Freitag, 13. März 2026

 Der letzte Raucher

Es war November und schweinekalt, regnerisch, superschlechte Luft. Ich musste zum Steuerberater und stand an der Bushaltestelle Lehniner Platz in Berlin. Horst Buchholz stand da auch rum und wartete. Er sah noch genau so aus wie bei den „Halbstarken“, genau so schlank, nur jetzt halt mit ein paar Falten. Er musste irgendwo hier wohnen, denn ich hatte ihn schon öfter gesehen. Auch drei alte Damen warteten auf den Bus, ein junges Mädchen rauchte ein Stück entfernt. Die Autos fuhren in Schlangen vorbei, Abgasschwaden hinterlassend. Die Damen mokierten sich über das junge Mädchen, dass es doch eine Frechheit sei, in ihrer Nähe zu rauchen – die Autoabgase ignorierten sie völlig. Mein Gott, wo soll das noch enden, dachte ich, wenn man jetzt nicht mal mehr auf offener Straße rauchen darf. Der Bus kam, und wir stiegen ein. Jetzt hörten die alten Damen auf, über das Mädchen zu schimpfen, denn sie hatten Horst Buchholz entdeckt, der auch eingestiegen war. Sie kicherten und zeigten fast mit dem Finger auf ihn. Buchholz sah müde aus.




Der Steuerberater machte mir klar, entweder musste ich noch etwas investieren, oder das Finanzamt schlug unbarmherzig zu. Das wollte ich nun auch nicht, doch irgendwas Nutzloses kaufen, nur wegen des Finanzamtes, nö. Ich hatte mir gerade meinen ersten Alfa Romeo gekauft, nicht weil ich einen Alfa wollte, ich wollte nur einen Kombi mit Katalysator, und überall hatten Sie mir erzählt: „Bloß nicht – das wird nie Gesetz, rausgeworfenes Geld!“, und wollten mir partout kein Auto mit Kat verkaufen. Bei Alfa stand ein schöner, silberner 33 Kombi rum, und der hatte einen, und die wollten mir den auch verkaufen. Um es gleich mal vorweg zu sagen, für alle Lästerer – es war ein guter Kauf. 110.000 km in vier Jahren, nicht eine Reparatur, mal abgesehen von den abgefallenen Fensterkurbeln, herausgesprungenen Heckklappenfedern und sonstigem Kleinkram, den ich aber selbst beheben konnte. Der Boxermotor hörte sich schon neu an, als sei er kaputt, hielt aber auch beim folgenden Besitzer.

Also Auto kaufen ging nicht. Die Rauchern wird es immer mehr an den Kragen gehen, die sterben bald aus, dachte ich. Ich musste auch noch immer an die Omas und das Mädel denken, die hätten am Liebsten eine Bombe unter ihr gezündet. Bombe, Zünder. Da hatte ich eine glorreiche Idee! Ich finanzierte einen Kurzfilm, der mir gerade eingefallen war. Ich brauche eine Toilette, so mit Herz drin in der Tür, einen Acker, 35 mm Filmmaterial, keine Schauspieler – Mist, Bombe bedeutet Pyrotechniker.

In Lübars wurde gerade ein historischer Film gedreht. Mein Freund Bernd Hübner sagte mir, da kannst du ’ne Toilette kriegen. Sie sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Für 100 Mark war sie mir, und für weitere 50 stand sie auf einem schneebedeckten Acker, ganz einsam. Der Bauer bekam einen Fuffi, dafür durfte ich ein Loch in seinen Acker sprengen. Der Pyrotechniker Lothar Tropp verlangte 1000, für Schauspieler und Musik war kein Geld da. Die Kamera bekam ich von Achim Onnasch, dem Kameraverleiher für lau. Der Titelgenerator kostete auch was, der Rest waren Kopierwerkskosten.

Die Filmmusik entstand bei Michael Marszalek, das heißt, ich klopfte auf eine Stuhllehne, und das wurde mit Echo aufgenommen, dann gaben wir noch ein wenig Sphärenklang dazu. Die Tonmischung und den Ton machte mein Freund Frank Massholder, von Thurnau Film. Es wurde, sagen wir mal, ein Low-Low-Budget-Film für 3000 Mark, aber auf 35 mm Kinoformat und später in englischen, spanischen und französischen Versionen.

