügig dem Alkohol hingegeben hatten, dass sie, sobald das Schiff in etwas unruhige See geriet, ihr Innerstes nach außen kehrten. Die gesamte Kabine stank, und so quälte ich mich auf einen Liegesessel, um wenigstens etwas Schlaf zu finden. Bei der Ankunft war ich völlig gerädert, fuhr vom Schiff, zündete mir eine Zigarette an und wurde umgehend von der Polizei angehalten.

Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich nicht zu schnell gefahren war, doch die Geschwindigkeit war auch nicht das Problem. „Rauchen im eigenen Auto in geschlossenen Ortschaften sei verboten“, teilten sie mir freundlich mit. Zunächst dachte ich, sie wollten mich auf den Arm nehmen, doch dem war nicht so. Rauchen im Auto in geschlossenen Ortschaften ist in Norwegen tatsächlich untersagt. Angesichts dieser merkwürdigen Gesetze überkam mich eine leichte Beunruhigung. Was würde da noch kommen?

Ich habe noch nie ein Land mit so vielen Geschwindigkeitsbegrenzungen gesehen. Die Schilder standen im 50-Meter-Abstand, und zwar die gesamte Palette von 10 bis 80 km/h. Unglaublich. Ich brauchte Stunden bis Grimstad und legte unterwegs einen Stopp ein, um auszuschlafen. Immerhin hatte ich einen Alfa 33 Kombi. Leider war dieser nicht für komfortables Schlafen konzipiert, und so verzog ich mich vom Fond wieder auf den Vordersitz.

Das Festival selbst war höchst interessant. Filmemacher von den Färöer-Inseln, aus Grönland – die eine ziemlich komplizierte Anreise hatten – und nur wenige der üblichen Wichtigtuer, die sonst die Festivals bevölkern. Es war Juni, und wir saßen bis spät in die Nacht in völliger Helligkeit bei Mineralwasser und Kaffee, denn Alkohol war, wie fast alles in Norwegen, unbezahlbar. Der Typ aus Grönland saß um Mitternacht bei 12 Grad ohne Jacke in einem kurzärmeligen T-Shirt im Straßencafé und freute sich über die ungewohnte Hitze. Es war eines der angenehmsten Festivals, an denen ich je teilgenommen hatte. Das norwegische Filminstitut kaufte meinen Film fürs Archiv. Ich war zufrieden.


Sonntag, 22. März 2026

Mein Film " der letzte Raucher" als erster deutscher Film auf dem Sundance Festival

 Sundance-Abenteuer und unerwartete Begegnungen

Kaum zurück, musste ich gleich wieder in die USA, und zwar nach Salt Lake City. Es war Januar, und ich hatte eine Einladung für meinen Kurzfilm zum United States Sundance Film Festival erhalten. „Der letzte Raucher“ war der erste deutsche Film, der dort je gezeigt wurde – fand ich klasse. Das Festival findet in Park City statt, wo auch Robert Redfords Sundance Institute ist. Park City ist allerdings nur ein kleiner Wintersportort mit relativ wenigen, aber teuren Hotelzimmern, weshalb ich in Salt Lake City untergebracht war, etwa 70 km entfernt.



Ich nutzte den Tag vor Beginn des Festivals und kaufte mir in den Pawnshops der Gegend erstmal zwei Gitarren. Eine Gibson Flying V von 1978 und eine Gibson Les Paul Artist von 1980. Bei der letzten Reise hatte ich mir in San Diego eine Gibson SG gekauft, mit einem Autogramm von Mark Farner, dem Gitarristen von Grand Funk Railroad darauf Nun hatte ich schon vier Gitarren und ein Problem, denn ich konnte gar nicht spielen. Nicht einen Akkord, nur ein wenig Leadgitarre nach Gehör. Das konnte ich dank der Erbmasse meines Vaters, der etwa zehn Instrumente spielen konnte. Als Sechzehnjähriger war ich zwar Leadsänger in einer Band gewesen, aber relativ erfolglos, weil wir vorwiegend eigene Songs spielten, die gar nicht mal schlecht waren, aber die Leute wollten eben Hits hören. 

Ich fuhr jeden Tag nach Park City zum Festival und nachts wieder zurück. Was mich am meisten beeindruckte, war, dass sie wegen meines kleinen, kurzen Films immerhin eine deutsche Fahne aufgestellt hatten.

Die Premiere war auch ein großer Erfolg, und wirklich ohne Scheiß, ich erhielt fünf Angebote, Regie bei einem Spielfilm zu führen, was mich im Nachhinein fast ruinierte, denn ich musste unzählige Male für irgendwelche Besprechungen auf eigene Kosten in die USA fliegen, und kein Film kam zustande. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir eine Wohnung genommen und wäre dort geblieben. Das System bei den Independents ist viel anders als in Deutschland. Der Produzent hat ein Drehbuch, Zusagen von Schauspielern und einen Stab von Mitarbeitern, die zugesagt haben – aber keinen Pfennig Geld. Mit diesem Drehbuch und den Zusagen versucht er, Kohle aufzutreiben, was halt etwas dauern kann. Ich hatte einfach Pech. Mit etwas Glück und gelungener Finanzierung eines dieser Projekte hätte ich problemlos eine Hollywood-Karriere starten können. Schade eigentlich.

Tagsüber war tote Hose, weil alle Besucher Ski fuhren. Gegen fünf ging dann das Festival, übrigens das renommierteste Filmfestival der Welt, los. Abends gab es immer Empfänge, gesponsert von den Major Companies, die nach Talenten suchten. Danach ging es in die Kneipe. Eines Abends, wir saßen mit fünf Leuten an einem größeren Tisch in einer ansonsten vollbesetzten Kneipe und diskutierten, tauchten zwei Männer auf und fragten ganz bescheiden, ob sie sich dazusetzen könnten. Unser Gespräch erstarb augenblicklich, und es gelang uns gerade mal ein „Of course“ herauszustottern. Die beiden Männer setzten sich zu uns, und wir hatten erhebliche Mühe, unser Gespräch wieder in Gang zu bringen, zu groß war unsere Ehrfurcht. Die beiden waren gekleidet wie der Durchschnittsamerikaner in dieser Gegend, waren bescheidene, angenehme Gesprächspartner, zeigten keinerlei Starallüren. Doch sie hatten markante Gesichter, die wohl jeder auf der Welt kannte: Dirty Harry und Sundance Kid saßen uns gegenüber.  



Es war einer der Höhepunkte meines Lebens, mit Robert Redford und Clint Eastwood an einem Tisch sitzen zu dürfen und zu diskutieren, mit zwei meiner absoluten Idole und Vorbilder. Gerade Clint Eastwood gehört heute sicher zu den besten und anspruchsvollsten Regisseuren der Welt. Ich war damals ökologisch sehr engagiert und hatte die Idee, dass es etwas bringen könnte, wenn Stars wie die beiden in Dokus auf ökologische Gefahren an besonders gefährdeten Brennpunkten hinweisen könnten.

