Samstag, 7. März 2026

 


„Reise in ein verborgenes Leben“ oder wäre ein verdorbenes Leben nicht der bessere Titel?

Hans hatte einen neuen Film. Regie sollte Hans Neuenfels machen, ein renommierter Theaterregisseur. Produzentin war Regina Ziegler. Hörte sich interessant an. Wir trafen uns im Cafe Untreu (gibt’s nicht mehr), in der Bleibtreustraße. Neuenfels war hochintelligent, ich habe niemals mehr einen Menschen getroffen, der so gebildet war, zumindest auf kulturellem Gebiet. Dass Neuenfels nicht gerade eine Leuchte in Geschichte war, stellte sich erst später heraus. Ich gebe einfach mal sicherheitshalber vorab zu, dass ich ein totaler Banause bin, was Theater und Oper betrifft, damit erklärt sich dann auch die nun folgende Peinlichkeit. Neuenfels fragte uns, was wir zuletzt im Theater gesehen hätten. Ich hatte mehrmals mit dem ZDF im Theater gedreht, war aber alles Boulevardtheater, deshalb war es mir eher peinlich, da einen Titel zu nennen (freiwillig habe ich selten eines betreten). Da kam mir ein spontaner Einfall. „Alles im Garten – in Frankfurt“, sagte ich, das hatte ich mal als Fünfzehnjähriger in Frankfurt gesehen, bei einem Schulausflug. Ich hoffte, dass das Stück so unbedeutend war, dass Neuenfels es nicht kannte.

Ihm verschlug es die Sprache. „Das wurde in Frankfurt nur mal Ende der Sechzigerjahre aufgeführt“, sagte er. Er hatte mich ertappt. Dummerweise wusste ich nicht, dass Neuenfels vorher das „Enfant Terrible“ der Frankfurter Theaterszene gewesen war. Ziemlich peinlicher Einstand von mir. Hans war aber auch nicht viel besser dran.

Ein Drehbuch gab es nicht, das wollte Neuenfels während des Drehs schreiben. „Reise in ein verborgenes Leben“ sollte das Meisterwerk heißen und Jean Genets (Jean wer?) Leben verfilmen. Ich hatte zwar mal den Namen gehört, aber hatte keine Ahnung, dass wir damit mal wieder an eine Schwulengeschichte geraten waren. Etwa ab dem dritten Drehtag hieß der Film dann für mich: „Reise in ein verdorbenes Leben“. Motive gab es noch nicht, sollte alles vor Ort gesucht werden, Hotels gab es auch nicht, sollte der Aufnahmeleiter vor Ort suchen, der aus Paris kam und der Sohn des dortigen Direktors des Goethe-Instituts war, den Neuenfels wohl kannte. Charleville-Mézières sollte der erste Drehort sein, eine hässliche Industriestadt in den Ardennen. Wer je einen meiner Lieblingsfilme gesehen hat, nämlich „Das Auge“ von Claude Miller mit Isabel Adjani und Michel Serrault, weiß, wie es da aussieht. Die deprimierende Schlussszene spielt dort.


Treffpunkt Marktplatz

Ich kam dann auf die glorreiche Idee, da es ja noch keine Hotels und damit keinen Treffpunkt gab, uns einfach am Marktplatz zu treffen, in der nächstgelegenen Kneipe. So einfach, so gut. Wir fuhren mit mehreren Autos los. Es war Ende April und noch ziemlich kalt. Wir fuhren im Pulk, Neuenfels kam später nach, die Schauspieler kamen aus Frankfurt, der Aufnahmeleiter kam mit dem Zug aus Paris.

Gegen 19 Uhr waren wir da, parkten unsere Autos mit den deutschen Nummernschildern direkt auf dem Marktplatz, legten fette Schilder ins Fenster mit dem Hinweis auf die Kneipe, in die wir dann gingen und die direkt am Platz lag. Wer nicht kam, war der Aufnahmeleiter. Es wurde acht, es wurde neun, die Schauspieler kamen, es wurde zehn. Ab da waren eigentlich nur noch etwa zwölf Deutsche in der Kneipe, die sich lautstark unterhielten. Gegen halb elf wollte der Wirt schließen – noch immer kein Aufnahmeleiter da. Seit etwa zwei Stunden saß in einer Ecke ein einsamer junger Mann, sollte der etwa? Nein, so blöd kann niemand sein. Vielleicht doch. Ich ging hin, sprach ihn an, oh Wunder, es war unser Aufnahmeleiter, der trotzdem, nur Deutsche in der Kneipe waren, nicht auf die Idee gekommen war, wir könnten das Team sein, auf das er wartete. Trotzdem brauchten wir ihn dringend, denn keiner außer ihm sprach vernünftiges Französisch.



Nun wollten wir uns zu einem Meeting ins Hotel zurückziehen, was uns aber nicht gelang, denn der Aufnahmeleiter hatte zu Fuß, vom Bahnhof kommend, in jedem kleinen Hotel, was auf dem Weg lag, ein paar Zimmer gebucht, sodass wir in fünf verschiedenen Hotels untergebracht waren, statt alle zusammen in einem Großen.

Am nächsten Morgen, Neuenfels war inzwischen da und Carlo sein Regie-Assistent, gingen wir Motive suchen. Wir fanden einen superschönen kleinen Bahnhof, ein schöneres Bahnhofsmotiv habe ich seitdem nie wieder gesehen. Der Zug kommt wegen eines Berges aus einem Tunnel, nach etwa 200m kommt der schmucke Bahnhof, und nach weiteren 200 Metern verschwindet der Zug wieder in einem Tunnel – einfach traumhaft.

Da der Aufnahmeleiter sehr schüchtern war, oder einfach nur eine Sprachamöbe, waren immer wieder meine dürftigen Sprachkenntnisse gefragt. Leider hatte ich eine recht gute Aussprache, dadurch überschätzten meine französischen Gesprächspartner immer wieder erheblich meine Kenntnisse, was zur Folge hatte, dass sie zwar verstanden, was ich wollte, ihre Antwort mir aber unverständlich blieb. Oder kurz gesagt, ich verstand nur Bahnhof. Neuenfels war aber auch nicht besser.



Während Neuenfels und ich also gerade mit dem Bahnhofsvorsteher um die Drehgenehmigung für sein schönes Stück feilschten, sah ich, wie unser genialer Aufnahmeleiter seine Hose öffnete und im Hintergrund an den frisch getünchten Bahnhof urinierte. Leider bekam das auch der Bahnhofsvorsteher mit. Es kostete uns danach viel Arbeit, trotzdem die Drehgenehmigung zu bekommen. Abends bekamen wir dann kleine, handgeschriebene, unleserliche Zettel, das war das Drehbuch für den nächsten Tag.


