Schwarz Rot Gold oder vom Regen in die Traufe
Das nächste Projekt von Hans war wieder ein Film mit Neuenfels, aber mein Bedarf an Neuenfels war gedeckt, deshalb entschied ich mich für einen Film mit folgenden Drehorten: Genf, Hamburg, London, New York und Palm Springs. Ich war noch nie in den USA gewesen, deshalb stand mein Entschluss schnell fest. Ich kam vom Regen in die Traufe.
Schwarz Rot Gold.
Der Anruf kam vom NDR, ob ich bei einem „Schwarz-Rot-Gold“ Assistent machen wolle – das waren hochkarätige Wirtschaftskrimis beim NDR, mit Uwe Friedrichsen in der Hauptrolle. Kamera sollte Kurt Weber machen. Ich wusste, dass Theo Mezger, mein Vorbild, diese Serie auch machte und dachte, er hätte mich angefordert. Weit gefehlt, ich weiß bis heute nicht, wie ich diesen Job bekommen habe. Gerüchteweise hatte Weber schon 1000 Assistenten abgelehnt, und bei Nachfragen bei Kameramännern tauchte mein Name als Empfehlung am häufigsten auf. Regie machte aber nicht Theo, sondern so eine Art Super-GAU für das Team: Dr. Dieter Wedel. Ich war gewarnt, denn Wedel bedeutete massig Überstunden, schlechte Stimmung am Drehort, und mit Wedels Firma Active hatte ich schon superschlechte Erfahrungen gemacht – aber ich war noch nie in den USA, und dort wollte ich hin. Ich sagte also zu.
Kurt Weber war ein komischer Typ, Exilpole, der etwas polnisch rückwärts sprach, ein Pedant, völlig unflexibel. Unser erster Drehort war Genf. Mein Assistent Michael und ich fuhren mit der Ausrüstung im besten VW Bus, den der NDR hatte, dorthin, und das war eine uralte Krücke. Ich hatte erstmal Vorbehalte gegen ein festangestelltes NDR Team und die auch gegen mich als Freiberufler – aber es war eine der angenehmsten Erfahrungen überhaupt. Das Team war superklasse, kompetent, nett – wir hatten viel Spaß, und mit meinem Assistenten kam ich gut klar.
Mit Weber weniger. Normalerweise hatte ich bei allen Kameramännern, mit denen ich gearbeitet hatte, das Licht gemessen, doch als ich meinen Belichtungsmesser zum ersten Mal zückte, sagte Weber nur: „Stecken Sie den weg (der einzige Kameramann übrigens, mit dem ich per Sie blieb), kümmern Sie sich um Ihre Arbeit.“ Wenn er nun seinen Belichtungsmesser zückte und mir die Blende mitteilen wollte, hatte ich die schon lange bei ihm abgelesen, denn ich habe Augen wie ein Adler, und sagte zum Beispiel: „Ich weiß schon, eine 4“, wenn 4 auf seinem Belichtungsmesser stand.
Das verblüffte ihn total, er konnte es gar nicht fassen, denn er hatte ja nicht mitbekommen, dass ich aus der großen Entfernung abgelesen hatte. Er sagte nur: „Sie haben einen guten Blick fürs Licht.“ Ab dem zweiten Tag war er wegen meiner „Zauberkünste“ schon schwer genervt, ab dem dritten Tag belichtete er lieber falsch, als zuzugeben, dass ich Recht hatte – höchst gefährlich bei dem Umkehrmaterial, auf dem wir drehten, und das nur wenig Belichtungsspielraum hatte.