Redford zeigte Interesse und gab mir seine Adresse. Ich fiel fast vom Stuhl, so nervös war ich. Es war eine Sundance-Adresse, und er erzählte mir, dort lande die Post, die direkt für ihn bestimmt war, ohne dass das Management sie vorher kontrollierte. Die Adresse war R.R. No.1; den restlichen Adresszusatz lasse ich hier weg, damit nicht jeder auf die Idee kommt, Robert direkt zu schreiben. In Deutschland erlebte ich dann eine herbe Enttäuschung, als ich eine solche Öko-Serie anbot und mir alle in den TV-Anstalten sagten: „Redford, der ist zu alt.“ Ein klarer Fall von Altersdiskriminierung im Mediengeschäft.


Es war jedenfalls ein interessanter Abend, den ich sicher nie vergessen werde. Das Wetter war die ganze Zeit sonnig gewesen, natürlich lag Schnee, aber als ich am letzten Abend in Park City nach etwa zwei Stunden bei einem Empfang von Paramount auf die Straße ging, um Luft zu schnappen, traf mich fast der Schlag. Ein halber Meter Neuschnee! Alle Autos waren unter einer dichten Schneedecke verschwunden. Es war 21 Uhr, mein Flieger ging um 6 Uhr früh, es waren noch 70 Kilometer nach Salt Lake City, und ich war mitten in den Bergen.

Ich verabschiedete mich schnell und suchte mein Auto, was nicht einfach war, denn unter einer Schneedecke sehen alle Autos gleich aus. Das siebte oder achte Auto, das ich freilegte, war dann mein Allrad-Subaru, und ich machte mich auf den Weg zur Autobahn. Eine halbmeterhohe Schneeverwehung auf der Straße kostete mich eine weitere Stunde; ich kam nicht durch, musste erst warten, bis Trucks die Verwehung plattgefahren hatten. Auf der Autobahn war die Hölle los: querstehende Autos ohne Allradantrieb, bergab rutschende Trucks. Ich brauchte Stunden, um voranzukommen. Erst kurz vor Salt Lake City hörte das Chaos auf. Um 10 vor fünf erreichte ich mein Hotel, warf alles in den Kofferraum und hetzte zum Flughafen. Mit Ach und Krach schaffte ich meinen Flieger. Bei der Zwischenlandung in Denver, ein Schneesturm, drei Stunden unplanmäßiger Aufenthalt, doch der Anschlussflug ab New York hatte ebenfalls Verspätung, das war mein Glück. In Berlin angekommen stellte ich fest, dass die Flying V den Transport nicht unbeschadet überstanden hatte: Halsbruch. Aber TWA bezahlte die Reparatur.



Donnerstag, 19. März 2026

 Wieder mal L.A.: Die Traumfabrik, Sundance und der Berliner Forest

Mehran und ich hatten bei RIAS TV ein Konzept eingereicht: L.A. – eine Traumfabrik als Partnerstadt. Es sollte ein Film über die Städtepartnerschaft Berlin-L.A. werden, eine 26-minütige Doku. Der Redakteur war Harro Zimmer, ein Mann von ausgesprochener Integrität. Nach seiner Pensionierung, als RIAS dann Deutsche Welle hieß, erhielten merkwürdigerweise immer dieselben wenigen Firmen Aufträge.

Dort roch es dann auch gewaltig nach Korruption, da diese Firmen teilweise regelrechten Müll ablieferten oder ominöse Treffen veranstalteten. Sie luden Regisseure und Autoren ein, behaupteten, sie hätten Aufträge für 30 Dokus, forderten zum Brainstorming auf, schrieben eifrig mit und klauten dreist die Ideen. Ich selbst war einmal Zeuge dieser Praxis. Zimmer hätte so etwas niemals zugelassen. 

West-Berlin hatte zu dieser Zeit nur eine Partnerstadt, nämlich L.A. Ost-Berlin hatte sehr viele, aber die Stadt war noch nicht wiedervereinigt, weshalb uns nur West-Berlin interessierte. Zuerst machten wir eine Umfrage auf dem Los-Angeles-Platz in Berlin und fragten dort nach der Partnerstadt. Niemand wusste es. Es kamen die absonderlichsten Antworten: Wien, Tel Aviv, Tokio, „wat wees ick“ – letzteres die häufigste Antwort. Dann interviewten wir Momper, den Regierenden, natürlich stilecht mit rotem Schal. Endlich flogen wir nach L.A.


Hollywood-Persönlichkeiten und ein „Berliner Forest“ der besonderen Art

Dort gab es ein Sister City Committee, in dem meine Freundin Gaby Landwehr vom Goethe-Institut saß, dazu Leute der Deutsch-Amerikanischen Industrie- und Handelskammer und von amerikanischer Seite Rudi Fehr und City Council Tom LaBonge, ein äußerst rühriger Politiker aus L.A.





Rudy Fehr war ein deutscher Jude, ein sehr interessanter und angenehmer Mensch. Er hatte in Berlin eine Band gehabt, war nach der Machtübernahme der Nazis nach London emigriert und von dort nach L.A. gegangen. Dort hatte er Jack Warner von den Warner Brothers kennengelernt und für ihn als Produzent gearbeitet (unter anderem bei „My Fair Lady“). Berlin hatte er nie aus den Augen verloren und mit Pastor Albrecht die Städtepartnerschaft ins Leben gerufen. Er war über achtzig Jahre alt, aber topfit und saß im Oscar-Komitee für ausländische Filme. Er kannte also Gott und die Welt und alle Stars. Er selbst hatte auch mal eine Oscar-Nominierung für den Schnitt von „Die Ehre der Prizzis“ mit Jack Nicholson erhalten. 

Tom LaBonge arrangierte unseren Interviewtermin mit Tom Bradley, dem Bürgermeister von L.A. Dort beschwerten wir uns zunächst darüber, dass es keine Berliner Straße in L.A. gab. Bradley versprach, innerhalb von 14 Tagen Abhilfe zu schaffen. Wir glaubten ihm kein Wort. Umso größer war unsere Überraschung, als wir zehn Tage später eine Einladung erhielten. Es ging um die Einweihung des Berliner Forest. Voller Spannung schlugen wir dort auf. Was hatten die Amis getan? Sie hatten einen Teil des Griffith Parks, sinnigerweise den Teil, wo Tom LaBonge immer mit seinen Freunden grillen ging, in Berliner Forest umbenannt. Zwei Holzpfosten mit einem Querbrett hielten das Konstrukt zusammen, und darauf stand tatsächlich „Berliner Forest“. Bradley hatte sein Versprechen gehalten. Das war zwar ein wenig billig im Vergleich zum goldenen Berliner Bären am Eingang des Griffith Parks, den Berlin zum Dank für die Luftbrücke gespendet hatte, aber immerhin. Wer immer heute im Berliner Forest lustwandelt und Tom beim Grillen trifft, sollte daran denken: Ich bin mit schuld an diesen Brettern. (Foto von der Eröffnung des Parks mit Tom LaBonge inklusive). 



