Hollywood-Ambitionen, Bernd Eichinger, Wolfgang Petersen, Sonny Bono ---- Parallel hatte ich die ganze Zeit über für das ZDF gearbeitet und für das für RIAS TV Frühstücksfernsehen. Einer meiner Assistenten war ein netter Perser namens Mehran Bozorgnia, der ein unglaubliches Talent besaß: Er konnte das, was Alchemisten seit Urzeiten vergeblich versuchten. Er konnte aus „Scheiße Gold machen“. Er verkaufte den Redakteuren die abstrusesten Geschichten, die wir dann drehten.
Dank meiner Kontakte in die Filmwelt boten wir Aspekte (ZDF) einen Film über den Niedergang der deutschen Filmindustrie an – natürlich aus der Perspektive von Leuten, die in Hollywood ihr Glück versucht hatten. Gesagt, getan, und prompt saßen wir im Flieger nach L.A. Zuerst fuhren wir nach San Diego, wo seine Eltern wohnten – nette Leute, bei denen ich mich sofort wie zu Hause fühlte. Dort entdeckten wir einen „Mount RIAS Place“, und als dort ein Oldtimertreffen stattfand, filmten wir das und verscherbelten die Story an RIAS TV. Dann machten wir uns auf nach L.A., um deutsche Filmschaffende zu finden. Der erste war Bernd Heinl, den ich noch von der „Asphaltnacht“ kannte. Er hatte zwar seinen großen Durchbruch noch nicht erlebt, aber wir interviewten ihn trotzdem. Über das Goethe-Institut lernten wir Gabriele Landwehr und ihren Freund Hans-Jürgen Spürkel kennen. Beide waren äußerst nett, und Gabriele verschaffte uns einen Interviewtermin bei Wolfgang Petersen. Das war schon deutlich besser und ein gutes Interview, die Story war gerettet. Die Interviews drehten wir auf dem Gelände der Paramount Studios, unter Aufsicht, damit wir nicht versehentlich Schauspieler filmten, die dort herumliefen (glaube, „Dallas“ wurde dort gedreht). Petersen drehte, glaube ich, gerade „Enemy Mine“ oder war gerade fertig damit. Das war ziemlich spannend.
Dann interviewten wir Rainer Stonus, den Oberbeleuchter von Jürgen Jürges, der in Venice wohnte und ebenfalls sein Glück in den USA suchte.
Bernd Eichinger war gerade in L.A. und wohnte im Chateau Marmont, dem seit Jahrzehnten angesagten Hotel für Schauspieler und Musiker am Sunset Boulevard. Jim Morrison fiel dort mal vom Dach, John Belushi gab sich den goldenen Schuss. Popsängerin Britney Spears erhielt Hausverbot, nachdem sie sich im Hotelrestaurant Essen ins Gesicht geschmiert hatte. Schauspielerin Lindsay Lohan wurde des Hauses verwiesen, nachdem sie Rechnungen in Höhe von 46.000 US-Dollar nicht bezahlt hatte. Errol Flynn, Humphrey Bogart und Robert Mitchum sowie zahlreiche weitere Größen des US-amerikanischen Filmgeschäfts zählten dort früher zu den Stammgästen.
Als Kamera-Assistent von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (dort hatte ich ihn kennengelernt) erhielten wir natürlich einen Interviewtermin. Das Interview fand am frühen Morgen statt, Barbara Rudnik wuselte noch relativ leicht bekleidet durchs Apartment, und Bernd hatte noch deutliche Reste von Alkohol im Blut. Weinflaschen standen auf dem Terrassentisch – ich bat darum, sie wegzuräumen. Bernd meinte nur: „Lass die stehen.“ Das Interview war gut, und Bernd ließ ordentlich Dampf ab, genau die Aussagen, die wir haben wollten – doch wir schnitten sie nicht in den Film, denn man sah die Flaschen auf dem Tisch und hörte deutlich, dass er getrunken hatte. Ich habe stets versucht, so seriös wie möglich zu bleiben. Selbst einen Idioten hätte ich nicht bloßgestellt, und erst recht nicht einen Mann wie Bernd Eichinger, einen der wirklich Großen des deutschen Films, ohne den dieser immer noch absolut bedeutungslos wäre. Bernd hat genau das Richtige getan und mutig frühzeitig versucht, für den internationalen Markt zu produzieren. Auch Roland Emmerich gehört zu diesen Pionieren, der allerdings einen reichen Vater hatte, der ihm seinen ersten Film finanzierte, was seine Leistung keineswegs schmälern soll.
Dann lernten wir Ray Perschke kennen, eigentlich Raimund Perschke, ein wahnsinniger (im positiven Sinn) Bayer, der bei fast allen Filmen von Oliver Stone als Oberbeleuchter dabei war. Ray war ein guter Kumpel, sprach inzwischen nur noch Deutsch mit starkem Ami-Akzent und besaß eine eigene Lampenfirma namens Raybeam.