An einem Drehtag auf dem Flughafen von Genf probten wir mit einem Scheich, das war ein deutscher Schauspieler, mit so einer Kameltreiberkutte verkleidet. Ich hatte gerade woanders zu tun, als mich jemand ansprach. Ich drehte mich um, huch, ein richtiger Scheich! Er wollte wissen, was wir da machen, und erklärte mir, dass unser Schauspieler leider den Burnus (oder wie heißt die Kopfbedeckung?) eines Hirten trug. Ich erzählte es Wedel, der war total sauer. Der echte Scheich ließ seinen Flieger ohne sich losfliegen, lieh uns seine Burka (Kaftan oder wie das Ding heißt), blieb während der Dreharbeiten bei uns und amüsierte sich köstlich. Er war wirklich supernett. Er flog wegen uns erst am nächsten Tag weiter.
Wedel, Weber und die Schauspieler flogen nach Hamburg, unserem nächsten Drehort. Wir mussten nach Drehschluss mit dem ollen VW Bus losfahren, der gerade mal 110 schaffte. Am nächsten Tag um 12 sollten wir in Hamburg, unserem nächsten Drehort, sein – das war kaum zu schaffen, denn wir konnten erst um 19 Uhr losfahren. Wir mussten übernachten. Den VW Bus parkten wir in einer kleinen Garage des Hotels. Am nächsten Morgen sprang er nicht an, der Anlasser war kaputt. Mit Anschieben war auch nichts, da die Garage ungünstig gelegen war. Trotzdem waren wir um 13 Uhr am Drehort. Weber machte ein riesiges Theater, wir hätten uns das falsche Auto ausgesucht, alles wäre unsere Schuld.
So ein Idiot. Ich sagte nur, weil wir ja im Gegensatz zu ihm, der geflogen war, fast 12 Stunden im Auto gesessen hatten: „Hatten Sie einen anstrengenden Flug?“ Er kapierte meinen Zynismus gar nicht und sagte: „Ja, es gab Turbulenzen.“ Bis dahin war der Dreh ja noch halbwegs okay, aber es wurde schlimmer.
Hamburg war sehr nett. Ich hatte eine nette Wohnung in einem restaurierten Altbau in der Nähe des Hamburger Michels. Da wir immer lange drehten, gab es danach nur noch Essen in einer Kneipe, die hieß „Gestern und Heute“ oder so ähnlich, in der Nähe des Springer Verlags. Auf dem Weg nach Hause musste ich immer über die Schnapsleichen steigen, die vor dem Blauen Peter 1 oder 2 lagen, das kannte ich aus Berlin nicht.
Der Dreh war enttäuschend. Mit Friedrichsen, der den Zollfahnder Zaluskowski gab und der eigentlich einer meiner Lieblingsschauspieler war, wurde man nicht warm, und als ich irgendwann hörte, wie er und Wedel sich darüber lustig machten, wie wenig Unterhalt sie für ihre Kinder aus anderen Beziehungen zahlten, war er bei mir durch. Witta Pohl, seine Filmehefrau, war sehr nett, aber die mochte ich nicht wegen ihrer weinerlichen Spielweise. George Meyer-Goll, Siegfried Kernen und Peter Fitz waren allerdings Supertypen.
Wedel galt ja als einer der besten deutschen Regisseure, und ich hatte viel Gutes von ihm gesehen. Bei diesem Dreh lieferte er höchstens Durchschnitt, er behandelte Statisten wie den letzten Dreck, er kokettierte ständig mit seiner (gespielten) Vergesslichkeit, wenn er über Kollegen herzog und tat so, als könne er sich deren Namen nicht merken. Sein Hauptgegner schien im Moment ein Kollege zu sein, den er permanent „Salmonelli“ (Salmonelli oder wie heißt der noch?) nannte. Mir war klar, dass er damit nur Marco Serafini meinen konnte, einen netten Zeitgenossen und guten Regisseur, mit dem ich später noch drehen sollte.