Wie wir Neuenfels’ Kreativität zügelten

Wir mussten einige Motorradfahrten mit einem alten Motorrad drehen. Das wurde gerade von einem der Schauspieler, auch so eine Intelligenzbestie, aus Berlin persönlich überführt. Leider war er noch nicht angekommen, weil in Braunschweig der Gaszug gerissen war. Auch am nächsten Morgen war es noch nicht da, denn der Fahrer hatte aus Versehen Diesel getankt. Man war aber guter Dinge für den nächsten Tag.

Wir drehten deshalb in einer Fabrikruine. Früher waren hier mal die Schrauben für den Eiffelturm galvanisiert worden, heute war das Gebäude stark einsturzgefährdet. Wir wagten uns nur mit Helm rein. Die Schauspieler – ja, richtige Schauspieler waren das ja nicht gerade, sondern eher junge Frankfurter Neuenfels-Fans. Ein Perser war dabei, der nichts Besseres zu tun hatte, als dem Aufnahmeleiter sofort die Freundin auszuspannen, die nachgekommen war. Eine menschliche Tragödie jagte die andere. Carlo, der Regie-Assistent, war eine Ausnahme, er hatte richtig was drauf und hat auch später Karriere gemacht.

Wir hatten gerade eine etwa 10 Meter lange Schienenfahrt vorbereitet, als der Unterbau einbrach und Hans noch lachend vom Elemack fiel, bis seine Hand auf ein Brett schlug, aus dem ein rostiger Nagel lugte. Ein glatter Durchstich. Er war tapfer, trotzdem wurde er sofort zum Arzt gefahren. Auf dem Weg zum Auto schrie Neuenfels noch hinterher: „Fahrt ihn am besten zum Veterinär, die sind hier in der Gegend am besten.“

Neuenfels hatte immer abstrusere Ideen. Mal wurde einer seiner Schauspiellakaien (Stefan, der Hauptdarsteller) nackend an einen kleinen Wasserfall gebunden. Diese Szene probte er endlos, bis Hans und ich in unseren dicken Daunenjacken ihm klarmachten, dass es sicher nicht so angenehm sei, nackt im April an einem Wasserfall zu hängen, und wenn er nicht sofort drehe, wir zusammenpacken würden und nach Hause fahren. Diese Drohung wirkte, und wir setzten sie mehrmals täglich ein, wenn es zu arg wurde.

Mal hatte er die Idee, bei einer Taufszene in einem schweinekalten Saustall, statt schmutzigem Wasser, Gülle zu nehmen. Wir drohten mit Abreise. Mal wollte er in einer einsamen Kirche in erzkatholischer Gegend, Stefan nackt auf den Altar legen, ihm eine Kerze in den After stecken und anzünden. Wir drohten mit Abreise – außerdem hätten die Katholen uns dabei erwischt, sie hätten uns mit Recht erschlagen. So langsam wurde mir klar, warum Neuenfels das „Enfant Terrible“ der Theaterszene war, und so langsam dürfte den Lesern klar werden, warum wir den Film in „Reise in ein verdorbenes Leben“ umgetauft hatten.

Es ist mir durchaus bewusst, dass wir mit unseren permanenten Abreisedrohungen Neuenfels’ Kreativitätsschüben starke Fesseln anlegten, aber immerhin haben wir damit die Sendefähigkeit des Films gefördert (eine Fernsehproduktion) und wahrscheinlich das Überleben der Schauspieler gesichert. Der gesamte Inhalt des Films blieb uns ja bis dahin sowieso verborgen, da es ja kein Drehbuch gab und die Zettel unleserlich waren. Der Film hat mir Jean Genet jedenfalls nicht gerade nähergebracht.

Carlo hatte nur noch ein Problem. In einer Szene musste er mitspielen und irgendeinen auf den Mund küssen. Da er aus irgendeinem Dorf bei Frankfurt kam, jammerte er die ganze Zeit nur noch: „Wenn das einer dort sieht, kann ich mich zu Hause nicht mehr blicken lassen.“


Nun kam der Bahnhof an die Reihe. Stefan musste vom Bahnsteig auf die Gleise springen und sagen: „Scheiße für mich, Scheiße für mich …“ – keine Ahnung, wie der Satz weiterging. Neuenfels hatte wieder einmal eine geniale Idee. „Ich brauch Scheiße!“, sagte er, „los, holt Scheiße, denn Stefan muss natürlich in richtige Scheiße treten dabei.“ Seine Lakaien fuhren los. Stunden später sah man dann ein Auto mit geöffnetem Fenster von weitem heranfahren. Plastiktüten wurden rausgehalten. Es stank bestialisch! Natürlich ist es nicht ganz einfach, ohne Französischkenntnisse loszufahren und nach Scheiße zu fragen. Trotzdem waren die Jungs erfolgreich. Um den Meister nicht zu verärgern, hatten sie Scheiße in allen erdenklichen Zustandsformen gesucht und auch gefunden. Auf dem Rücksitz in Eierkartons hatten sie verschiedenfarbige Scheiße von fester Konsistenz, aber mit farblichen Unterschieden. In den Plastiktüten hatten sie die etwas flüssigeren Exkremente. Ich ging um die Ecke, um mich zu übergeben. Neuenfels suchte sich seine Lieblingsscheiße aus, und wir drehten das Ganze ziemlich total. Es wäre also egal gewesen, ob da wirklich Scheiße gelegen hätte.

Im Nachhinein können wir von Glück reden, daß Neuenfels uns damals nicht aufforderte auf die Gleise zu kacken.

Unser nächster Drehort stand auf dem Programm: Brest in der Bretagne. „Brest hat eine traumhafte Altstadt“, hatte uns Neuenfels erzählt, „wenn ihr irgendwo die Kamera aufstellt und dann ein neues Motiv sucht, braucht ihr euch nur umzudrehen.“ Wir waren gespannt.

Hans und ich kamen als Erste in Brest an, Zeit genug, um sich die Altstadt anzusehen. Doch so sehr wir auch dem Wegweiser „Centre Ville“ folgten, wir fanden sie nicht, merkwürdige Beschilderung. Wir hielten an und ich fragte den ersten Franzosen nach der Altstadt. Der ging einfach weiter. Hey, ich hatte bislang nur freundliche Bretonen kennengelernt und war überrascht. Ich fragte den Zweiten, der schüttelte den Kopf, wie jemand, dem man eine saublöde Frage gestellt hat, und ging weiter. Der Dritte zeigte mir den Vogel. Der Zehnte etwa klärte mich mit einem Blick auf unser deutsches Nummernschild freundlicherweise auf Deutsch auf. „Sie als Deutsche sollten eigentlich wissen, dass Brest keine Altstadt mehr hat“, sagte er freundlich.

Jetzt fiel bei mir der Groschen. Brest war nicht von den Deutschen zerstört worden, aber die Alliierten hatten am Ende des Zweiten Weltkriegs, wegen der starken deutschen Militärpräsenz und des U-Boothafens, die Stadt in Schutt und Asche gelegt. 