Er nahm uns mit zu Dreharbeiten für einen Film in einem Tal nördlich von L.A. – sehr spannend, aber auch sehr langweilig. Für eine kleine Szene, in der ein kleines Mädchen auf dem Rücksitz eines Autos sitzt, aufspringt und zwischen den Vordersitzen hindurch aus dem Auto schaut, hatten die Beleuchter am Vortag bereits überall auf den Bergen des kleinen Tals Lampen aufgestellt. Ab dem späten Nachmittag wurde die Straße permanent von einem Sprengwagen nass gehalten. Als es dunkel wurde, wurden weitere Lampen aufgebaut. Gegen Mitternacht ließ der Kameramann alle Lampen ausschalten und drehte die Szene so, wie es auch ein deutscher Kameramann von vornherein gemacht hätte: Eine starke HMI-Lampe als Gegenlicht und zwei kleine Einheiten am Auto. Nun wurde mir klar, warum amerikanische Produktionen so teuer sind. Welch ein Aufwand für eine derart banale Szene!
Auf dem Rückweg, ich wohnte bei Gaby und Jürgen, holte ich mir an einem AM.PM oder Seven Eleven am Mulholland Drive noch etwas zu trinken. Dort war ein ziemlich schräger Typ als Kunde im Laden, mitten in der Nacht und im Bademantel. Er bewegte sich irgendwie wie ein Massenmörder. Ich stand kurz hinter ihm, als er sich umdrehte, um hinauszugehen. Mich traf fast der Schlag: Es war Jack Nicholson! Er grinst auch privat wie ein Wahnsinniger. Er ging mit seiner Tüte über die Straße und verschwand im Dunkeln, musste also hier irgendwo wohnen.
„I Got You Babe“
Natürlich hätte ich Jack Nicholson auch ansprechen können, für ein Interview. Doch man munkelte, er könne sehr rabiat werden, weshalb ich es unterließ. Erstens war ich hundemüde, zweitens wollte ich nicht mit einem Veilchen – selbst von Jack Nicholson persönlich geschlagen (vielleicht mit einem Autogramm darunter, wo das Blau etwas blasser gewesen wäre) – zu unserem nächsten Interviewpartner fahren. Das war Sonny Bono, der Ex-Mann von Cher. Einige von euch kennen vielleicht noch das Duo Sonny und Cher, das in den Sechzigern einige große Hits hatte wie „I Got You Babe“, „Little Man“ oder „The Beat Goes On“.
Cher setzte ihre Karriere im Musik- und Filmbusiness fort, Sonny komponierte weiter und war inzwischen in die Politik gewechselt – er war Bürgermeister von Palm Springs. Ein kurzer Anruf genügte, und Sonny war bereit, uns zu empfangen. Ich war angenehm überrascht; er war ein smarter, überaus angenehmer Typ mit viel Humor, und wir hatten echte Schwierigkeiten, mit dem Interview anzufangen, da wir ins Plaudern gerieten und viel lachten. Vielleicht hätte ich Jack die Nacht zuvor doch fragen sollen!
Nach dem Interview lud er uns in sein italienisches Restaurant ein und stellte uns seine Frau vor. Er war wirklich ein netter, kumpelhafter Typ, der sich riesig darüber freute, dass sich unsere Fragen nur um ihn drehten und nicht um Cher. Er war sehr erfolgreich als Bürgermeister und hatte viel Leben in den zwar prominenten, aber doch etwas verschlafenen Ort gebracht, in dem zum Beispiel auch Frank Sinatra wohnte, den uns Sonny als Interviewpartner besorgen wollte, der aber leider nicht in der Stadt war. Ein Filmfestival und ein Oldtimerrennen hatte er ins Leben gerufen, er war eben ein Showbiz-Profi. Als wir ihn verließen, war es fast, als würden wir einen guten Freund verlassen. Leider starb er einige Jahre später bei einem Skiunfall.
Ich kaufte mir in einem Pawnshop eine alte Gibson SG E-Gitarre, die einst Mark Farner von Grand Funk Railroad gehört hatte, mit dessen Autogramm drauf, und schmuggelte sie nach Deutschland. Hatte sie 1971 mal „Live“ gesehen.Für uns hieß es erstmal, zurück nach Deutschland zu gehen. Dort wartete schon die nächste Herausforderung: Hollywood im Kleinformat. Ich sollte einen Spielfilm in Spanien drehen. Regisseur war ein Typ, der sich Gene Reuter nannte, aber eigentlich Anton Karl Heinz H. hieß. Gene gab sich als Hollywood-Größe aus, prahlte mit amerikanischen Geldgebern und rannte wie ein aufgezogenes Spielzeug durch die Gegend. Mein Verdacht: Koksnase. Dennoch fuhr ich nach Almería in Spanien.
