Fabrik der Offiziere, der echte Kinski, Schwejk und das Heydrich- Attentat
Es ging in den Ostblock, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich war schon mal bei einem Schulausflug nach Prag an der tschechischen Grenze hängen geblieben. Meine Haare waren länger als auf dem Passfoto, also ließen sie mich nicht rein.
Ich hatte sicherheitshalber den ADAC angerufen, ob es wegen meines Katalysators bleifreies Benzin gäbe. „Ja“, hieß es, „zwei Tankstellen in Prag.“ Leider wussten die Tankstellen nichts davon, es gab kein bleifreies Benzin. Ich musste also von den Produktionsfahrern per Kanister mit Benzin versorgt werden. Ich fuhr also durch die im Westen „Ostzone“ genannte DDR über Dresden nach Prag. Wohnen sollte ich im Interhotel Průhonice, etwas außerhalb von Prag. Das war ein Autobahnhotel, aber dennoch ganz nett, für drei Monate Aufenthalt etwas abgelegen.
Die Schauspieler wohnten im Esplanade, der Regisseur Wolf Vollmar im Pariz. Es gab nur wenige Deutsche im Team, so auch der Ton-Assistent Frank F. Ich fand das sehr witzig, denn so hieß auch der Sohn einer meiner früheren Lehrerinnen, den ich allerdings nie kennengelernt hatte. Er schaute mich erstaunt an, als ich ihm das erzählte. Kein Wunder, denn es war der Sohn meiner früheren Lehrerin und war lange mit einer Klassenkameradin von mir liiert gewesen.
Im Pariz traf ich dann den Regisseur Wolf Vollmar, ein angenehmer, sympathischer Mann, sehr kultiviert. Allerdings war er Zahnarzt, kein Regisseur, hatte aber ein paar Jahre zuvor schon kleinere Filme gemacht. Jetzt hatte er Geld für den Spielfilm aufgetrieben, und ich sollte die Dreharbeiten dokumentieren. Wir besprachen ein wenig das Konzept, leider wollte er immer wieder was anderes, sodass ich jedes Mal neu anfangen musste, da immer wieder Leute in Ungnade fielen. Die Regie-Assistentin flog sogar raus, obwohl sie überaus kompetent war, Wolfs Frau übernahm den Job. Auch sonst waren noch andere Familienmitglieder dabei. Einer von ihnen sollte mir helfen, tat aber über die ganzen drei Monate keinen Handschlag und verschwand immer, wenn ich ihn brauchte.
Die Dreharbeiten waren nicht sonderlich stressig, denn Vollmar drehte die meisten Szenen in einer Einstellung, ohne Zwischenschnitte, deshalb waren wir immer relativ früh fertig. Das hatte zur Folge, dass er natürlich kaum Schnitt- und Kürzungsmöglichkeiten hatte. Es war also von vornherein klar, dass der Film Überlänge haben würde. Ich mochte Wolf ganz gerne, weil er noch Visionen und Träume hatte, und er mochte mich auch. Mal schenkte er mir ein Polo von sich, mal etwas anderes.
Der „Tommy Lee Jones“ aus Deutschland und der Bettler mit der Uhr
Eigentlich konnte kaum was schief gehen, denn er hatte eine ganze Reihe von guten Schauspielern am Start. Manfred Zapatka, ein brillanter Schauspieler, der mich ein wenig an Robert De Niro erinnerte, da er immer ein wenig überperfekt wirkte. Manfred war einer, der sein Handwerk oder seine Kunst sehr ernst nahm.
Karl Walter Diess war für mich allerdings die Überraschung schlechthin. Ich kannte ihn aus der Schwarzwaldklinik und hatte ihn in diversen Schurkenrollen gesehen. Er war ein völlig desillusionierter Schauspieler, der von seinen Regisseuren immer unterfordert wurde und im Prinzip nur noch wegen des Geldes schauspielerte. Was für ein verkanntes Talent! Was für eine Kraft und Ausstrahlung dieser Mann hatte! Er gab vielleicht 10 % seines Könnens und spielte mit diesen 10 % die meisten seiner Kollegen schlichtweg an die Wand. Wenn man ihn gelassen hätte, hätte er ein deutscher Tommy Lee Jones werden können, aber er wurde immer wieder nur in denselben Rollen eingesetzt. Sigmar Solbach spielte eine weitere Hauptrolle, auch er war überzeugend.