Ich entschuldigte mich. Wir fuhren ins Hotel und warteten auf Neuenfels. Als er dann kam, teilten wir ihm höhnisch unser neues Wissen mit. „Das kann nicht sein!“, polterte Neuenfels los, mittlerweile mit total krächzender Stimme, zerrte einen Stapel Feldpostkarten aus seinem Koffer und zeigte sie uns, „und was ist das bitte schön, eine wunderbare Altstadt?“ „Mann, da ist Adolf hinten als Briefmarke drauf!“, sagte ich, und Hans sagte nur: „Viel Spaß bei der Motivsuche, ich geh ins Bett.“


Der tückischen Tidenhub macht auch vor Ignoranz nicht halt

Wir fanden schnell ein geeignetes Motiv. Le Conquet hieß die malerische Stadt, unser Hotel lag traumhaft auf einer Klippe, direkt über dem Meer. Neuenfels wollte am nächsten Tag in der Bucht unter dem Hotel drehen, eine kleine, sehr steile Treppe war in die Stufen geschlagen, zu steil für unser Equipment. Da ich die Bretagne gut kannte und wusste, dass der Tidenhub teilweise bis zu 17 Metern beträgt (der Unterschied des Wasserstandes zwischen Ebbe und Flut), warnte ich davor und bat darum, doch bitte nachzuprüfen, wie lange wir Zeit zum Drehen hätten. „Schon geklärt!“, blaffte mich Neuenfels an, „um 8 können wir drehen, die Flut kommt um 14 Uhr.“





Die Bucht hatte eine kleine Einfahrt. Es waren etwa fünf Meter zwischen Fels und Wasser. Da mußten wir mit dem Bühnentransporter durch. Als wir die Schienen für die Kamerafahrten ausgelegt hatten, waren es nur noch drei Meter, und dann mussten wir panisch einpacken und verschwinden. Um zehn Uhr stand bereits die ganze Bucht unter Wasser.

Als ich einige Jahre später mit meiner damaligen Lebensgefährtin, einer sehr von sich selbst überzeugten Dame, und ihrem vierjährigen Sohn Urlaub in der Bretagne machte, liefen wir zu einer kleinen Insel, etwa 300m vor der Küste. Ein betonierter Weg führte dorthin. Nach etwa zehn Minuten Aufenthalt sah ich das Wasser von den Seiten kommen. Ich schnappte mir den Jungen, warf ihn über die Schulter und sagte nur: „Los, renn, oder willst Du sechs Stunden auf der Insel bleiben?!“ Sie schaute mich total entgeistert an, sagte nur: „Du Feigling, das bisschen Wasser, das dauert noch ewig, Du erschreckst nur das Kind!“ Ich rannte sofort los und ließ sie fluchend stehen. Ich schaffte es noch, auf den letzten Metern stand mir das Wasser bis zu den Knien. Sie hatte zu lange gewartet und war zu langsam losgegangen, die letzten Meter musste sie schwimmen, die teuren Schuhe waren hinüber – das zum Thema Tidenhub in der Bretagne.

Am nächsten Tag hatte Stefan, unser Hauptdarsteller, eine dicke Lippe. Was war passiert? Neuenfels hatte ihm Konzentrationsübungen empfohlen. Den Rumpf beugen, Augen schließen, die Ohren zuhalten und den Oberkörper pendeln lassen. Das mag zwar gut für die Konzentration sein, ist aber überhaupt nicht gut für den Gleichgewichtssinn, folglich hatte Stefan das Gleichgewicht verloren und war auf die Lippe gefallen.

Im Hotel waren wir kurz vor dem Rausschmiss. Eines unserer hochverehrten Teammitglieder, der Regisseur, hatte sich im vollbesetzten Lokal, im Suff, ein Tischtuch um den Kopf gebunden und war auf allen Vieren, pöbelnd, durchs Lokal gerobbt. Das fanden die Franzosen, in ihrer sonntäglichen Abendgarderobe, mit Recht nicht wirklich witzig.

Wir drehten noch einige Tage auf einem Leuchtturm westlich von Le Conquet, mit darunterliegendem deutschen Bunker, den ich einige Jahre später mal kaufen wollte, der aber leider nicht verkäuflich war.





Heiratsantrag auf Bretonisch und ein verpasstes Leben

Now for something completely different.

Wir waren in der Bretagne unterwegs. In Crozon oder Morgat gab es ein witziges Restaurant mit Kiesfußboden, da liefen Hühner herum, Hunde, und das Essen war super. Die Wirtin war stets superauffällig Ton in Ton gekleidet, leider waren es meistens Schockfarben. Wir waren dort jeden Tag, und die Wirtin beobachtete mich die ganze Zeit über. Sie hatte eine bildschöne Tochter, hochintelligent, etwa 20 Jahre alt, und die schmachtete mich deutlich erkennbar an. Die Wirtin hatte inzwischen schon mitbekommen, dass meine Freundin kein Französisch sprach. Also kam sie mit der Speisekarte, tat so, als wolle sie mir die Gerichte erklären, sagte aber stattdessen, meine Freundin immer wieder freundlich anlächelnd: „Pass mal auf, mein Lieber, meine Tochter hat sich in Dich verknallt. Du fährst jetzt Deine Schnecke nach Deutschland, kommst sofort zurück, ich finde Dich auch sympathisch, Du wärst der ideale Schwiegersohn. Ihr werdet heiraten, Kinder haben und bekommt von mir den Laden geschenkt. Hauptsache, sie heiratet keinen Franzosen (die Bretonen mögen die Franzosen überhaupt nicht).“ Bitte mach meine Tochter einfach nur glücklich.“

Leider war ich kein alleinreisender Junggeselle, sonst wäre die Entscheidung denkbar einfach gewesen. Wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich es getan hätte, ernstgemeint war es allemal. Die Wirtin lauerte mir sogar auf, wollte mir Geld für die Rückreise geben, um mich davon zu überzeugen, dass sie es wirklich ernst meinte. Ich habe meiner Freundin nichts davon erzählt. Mir blieb nur die Flucht, deshalb machte ich ihr den Vorschlag, nach Le Conquet zu fahren, und sagte, ich wolle unbedingt den Leuchtturm kaufen. Kleines Update: 2024 war ich mit meinen Söhnen dort und habe 40 Jahre später nach dem Restaurant gesucht und nach meiner Beinahe-Ehefrau, aber leider nicht gefunden.

Auch unser Dreh ging langsam zu Ende, Neuenfels’ Zettel wurden immer dürftiger, und wir beschlossen, aufzuhören. Der SFB war vom Ergebnis ziemlich schockiert und verbannte den Film ins Nachtprogramm.

Freitag, 6. März 2026

Der sexte Sinn und das Haus in Asien.                                                                                        Hans rief mich an – er hatte seinen ersten Film als Kameramann, ich sollte Assistent machen. Es war ein Kurzfilm, Low Budget, „42nd Street“ hieß er. Christoph E. spielte die Hauptrolle, produzierte und führte Regie. Wir arbeiteten auf Gagenrückstellung, das heißt: Wenn der Film Geld einspielt, gibt’s was, ansonsten hat man umsonst geschuftet. Ein bisschen wie Lotto, nur mit mehr Kamera.