Schon die Unterkunft, nahe dem Flughafen, deutete auf „Hollywood für Arme“ hin: eine Pension mit Restaurant. Manolo, der Besitzer, war schmuddelig und hatte sich sicher in seinem ganzen Leben noch nie die Fingernägel gereinigt. Gene besaß einen alten Mercedes und fuhr damit so halsbrecherisch, dass ich ab dem zweiten Tag nicht mehr mit ihm im Auto fuhr. Wir hatten Walkie-Talkies zur Verständigung zwischen den Autos, und damit seine Beifahrer eine Überlebenschance hatten, funkte ich ihn jedes Mal kurz vor einer scharfen Kurve an, damit er den Fuß vom Gas nehmen musste, um nach dem Walkie zu greifen. Eine äußerst effektive Maßnahme.
Viele Spanier waren involviert und arbeiteten seit Wochen sehr fleißig, doch niemand hatte bis dahin auch nur einen Pfennig gesehen. Nach zwei Wochen Arbeit wollte ich endlich mein Geld sehen, denn wir mussten mittlerweile das Essen selbst bezahlen, und Manolo forderte die Bezahlung der Zimmer. Ich stellte Gene zur Rede. Er prahlte wie immer mit Geldgebern aus Hollywood, mit kurzer Verzögerung und Blah, Blah, Blah. Hätte er mir am Anfang gesagt: „Du, ich habe keine Kohle, will aber einen Film machen“, hätte ich ja die Wahl gehabt und vielleicht zugesagt. Aber es hieß ja immer: Hollywood.
Ich teilte ihm mit, dass mein Assistent Rainer und ich aussteigen würden, falls wir unser Geld nicht innerhalb von drei Tagen erhielten. „Dann sieh mal, wie Du nach Hause kommst“, erhielt ich zur Antwort. Solche Typen kann ich besonders gut leiden. Also zeigte ich ihm die Dosen mit dem belichteten Filmmaterial, die ich gebunkert hatte, und fragte ihn, ob ich sie einfach mal nacheinander aufmachen solle (was sie ruiniert hätte). Das wollte er nun auch wieder nicht. Jetzt sah ich, wie prekär die Produktion wirklich stand. Sie konnten nicht einmal Flüge bezahlen, sondern gaben uns einen der Berliner Leihwagen und 400 Mark für Benzin und Übernachtung, um nach Hause zu kommen. Den nächsten Kameramann ließen sie natürlich einfliegen. Wir brauchten drei Tage nach Hause mit der alten Gurke, weil wir feststellen mussten, dass wir die Autobahngebühren nicht einkalkuliert hatten.
Ich ging sofort zum Anwalt, und nachdem auf unsere Schreiben keine Antwort kam, zum Arbeitsgericht. Gene versteckte sich so gut es ging, das heißt, die Ladung konnte nicht zugestellt werden, da er nirgends gemeldet war. Ich erfuhr, dass er bei seiner Freundin wohnte, und ließ dort zustellen, was auch klappte.
Beim ersten Termin versteckte er sich aber hinter einer ominösen Firma Tricom Entertainment in Los Angeles und erzählte wehleidig, er sei nur Angestellter der Firma und legte Arbeitsverträge vor. Die Verhandlung wurde vertagt. Am nächsten Morgen war ich im Reisebüro, und einen Tag später saß ich im Pan Am Flieger nach L.A. – es ging immerhin um 14.000 Mark! Dort fuhr ich zur Firmenadresse im Sherman Way im San Fernando Valley.
Kein Schild, nichts. Der Verwalter wusste auch nichts von einer Firma, aber Gene Reuter war Mieter eines Apartments dort. Ich trommelte an die Tür, und ein verschlafener Typ machte auf. „Was wollen Sie? Gene ist nicht hier, welche Firma? Keine Ahnung“, antwortete er auf meine Fragen. Ich interviewte den Vermieter, machte Fotos und fuhr zur Deutsch-Amerikanischen Industrie- und Handelskammer auf dem Wilshire Blvd. Die waren sehr hilfsbereit, orderten einen Dunn and Bradstreet Report (eine Art offizieller Wirtschaftsauskunft) über Tricom, der innerhalb von drei Tagen fertig war. Die Firma gab es tatsächlich, sie gehörte Gene, und er hatte sie gegründet, nachdem ich Klage eingereicht hatte, um sein Geld zu schützen. Eine Woche später stand ich wieder vor Gericht, der Richter las den Report und verurteilte Gene, an mich und meinen Assistenten zu zahlen. Gene zahlte natürlich nicht, aber als es dann um den Offenbarungseid ging, war das Geld plötzlich innerhalb von 24 Stunden bar bei meinem Anwalt.
Der Film wurde fertig, aber außer mir und Rainer hat niemand je Geld gesehen. Die Spanier, die teilweise wochenlang für ihn gearbeitet hatten, hatte er mit „Schüttelschecks“ bezahlt, sie kamen nach Berlin, um ihr Geld einzuklagen. Es war hoffnungslos, denn der Trick mit der Firma funktionierte bei den anderen; sie hatten zu spät Klage eingereicht. Ein klassischer Fall von „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“.