Unsere nächste Station in L.A. war der deutsche Radiosender meines Freundes Hans-Jürgen Spürkel. Dort trafen wir Peggy March, die live „Mit 17 hat man noch Träume“ zum Besten gab und uns, immer noch fließend Deutsch sprechend, erzählte, wie sehr sie doch eine gute deutsche Currywurst vermisse. Sie schreibt übrigens Kinderbücher. Wir hatten viel Spaß. 

Dann fuhren wir zu Tony Ostermeyer. Tony, ein Urbayer, war in die USA ausgewandert und baute dort den Mercedes 300SL Gullwing (Flügeltüren SL) in Handarbeit mit aktueller Mercedes-Technik nach. Viele Stars, unter anderem Burt Reynolds, gehörten zu seinen Kunden. Tony war ein sehr humorvoller Interviewpartner. Zu dieser Zeit gingen etwa 1500 Oldtimer pro Monat zurück nach Europa, da die Preise in den USA für einfache, aber in Europa gefragte Modelle sehr niedrig waren, wie zum Beispiel das Fiat 124 Cabriolet, TR 4, TR 6, die für etwa 2000 Dollar zu bekommen waren. Der Transport kostete etwa 2000 Dollar. Selbst Autos wie der Mercedes 300 (Adenauer) aus den Fifties waren für wenige tausend Dollar zu haben, oder relativ seltene Alfas oder ein seltenes Auto wie der Saab (ein kleines Zweisitzer-Coupé, nur für den US-Markt gebaut, den Namen habe ich vergessen), der Volvo Schneewittchensarg und viele andere. Probleme bereiteten den Käufern hauptsächlich britische Modelle, so auch uns, als wir für einen Freund einen Sunbeam Alpine im Topzustand erstanden. Leider erfuhren wir zu spät, dass fast alle britischen Autohersteller diese Autos für den US-Markt, wegen der dortigen Geschwindigkeitsbeschränkungen, ohne Overdrive ausgeliefert hatten und diese damit ihre theoretische Höchstgeschwindigkeit nicht erreichen konnten. Autos waren zu dieser Zeit überhaupt preiswert in den USA.

Ich hätte mir fast ein schönes Maserati Cabriolet gekauft, zwei Jahre alt, 10.000 Meilen auf dem Buckel für 7000 Dollar. Leider kam das Geld zu spät aus Deutschland an. Eine verpasste Gelegenheit!

Doch zurück zur Dokumentation über die Partnerschaft Berlin und L.A.

Im Stadtteil Pacific Palisades gab es die Villa Aurora, in der Lion Feuchtwanger, der bekannte jüdische Autor, im Exil gelebt hatte. Das Haus gehörte nun der Universität von Kalifornien, deren Vertreter Harald von Hofe wir dort trafen. Dieses Haus sollte zu einem Ort des deutsch-amerikanischen Kulturaustausches renoviert und ausgebaut werden und wurde später mit Berliner Lottogeldern erworben.

Der gute Geist der Villa Aurora war für mich die hochbetagte Haushälterin (den Namen habe ich leider vergessen) der Feuchtwangers, die zu dieser Zeit noch in der Villa lebte und die von allen in ihren Berichten vergessen wird, weil sie anscheinend nicht „wichtig“ genug ist. Nur sie konnte damals noch als Augenzeugen, authentisch und aus erster Hand über das Leben der Feuchtwangers im Exil berichten – hochinteressant. Die Exilanten (Thomas und Heinrich Mann zum Beispiel) aus Deutschland waren keineswegs eine homogene Gruppe, die die Flucht vor den Nazihorden verband. Sie waren sich teils spinnefeind, und bei Treffen in der Villa Aurora mussten die Feuchtwangers darauf Rücksicht nehmen und konnten nicht immer alle zusammen einladen. Die Haushälterin erzählte einige nette Anekdoten aus dem Exil, die ich leider nicht mehr sachlich richtig wiedergeben kann und deshalb weglassen muss.

Als Armutszeugnis empfand ich allerdings, dass diese arme Frau, die ihr Leben den Feuchtwangers gewidmet hatte, mit leeren Händen dastand und ihr bis auf ein lebenslanges Wohnrecht in der Villa nichts geblieben war (keine Rente, nichts), denn die Feuchtwangers hatten nicht einen Pfennig in ihre Sozialversicherung bezahlt. Obwohl die arme Frau im Prinzip auf Almosen angewiesen war, hegte sie keinen Groll und äußerte sich nur positiv über die Familie. Eine bemerkenswerte Einstellung.

Wir hatten genug gedreht und flogen wieder nach Berlin zurück.


Dienstag, 17. März 2026

 „Coming out“ - für 17 Millionen - die Maueröffnung am 9. November 1989

Wieder einmal hatte ich das Vergnügen einer Doppelschicht: Um 4 Uhr morgens hieß es Frühstücksfernsehen bei RIAS TV, anschließend ging’s zum ZDF. Das Frühstücksfernsehen war meist stressfrei, abgesehen von Nina Ruge. Sie war eigentlich eine sehr nette Kollegin, doch Sekunden vor Sendungsbeginn pflegte sie Dehnübungen zu machen, indem sie abwechselnd ein Bein auf das Moderationspult legte. Das tat sie bis fünf Sekunden vor Sendung, was den Adrenalinspiegel des Regisseurs – und natürlich auch den des Kameramanns, der die erste Einstellung mit ihr hatte – in ungeahnte Höhen trieb. Immerhin blieben exakt fünf Sekunden, um das Bild einzurichten und scharfzustellen. Erstaunlicherweise klappte es jedes Mal.

Später beim ZDF teilte mir Gisi, die charmante Dame in der Disposition, mit, sie benötige meine Passdaten für eine Dienstreise. Passdaten? Dienstreise? Sofort dachte ich an die Südsee oder ähnlich exotische Gefilde, doch es ging um Ost-Berlin. Das bedeutete ganze fünf Kilometer. Man musste damals noch eine Art Visum beantragen, inklusive Zwangsumtausch. Ein bürokratisches Vergnügen.


Grenzerfahrungen und ein historischer Zufall

Donnerstags ging es dann los, meine erste Drehreise in die Hauptstadt der DDR, die ich lediglich von einem kurzen Tagesbesuch kannte. Bernhard von Dadelsen war mein Redakteur, und der Beitrag sollte für die Sendung Aspekte sein. Bernhard war ein angenehmer Kerl, mit dem ich schon öfters gedreht hatte. Diesmal ging es um die Premiere von Heiner Carows „Coming Out“, dem ersten Schwulenfilm der DDR, die an diesem Tag stattfand.