Hans war richtig gut, hat viel Spaß gemacht. Nachdem wir einige Monate keinen müden Cent gesehen hatten, las ich plötzlich in der Zeitung, dass der Film eine Förderung bekommen hatte – eine relativ hohe Summe für einen Kurzfilm. Wunderbar, dachte ich, endlich gibt es Geld! Ich rief bei Christoph an und erfuhr, dass er nach Asien gefahren war, um sich dort ein Haus zu kaufen. Nun ratet mal, von welchem Geld wahrscheinlich? Ich habe nie eine müde Mark gesehen, und ins Haus wurde ich auch nicht eingeladen. Habe aber dadurch gelernt, wie man zu was kommt – leider aber nicht persönlich angewendet. Wenn der Tsunami auch nur einen Funken Anstand gehabt hätte, dann hätte er dieses Haus dem Erdboden gleichgemacht.

Hans hatte gleich den nächsten Film. „Der sexte Sinn“ sollte er heißen, Regie Lothar Lambert. Lambert, war das nicht der Schwulenfilmer? Ja, er war es, und was war das für ein Typ! Als Regisseur nun nicht übermäßig talentiert, aber als Mensch war Lothar klasse. Ich hatte ihn mir als total abgefahrenen Typen vorgestellt, da ich seine Filme kannte, aber Lothar war sehr bürgerlich, hatte gute Umgangsformen, ein angenehmes Wesen, und er beutete seine Darsteller nicht aus, die ganzen Loser oder gescheiterten Existenzen, die in seinen Filmen mitspielten. Er machte sich nicht lustig über sie, sondern nahm sie ernst. Sie verkörperten wahrscheinlich alle Freiheiten, die er nicht wagte, für sich einzufordern, dazu war er zu konservativ. Er lebte diese Freiheiten in seinen Filmen aus. Dagmar Beiersdorf war auch dabei, ebenfalls eine, sagen wir mal, Undergroundfilmerin aus Berlin, auch sie sehr angenehm, sehr bürgerlich, trotz ihrer Filme, die das Gegenteil zeigten. Beide lebten unauffällig, absolut gesetzestreue Bürger, ohne Eskapaden. Lothar schrieb damals, glaube ich, die Filmkritiken für die BZ, eine Zeitung in Berlin.


Der Zirkusdirektor der aus Scheiße Gold machen konnte.                                               Der Produzent war Albert H. Er hatte im Osten einen kleinen Wanderzirkus gehabt, der Tiere an Fernsehproduktionen vermietete, war rübergemacht, und da im Westen damals alle Ossis hofiert wurden, hatte er sich als Schauspieler ausgegeben, was keiner nachprüfte. Ich kannte ihn schon, er war der Schrecken aller Regisseure, „unbegabt“ ist gar kein Ausdruck, er war einfach unfähig und konnte keinen Satz fehlerfrei und irgendwie der Dramaturgie entsprechend aufsagen, bekam aber permanent kleine Rollen, da er nicht viel kostete.

Als Produzent war er, sagen wir mal bodenlos untertrieben, ein Schlitzohr. Es gelang ihm immer wieder, was Alchemisten schon seit dem frühen Mittelalter versucht, aber nie geschafft hatten: nämlich aus Scheiße Gold zu machen. So auch mit diesem Film. Schätzungsweise hatte der Film einen Etat von 1,2 Millionen DM. So wie der Film produziert wurde, blieben bestimmt 600.000 DM für ihn übrig, statt der 7 %, die ihm zustanden. Er war aber kein unangenehmer Typ. Sein Produktionsbüro war personalmäßig immer entweder halbseiden besetzt oder verrückt. In diesem Fall verrückt. Die Produktionsleiterin ging einige Jahre später zum Corbusierhaus (ein Hochhaus in Berlin), in dem sie mal gewohnt hatte, klingelte an der Wohnungstür ihrer früheren Wohnung im 6. Stock, fragte freundlich, ob sie sich mal umsehen dürfe, ging zum Balkon und sprang – und war sofort mausetot. Ein tragisches Ende für eine, nun ja, verrückte Zeit.

Der Dreh in Berlin verlief ohne Probleme, doch einige Tage sollten in Italien gedreht werden, im Haus des Schauspielers von Ingolf George, in der Nähe von Genua. Hans, ich, Alberts unbegabte Tochter, die Tonleute und Nicky, die Maskenbildnerin (Tochter von Sindermann, dem Volkskammerpräsidenten der DDR), sollten mit dem Auto hinfahren. 

Fast alle waren schon unterwegs, als unser Leihwagen eintraf, ein uralter Ford Transit, höchstens noch für eine Fahrt zum Bosporus geeignet, Spitze sicher 80 km/h, nach Genua 1200 km. Wir tankten voll, als wir anhielten, um Getränke zu kaufen, war der Tank schon fast wieder leer (nach 10 km). Des Rätsels Lösung: ein fingerdickes Loch im Tank, aus dem in einem ebenfalls fingerdicken Strahl der Sprit auslief, wie wir rauchenderweise feststellten. Etwa 8 Liter blieben allerdings immer drin.

Zurück zur Leihwagenfirma. Ein Anruf im Produktionsbüro ergab, dass wir nur dort einen Wagen leihen konnten, mangels Kohle – angeblich. Es gab nur einen VW-Bus, einen wirtschaftlichen Totalschaden, dem war ein anderes Auto voll in die Schiebetür gefahren. Die ließ sich zwar noch schließen, aber der Rahmen war verzogen, wie wir in Italien feststellten, als wir zum ersten Mal neue Reifen kaufen mussten, mangels Profil auf einer Seite.

Wir fuhren also mit etwa fünf Stunden Verspätung los, und um keine Zeit zu verlieren, sagten wir den Mädels im Wagen gleich, dass nur alle fünf Stunden gepinkelt wird, was sie sehr entsetzte. Ich musste als Erster, sagte aber nichts, sondern behauptete stur, meine Zigaretten seien ausgegangen. Wohnen sollten wir im Haus des Schauspielers, das sei groß und alles sei perfekt vorbereitet, hatte Albert erzählt.

Leider vergaß Alberts Tochter in einer Autobahnraststätte in Italien ihre Handtasche und bemerkte es erst nach einer Stunde. Also wieder zurück – völliger Schwachsinn in einem Land, in dem das Verbrechen erfunden wurde, wie mein Freund Michael Marszalek immer wieder behauptete. Na ja, die Tasche, okay, ich bleib ehrlich, sie war noch da, nichts fehlte, aber wir hatten über zwei Stunden verloren.