Die Geschichte ist ganz einfach. Ich filmte einen Monitor ab, darauf war als Rolltitel zu lesen: Auszug aus dem Videogeschichtsbuch: Thema Raucher. „Nach jahrelangen Kämpfen zwischen Rauchern und Nichtrauchern befanden sich die Raucher weltweit auf dem Rückzug. Man glaubte sie schon ausgestorben, da entdeckte man: Den letzten Raucher.“ Totale im Schnee mit Toilette auf einem Acker. Aus dem Herz kommt eine Qualmwolke. Man hört jemanden auf die Toilette zugehen und fragen: „Entschuldigen Sie bitte, sind Sie Raucher?“ Aus der Toilette antwortet jemand mit „Ja“. Dann sieht man eine Eierhandgranate unter der Tür durchfliegen und die Toilette explodiert in 1000 Teile. Nun kommt wieder der Rolltitel: „Sie sahen den letzten Raucher. Der Gesundheitsminister warnt: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit.“


Filmfestspiele Berlin, der tote Günther und die DDR-Panzer

Die Dreharbeiten waren wider Erwarten gefährlich, denn die Tür kam direkt auf mich zugeflogen, drei Meter weiter und sie hätte mich erschlagen. Es waren etwa 30 Leute am Drehort, alles Freunde vom Film, alle kamen auf den Titel, damit der Film länger als 1 Minute dauerte.

Nun kam das Ganze ins Kopierwerk, ich wartete dort auf die erste Kopie. Dort traf ich Günther Stocklöv, einen Produktionsleiter, der mir eine Dokumentation in der Tschechei anbot – drei Monate im Winter. Ich nahm trotzdem an, konnte nicht ahnen, dass es so schweinekalt dort sein würde. Zur Strafe ließ ich ihn zwölf Jahre später umbringen und die Leiche verbrennen. Kein Scherz. Ich muss allerdings gestehen, dass Günther in diesem Fall Schauspieler war und ich der Regisseur. Er spielte das Mordopfer bei einem Fall für die „Fahndungsakte“ auf SAT1.

Günther war gerade gegangen, und da lag ein Tagesspiegel rum, ich blätterte ein wenig und las, dass heute der Annahmeschluss für die Filme der Berlinale waren. Ich hatte noch zwei Stunden. Die Kopie war fertig, und ich fuhr sofort ins Büro der Filmfestspiele, füllte den Antrag aus und ließ die Kopie da. Zehn Minuten vor Annahmeschluss.

Einige Wochen später, ich war gerade dabei, die Dokumentation zum Kinofilm: „Fabrik der Offiziere“ vorzubereiten, klingelte das Telefon. „Filmfestspiele Berlin“, meldete sich die andere Seite. Aha, die Absage. Sie kommt immer telefonisch.  

Zu meiner großen Verwunderung sagte die Stimme: „Herzlichen Glückwunsch, Ihr Film ist offizieller deutscher Kurzfilmbeitrag im internationalen Wettbewerb der 38. Filmfestspiele Berlin.“ „Keine Verarschung?“, fragte ich. „Nein, Sie müssen unbedingt ein Foto für den Katalog vorbeibringen, am besten morgen.“

Ich musste mich setzen. Eigentlich hatte ich den Film nur aus Jux gemacht und auch ohne Erwartungen eingereicht. Und nun das! Jetzt wurde ich sogar gezwungen, Fotos zu machen, und dann drohte noch die Tschechei. Ostblock, Gulag, Eiserner Vorhang, aber auch Schwejk.


Donnerstag, 12. März 2026

 Didi Hallervorden und Whopper Punch

Ich sollte Assistenz bei einem Spielfilm machen, er hieß „Whopper Punch – Zimmer 777“. Der Film war ein Kinderfilm, Rudi Kaufmann spielte die Hauptrolle. Das Interessante an diesem Film war mein Material-Assistent. Er war ein ruhiger und humorvoller Bursche, der alles in sich aufsog und nur für das Kino lebte. Er war kompetent in seinem Job und arbeitete nebenher noch als Vorführer in einem Kino. Ich freue mich ganz besonders, dass er das geschafft hat, was mir nie vergönnt war, auch weil ich nicht ehrgeizig genug war (allerdings auch nie rumgeschleimt habe und keine Leichen im Keller habe). Ihm ist es gelungen, wirklich große Filme zu machen. 