Heiner Carow war mir bekannt als Regisseur von „Die Legende von Paul und Paula“, dessen Musik die Puhdys beigesteuert hatten. Er galt keinesfalls als Visionär oder gar Hellseher, doch mit seiner Titelwahl hatte er, retrospektiv betrachtet, ein glückliches Händchen bewiesen, auch wenn dies in den kommenden, stürmischen Ereignissen untergehen sollte beziehungsweise in Vergessenheit geriet.

Die Premiere fand im Kino Kosmos (oder International) an der Frankfurter Allee statt. Nach der 17-Uhr-Premiere und einem Interview fuhren wir zur Premierenfeier in eine Art Schwulenkneipe (oder es waren an diesem Abend schlichtweg überwiegend Schwule anwesend) in der Wisbyer Straße, Ecke Schönhauser, unweit vom Café Nord. Zunächst wurde angeregt über den Film diskutiert, doch dann entspannen sich die typischen unerquicklichen Debatten, die ich bereits hundertfach erlebt hatte: Schwule, die einem zu erklären versuchen, dass alle Männer latent schwul seien, und dann einfach nicht wahrhaben wollen, dass dem nicht so ist.

Genervt beschloss ich, draußen eine zu rauchen. Als ich vor die Tür trat, war ich etwas verblüfft. Ein Stau in der Wisbyer Straße Richtung Bornholmer Straße – es war etwa halb zehn an einem Donnerstag, und in Ost-Berlin fuhren selbst tagsüber kaum Autos. Meine Neugier war geweckt. Ich schaute in ein Auto und sah, wie der Fahrer Zeitung las. Ich dachte, mich trifft der Schlag: Es war die West-Berliner Morgenpost. Mein erster Gedanke war, nun sei Westpresse im Osten erlaubt, und alle fuhren los, um die Morgenpost zu kaufen. Ich witterte eine Sensation.

Ich klopfte ans Autofenster: „Wo haben Sie die Zeitung gekauft?“, wollte ich ahnungslos wissen. „Am Bahnhof Zoo“, entgegnete der Mann, er habe nur schnell seine Familie geholt, er fahre wieder in den Westen. „Wie, in den Westen?“, wollte ich wissen und begriff gar nichts. „Ja, wir fahren alle in den Westen, die Mauer ist auf“, erhielt ich als Antwort. Ich eilte zum nächsten Auto, zum übernächsten, überall erhielt ich dieselbe Auskunft.

Sofort rannte ich zurück in die Kneipe zu Bernhard, der noch angeregt diskutierte, und sagte ihm: „Der Dreh hier ist zu Ende, die Mauer ist offen, wir müssen los.“ „Damit scherzt man nicht“, entgegneten die Ossis. Wenige Minuten später war die Party dann tatsächlich beendet, alle gingen in den Westen.

Wir machten uns auf den Weg zum Grenzübergang Bornholmer Straße und drehten, was das Zeug hielt. Wir trafen Menschen, die gerade über Ungarn ausgereist waren, soeben in West-Berlin angekommen, nur um festzustellen, dass sie es auch einfacher hätten haben können, wenn sie ein paar Tage gewartet hätten. Es herrschte das Chaos, doch eine derart friedliche Atmosphäre! Die Zöllner bekamen Blumen, wurden in keiner Weise angegangen und verhielten sich absolut passiv. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, direkt am Puls der Welt zu stehen. Es gab und gibt ja das hartnäckige Gerücht, die Westpresse habe Bescheid gewusst – völliger Quatsch, kann ich nur sagen.



Wir gingen in den Westen zu einer Telefonzelle, um beim ZDF in Mainz anzurufen. Der Nachtportier nahm ab. Bernhard erzählte ihm die Geschichte der Maueröffnung, und er solle Redaktionen zusammentrommeln. Der Mann legte einfach auf, weil er dachte, ein Verrückter sei in der Leitung. Nichts geschah.

Als unsere Kassetten zu Ende waren, fuhren wir wieder in den Westen, diesmal durch den Checkpoint Charlie, weil es dort nicht so voll war. Sie wollten uns zunächst nicht durchlassen, weil wir vorgaben, in der ganzen Hektik unsere Passierscheine verloren zu haben. Die wollten wir natürlich als Erinnerung behalten.



Um vier Uhr früh war ich zu Hause und ging noch einmal kurz die 200 Meter zum Ku’damm. Dort war die Hölle los, eine unbeschreibliche Stimmung, jetzt, Stunden später, war allerdings reichlich Alkohol im Spiel. Ich ging ins Bett und fuhr um 7 Uhr sicherheitshalber gleich zum ZDF, weil ich schon wusste, dass ich sowieso arbeiten musste. Dort lag mein in der Nacht gedrehtes Material noch unbearbeitet herum; sie waren gerade dabei, die Nachricht zu verdauen und sich für den Tag zu organisieren.

In den nächsten Tagen und Wochen haben wir rund um die Uhr gearbeitet und richtig Geld verdient. Die Clevereren als wir haben sich allerdings eine goldene Nase verdient. Der Kurs der Ostmark fiel unter 1:20. Sie kauften die Ostmark auf, suchten sich einen Ossi, gaben ihm das Geld und warteten auf den Tag, an dem die Ostmark in Westmark umrubelt wurde – das waren glatte 1000 Prozent Gewinn. Daran gedacht hatte ich auch, aber ich hatte gar keine Zeit, so etwas zu tun.

Die Premiere von Heiner Carows Film wurde einfach vergessen, und dass er mit dem Titel „Coming Out“ das perfekte Motto für diesen historischen Tag geliefert hatte, ging dabei gänzlich unter.


Konsequenzen des Mauerfalls und eine Prise Realpolitik

Natürlich war es ein traumhaftes Gefühl, das, was keiner mehr erhofft hatte, war doch passiert. Die Mauer war offen, die Wiedervereinigung nahte. In den nächsten Tagen und Wochen drehten wir wie die Teufel. Ich filzte alle DDR-Mülltonnen und sammelte DDR-Utensilien wie Fahnen und Orden, Mauerstücke und kaufte DDR-Artikel als zukünftige Geschenke für Freunde weltweit.

Allerdings gab es auch einen Zwiespalt. Mir war schon immer klar gewesen, dass es nicht primär um Freiheit ging, sondern um bessere Lebensumstände, um Konsum und Luxus. Im Westen war ich in Diskussionen schon immer mit meiner Ost-West-Theorie aufgelaufen: Hätte es der DDR tatsächlich gelingen können, den Lebensstandard der Bevölkerung über das Westniveau zu heben, wären die Leute in Scharen in die DDR übergelaufen. In diesem Falle hätte der Westen den Osten dafür bezahlt, die Mauer stehen zu lassen und die Kontrollen in den Westen zu verlegen. Eine provokante, aber nicht unlogische Gedankenspielerei.