Um halb drei nachts, nach vier Packungen Marlboro (Hans und ich), kamen wir an, fanden das Haus natürlich nicht und riefen dort an. Natürlich war nichts vorbereitet, das Haus lag in den Bergen, es war saukalt (Mai!), es gab weder Decken noch Schlafplätze, deshalb fuhren wir wieder in die kleine Stadt und schliefen noch einige Stunden auf Parkbänken, dann suchten wir uns ein billiges Hotel. Albert bekam fast einen Infarkt, als erfuhr, dass er für uns ein Hotel bezahlen sollte. Er japste nach Luft und lief rot an, das Haus sei doch schön und wir seien verwöhnte Schnösel, sagte er, aber bezahlte. Ich gehe mal davon aus, dass pro Kopf 150 DM Übernachtung in der Kalkulation für den Sender gestanden haben dürfte. Wir waren für 35 abgestiegen. Ansonsten hatten Hans und ich viel Spaß bei der Produktion, bei den ganzen Dilettanten vor der Kamera, die wir, leider nicht so feinfühlig wie zum Beispiel Lothar, permanent verarschten, zu absurd war das Ganze, natürlich ließen wir Lothar und Albert auch nicht aus.

Die Rückreise kostete einen zweiten Satz Reifen, aber wir überlebten, und Albert kaufte sich ein weiteres Mietshaus in bester Lage, als der Sender bezahlte.


Ein Jahr später heulte mir Albert was vor: Er habe wieder mit Lothar eine sündhaft teure Produktion, eine Komödie über das Leichenbestatterwesen, dummerweise spiele ein Teil in Petra/Jordanien, und das sei teuer. Youssef, ein netter Studienkollege von mir, war mit dem jordanischen Königshaus versippt und verschwägert und versprach zu helfen. Albert war erleichtert. Er versprach mir den Kamerajob. Youssef besorgte Drehgenehmigungen, Kameraausrüstung, ein Team – alles mehr oder weniger umsonst. Aus Dank bezahlte Albert Youssef nicht dafür und gab meinen Kamerajob an einen Türken, der noch nicht mal eine Arbeitserlaubnis hatte, der aber Albert beim nächsten Film in der Türkei mit Kontakten helfen sollte.

Ich ging zum Arbeitsgericht. Mit einer Unverfrorenheit behauptete Albert, unterstützt mit einem Schreiben des NDR, der Redakteure T.K. und E.S., selbst der Programmdirektor Rolf Seelmann-Eggebert hatte unterschrieben, dass der Türke besser gewählt wurde, da er als Moslem dem deutschen Leichenbestatterwesen unbefangener gegenüber stehe und damit besser geeignet sei, als ich. Ich war Mitglied beim BVK, dem Berufsverband der Kameramänner. Dort ging ein Schreiben vom NDR ein, in dem behauptet wurde, ich hätte mich als Unbekannter in die Produktion eingeschlichen, sozusagen, niemand hätte mich gekannt und hätte mich als Kameramann ausgegeben, aus Mitleid hätte Albert mir den Job angeboten, aber als er erfuhr, dass ich zu wenig Erfahrung habe, sei ihm das Risiko zu groß gewesen. Der BVK solle doch mal überprüfen, ob ich als Hochstapler aus diesem Grund überhaupt als Mitglied tragbar sei. (Die Kopien dieser Briefe habe ich noch.)

Lieber Herr RSE, Sie sind jetzt auf Rente und haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren: Sie haben damals wahrscheinlich einen mutmaßlichen Betrüger gedeckt, der den NDR vermutlich viel Geld gekostet hat, und einen Redakteur, der den Spitznamen „Mister 10 %“ hatte. Raten Sie mal, warum man zu einem solchen Namen kommt? Schauen Sie sich mal den netten Film an, der im NDR lief und der Albert und Ihren Redakteur beim Pferdewetten an der Côte d’Azur zeigt (wie dreist von einem Zocker!), oder auch das leicht faschistoide Machwerk, das Albert dann in Costa Rica drehte, mit dem unsäglichen Edwin M. als Regisseur. Damals haben Sie auch noch eine Dokumentation auf einem Bananendampfer an Albert bezahlt (nicht persönlich), damit hat Albert auch noch an den Reisekosten doppelt verdient und ihr Redakteur auch.                                                        Vor dem Arbeitsgericht war Albert zum ersten Mal gut als Schauspieler, er zog alle Register, sagte, ich wolle ihn ruinieren. Barbara Salesch wäre vor Neid erblasst und hätte man es aufgezeichnet wäre es eine Sternstunde deutscher Comedy gewesen. Es war ein unterhaltsamer Prozess, alle hatten viel zu lachen, denn wir waren weiterhin per Du. Albert gab die Drama-Queen warf sich heulend auf den Boden, sagte „Ich bin ruiniert, wenn Du gewinnst!“ Ich antwortete nur: „Mach dich nicht lächerlich und zieh nicht so ’ne Show ab.“ 

Der Richter fand das hochinteressant, denn Albert hatte ja behauptet, er habe mich erst gar nicht gekannt, er hatte nicht geleugnet, mir den Job angeboten zu haben. Dummerweise konnte ich auch noch mit einem Vertrag belegen, dass Albert mich schon zwei Jahre lang kennen musste (der Vertrag vom „sexten Sinn“). „Ihr Verhältnis scheint ja nicht so schlecht gewesen zu sein, wenn Sie immer noch per Du sind, sich mit dem Vornamen anreden, obwohl Sie vor Gericht stehen“, sagte der Richter, „das sieht mir nicht danach aus, als ob sie sich nur flüchtig kennen.“ Er verknackte Albert dazu, meine Gage zu zahlen. Albert, immer noch heulend mit einem knallroten Kopf, wurde sofort ganz ruhig und sagte nur: „Das geht ja noch“, er hatte anscheinend mit Schlimmerem gerechnet. Sein Winkeladvokat hatte während der ganzen Verhandlung nicht ein Wort gesagt

Das Einzige, worüber ich mich heute ärgere, ist, dass ich damals nicht den Spiegel (Magazin) auf Albert und Mr. 10 % angesetzt habe, die hätten ihnen das Handwerk gelegt. Denn diese Verbrecher wollten durch den Brief an den BVK meine Existenz vernichten; wenn ich dort rausgeflogen wäre, hätte ich umschulen können. Falls jetzt einer der Betroffenen auf die Idee kommt, mich wegen Verleumdung verklagen zu wollen: Viel Spaß dabei, ich habe noch alle Briefe!

Natürlich war das nicht das letzte Erlebnis der besonderen Art mit dem netten Sender im Norden. 1988 hatte ich einen Kurzfilm von mir im internationalen Wettbewerb der Filmfestspiele Berlin, der lief dann auch auf dem No Budget Festival in Hamburg. Ich war hocherfreut, als mich ein Redakteur vom NDR anrief, der meinen Film haben wollte. Er erzählte mir, dass seine Freundin einen Film über das Festival produziere, in dem die besten Filme vertreten sein sollten. Er bot mir 150 Mark und verlangte dafür die Rechte an meinem Film für 15 Jahre. Ich musste lachen und sagte ihm, dass dies nicht gehe, da ich den Film von meinem eigenem Geld produziert hätte und natürlich meine Produktionskosten erstmal reinbekommen wolle, was nicht gehe, wenn er die Rechte erhalte. Er sagte mir offen und ganz unverblümt: „Wenn Sie jemals wieder für den NDR arbeiten wollen, rate ich Ihnen, mein Angebot anzunehmen.“ Ich legte auf. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber das war, glaube ich, derjenige, der erst vor Kurzem bei einer großen Münchner Firma rausgeflogen ist, weil er sich für Schleichwerbung in Filmen bezahlen hat lassen.