Sein Name: Frank Griebe, mit „Lola rennt“ begann seine große und, wie ich hoffe, langandauernde Karriere.




Nun kommen wir zu einem Schauspieler, an dem sich die Geister scheiden. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn, können aber nicht verleugnen, dass er ein Stück deutscher Fernsehgeschichte geschrieben hat und ein begabter Schauspieler ist. Schon in einem seiner frühen Filme: „Der Springteufel“, muss jedem klar gewesen sein, was für ein Talent in ihm schlummert. Unvergessen seine Rolle als Killer in „Das Millionenspiel“. Ich rede von Dieter Hallervorden. Ich habe über einen Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder mit ihm arbeiten dürfen, und wenn ich auch seinen Humor nicht immer mochte, musste ich doch immer anerkennen, dass er ein Superprofi ist, der für seinen Job lebte.

Dieter hat, im Gegensatz zu vielen anderen Komikern, die privat total humorlos sind, wirklich Humor. Das bedeutete, dass er natürlich auch bei den Dreharbeiten seinen Spaß haben wollte. Das hatte zur Folge, dass jeder mal dran war und von Dieter verarscht wurde. Wenn man kontern konnte, war das kein Problem, denn er konnte es sehr wohl ab, wenn man ihn auch durch den Kakao zog. Blöd natürlich für die, die nicht schlagfertig genug waren.

Dieter testete seine neuen Gags im Team, indem er sie beiläufig vorspielte oder erzählte und beobachtete genau, wie wir darauf reagierten. Auch wenn irgendein Teammitglied einen Gag machte oder einen Witz erzählte, war Dieter sofort hellhörig und ließ sich den Witz nochmal erzählen, wenn er ihn verpasst hatte. Ein Profi halt, der alles aufsaugte, was für ihn verwendbar war.

Natürlich spielte in fast allen Filmen, die ich mit ihm gemacht habe, Rotraut Schindler mit, seine Ex-Frau, mit der ihn eine Art Hassliebe verband. Die beiden warfen sich humorvoll allerlei an den Kopf, wobei ich mir sicher bin, dass nicht wirklich alles humorvoll gemeint war, sondern dass sie einen kleinen posthumen Ehekrieg vor allen Leuten ausfochten, und keiner hat davon was mitgekriegt. Nur Natalie, die Tochter der beiden, die auch mitspielte, dürfte genau gewusst haben, was Ernst und was Spaß war.

Privat verkehrte er oft, auch mit Teammitgliedern, in Kneipen am Stuttgarter Platz in Berlin, das ist so eine Art Mini-Rotlichtviertel. Morgens kam er dann unrasiert an, roch nach Alkohol, war angetrunken und gut drauf, und hatte natürlich seinen Text nicht gelernt. Aber kein Problem für Dieter! Hallervorden hat eine Art fotografisches Gedächtnis, das heißt, während er sich anzog und geschminkt wurde, schaute er kurz über den Text, und schon hatte er ihn drauf. Jetzt gibt es natürlich ein Problem: War das alles echt, mit dem angetrunken sein, oder war es gespielt? Ich muss zugeben, obwohl ich Jahre mit ihm gedreht habe, weiß ich es bis heute nicht, denn dafür ist Dieter ein zu guter Schauspieler, auch wenn das nun viele Leute nicht glauben.

Was mich immer ein wenig nervte, waren die ganzen Schmeißfliegen oder sogenannten Freunde, die ihn umschwirrten, Typen, die sich bei ihm anbiederten, weil sie durch ihn auf eine Karriere hofften, Typen, die mit ihm durch die Kneipen zogen. Die waren natürlich bevorzugtes Opfer seiner Scherze, dennoch hat Dieter einigen von ihnen zu einem Karrieresprung verholfen. Manche von ihnen gingen subtiler vor, zum Beispiel ein Typ namens Thomas, der sich am geschicktesten dabei anstellte und später Karriere als Regisseur machte.