Niemand machte sich auch Gedanken über die Konsequenzen des Mauerfalls. Der Kapitalismus hatte sich nun als überlegenes System erwiesen, weil er ein menschliches Antlitz zeigen musste, um seine Überlegenheit auch in menschlicher Hinsicht zu demonstrieren und um die Menschen davon abzuhalten, für den Sozialismus zu stimmen. Unsere ganze soziale Marktwirtschaft, unser ganzes soziales Netz, war nur entstanden, weil es seit 1918 ein Konkurrenzsystem gab, den Kommunismus, der theoretisch überlegen war, weil er Gleichheit versprach. Nur aus Angst davor, alles zu verlieren, hatte der Kapitalismus angefangen, die Arbeitnehmer an den riesigen Profiten zu beteiligen, und so war unser deutscher Wohlfahrtsstaat entstanden. Zum Zeitpunkt der Maueröffnung lebten wir in einem der denkbar besten und sozialsten Staaten der Welt, einem Paradies für Arbeitnehmer, das natürlich auch von vielen ausgenutzt wurde. Es war so attraktiv, dass sich Scharen von Menschen aus aller Welt auf den Weg machten, um von den Vorzügen dieses Sozialstaats zu profitieren. Mir war jedoch klar, dass ein Ende des Kommunismus auch das Ende des humanen Kapitalismus bedeuten könnte. Ohne die Konkurrenz des Kommunismus brauchte der Kapitalismus keine Rücksichten mehr zu nehmen; er würde bald wieder sein wahres, gieriges Gesicht zeigen, und wir, die Arbeitnehmer oder auch die kleinen und mittleren Firmen, würden uns warm anziehen müssen. Und so scheint es auch zu kommen: Es wird zusehends kälter in Deutschland, das soziale Netz zerbricht, und die Solidarität – jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn ich zurück nach Deutschland komme, sehe ich nur noch Menschen, die hart arbeiten müssen, um zu überleben, die sich wegen Jobs und Aufstiegschancen bekämpfen. Der Schuldige ist schnell ausgemacht: Es wird auf die Globalisierung geschoben, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Jobs gehen verloren und Löhne werden gedrückt durch die Gier, riesige Profite zu machen und Renditen zu erwirtschaften, die vor wenigen Jahren noch als absolut asozial bezeichnet worden wären. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich habe nichts gegen Profite und gegen Menschen, die Millionen verdienen, wenn sie eine entsprechende Leistung dafür erbringen oder einfach cleverer sind als andere. Ich habe etwas dagegen, dass durch Spekulationen Volkswirtschaften zerstört werden, dass Arbeitsplätze wegen der Aktienkurse gestrichen werden und dass es Menschen gibt, die ohne Rücksicht auf Verluste und auf Kosten anderer innerhalb weniger Monate Millionen verdienen wollen und dann noch den Staat um Steuern betrügen, aber natürlich das Sozialsystem selbst mit ihren Familien ausbeuten und nutzen, aber mit keinem Pfennig unterstützen wollen.

Die „bösen Kapitalisten“ von damals, die von der RAF und von den Linken bekämpft wurden – die Quandts, Springers, Mohns, Haniels, Krupps und Thyssens und wie sie alle heißen – waren zwar teilweise Knauser, aber sie zeigten auch ihre soziale Seite, zahlten Steuern, zeigten Verantwortung für ihre Mitarbeiter und ließen diese am Wohlstand partizipieren.

Eigentlich sind diese Leute heute als Vorbilder zu betrachten, denn sie wussten sehr wohl, dass ihr Reichtum durch ihre Mitarbeiter gemehrt wurde. Heute glauben die Manager, sie allein seien dafür verantwortlich und nicht die Mitarbeiter.

Ich fürchte, sollte es in Deutschland weitergehen wie bisher, wird eine neue RAF entstehen, die im Gegensatz zur alten RAF, die eine Verbrecherbande war und den besten Staat bekämpfte, den es je in Deutschland gab, eine Berechtigung haben wird, denn das Volk wird nicht mehr vertreten oder beschützt, sondern ausgenommen.

Es ist schon pervers zu sehen, dass die Steuergelder oder Krankenkassenbeiträge der einfachen Menschen nicht ihnen zufließen, sondern über Subventionen, Kosten für Medikamente, Energie oder was auch immer ebenfalls in den Kassen der Konzerne landen. Wenn die Erträge der Hundesteuer in manchen Kommunen höher sind als die der Gewerbesteuer, gibt das zu denken.

Dazu kommt eine Kaste von Berufspolitikern, abgekoppelt von der Lebenswirklichkeit, die nie auch nur einen Tag im Leben gearbeitet haben, außer an der eigenen Karriere. Sie fühlen sich und führen sich als die neuen Herrscher auf, die keinerlei Rechenschaft mehr über ihr Tun ablegen müssen – eine gefährliche Entwicklung.

Um es noch einmal deutlich zu machen, ich habe nichts gegen Firmen und Menschen, die Millionen oder gar Milliarden verdienen, wenn es auf ehrliche Art geschieht und nicht auf Kosten anderer. Ich will einmal ein Positivbeispiel geben: die SAP, clevere Jungs, ein soziales Unternehmen. Ich habe nichts dagegen, dass Hasso Plattner Milliarden verdient (obwohl er schon ein sehr kauziger Typ ist) oder Henning Kagermann Millionen einstreicht als Manager.

Ich gebe mal ein anderes Beispiel: 1999 gründeten drei Brüder in Berlin ein Internet-Auktionshaus namens Alando (die Idee geklaut bei eBay in den USA, das noch nicht in Deutschland vertreten war). Ich verkaufte dort CDs, die mir nicht mehr gefielen. Einer der Käufer namens Samwer holte sich eine Red Hot Chili Peppers CD direkt bei mir zu Hause ab. Ein netter, junger Kerl. Tage später erfuhr ich, er war einer der Gründer. Sie verkauften das Auktionshaus an eBay mit einem Millionengewinn, verscherbelten danach Klingeltöne, und ihnen gehört heute Zalando. Clevere Jungs, die haben ihre Millionen zu Recht verdient. Chapeau.


Migration, Realitäten und die Drogenfrage

Doch schon zu Zeiten des Mauerfalls wurde unser Sozialsystem immer mehr ausgeplündert. Ich will einmal ein Beispiel geben, das politisch total inkorrekt ist, aber leider den Tatsachen entspricht. Gleich vorweg, um denen, die mir jetzt gleich Ausländerfeindlichkeit unterstellen werden, das Pulver zu entziehen: Ich selbst bin mit einer Ausländerin verheiratet.