Anfang der Neunziger reichte ich ein Konzept über Kinder aus Namibia, die in der DDR aufgewachsen sind, beim NDR ein (wegen Meck-Vorpolen), erhielt eine Absage – und kurz darauf einen Anruf von einer Produktion, die davor stand, diesen Auftrag mit meinem Konzept zu bekommen und so dreist war, mich nach Informationen über das Thema befragen zu wollen, weil ich ja als Spezialist für das Thema gelte. Meine Telefonnummer hatten sie von dem Redakteur, bei dem ich das Konzept eingereicht hatte. Ein wirklich netter, sehr integrer Sender…


Der Unhold, me too unloaded: Ein Raubvogel von Regisseur und die „Besetzungscouch 2.0“

Vor wenigen Jahren hätte ich seinen Namen nicht nennen können, denn er würde sofort klagen und versuchen, mich zu vernichten. Aber alles, was ich über ihn schreibe, entspricht der Wahrheit. Ich habe es entweder selbst erlebt oder aus absolut verlässlichen Quellen. Er war mächtig und nutzte seine Macht aus wie kein anderer. Selbst die Metoo Kampagne überstand er fast unbeschadet trotz erdrückender Anschuldigungen.

Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der mir auf Anhieb so unsympathisch war. Stechende, kalte, blaue Augen, wie ein Raubvogel mustert er lauernd seine Umgebung. Man glaubt nur zwei Gefühlsregungen darin erkennen zu können: Desinteresse und Verachtung. Er verachtet die Menschen, behandelt sie wie den letzten Dreck – wenn die Definition eines Alpha-Tieres oder Leitwolfs seine Berechtigung hat, dann bei ihm. Was sich ihm nicht bedingungslos unterwirft, wird vernichtet. Sein Name: Dr. Dieter Wedel

Er hielt sich für den größten Regisseur Deutschlands und hat zweifellos einige gute Filme gemacht, aber auch deshalb, weil er mit großen Budgets drehte und damit auch die besten Schauspieler engagieren konnte. Ich habe ihn zwar als überdurchschnittlich kennengelernt, aber keinesfalls als genial. Wer sich mit ihm anlegte, kam auf eine schwarze Liste und hatte es fortan schwer, Arbeit in der Branche zu bekommen, denn der Unhold hatte zu großen Einfluss. Als in den siebziger Jahren die ersten Berufsverbote auftauchten, für Linke, die in den Staatsdienst wollten, war ich total dagegen. Als ich den Unhold kennenlernte, wurde ich dann ein großer Fürsprecher der Berufsverbote, aber nur in seinem Fall. Dieser Mann hätte ins Gefängnis  gehört wegen sexueller Nötigung und hätte seinen Beruf nicht mehr ausüben dürfen.

Als ich anfing in der Branche, hörte ich immer wieder Stories über die so genannte Besetzungscouch. Auf der waren früher (dreißiger bis sechziger Jahre) Starlets und junge Schauspielerinnen (freiwillig) gerne mal, wenn sie für eine Rolle vorsprachen, Regisseuren und Produzenten zu Willen, um schneller Karriere zu machen. Das hat anscheinend auch gut funktioniert, und es gibt einige sehr gute, ältere, internationale Schauspielerinnen, die dazu stehen, dass sie auf diese Weise angefangen haben. In den achtziger Jahren, dachte ich, gibt es so was nicht mehr. Weit gefehlt. Der Unhold ist viel schlimmer. Er engagierte für seine weiblichen Hauptrollen Schauspielerinnen, mit denen er unbedingt mal ins Bett wollte, und dann wurde er richtig widerlich.

Als ich mit ihm drehte, wusste ich von all dem nichts. Der Unhold zeigte mir während der ersten Drehtage, an denen unsere Hauptdarstellerin nicht dabei war, mal ein Bild von ihr und meinte nur: „Attraktive Frau, nicht wahr?“ 

Ich nickte nur. Dann warnten mich unsere Requisiteure vor, die schon mehrere Filme mit ihm gemacht hatten, und erzählten mir haarklein, was passieren würde und wie der Unhold vorgehen würde. Ich dachte, die verarschen mich, aber es geschah genau so, wie sie es mir erzählt hatten.

Einige Tage später kam unsere Hauptdarstellerin an. Die ersten drei Tage ließ er sie in Ruhe, hofierte sie sogar. Dann plötzlich und völlig unerwartet bebte das Set. Wedel brüllte die Darstellerin völlig grundlos an, bei einer völlig nichtigen Szene: „Das ist keine Kunst, das ist Karstadt, was du hier spielst, Du bist völlig unbegabt, ich weiß nicht, wie du es so weit bringen konntest, Du solltest den Beruf wechseln!“ usw. Wir (das Team) gingen einfach weg, nach dem Motto: Ohne Publikum macht das Fertigmachen von jemandem bestimmt keinen Spaß. Das brachte ihn völlig auf die Palme. „Ihr bleibt hier, sonst schicke ich euch alle nach Hause, ich will weiterdrehen!“, schrie er. Den ganzen Tag machte er die arme Frau (eine wirklich gute und engagierte Schauspielerin) fertig, egal, was sie auch spielte. Die anderen Schauspieler wurden natürlich auch nervös, denn die Luft brannte im wahrsten Sinne des Wortes, und sie wurden immer schlechter, versprachen sich, vergaßen ihren Text, spielten lustlos – das interessierte den Unhold überhaupt nicht, kein Wort der Kritik kam über seine Lippen (und so ein Arsch glaubt, dass er der beste deutsche Regisseur ist!). Nur sein Opfer musste leiden, tagelang, bis die Stimmung plötzlich umschlug. Plötzlich war sie die Größte, er war charmant zu ihr, hofierte sie und machte ihr Komplimente – das war etwa ab dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal aus dem Zimmer unserer Hauptdarstellerin kommen sah. Hony soit qui mal y pense.

Sein Verhalten war in der Branche bekannt, viele wissen davon, es ist ein absolut offenes Geheimnis und keineswegs Insiderwissen, doch keiner hatte je den Mut ihn anzuzeigen, kein Opfer hat sich gewehrt oder Klage erhoben. Alle, inklusive mir, hatten Angst, nie wieder Arbeit zu bekommen. Bei der ganzen „Me Too“-Kampagne wurde natürlich auch er genannt, aber nicht angeklagt. Ich habe keine Ahnung, wie viele Frauen er damit kaputt gemacht hat, aber vier oder fünf Schauspielerinnen haben Kinder von ihm.

Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich für Berufsverbote bin: Man muss solchen Menschen das Handwerk legen, sie gehören einfach in den Knast. Er wurde nie für seine Taten belangt, obwohl einiges ans Tageslicht kam. Jetzt schmort er ganz sicher in der Hölle, falls es diese gibt. 

Donnerstag, 5. März 2026

 Der Snob: Staudte, Brandauer und Bennent

Eike, der Produktionsleiter der UFA, rief mich wegen eines Films an, endlich mal was Gutes. Regie Wolfgang Staudte, jawohl, der berühmte Regisseur, der auch den „Untertan“ gedreht hatte. Darsteller Klaus Maria Brandauer, Heinz Bennent, Anne Bennent, Nicole Heesters, Kamera machte Lajos Koltai, der auch schon „Mephisto“ gedreht hatte. Na, das war doch was! „Der Snob“ (von Carl Sternheim) hieß der Film.

Koltai war ein Superprofi, ein ganz ruhiger, besonnener Kameramann, wahnsinnig nett, wir kamen prima miteinander aus. Ich war sofort Staudtes Liebling, übrigens ein wirklich guter Regisseur. Staudte drückte mir fünf Packungen Reval in die Hand, sagte mir, er finde seine Zigaretten nie, ich solle sie im Motiv verteilen. Immer wenn er eine rauchen wollte, sagte er, der Kamera-Assistent (ich also) muss dringend eine rauchen, unterbrach, kam zu mir gestürzt und fragte nach seinen Kippen. Dann rauchten wir eine, und dann ging’s weiter.


Brandauer war sehr nett und kollegial, versuchte ständig das Team aufzuheitern. Es war angenehm, mit ihm zu arbeiten.                                                                                                Die Bennents waren sehr zurückhaltend, nicht unfreundlich, aber irgendwie nicht von dieser Welt. Ich stellte mir immer deren Situation zu Hause vor, an einem großen Tisch sitzend und sich abwechselnd gegenseitig mit literarischen Zitaten bombardierend – eine fremde, total vergeistigte Welt. Bennent war trotzdem einer meiner Lieblingsschauspieler. Nicole Heesters war eine Seele von Mensch, immer freundlich und guter Laune.


Brandauer und Bennent waren nun ja beide Top-Schauspieler, und natürlich wollte jeder dem anderen zeigen, wie gut er ist, und auch beweisen, dass er besser als der andere war. Das konnte natürlich nicht offen geschehen, deshalb kann ich mich auch täuschen in dem, was ich glaubte zu erkennen. Beide bemühten sich sehr um die Sympathie des Teams, das war für Brandauer als Kumpeltyp natürlich einfacher, als für Bennent, der eher ein weltfremder, abgehobener Intellektueller war. 


An eine Szene dieses Kampfes der beiden Schauspielgiganten kann ich mich noch gut erinnern. Bennent war ein militanter Nichtraucher im wahren Leben. In einer Szene musste er Brandauer eine Zigarre anbieten und anzünden. Brandauer war im Film ein Aufsteiger, der um die Hand seiner Tochter bat. Brandauer ging zu Staudte und sagte, er habe eine gute Idee, da er als Aufsteiger natürlich nervös sei, auf den Schwiegervater zu treffen, mache er natürlich viel falsch. Also ließ er sich die Zigarre von Bennent anzünden und blies ihm den Rauch quer übers Gesicht, sodass sogar Bennents Haartolle sich etwas hob. Staudte fand das gut, und selbst Bennent sagte, das sei eine fantastische Idee. Ich glaubte ihm ansehen zu können, dass er Brandauer am liebsten erwürgt hätte. 



Nun kam Bennents Rache. Da Brandauer tief an der Zigarre ziehen musste, war das natürlich nicht sehr angenehm für ihn, Zigarrenraucher machen das nicht. Also patzte der sonst so perfekte Bennent mehrmals hintereinander, bis man Brandauer ansah, dass ihm schon richtig schlecht war. Das Ganze passierte aber mit aller Freundlichkeit, dieser Kampf der Beiden war nur ganz unterschwellig zu bemerken. Jedenfalls war es eine Freude, diesen beiden hervorragenden Schauspielern bei Ihrer Arbeit zuzusehen, ich habe viel dabei gelernt.


Mittwoch, 4. März 2026

 


Am Anfang war noch nicht der Pflasterstein - die total verlogene Hausbesetzerszene    ----         Anfang der achtziger Jahre waren die Hausbesetzer in Berlin schwer aktiv. Hans Günther Bücking und ich wohnten in der Pallasstraße in der Nähe des Winterfeldtplatzes, und da gab es eine Demo nach der anderen. Ich war zu Hans gezogen, und wir hatten eine nette Wohnung im Hinterhof. Leider hatte uns keiner erzählt, dass man Geschirr auch abwaschen kann, und sobald sich Schimmel zeigte, stellten wir deshalb die Küche unter Quarantäne und gingen essen, bis sich mal ein weibliches Wesen erbarmte und uns versuchte zu zeigen, wie man eine Küche wieder nutzbar macht. Wir nahmen diese Hilfe immer dankbar an. Manchmal kam diese Hilfe auch zu spät, dann warfen wir das Geschirr einfach in den Müll. Es ist schon erstaunlich, wie viele Schimmelvarianten es auf der Welt gibt, und ich überlegte schon, die Filmerei sein zu lassen und mich auf Schimmelpilze zu spezialisieren.

Das hört sich jetzt an, als wären wir superfaule Säcke gewesen, stimmt aber so nicht. Die Arbeitstage beim Film sind nicht mit normalen Arbeitstagen in einer Firma zu vergleichen. Zwölf Stunden Arbeitszeit pro Tag waren bei uns einfach normal, und es konnten auch leicht mal 14 oder 16 Stunden daraus werden, und dies über Wochen und Monate, bei Schnee und Regen, zu den unmöglichsten Tageszeiten. Die Ausrüstungen wiegen leicht mal 100 Kilo, und die karrt man Tag für Tag von Ort zu Ort. Bei der Arbeit muss man sich höllisch konzentrieren, damit nichts schief geht, der kleinste Fehler kann einfach Tausende kosten, die Verantwortung ist groß. Nach spätestens 14 Tagen ist man platt, kommt von der Arbeit, geht nur schnell was essen und schläft dann, bis der Wecker wieder klingelt. Kein Mensch stellt sich dann mehr in die Küche und wäscht brav ab, die meisten machen zu Hause gar nichts zu essen, sondern gehen nur schnell was essen, verdienen tut man ja genug.

Hans war länger im Geschäft als ich und hatte immer die besseren Filme mit den berühmteren Kameramännern, galt als der beste Assistent in Deutschland, musste dafür auch immer schwere 35 mm Ausrüstungen in den dritten Stock tragen. Ich hatte es meistens mit den leichteren 16 mm Ausrüstungen zu tun, dafür waren die Filme, die ich machte, eher leichte Kost und wurden schnell vergessen.