Mit Kurt Weber hatte ich meine täglichen Kleinkriege, denn er war ziemlich link. Einmal mussten wir in einer Szene auf höher empfindliches Filmmaterial wechseln (von 125 auf 500 ASA). Er gab mir den Auftrag, das Material zu wechseln. Ich wies ihn darauf hin, dass er nun seinen Belichtungsmesser umstellen müsse, und erhielt wie immer die Antwort: „Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit, das ist meine Arbeit.“ Als er mir dann die Blende nannte, wusste ich, er hatte es vergessen. Ich sagte ihm, er solle doch noch einmal nachkontrollieren, das könne nicht stimmen mit dem hoch empfindlichen Material. Jetzt plärrte er mich an, ich solle die Klappe halten und mich um meinen Kram kümmern, das habe er mir schon tausendmal gesagt. Ich stellte die Blende ein, die er mir genannt hatte, und fertig – ab diesem Zeitpunkt machte ich den Job nicht mehr aus Spaß, sondern wegen des Geldes. Sicherheitshalber ging ich zum Aufnahmeleiter Reiner Milker (die zarteste Versuchung seit es Aufnahmeleiter gibt), ein netter und sehr kompetenter Kollege, und ließ ihn eine Aktennotiz aufschreiben, in der ich feststellte, dass mein Vorgesetzter, trotz meiner Warnung, das Filmmaterial falsch belichtet.
Als die Vorführung kam und wir uns diesen Teil unseres Drehs anschauten, war natürlich alles zwei Blenden zu hell. Weber stand auf und sagte zu mir vor allen Leuten: „Ich hatte wahrscheinlich vergessen, meinen Belichtungsmesser umzustellen, sie hätten mich darauf hinweisen müssen, das ist ihr Fehler.“ Normalerweise wäre ich sofort rausgeflogen, doch Gott sei Dank gab es ja die Aktennotiz. Ab da waren wir wirklich keine Freunde mehr. Wedel raunzte mich an, was mir einfiele, meinen Vorgesetzten zu belasten.
Ich hoffte mittlerweile, grundlos rauszufliegen und bis zum Ende der Drehzeit das Geld zu kassieren. Doch immer wenn mich Weber mal wieder entlassen und ich frohlockend abhauen wollte, tauchte Henning Heyde, unser Produktionsleiter, auf und sagte: „Hier entlässt nur einer, und das bin ich, du bleibst gefälligst hier und machst weiter.“ Henning war ein sehr teamfreundlicher Produktionsleiter.
London Calling
Unser nächster Drehort war London, und damit kamen wir in den Genuss von englischem Catering – widerlich. Einmal mussten wir um sechs Uhr früh im Zoo drehen. Da es um diese Zeit noch kein Frühstück im Hotel gab, stand in der Disposition von diesem Tag: Ankunft 6 Uhr, Frühstück (Catering); Arbeitsbeginn 6 Uhr 30. Um sechs Uhr hetzte mich Weber mit der Kamera zum Bärenzwinger. „Wo sind die Anderen, wo ist dem T…..r (mein Assistent)?“, blaffte er mich an. „Die frühstücken“, sagte ich. „Warum?“, wollte er wissen. „Weil jetzt Frühstück angesetzt ist, Drehbeginn ist erst in 30 Minuten“, sagte ich ihm. „Sie meinen, dem (kein Schreibfehler, so sprach er) Team kommt jetzt nicht?“, fragte er. „Nein, dem Team kommt jetzt nicht“, sagte ich spöttisch. „Dann lassen wir dem Stativ stehen, damit wir den Ort wieder finden“ (klar, denn es gibt ja Millionen Bärenzwinger in jedem Zoo).
Total sauer rannte er auf den Cateringwagen zu. Dort sah er den armen, ahnungslosen Michael, meinen Assistenten, frühstücken und blaffte ihn an: „Wo waren sie?“ „Na hier“, sagte Michael verdutzt. „Und was haben sie gemacht?“, wollte Kurt nun wissen. „Ähh, ich hab gefrühstückt“, entgegnete Michael. „Warum?“, wollte Kurt wissen. „Äh, weil ich Hunger hatte“, sagte Michael, der immer noch nicht wusste, was er nun falsch gemacht hatte (nichts nämlich). „Sie sind für diesen Beruf nicht geeignet“, teilte ihm nun Weber wütend mit. In den nächsten Tagen hatte ich erstmal Ruhe, denn Weber hackte nun grundlos erstmal auf Michael rum.