Ich drehte Anfang der Neunziger viel fürs ZDF, so auch des Öfteren in Asylbewerberheimen. Einmal drehten wir in einer Anlage in Ost-Berlin, in der fast nur Rumänen lebten. Der Anlass war, dass eine Frau, die im Knast gelandet war, sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern konnte. Ihr Mann hatte angerufen. An diesem Tag habe ich meine bisher positive Meinung über Einwanderer grundlegend geändert.

Der Bau hatte zwei Flügel, die unterschiedlicher nicht sein konnten. In einem Block wohnten normale Rumänen, die versucht hatten, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten gemütlich einzurichten. Es war dort sauber, es gab ein Familienleben. Sie baten uns inständig, nicht mit den Menschen im zweiten Block in einen Topf geworfen zu werden, was wir erst nicht verstanden. Wir dachten, diese Rumänen seien Rassisten, bis wir dann kapierten, warum sie diesen Unterschied wollten.

Was ich dann im zweiten Block sah, hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Es waren Zigeuner aus Rumänien, ja richtig Zigeuner, sie nannten sich selbst so, nicht Sinti oder Roma, deshalb sehe ich jetzt nicht ein, warum ich es anders tun sollte. In ihrem Block sah es aus, als wäre der Krieg ausgebrochen. Die sanitären Anlagen waren total zerstört, es roch nach Scheiße und Urin, die Waschbecken und Wasserhähne hatten sie größtenteils abgebaut und auf Flohmärkten verkauft. Der ganze Fußboden war eine einzige klebrige Masse, ekelerregend. Die Frauen waren von ihren Männern zum Klauen geschickt worden, eine war erwischt worden und saß jetzt im Knast. Ihr Mann hatte natürlich keinen Bock, sich um die Kinder zu kümmern, deshalb hatte er sich darüber beschwert, dass seine Frau im Knast saß. Die Kerle liefen herum wie Hähne ausstaffiert, in feinstem, aber geschmacklosem Tuch, Gucci-Gürtel, Goldkettchen. Die Herren machten keinen Handschlag, während die Kinder und Frauen erbarmungswürdig, fast in Lumpen herumliefen. Bei einem weiteren Dreh drohte uns einer der Oberzigeuner, er könne uns bis zu einer Million Leute nach Deutschland schicken. Das alles wurde von unserem Staat toleriert und finanziert, statt die gesamte „Baggage“ (sorry, aber es ist der richtige Ausdruck) sofort zurückzuschicken.

Politisch korrekt konnte man wegen unserer deutschen Nazivergangenheit natürlich nicht die Wahrheit berichten; es hätte einen Sturm der Empörung in der Bevölkerung gegen Asylbewerber gegeben. Unser journalistisches Schweigen war deshalb auch absolut richtig, denn es hätte zudem unsere Sinti und Roma in Deutschland diskriminiert und mit ihnen in einen Topf geworfen – Mitbürger, die sich eben oft nichts zuschulden kommen lassen, die sich zivilisiert verhalten und die unsere Gesellschaft bereichern.

Deshalb noch einmal zum Mitschreiben: Ich habe absolut nichts gegen Zigeuner und schon gar nichts gegen unsere Mitbürger mit diesem Hintergrund, aber diese Leute, die ich in diesem Asylbewerberheim traf, haben in Deutschland nichts zu suchen, auch nicht als Asylbewerber, denn mit ihrem Verhalten wird man sie hassen und verachten, egal wo sie hinkommen. Diese Leute, die damals zu Tausenden kamen, haben unseren Sozialstaat Milliarden gekostet.

Wir trafen dort Zuhälter, Drogendealer, Diebe, Hütchenspieler – die ganze Palette – und alle lebten auf unsere Kosten. Solche Auswüchse treffen natürlich nur auf Minderheiten zu; die meisten Asylbewerber sind anständige Leute.

Als ich nach Hause kam, tötete ich erstmal die Flöhe, die ich mir geholt hatte, warf meine Kleidung in die Mülltonne und duschte eine Stunde.

A propos Drogendealer: Schon damals kam mir die ganze Sache mit der Drogenprävention merkwürdig vor. Es werden Milliarden für die Prävention ausgegeben, Millionen für Kontrollen, Zerstörung der Ernten, es fallen Kosten an für die Drogensüchtigen, und die Drogenkriminalität kostet Millionen usw.

Dabei gäbe es zwei einfache und preiswerte Wege, das Drogenproblem, zumindest bei Drogen, die auf Naturprodukten basieren, zu lösen. Legalisierung. Ich weiß, sehr unpopulär, weil ja Leute süchtig werden könnten, die im Moment noch den Weg in die Illegalität der Beschaffung meiden. Ja gut, ein Argument, aber wenn man mal ehrlich ist und sieht, wie viele Leute koksen oder kiffen, viel mehr würden es nicht werden. Aber geschenkt, es gibt noch eine zweite, bessere Möglichkeit, die viel effektiver ist.

Die EU hat Milliarden ausgegeben, um die Marktpreise zu stabilisieren für Milch, Getreide, Butter, was auch immer. Das Zeug wurde gelagert, vernichtet. Drogen werden vorwiegend in Armutsstaaten angebaut. Es kann doch kein Problem sein, die kompletten Ernten aufzukaufen und an Ort und Stelle zu vernichten. Die Kosten wären Peanuts im Vergleich zu dem, was heute für Prävention ausgegeben wird, und selbst wenn jeder Quadratzentimeter Kolumbiens und seiner Nachbarstaaten mit Koka bepflanzt wäre, dürfte dies für die Industriestaaten kein großes finanzielles Problem sein.

Wer also hat in unseren Ländern kein Interesse daran, dass dies passiert? Wer profitiert davon, oder sollten die Verquickungen der Drogenmafia in Politik und Business schon so weit gediehen sein, dass dies verhindert wird?


Montag, 16. März 2026

 Hollywood-Ambitionen, Bernd Eichinger, Wolfgang Petersen, Sonny Bono ----                                                                                                          Parallel hatte ich die ganze Zeit über für das ZDF gearbeitet und für das für RIAS TV Frühstücksfernsehen. Einer meiner Assistenten war ein netter Perser namens Mehran Bozorgnia, der ein unglaubliches Talent besaß: Er konnte das, was Alchemisten seit Urzeiten vergeblich versuchten. Er konnte aus „Scheiße Gold machen“. Er verkaufte den Redakteuren die abstrusesten Geschichten, die wir dann drehten.