Hallervorden respektierte mich, und ich glaube, er mochte mich auch, denn er lud mich über die Jahre immer wieder ein, doch einmal mitzukommen, bei seinen Ausflügen durch das Berliner Nachtleben. Ich habe es nie getan, obwohl es vom Stuttgarter Platz nur 500 Meter nach Hause waren, das hätte ich auch auf allen Vieren geschafft. Er war darüber nicht sauer und respektierte meine, mit der Zeit doch fadenscheinigen Ausreden. „Ich wäre gerne mal mitgegangen, lieber Dieter, denn ich konnte Dich gut leiden, war ein großer Fan Deiner Spontanität, Deines Talentes, doch nicht zusammen mit den Schleimern, sorry, und von denen war immer einer dabei.“ Ich arbeitete gerne mit Hallervorden zusammen, mochte ihn und seinen Humor, hatte viel Spaß und habe auch viel von ihm gelernt. Er hat nie erfahren, dass gerade sein Metier, nämlich humorvolle Sketche und Stücke, genau das war, was ich immer machen wollte, dass ich vor Ideen sprühte und ihm am liebsten die einmal mitgeteilt hätte. Ich tat es nie, weil in jeder freien Minute immer so ein „DieterhierDieterda-Mensch“ um ihn rumwuselte.


Der „30. Urenkel Karls des Großen“ und der „Skilehrer-Charmeur“

Regie führte meistens Ralf Gregan, dessen Sohn auch als Aufnahmeleiter dabei war. Ralf war ein netter Kerl, kannte Hallervorden schon ewig lange, war zwar ein guter Regisseur, aber ohne ein besonderes Faible für Komödien, wie komischerweise fast alle Regisseure, die mit Hallervorden drehten.

Dann gab es auch noch andere Regisseure wie zum Beispiel Stefan Lukschy, der von sich behauptete, er sei der 30. Urenkel von Karl dem Großen. Stefan war nicht schlecht als Regisseur, aber er war ein kleiner Snob, der sich stundenlang mit Jörg Seidl, dem Kameramann, über die richtige Schuhcreme für braune Schuhe unterhalten konnte, denn für ihn gab es nur John Lobb Number 5, die er sich aus England einfliegen ließ. Dennoch war Stefan auch ein ganz netter Kerl, aber halt auch ein Snob. Das ging Hallervorden total auf den Keks, denn Dieter war ein recht einfacher Mensch (im positiven Sinne), ohne große Allüren, außer der Produktion gegenüber, der sich relativ schnell mit jedem anfreundete und nicht den Star raushängen ließ.

Die beiden gerieten fast täglich aneinander, und es eskalierte soweit, dass Hallervorden ihm sagte, er solle erstmal seinen Job richtig lernen, worauf sich Stefan unglücklicherweise auf einen Glastisch in der Dekoration setzte, dessen Scheibe prompt brach.

Jörg Seidl, der Kameramann von Stefan Lukschy, war Österreicher, ein richtiger Charmeur. Mit seinem Charme und Wiener Schmäh lief er aber bei Rotraud Schindler, einer waschechten Berliner Pflanze, völlig auf, die ihm dann immer, wenn er mal wieder den Charmeur raushängen ließ, nur spöttisch entgegnete: „Sie mit Ihrem Skilehrer-Charme.“

Das Team dort war eine einzige große Familie, wir hatten schon ganz viele Filme zusammen gemacht, waren alle per Du miteinander, auch mit Dieter Hallervorden. Natürlich war Hallervorden auch ein knallharter Geschäftsmann, der seine Interessen gegenüber der Produktionsfirma beinhart und nicht immer auf die feinste Art durchsetzte, aber er war halt auch der Star, der das Geld und den Sendeplatz brachte.