Eines Abends holte ich diese drei Schauspieler vom Esplanade ab und wollte sie zum Pariz zu einer Besprechung fahren. Es war ein kalter Januartag. Ich wollte gerade losfahren, da klopfte es an das Autofenster. Es war ein älterer, ärmlich gekleideter Mann. „Darf ich fragen, wer bitteschön der Älteste in diesem Auto ist?“, fragte er in perfektem, charmanten Schwejk-Deutsch. „Ich glaube, das bin ich“, sagte Karl Walter Diess. „Hab ich ein Problem“, antwortete der Mann, „hab ich kranke Schwester in andere Stadt, ist plötzlich in Krankenhaus gekommen. Banken sind aber zu, brauch ich 44 Kronen 25 für Zugticket hin und zurück, hab ich aber nicht. Wollt ich fragen, bitteschön, ob Sie mir geben können 44,25 Kronen gegen meine Armbanduhr, brauch ich dringend das Geld, Zug geht in Viertelstunde.“
Es war lausig kalt, er hielt uns eine Quarzuhr ins Auto, die nicht viel, aber sicher mehr wert war als die vierundvierzig Kronen, denn das waren nach unserem Spesenkurs etwa 3,70 Mark. Wir erhielten die Tagesspesen durch das Studio Barrandov zu einem Kurs von etwa 1 zu 12, etwa 70 Prozent des Schwarzmarktkurses, das konnte man definitiv nicht ausgeben bei den Preisen in der Tschechei. Während der drei Monate Dreharbeiten erhielt ich etwa 15 durchschnittliche Tschechische Jahreslöhne an Spesen.
Karl zückte 50 Kronen und gab sie ihm und gab ihm natürlich die Uhr zurück. „Das sind 50 Kronen, brauch ich nur 44,25“, sagte der Alte und gab Karl den Schein zurück: „Haben Sie nicht 44,25?“ Wir suchten in unseren Taschen und bekamen mühsam die 44 Kronen 25 zusammen und gaben sie ihm. Nun gab er uns erneut die Uhr. Wir machten ihm klar, dass er die Uhr behalten könne. Er nahm die Uhr, zog seine Jacke aus und schob sie durch das geöffnete Fenster ins Auto. „Wenn sie nicht wollen Uhr, nehmen sie halt Jacke“, sagte er. Es waren einige Grad unter Null. Wir machten ihm klar, dass er den Mantel behalten könne. Nun wollte er uns das Geld zurückgeben. Wir sagten ihm, er solle das Geld als Geschenk betrachten, das sei schon okay, er müsse sich keine Sorgen machen. Er fing an zu weinen, sagte, das ginge nicht, er habe Geld genug, nur die Bank sei zu, er schäme sich gefragt zu haben. Es kostete uns große Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass das in Ordnung sei und er sich nicht schämen müsse. Er solle sich beeilen, den Zug zu seiner Schwester zu bekommen. Er bedankte sich und ging davon, sich die Tränen aus den Augen wischend.
Wir fuhren zum Hotel Pariz im Hochgefühl, eine gute Tat begangen zu haben, und wollten Wolf Vollmar davon erzählen. Der sagte nur: „Der ist gut der Mann, was, er hat nur ein Problem, er kann sich keine Gesichter merken. Mit mir hat er die Geschichte schon 3 Mal gemacht, und ich hab ihm 3 Mal Geld gegeben. Diese Show ist echt 44,25 wert.“ Karl Walter Diess drehte sich nur zu uns um und sagte: „Was sind wir für miese Gaukler gegen diesen Mann, er war so überzeugend, er hätte einen Oscar verdient.“ Wir waren wirklich verblüfft. Drei der besten Schauspieler Deutschlands und auch ich hatten unseren Meister gefunden. Komischerweise fühlten wir uns keineswegs betrogen.