Dank meiner Kontakte in die Filmwelt boten wir Aspekte (ZDF) einen Film über den Niedergang der deutschen Filmindustrie an – natürlich aus der Perspektive von Leuten, die in Hollywood ihr Glück versucht hatten. Gesagt, getan, und prompt saßen wir im Flieger nach L.A. Zuerst fuhren wir nach San Diego, wo seine Eltern wohnten – nette Leute, bei denen ich mich sofort wie zu Hause fühlte. Dort entdeckten wir einen „Mount RIAS Place“, und als dort ein Oldtimertreffen stattfand, filmten wir das und verscherbelten die Story an RIAS TV. Dann machten wir uns auf nach L.A., um deutsche Filmschaffende zu finden. Der erste war Bernd Heinl, den ich noch von der „Asphaltnacht“ kannte. Er hatte zwar seinen großen Durchbruch noch nicht erlebt, aber wir interviewten ihn trotzdem. Über das Goethe-Institut lernten wir Gabriele Landwehr und ihren Freund Hans-Jürgen Spürkel kennen. Beide waren äußerst nett, und Gabriele verschaffte uns einen Interviewtermin bei Wolfgang Petersen. Das war schon deutlich besser und ein gutes Interview, die Story war gerettet. Die Interviews drehten wir auf dem Gelände der Paramount Studios, unter Aufsicht, damit wir nicht versehentlich Schauspieler filmten, die dort herumliefen (glaube, „Dallas“ wurde dort gedreht). Petersen drehte, glaube ich, gerade „Enemy Mine“ oder war gerade fertig damit. Das war ziemlich spannend.
Dann interviewten wir Rainer Stonus, den Oberbeleuchter von Jürgen Jürges, der in Venice wohnte und ebenfalls sein Glück in den USA suchte.

Bernd Eichinger war gerade in L.A. und wohnte im Chateau Marmont, dem seit Jahrzehnten angesagten Hotel für Schauspieler und Musiker am Sunset Boulevard. Jim Morrison fiel dort mal vom Dach, John Belushi gab sich den goldenen Schuss. Popsängerin Britney Spears erhielt Hausverbot, nachdem sie sich im Hotelrestaurant Essen ins Gesicht geschmiert hatte. Schauspielerin Lindsay Lohan wurde des Hauses verwiesen, nachdem sie Rechnungen in Höhe von 46.000 US-Dollar nicht bezahlt hatte. Errol Flynn, Humphrey Bogart und Robert Mitchum sowie zahlreiche weitere Größen des US-amerikanischen Filmgeschäfts zählten dort früher zu den Stammgästen.

Als Kamera-Assistent von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (dort hatte ich ihn kennengelernt) erhielten wir natürlich einen Interviewtermin. Das Interview fand am frühen Morgen statt, Barbara Rudnik wuselte noch relativ leicht bekleidet durchs Apartment, und Bernd hatte noch deutliche Reste von Alkohol im Blut. Weinflaschen standen auf dem Terrassentisch – ich bat darum, sie wegzuräumen. Bernd meinte nur: „Lass die stehen.“                                                                                                                     Das Interview war gut, und Bernd ließ ordentlich Dampf ab, genau die Aussagen, die wir haben wollten – doch wir schnitten sie nicht in den Film, denn man sah die Flaschen auf dem Tisch und hörte deutlich, dass er getrunken hatte. Ich habe stets versucht, so seriös wie möglich zu bleiben. Selbst einen Idioten hätte ich nicht bloßgestellt, und erst recht nicht einen Mann wie Bernd Eichinger, einen der wirklich Großen des deutschen Films, ohne den dieser immer noch absolut bedeutungslos wäre. Bernd hat genau das Richtige getan und mutig frühzeitig versucht, für den internationalen Markt zu produzieren. Auch Roland Emmerich gehört zu diesen Pionieren, der allerdings einen reichen Vater hatte, der ihm seinen ersten Film finanzierte, was seine Leistung keineswegs schmälern soll.

Dann lernten wir Ray Perschke kennen, eigentlich Raimund Perschke, ein wahnsinniger (im positiven Sinn) Bayer, der bei fast allen Filmen von Oliver Stone als Oberbeleuchter dabei war. Ray war ein guter Kumpel, sprach inzwischen nur noch Deutsch mit starkem Ami-Akzent und besaß eine eigene Lampenfirma namens Raybeam.

Er nahm uns mit zu Dreharbeiten für einen Film in einem Tal nördlich von L.A. – sehr spannend, aber auch sehr langweilig. Für eine kleine Szene, in der ein kleines Mädchen auf dem Rücksitz eines Autos sitzt, aufspringt und zwischen den Vordersitzen hindurch aus dem Auto schaut, hatten die Beleuchter am Vortag bereits überall auf den Bergen des kleinen Tals Lampen aufgestellt. Ab dem späten Nachmittag wurde die Straße permanent von einem Sprengwagen nass gehalten. Als es dunkel wurde, wurden weitere Lampen aufgebaut. Gegen Mitternacht ließ der Kameramann alle Lampen ausschalten und drehte die Szene so, wie es auch ein deutscher Kameramann von vornherein gemacht hätte: Eine starke HMI-Lampe als Gegenlicht und zwei kleine Einheiten am Auto. Nun wurde mir klar, warum amerikanische Produktionen so teuer sind. Welch ein Aufwand für eine derart banale Szene!

Auf dem Rückweg, ich wohnte bei Gaby und Jürgen, holte ich mir an einem AM.PM oder Seven Eleven am Mulholland Drive noch etwas zu trinken. Dort war ein ziemlich schräger Typ als Kunde im Laden, mitten in der Nacht und im Bademantel. Er bewegte sich irgendwie wie ein Massenmörder. Ich stand kurz hinter ihm, als er sich umdrehte, um hinauszugehen. Mich traf fast der Schlag: Es war Jack Nicholson! Er grinst auch privat wie ein Wahnsinniger. Er ging mit seiner Tüte über die Straße und verschwand im Dunkeln, musste also hier irgendwo wohnen. 


„I Got You Babe“                                                                                                                                                

Natürlich hätte ich Jack Nicholson auch ansprechen können, für ein Interview. Doch man munkelte, er könne sehr rabiat werden, weshalb ich es unterließ. Erstens war ich hundemüde, zweitens wollte ich nicht mit einem Veilchen – selbst von Jack Nicholson persönlich geschlagen (vielleicht mit einem Autogramm darunter, wo das Blau etwas blasser gewesen wäre) – zu unserem nächsten Interviewpartner fahren. Das war Sonny Bono, der Ex-Mann von Cher. Einige von euch kennen vielleicht noch das Duo Sonny und Cher, das in den Sechzigern einige große Hits hatte wie „I Got You Babe“, „Little Man“ oder „The Beat Goes On“.

Cher setzte ihre Karriere im Musik- und Filmbusiness fort, Sonny komponierte weiter und war inzwischen in die Politik gewechselt – er war Bürgermeister von Palm Springs. Ein kurzer Anruf genügte, und Sonny war bereit, uns zu empfangen. Ich war angenehm überrascht; er war ein smarter, überaus angenehmer Typ mit viel Humor, und wir hatten echte Schwierigkeiten, mit dem Interview anzufangen, da wir ins Plaudern gerieten und viel lachten. Vielleicht hätte ich Jack die Nacht zuvor doch fragen sollen!