Am letzten Drehtag in London drehten wir in einem Jumbo der Pan Am, der generalüberholt werden sollte. Wir sollten um 22 Uhr spätestens fertig sein, ins Hotel zurück, packen und dann zum Flieger nach New York, der um 8:30 Uhr abfliegen sollte. Wedel ließ sich Zeit.
Gegen sechs Uhr früh waren wir erst fertig mit dem Drehen, wir rasten ins Hotel, warfen unseren Kram in die Koffer und fuhren sofort zurück zum Flughafen. Gerade noch rechtzeitig kamen wir an. Jetzt seit 24 Stunden ohne Schlaf. Wir checkten ein, nichts passierte. Es wurde 11, dann 13 Uhr, dann kam eine Nachricht von der Pan Am, dass es noch etwas dauern könne, der Jumbo sei kaputt. Nun bedrängten wir Henning Heyde. Nach 30 Stunden ohne Schlaf wollten wir zumindest Business Class fliegen, denn nach Ankunft in New York sollte es gleich am nächsten Morgen weitergehen. Nach neun Stunden legte endlich ein Pan Am Jumbo am Finger an.
Es war der, in dem wir die Nacht gedreht hatten und der eigentlich generalüberholt werden sollte. Der Name des Jumbos war „Maid of the Seas“, einige Jahre später holte ihn eine Bombe über Lockerbie vom Himmel, ebenfalls auf dem Weg nach New York.
First Class nach New York
Beim Einsteigen wurde meine Bordkarte ausgetauscht, und ich fand mich in der Ersten Klasse wieder. Nur nette Leute aus dem Team saßen dort: Norbert, der Tonmeister, ein Bühnenmann, die Aufnahmeleitung, die Maskenbildnerin, ein paar Schauspieler und ich. Wedel und Weber saßen nur Business Class und waren stinksauer, sie wollten sofort die Plätze tauschen. Doch der Produktionsleiter sagte nur (der auch nur Stress mit den Beiden hatte): „Wer tauscht, kann gleich wieder nach Hause fliegen“ – das hatte Stil. So flog ich First Class nach New York. Mein Sitznachbar, ein Ami und Besitzer einer Ölquelle, fragte mich nach meinem Job und wollte dann wissen, wo unser Regisseur sitzt. Er war schon etwas verdutzt, als ich auf die Business Class deutete.
In New York angekommen, drückte mir der erste Aufnahmeleiter den Autoschlüssel von einem Van in die Hand, sagte kurz: „Wir treffen uns im Hotel“, und verschwand. Ich war etwas verblüfft. Ich war noch nie in den USA, hatte keinen Stadtplan, etwa fünf Dollar und auch keinen internationalen Führerschein. Trotzdem fand ich das Hotel auf Anhieb, es war ja nachts, kein Verkehr, und New York war überraschenderweise ziemlich übersichtlich.
Dummerweise passte der Van mit der Kameraausrüstung nicht in die Hotel-Tiefgarage. Ich parkte irgendwo auf einem bewachten Parkplatz für etwa 100 Dollar die Nacht und lief mit Michael zum Hotel Omni Park. Etwas mulmig war mir schon, denn aus New York hörte man zu der Zeit wenig Gutes. Im Zimmer angekommen, fand ich fette Warnhinweise, man solle doch vor Verlassen des Zimmers durch den Türspion schauen, ob die Luft auch rein sei usw. Das baute nicht gerade auf.
New York war nun wirklich nicht mein Ding. Bin zwar mit dem Hubschrauber durch Manhattan geflogen, war ganz nett, aber ansonsten riss mich das alles nicht vom Hocker.