Die Schwejk-Zöllner, Schnee-Panzer und das Berlinale-Chaos
Jedes Wochenende fuhr ich nach Berlin zu meiner Freundin und Sonntag Abend wieder zurück. Natürlich versorgte ich das Team mit Zeitschriften, was aber verboten war. Nun hatte ich keine Lust, richtig Stress zu kriegen. Also legte ich immer etwa fünf Stern, Spiegel und die Zeit offen in den Kofferraum, den ich eh aufmachen musste. Aber die tschechischen Zöllner waren auch mit Schwejk verwandt. Immer wenn sie die Zeitschriften entdeckten, trat einer ganz förmlich an mich heran und sagte: „Sie dürfen leider keine westlichen Presseerzeugnisse einführen, die muss ich beschlagnahmen“, nahm je einen Stern, Spiegel und eine Zeit weg und ließ mir den Rest – und ich konnte fahren. Das wurde bald schon zu einer Zeremonie, und die Zöllner grinsten schon, wenn sie mich kommen sahen. Die waren wirklich nicht so pingelig wie die DDR-Zöllner. Die Strecke war zwar nur etwa 350 km lang, aber über die desolaten Ostautobahnen und dann noch übers Gebirge. Manchmal lag der Schnee tierisch hoch, und einmal kam sogar die NVA mit Panzern, um uns wieder frei zu bekommen.
Ich erhielt das Programm der Berlinale und erfuhr, dass mein Film an einem Samstag um 16 Uhr Premiere haben sollte, und da wollte ich natürlich dabei sein. Leider hatten wir den Freitag vorher einen Nachtdreh, eine Panzerschlacht auf einem Warschauer-Pakt-Truppenübungsplatz, ich konnte also nicht schon Freitag am späten Nachmittag losfahren.
Die Drehs auf dem Truppenübungsplatz waren sehr merkwürdig. Ich fuhr also mit meinem Alfa mit Westberliner Kennzeichen an der daneben liegenden Kaserne vor, sagte meinen Spruch auf: „Wir drehen hier einen Film“ – und wurde ohne Kontrolle reingelassen. Stellten die Tschechen Fragen, antwortete ich mit den beiden Sätzen, die ich auf Tschechisch beherrschte: „Nemluvím česky“ – ich spreche kein Tschechisch – oder wahlweise: „Nemám tušení“ – ich habe keine Ahnung. Das reichte.
Alle Statisten, die Soldaten spielten, waren echte tschechische Soldaten. Es gab nur ein Problem: Alle wollten deutsche Soldaten spielen, keiner wollte ein russischer Soldat sein. Das war schon merkwürdig, von wegen sozialistischer Bruderstaat und so, außerdem waren wir ja im zweiten Weltkrieg die Bösen, nicht die Russen. Trotzdem, es war schwierig, sie davon zu überzeugen, Russen zu spielen.
Für die Panzerschlacht hatten wir nur 17 Schüsse aus den Panzern, weil die so teuer waren, und es gab nur 3 Panzer (T54, glaube ich). Es gibt ein großes Problem mit Schüssen, wenn man auf Film dreht, da es so schnell geschieht. Ich versuche es mal zu erklären. Der Film wird pro Sekunde 25 Mal belichtet (also 25 Bilder), aber auch 25 Mal transportiert. Belichten und Transport dauern also je eine fünfzigstel Sekunde. Nur während des Filmtransports wird das Bild über einen Spiegel ins Okular geleitet, und man kann es sehen, während der Belichtung ist es schwarz, man sieht nichts. Da das je 25 Mal pro Sekunde passiert, sieht man natürlich durchgehend ein Bild, aber die Sucher von Filmkameras flimmern deshalb. Bei Schüssen gibt es folgendes Problem: Sehe ich das Mündungsfeuer im Sucher, ist es nicht auf dem Film, oder nicht vollständig, denn wenn ich was sehe, wird der Film gerade transportiert, aber nicht belichtet. Verstanden?
Wir drehten zwar mit 3 Kameras, aber wenn man Pech hat, sieht man nur jeden zweiten Schuss oder noch weniger, das ist Glückssache und nicht beeinflussbar. Wir hatten relativ viel Pech, zudem die tschechischen Kameramänner relativ unkoordiniert die Panzer verfolgten und zusätzlich noch manchen Schuss versäumten. Wir hatten am Ende 7 Schüsse, mehr nicht. Es war eine ziemlich mickrige Panzerschlacht.