Nach dem Interview lud er uns in sein italienisches Restaurant ein und stellte uns seine Frau vor. Er war wirklich ein netter, kumpelhafter Typ, der sich riesig darüber freute, dass sich unsere Fragen nur um ihn drehten und nicht um Cher. Er war sehr erfolgreich als Bürgermeister und hatte viel Leben in den zwar prominenten, aber doch etwas verschlafenen Ort gebracht, in dem zum Beispiel auch Frank Sinatra wohnte, den uns Sonny als Interviewpartner besorgen wollte, der aber leider nicht in der Stadt war. Ein Filmfestival und ein Oldtimerrennen hatte er ins Leben gerufen, er war eben ein Showbiz-Profi. Als wir ihn verließen, war es fast, als würden wir einen guten Freund verlassen. Leider starb er einige Jahre später bei einem Skiunfall.



Ich kaufte mir in einem Pawnshop eine alte Gibson SG E-Gitarre, die einst Mark Farner von Grand Funk Railroad gehört hatte, mit dessen Autogramm drauf, und schmuggelte sie nach Deutschland. Hatte sie 1971 mal „Live“ gesehen. 



Für uns hieß es erstmal, zurück nach Deutschland zu gehen. Dort wartete schon die nächste Herausforderung: Hollywood im Kleinformat. Ich sollte einen Spielfilm in Spanien drehen. Regisseur war ein Typ, der sich Gene Reuter nannte, aber eigentlich Anton Karl Heinz H. hieß. Gene gab sich als Hollywood-Größe aus, prahlte mit amerikanischen Geldgebern und rannte wie ein aufgezogenes Spielzeug durch die Gegend. Mein Verdacht: Koksnase. Dennoch fuhr ich nach Almería in Spanien.

Schon die Unterkunft, nahe dem Flughafen, deutete auf „Hollywood für Arme“ hin: eine Pension mit Restaurant. Manolo, der Besitzer, war schmuddelig und hatte sich sicher in seinem ganzen Leben noch nie die Fingernägel gereinigt. Gene besaß einen alten Mercedes und fuhr damit so halsbrecherisch, dass ich ab dem zweiten Tag nicht mehr mit ihm im Auto fuhr. Wir hatten Walkie-Talkies zur Verständigung zwischen den Autos, und damit seine Beifahrer eine Überlebenschance hatten, funkte ich ihn jedes Mal kurz vor einer scharfen Kurve an, damit er den Fuß vom Gas nehmen musste, um nach dem Walkie zu greifen. Eine äußerst effektive Maßnahme.

Viele Spanier waren involviert und arbeiteten seit Wochen sehr fleißig, doch niemand hatte bis dahin auch nur einen Pfennig gesehen. Nach zwei Wochen Arbeit wollte ich endlich mein Geld sehen, denn wir mussten mittlerweile das Essen selbst bezahlen, und Manolo forderte die Bezahlung der Zimmer. Ich stellte Gene zur Rede. Er prahlte wie immer mit Geldgebern aus Hollywood, mit kurzer Verzögerung und Blah, Blah, Blah. Hätte er mir am Anfang gesagt: „Du, ich habe keine Kohle, will aber einen Film machen“, hätte ich ja die Wahl gehabt und vielleicht zugesagt. Aber es hieß ja immer: Hollywood.

Ich teilte ihm mit, dass mein Assistent Rainer und ich aussteigen würden, falls wir unser Geld nicht innerhalb von drei Tagen erhielten. „Dann sieh mal, wie Du nach Hause kommst“, erhielt ich zur Antwort. Solche Typen kann ich besonders gut leiden. Also zeigte ich ihm die Dosen mit dem belichteten Filmmaterial, die ich gebunkert hatte, und fragte ihn, ob ich sie einfach mal nacheinander aufmachen solle (was sie ruiniert hätte). Das wollte er nun auch wieder nicht. Jetzt sah ich, wie prekär die Produktion wirklich stand. Sie konnten nicht einmal Flüge bezahlen, sondern gaben uns einen der Berliner Leihwagen und 400 Mark für Benzin und Übernachtung, um nach Hause zu kommen. Den nächsten Kameramann ließen sie natürlich einfliegen. Wir brauchten drei Tage nach Hause mit der alten Gurke, weil wir feststellen mussten, dass wir die Autobahngebühren nicht einkalkuliert hatten.

Ich ging sofort zum Anwalt, und nachdem auf unsere Schreiben keine Antwort kam, zum Arbeitsgericht. Gene versteckte sich so gut es ging, das heißt, die Ladung konnte nicht zugestellt werden, da er nirgends gemeldet war. Ich erfuhr, dass er bei seiner Freundin wohnte, und ließ dort zustellen, was auch klappte. 

Beim ersten Termin versteckte er sich aber hinter einer ominösen Firma Tricom Entertainment in Los Angeles und erzählte wehleidig, er sei nur Angestellter der Firma und legte Arbeitsverträge vor. Die Verhandlung wurde vertagt. Am nächsten Morgen war ich im Reisebüro, und einen Tag später saß ich im Pan Am Flieger nach L.A. – es ging immerhin um 14.000 Mark! Dort fuhr ich zur Firmenadresse im Sherman Way im San Fernando Valley.

Kein Schild, nichts. Der Verwalter wusste auch nichts von einer Firma, aber Gene Reuter war Mieter eines Apartments dort. Ich trommelte an die Tür, und ein verschlafener Typ machte auf. „Was wollen Sie? Gene ist nicht hier, welche Firma? Keine Ahnung“, antwortete er auf meine Fragen. Ich interviewte den Vermieter, machte Fotos und fuhr zur Deutsch-Amerikanischen Industrie- und Handelskammer auf dem Wilshire Blvd. Die waren sehr hilfsbereit, orderten einen Dunn and Bradstreet Report (eine Art offizieller Wirtschaftsauskunft) über Tricom, der innerhalb von drei Tagen fertig war. Die Firma gab es tatsächlich, sie gehörte Gene, und er hatte sie gegründet, nachdem ich Klage eingereicht hatte, um sein Geld zu schützen. Eine Woche später stand ich wieder vor Gericht, der Richter las den Report und verurteilte Gene, an mich und meinen Assistenten zu zahlen. Gene zahlte natürlich nicht, aber als es dann um den Offenbarungseid ging, war das Geld plötzlich innerhalb von 24 Stunden bar bei meinem Anwalt.

Der Film wurde fertig, aber außer mir und Rainer hat niemand je Geld gesehen. Die Spanier, die teilweise wochenlang für ihn gearbeitet hatten, hatte er mit „Schüttelschecks“ bezahlt, sie kamen nach Berlin, um ihr Geld einzuklagen. Es war hoffnungslos, denn der Trick mit der Firma funktionierte bei den anderen; sie hatten zu spät Klage eingereicht. Ein klassischer Fall von „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.


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