Der Dreh dort war durchwachsen. Kurt nervte die ganze Zeit. Einmal drehten wir in Queens. Ich hatte gerade das Stativ am Straßenrand aufgebaut, als es zu regnen anfing. Wir beschlossen, erstmal drinnen zu drehen. Kurt befahl mir, das Stativ draußen stehen zu lassen, damit er den Platz wiederfinde. Ich schlug vor, ich könne ja eine Markierung machen, aber Kurt sagte nur: „Wenn ich sage, dem Stativ bleibt stehen, dann bleibt dem Stativ stehen.“ Also ließ ich „dem“ Stativ mitten in New York stehen. Als wir nach Stunden wieder rauskamen, war das Stativ natürlich weg. Kurt sagte nur cool: „Wo ist dem Stativ, ich hatte befohlen dem Stativ stehen zu lassen.“ Da kam Rainer, unser Aufnahmeleiter, angerannt und sagte: „Ihr hattet das Stativ auf der Straße stehen lassen, ich habe es in den Beleuchterwagen gelegt.“
Statt froh zu sein, sagte Kurt nur: „Sie sind entlassen“, worauf Rainer nur antwortete: „Sie können mich nicht entlassen, ich bin beim NDR festangestellt, nicht bei Ihnen.“
Eines Nachts ging ich mit Peter Fitz (ein angenehmer Mensch und hervorragender Schauspieler) von Little Italy zu Fuß bis fast zum Central Park, wo unser Hotel lag. Wir hatten ziemliches Muffensausen, fast alle Kartons, die da rumlagen, bewegten sich, und daraus lugten Köpfe hervor. Doch Peter sieht eh aus wie ein italienischer Mafiosi, und ich mit Bart, langen Haaren und Lederjacke sah aus wie ein Auftragskiller. Alle Leute, die uns begegneten, wechselten vor uns die Straßenseite. Trotzdem waren wir froh, endlich im Hotel anzukommen.
More than 99 Miles from L.A.
Dann ging es weiter nach L.A. Das war schon eher mein Ding, die Stadt sollte ich später öfters besuchen, das konnte ich nur nicht ahnen zu diesem Zeitpunkt. Wir wohnten und drehten in Palm Springs. Wedel verließ in seiner Freizeit kaum die Poolarea, während Peter Fitz, unsere Maskenbildnerin, Rainer und ich nach Tijuana fuhren. Dort wollte Peter unbedingt die Maskenbildnerin heiraten. Die zwei hatten nichts miteinander, aber die 50 Dollar wäre ihm die Sache wert gewesen, als Joke, zumal man sich für den gleichen Preis wieder scheiden lassen konnte. Dummerweise waren die Beiden anderweitig verheiratet, irgendwie klappte es nicht, schade, wäre ein schöner Spaß fürs Team gewesen.
Zurück im Marriott, unserem Hotel, werde ich mitten in der Nacht wach und sehe einen Schatten an der Wand. Das war eindeutig eine Pumpgun, zumindest ihr Schatten. Ich ließ mich sofort von meinem Riesenbett auf den Boden fallen, robbte zum Fenster. Ganz vorsichtig lugte ich aus dem ebenerdigen Fenster. Scheiße, das war wirklich der Lauf einer Pumpgun. Jetzt kam der Killer auch noch näher, und dann konnte ich ihn deutlich sehen. Entwarnung – es war einer der Wächter des Hotels, der draußen patrouillierte. Ich hatte einfach zu viele amerikanische Krimis gesehen.
Am nächsten Morgen – ich wollte gerade mit dem Auto zu einem kleinen Münzwaschraum auf dem Hotelgelände, als mich Weber abpasste: „Wo wollen Sie hin?“ Statt ihm zu sagen, dass ihn das einen Dreck angeht, entgegnete ich: „Wäsche waschen.“ „Warten Sie, ich komme mit“, sagte er. Kurt holte seine Wäsche. Ich war noch nicht ganz vor dem Gebäude mit den Waschmaschinen angekommen, als Kurt schon aus dem Auto sprang und hineinrannte. Nach dem Motto: Wenn es nur eine Maschine gibt, ist das meine. Es gab zwei. Kurt hatte seine Maschine schon gefüllt und gestartet.