Der „Letzte Raucher“ auf der Berlinale und der echte Kinski Jetzt fing es auch noch an zu schneien, und als ich um drei Uhr früh losfahren wollte, erzählten sie mir, dass der Grenzübergang Zinnwald geschlossen war. Ich musste also mit Sommerreifen im Schneegestöber einen Umweg über Hof machen. Ich schaffte es mit Ach und Krach in den Westen. Es gab ja kein bleifreies Super in der ČSSR, ich musste es also in den Westen schaffen. Mit dem letzten Tropfen erreichte ich eine Tankstelle und schlief an Ort und Stelle ein. Halb erfroren wachte ich eine halbe Stunde später auf und schleppte mich auf spiegelglatten Straßen nach Berlin. Um 15 Uhr war ich zu Hause, um 16 Uhr sollte die Premiere sein.
Ich schleppte mich also total müde und unrasiert in den Zoopalast, war aber überhaupt nicht aufgeregt, dafür war ich viel zu müde. Ich nahm die Zuschauer nur als eine Masse im Dunkeln wahr. Natürlich wurde ich vom Moderator zuerst gefragt, ob ich selbst rauche. Dafür hatte ich sicherheitshalber eine brennende Kippe hinter meinem Rücken gebunkert. Die Lacher waren auf meiner Seite, als ich „Nein“ sagte, die Zuschauer aber die rauchende Zigarette entdeckten.
Dann wurde mir gesteckt, dass ich Chancen auf den Goldenen Bären habe. Daraus wurde leider nichts, denn aus politischen Gründen gewann ein nichtssagender, chinesischer Film. Gut, mein Film war auch nicht so der Superhit, aber besser als die anderen.
Ich fuhr also wieder in die ČSSR zurück, bepackt mit allen möglichen Bestellungen von meinen tschechischen Kollegen. Einige wollten sogar Joghurt oder Waschpulver mitgebracht haben, das hab ich dann nicht gemacht, denn das dortige Waschpulver war auch okay. Dem Nachtportier musste ich immer Schallplatten mitbringen, er war ein supernetter Typ, noch sehr jung und hieß Kinski. Ein echter Kinski, nicht wie unser Klaus, der den Namen ja nur angenommen hat. Die Kinskis waren reiche tschechische Adlige und hatten nach ’45 alles verloren. Ich habe mich sehr gefreut, als ich nach der Wende hörte, dass die Kinskis fast alles zurückbekommen haben, so ein netter Typ wie er, hat es verdient. Ich gönn’s ihm.
Das „Bonzen-Restaurant“ und die Geheimnisse des tschechischen Widerstands
Nach einigen Wochen ČSSR hatten wir natürlich die Speisekarte in den beiden Restaurants des Hotels schon hoch und runter gegessen, da entdeckte ich auf dem Hotelgelände, im Garten, noch ein kleines Häuschen. Abends war es beleuchtet, und ganz selten sah ich jemanden hineingehen. Ich fragte Kinski. Es war nicht etwa ein Bordell, es war ein Restaurant für Bonzen, die kamen allerdings nur einmal pro Woche nach Voranmeldung.
Am nächsten Tag war ich beim Hotelmanager und machte ihm klar, dass wir dort gerne essen würden. Er wand sich wie ein Aal, aber mein Argument, dass wir schließlich mit 20 Leuten hier monatelang wohnten, überzeugte ihn. Wir durften, wenn keine Bonzen kamen, dort essen. Der Gastraum war sehr klein, es gab nur 4 Tische. Die Kellner waren perfekt, aber super arrogant; wenn man mal ein falsches Besteckteil nahm, schauten sie ganz abschätzig. Das Essen war sensationell, das Feinste vom Feinen, aber supergünstig. Für 5 Mark konnte man sich volllaufen lassen und gut essen.
Nachdem die Kellner gemerkt hatten, dass wir weitaus netter und unkomplizierter waren als die Bonzen, holten sie den Koch aus der Küche, der machte uns Menüvorschläge für die folgenden Tage und kochte dann speziell für uns. Einen ganz gravierenden Nachteil hatte die Sache allerdings: Jeder von uns hat in dieser Zeit mindestens 5 Kilo zugenommen.
Der Produktion ging inzwischen das Geld aus, es wurde immer schleppender bezahlt. Neue Geldgeber wurden gesucht. Ich machte den Vorschlag, nach Berlin zu fahren und dort eine Art Trailer zu schneiden, also so einen kleinen Vorschau-Werbefilm und den mit zu potentiellen Investoren zu nehmen. Wolf war begeistert. Ich fuhr also hin, ließ mir das 35 mm Material auf Video überspielen und fing an zu schneiden. Der Trailer war superlangweilig. Ich warf alle moralischen Bedenken über Bord, konzentrierte mich auf die wenigen Actionszenen, die ich auf Kürze und Schnelligkeit schnitt, dann riss ich bedeutungsschwangere Sätze aus verschiedenen Szenen aus dem Zusammenhang und reihte sie passend, neu aneinander, sodass sie einen Sinn ergaben und eine spannende Geschichte erzählten, aber definitiv nichts mehr mit dem wirklichen Inhalt des Films zu tun hatten, und siehe da, es sah spannend aus und hörte sich super spannend an.