Eines Tages, es gab mal wieder eine Demo, und ich hatte große Mühe gehabt, überhaupt neben den Mannschaftswagen der Polizei einen Parkplatz zu finden, kam Hans völlig blau geschlagen mit einer 35 mm Arri auf der Schulter in der Wohnung an. Er hatte nur mal schauen wollen, was da am Winterfeldtplatz abging, als die Demonstranten einen Ausbruchsversuch aus dem Polizeikessel starteten und genau in seine Richtung liefen, die Bullen hinterher. Da er natürlich mit der schweren Kamera auf der Schulter nicht so schnell laufen konnte, ließen die Bullen ihren Frust an ihm aus, deshalb die blauen Flecken.

Wir hatten kaum unsere Ausrüstungen in unseren Zimmern verstaut, die aussahen wie ein mittlerer Kameraverleih, da wummerte es an der Tür: „Aufmachen, Polizei!“ Wir öffneten, und eine halbe Hundertschaft Bullen stürmte in unsere Wohnung auf der Suche nach Demonstranten. Sie nervten uns mit Fragen über die Kameraausrüstungen und dachten allen Ernstes, dass sich bei uns Demonstranten versteckt hielten. Die Durchsuchung endete, als ein Polizist mit einer Taschenlampe unsere Abstellkammer durchsuchen wollte – leider war da schon seit Monaten die Birne kaputt –, er übersah einen querliegenden Besen und fiel voll auf die Fresse, mitten in unsere Kammer. Nun zogen sie wieder ab. Es war ein Schicksalswink, denn am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf vom Saarländischen Rundfunk, ich sollte einen Film über die Hausbesetzerszene machen.


Saarbrücken, geklaute Schubkarren sind natürlich ein Kapitalverbrechen

Ich setzte mich also ins Flugzeug und flog nach Saarbrücken. Das imponierendste am SR war die Lage der Studios auf dem Halberg und die Kantine. Ich habe nie wieder so ein super Kantinenessen bekommen, feinste französische Küche kann ich nur sagen! Kameramann war Michael Faust, mit dem ich viel Spaß hatte, Regie führten ein Jens und ein Bernd. Der Dreh selbst war in Berlin, und dadurch erhielt ich tiefe Einblicke in die Hausbesetzerszene und in die teils absurden Polizeimethoden, die Häuser zu räumen. Am Ende gehörten beide Gruppen nicht gerade zu meinen bevorzugten Freunden.

Einmal drehten wir bei Hausbesetzern in einem Haus zwischen den Yorckbrücken und dem Bülowbogen. Diese Jungs waren echt fit und hatten das Haus gut renoviert. Wir saßen dort beim Kaffee, als wir eine Hundertschaft über die Gleise anschleichen sahen. Als wir rausgingen, war das Haus von gut 200 Polizisten umzingelt. Als wir mit laufender Kamera nach dem Grund fragten, erhielten wir vom Mannschaftsführer die wohl dümmste Antwort, die ich je gehört habe. Er sagte, auf einer Baustelle in der Nachbarschaft sei eine Schubkarre geklaut worden. Dies sei angezeigt worden, und dieser Anzeige würden sie jetzt nachgehen. Lachhaft – mit 200 Leuten?! Als mein Autoradio kurz danach aus dem Auto geklaut wurde und ich die Polizei anrief, kam nicht einer, ich musste zur Polizei fahren.

Die anderen Hausbesetzer in einem Haus in der Potsdamer Straße, in dem wir meistens drehten, waren Superpfeifen. Auf die Frage, was es denn ausmache, in einem besetzten Haus zu leben, kam die stereotype Antwort, fast wie auswendig gelernt: „Zusammen leben, zusammen arbeiten.“ – Nur mit Arbeiten klappte das nicht so sonderlich, nur mit Mühe und ein paar Kisten Bier konnten wir sie dazu bringen, mal etwas an dem Haus zu tun, damit wir auch was zum Filmen hatten. Das Schlimmste aber war, dass die Intelligenten unter ihnen noch ein Zimmer bei Mutti hatten, zur Sicherheit. Die spornten zwar die anderen zu Straftaten an, Scheiben einschlagen usw., hielten sich aber dabei dezent im Hintergrund. Die Loser waren die Dümmeren, sie hatten kein Zuhause mehr, und wenn sie erwischt wurden, waren sie fällig. Meine Sympathie für die Szene wurde dabei immer kleiner. Natürlich gab es da auch die wirklichen Hausbesetzer, wie die Jungs in der Bülowstraße, die was taten und unheimlich aktiv waren, aber die waren meist über 30. Leider waren die meisten aber nur dabei, weil die ganze Szene wie ein riesiger Abenteuerspielplatz war.

Die Polizeiseite war um keinen Deut besser. Als ich Wochen später als Kameramann für das ZDF den Abbruch eines Hauses in Wannsee filmte und mit C-Rohren Wasser auf das Gebäude gespritzt wurde, damit es nicht so staubte, sah ich einen Polizisten zu einem Mann mit der Spritze gehen und auf mich zeigen. Keine fünf Minuten später schoss der Idiot mir mit voller Absicht aus fünf Meter Entfernung mit einem Hochdruckwasserstrahl die 60.000 DM teure Kamera aus der Hand. War natürlich ein Unfall, keine Absicht, nach Aussage der Polizei.


Der SR-Computer irrt sich nie – außer, er irrt sich doch

Ich hatte beim SR gut verdient, etwa 7000 Brutto, hatte auch schon 1500 DM Vorschuss erhalten. Meine Augen wurden immer größer, als ich die Schlussabrechnung bekam: Ich sollte 400 Mark zurückzahlen. 7000 brutto nur 1100 netto, unmöglich! Ich rief also beim SR an und bat um Korrektur. Die Antwort war: „Unser Computer irrt sich nicht.“ Ich ließ mir von einem Steuerberater die Summe ausrechnen. Ich hatte noch etwa 3500 Mark zu bekommen, nicht 400 zurückzuzahlen. Ich rief wieder an, ich kannte die Antwort schon: „Unser Computer irrt nicht.“ Auch eine Argumentation mit Logik, bei der ich zum Beispiel Höchststeuersätze erwähnte, Beispiele anführte usw., ließ die Abrechnungsabteilung nicht erweichen.

Ich rief die Rechtsabteilung des SR an. Der Mitarbeiter dort blickte sofort durch und gab mir Recht und bestätigte mir, dass die Abrechnung niemals stimmen könne. Er rief die Abrechnungsabteilung an und erhielt als Antwort: „Unser Computer irrt nicht.“ Nun rief er mich an und gab mir einen guten Rat, ich solle klagen und brauche mir keine Gedanken zu machen, der SR habe noch nie einen Prozess gewonnen.                                                   Soweit kam es dann nicht, denn auf ein Schreiben meines Anwalts erhielt ich mein Geld. Trotzdem erinnere ich mich gerne an diesen Sender, denn ich habe dort wirklich nette Leute kennengelernt.

  „Reise in ein verborgenes Leben“ oder wäre ein verdorbenes Leben nicht der bessere Titel? Hans hatte einen neuen Film. Regie sollte Hans...