Nun muss ich erstmal das System erklären. Man wirft die Wäsche rein, das Waschpulver hinterher, Münzen in den Schlitz und es geht los. Ich wählte „Cold“ als Waschprogramm, worauf mir Kurt einen langen Vortrag hielt, dass man so seine Wäsche nicht waschen könne. Ich sagte ihm nur kurz und pampig, er solle sich um seinen Kram kümmern – hatte ich ja von ihm gelernt. Nach einer Stunde holte ich ihn wieder von seinem Zimmer ab (das Marriott ist ein riesengroßes Gelände). Meine Maschine war fertig, die Wäsche war porentief sauber. Kurts Maschine lief noch.
Er fasste die Maschine an, die ziemlich warm war, und sagte kleinlaut: „Vielleicht hatten Sie doch recht mit Cold.“ Dann riss er an der Tür. Sie öffnete sich und gab den Blick auf eine wunderbare Melange aus Wäsche und verschmiertem Waschpulver frei. Kurt hatte seine Wäsche in den Trockner geworfen, statt in die Waschmaschine, und das Waschpulver hinterher. Da noch ein wenig Feuchtigkeit im Trockner war, war nun alles schön verschmiert. Hätte mir auch passieren können, als Amerikaneuling, ist mir aber nicht passiert. „Ich hole Sie in einer Stunde wieder ab“, sagte ich ihm und nutzte die Zeit, um allen zu erzählen, was passiert war.
Irgendjemand petzte. Jedenfalls sagte er am nächsten Drehtag nur: „Sie soll der Teufel holen!“ und sprach fortan nur noch über Dritte mit mir.
Vor unserer Abreise kaufte ich mir ein paar Cowboystiefel, aber keine Prollstiefel, sondern schicke Stiefel aus Brasilien, die wie Schuhe mit höheren Absätzen aussahen. Ich Idiot zog sie am Tag der Abreise an. Stiefel waren für mich ungewohnt, deshalb brach ich mir in L.A. am Flughafen fast den Hals. Es waren ja nur etwa zehn Stufen, aber neun davon waren zu viel mit den Brettern an den Füßen. Ich stürzte die Treppe hinunter, kam exakt vor meinen 300 Mitpassagieren zu liegen. Erst lachte keiner, denn sie dachten, es sei mir was passiert. Erst als ich wie ein professioneller Stuntman aufstand und den Staub abklopfte, konnten sich einige das Grinsen nicht verbeißen. Ich tötete etwa 250 von ihnen mit Blicken und trollte mich humpelnd (ich gebe zu, ich hätte über so einen Idioten auch gelacht). Nicht weil ich mich verletzt hatte, nein, die Stiefel waren wie aus Stahl, ich hatte schon mörderische Blasen. Ich brauchte etwa drei Jahre, um die Stiefel einzulaufen, trug sie dann etwa sieben Jahre täglich, bis ein schwachsinniger Boot-Taxifahrer in Mexiko seinen blöden Kahn umkippte, weil er zu dumm war, eine Welle richtig anzufahren. Ich stürzte mit meinen Stiefeln ins Meer und schwamm die 300 Meter zum Ufer und versuchte krampfhaft, die Stiefel nicht zu verlieren – gar nicht so einfach bei hohem Wellengang und mit allen Klamotten.
Nun hatten die Stiefel aber Salz abbekommen und wurden etwas brüchig. Ich packte sie bei jeder Reise ein und versuchte von Thailand, Kenia über die Türkei bis in die USA einen Schuster zu finden, der das Modell nachbaut, vergebens. 2002 schenkte ich sie einem Arbeiter, der auf der Farm meines Schwiegervaters in Brasilien arbeitete. Der trägt sie wahrscheinlich heute noch. Es war für mich ein schönes Gefühl, sie zurück nach Brasilien zu bringen, wo sie ja mal ursprünglich hergestellt wurden.