In Prag zurück, schauten sich alle den kurzen Film an. Manfred Zapatka sagte nur: „Ich wusste gar nicht, dass ich in so einem spannenden Film mitspiele.“ Wolf war zufrieden. Der Film wurde kopiert und an die potentiellen Geldgeber geschickt, und – sie sprangen auf! Falls diese ihr Geld nicht zurückbekommen haben, möchte ich mich hiermit in aller Form dafür entschuldigen.
Ich habe bei dieser Produktion gut verdient und leider, auch bedingt durch die vielen Konzeptänderungen durch Wolf und mangelnde Hilfe, die mir aber fest zugesagt worden war, eine relativ lausige Arbeit abgeliefert, aber allein diese Aktion war meine Gesamtgage wert, denn sie hat wahrscheinlich die gesamte Produktion gerettet.
Natürlich gab es bei der Produktion auch Dolmetscher, weil nicht alle Tschechen Deutsch sprachen, die sprachen das typische Schwejk-Deutsch, das sich sehr charmant anhört. Das hatte zur Folge, dass sich innerhalb kurzer Zeit fast alle Deutschen im Team im gleichen Tonfall unterhielten. Einer von den Dolmetschern war ein Historiker, eigentlich Professor an der Universität, und hatte den tschechischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg recherchiert. Als er seine Untersuchungen fertig hatte und veröffentlichen wollte, war er plötzlich Fremdenführer und kein Professor mehr.
Er gab mir einen Teil seiner Untersuchungen in Kopie. Der tschechische Widerstand war eben nicht so heldenhaft gewesen: So gelang es den Alliierten nicht, die Skoda-Werke, einen Rüstungsbetrieb, zu bombardieren. Damit die Bomber den Weg fanden, sollten jeweils eine Scheune vor und eine Scheune hinter den Werken angezündet werden. Eine Scheune wurde von Exiltschechen angezündet, die mit dem Fallschirm abgesprungen waren, die andere sollte vom lokalen Widerstand gezündelt werden, die zogen aber vor, zu Hause zu bleiben. Bei nur einer brennenden Scheune hatten die Bomber jedoch keine Orientierung, und es konnten dort weiter Waffen produziert werden.
Das Heydrich-Attentat: Historische Korrekturen
Auch seine Untersuchungen des Heydrich-Attentats fielen anders aus, als die Regierung gewünscht hatte. Heydrich nahm immer den gleichen Weg in sein Büro und, entgegen Hitlers Anweisung, fuhr er ohne Eskorte. Einige Exiltschechen aus England taten so, als würden sie in einer engen Kurve, die Heydrich Tag für Tag passierte, an der Begrünung der Rabatten arbeiten. Man grüßte sich schon gegenseitig. Am Tag des Attentats ging alles schief, das Maschinengewehr des Schützen hatte Ladehemmung. Anstatt durchzustarten, ließ Heydrich anhalten und befahl seinem Fahrer, die Attentäter zu verfolgen. Dessen Pistole erwies sich als genauso unzuverlässig. Ein Attentäter warf eine Handgranate, die hinter dem Auto explodierte. Heydrich wurde nur leicht am Rücken verletzt. Nachdem man Heydrichs Fahrer den Daumen weggeschossen hatte, flüchteten die Täter. Hitler befahl einen Rachefeldzug gegen die Tschechen, dem sich Heydrich widersetzte („Meine Tschechen machen das nicht“, soll er angeblich gesagt haben), denn für ihn deuteten alle Indizien auf eine von England aus geplante Aktion, womit er Recht hatte. Wenige Tage später starb Heydrich an einer Blutvergiftung, verursacht durch die Rosshaarpolsterung seines Autos. Erst nach seinem Tod ordnete Hitler die Massaker in Lidice und anderen Orten an.
Eine weitere Mär ist die Bombardierung Prags durch die Deutschen, die die Stadt nie bombardiert haben. Die wenigen Bomben, die auf Prag fielen, kamen aus englischen Bombern, die Prag mit Dresden verwechselten, aber es schnell merkten. All dies machte ihn urplötzlich zum Fremdenführer und unserem Dolmetscher.
Es war eine schöne Zeit in Prag, die Stadt ist eine der schönsten der Welt, und sie hatte auch schon zur Vorwendezeit ihren Charme. Nie, aber auch niemals wurden wir von den tschechischen Behörden drangsaliert oder schlecht behandelt. Selbst meine Strafzettel konnte ich in einheimischer Währung bezahlen. Sie haben sich wirklich vorbildlich und human verhalten, im Gegensatz zu vielen DDR-Grenzern.
Nun hieß es Abschied nehmen, ich hatte nur ein Problem, ich hatte noch wahnsinnig viele Kronen, die ich nicht umtauschen konnte und durfte nur für 1000 Kronen Waren ausführen, das waren etwa 70 Mark. Antiquitäten durfte man nicht ausführen, Grundstücke kaufen ging auch nicht. Also kaufte ich Kristalllüster, Modeschmuck, Klamotten bei Designern, die es dort gab, Uhren, Teddybären, bis mein Auto bis unter das Dach voll war. Für eine Kaminuhr aus Porzellan bekam ich eine Quittung über 940 Kronen, die hob ich auf. Etwas mulmig war mir schon, als ich in Zinnwald ankam.
Die Zöllner kannte ich ja mittlerweile alle. „Gehen Sie zurück nach Deutschland?“, fragte mich einer listig. „Ja“, antwortete ich. Jetzt kam das unvergleichliche Spiel, was man kaum beschreiben kann, wenn man den Schwejk nicht gelesen hat und die tschechische Mentalität ein wenig versteht. „Haben Sie etwas zu verzollen?“, fragte der Zöllner feist grinsend. „Ja“, antwortete ich, öffnete meinen total überladenen Kombi, einige Kisten fielen raus, und fand endlich den Karton mit der Kaminuhr. Ich gab ihm die Quittung über 940 Kronen. Er machte sich fast in die Hosen vor Lachen und antwortete todernst: „Sie hätten noch für 60 Kronen mehr einkaufen können, denken Sie das nächste Mal daran. Gute Reise.“
Ich bedankte mich und fuhr nach Hause. Nicht, dass die tschechischen Zöllner nachlässig waren, aber sie hatten wohl gemerkt, dass ich ihre Großzügigkeit bei fast 20 Fahrten nie ausgenutzt hatte, sondern immer freundlich war, und wenn ich was zu verbergen hatte, es eben nicht verbarg, sondern es ihnen offen zeigte (z.B. Westpresse), und sie entscheiden ließen, ob das okay war oder nicht. Sie kannten mein Spesenproblem (zu viel Spesen, um sie ausgeben zu können) und zeigten einfach ihre menschliche Seite. Ich hatte auch absolut nichts Illegales gekauft, nur Waren, die ich auch ausführen durfte.
Jetzt fiel ich bei unserem Regisseur und Produzenten Wolf auch in Ungnade. Es wurden später noch weitere fünf Wochen für eine Fernsehserie des Films gedreht, und wieder war das Geld knapp. Wolf erwartete, dass ich diese fünf Wochen ohne Bezahlung arbeite und dann auch noch meine Dokumentation schneide. Das konnte ich aber nicht tun, ich musste ja von irgendwas leben, zwei Wochen, kein Problem, aber keine zwei Monate, sorry.
Es gibt noch eine Anekdote, aber ich weiß nicht, ob sie der Wahrheit entspricht. Karel Kochman, der tschechische Produktionsleiter (Studio Barrandov) des Films, erzählte sie uns. Bei den Verhandlungen über die Kosten der Produktion, die das Studio dem Produzenten in Rechnung stellen sollte, stürmte Wolf angeblich das Büro der Tschechen, schlug auf den Tisch und sagte: „Ich bezahle (ich weiß die Zahl nicht mehr) x Millionen Kronen und keinen Pfennig mehr.“ Die Tschechen zogen sich erstaunt zur Beratung zurück und sagten dann zu, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, zu handeln. Das war auch nicht nötig, eigentlich hatten sie 1 Million Kronen weniger erwartet.