Die Live-Aufzeichnungs-Katastrophe: Der „Nerd“, die Panik-Assistentinnen und der Filmrest

Einmal drehten wir ein Theaterstück („The Nerd – Die Laus im Pelz“) live mit drei Kameras – mit Hallervorden in der Hauptrolle. Leider ging das total in die Hose. Rolf von Sydow war der Regisseur, ein guter Mann, ohne Zweifel, aber der Falsche für eine Aufzeichnung mit drei Kameras, wo man ganz anders vorgehen muss als bei einem Fernsehfilm, wie ich mittlerweile aus eigener Erfahrung als Studioregisseur weiß. Der zweite Fehler war, dass die Regie-Assistentin und das Continuity Girl, die das auch noch nie gemacht hatten, keine Ahnung von den völlig anderen Bedingungen hatten.

Ich machte eine der Kameras und hatte die Materialeinteilung geplant. Da wir auf 16 mm mit Videoausspiegelung drehten, gab es ein Problem: Eine Rolle Film hält genau 11 Minuten und 38 Sekunden. Das heißt, wenn alle Kameras gleichzeitig eingeschaltet werden, sind auch alle Kassetten gleichzeitig durch, und neue Kassetten müssen an die Kameras angedockt werden. Das geht aber nicht bei einer Liveaufzeichnung, denn dann fehlen die 20 Sekunden, die man braucht, um neue Kassetten anzudocken.

Ich hatte also das Drehbuch durchgelesen und hatte Punkte festgelegt, an denen jeweils nur eine Kamera neuen Film einlegt, und zwar an Stellen, an denen sie definitiv nicht gebraucht wird, weil andere Kameras im Einsatz sind und die benötigten Bilder liefern können. Wir hatten 36 Rollen Film, also 132 Minuten für jede Kamera, mehr als genug bei einem Stück von 90 Minuten, und wir hatten 18 Kassetten für die Kameras. Der Material-Assistent musste also in 90 Minuten maximal 18 Kassetten mit neuem Film bestücken, wenn alles wie geplant läuft, sogar nur 9, die restlichen Rollen waren Reserve, normalerweise kein Problem. Ich hatte ihn angewiesen, die Restfilme einfach wegzuwerfen, das waren nach meinen Berechnungen zwischen 5 und 20 Meter Film pro Kassette, solch kurzen Reste benutzt kein Mensch mehr.

Nach neuneinhalb Minuten sollte die erste Kamera den Film wechseln. Etwa nach 10 Minuten die zweite, etwa zehneinhalb bis 11 Minuten, jeweils die dritte usw. Da konnte einfach nichts schief gehen. Wir fingen an. Nach dem ersten Kassettenwechsel wurde es plötzlich hektisch in der Regie. Rolf rief verzweifelt nach einer Kamera, die er brauchte, aber die gerade neu einlegte. Das konnte eigentlich nicht sein – waren die zu langsam oder was war passiert? – Eine andere Kamera versuchte, den Schuss zu bekommen, das wurde natürlich unsauber, denn diese Kamera hätte eigentlich etwas anderes machen sollen. Jetzt kam alles durcheinander. Wie konnte das passieren, es war alles so gut geplant! Die Laufzeiten der Kassetten kamen mir auch unheimlich kurz vor, das waren nie im Leben 10 Minuten.

Ich konnte nur nicht eingreifen oder irgendetwas kontrollieren, denn ich stand ja an der Kamera und musste Bilder abliefern, und bei jedem Kassettenwechsel hatte ich nur 20 Sekunden, also auch keine Zeit, um irgendwas zu klären. Wir mussten 15 Minuten vor Ende des Stückes abbrechen, der Material-Assistent war kurz vor dem Infarkt, denn er schaffte es nicht, die Kassetten einzulegen, und das Material war alle. Unmöglich, warum? Neun Kassetten in 90 Minuten, das musste er schaffen. Alle Assistenten halfen ihm nun in der Dunkelkammer, neuen Film einzulegen, wir drehten auf 40 bis 50 Meter Resten weiter, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen.

Die ersten Reste in dieser Länge hatte er weggeworfen, wie ich ihm gesagt hatte, nur sollten die Reste maximal 20 Meter lang sein, nicht 50. Wir schafften es gerade noch so, das Stück mit dem Restmaterial aufzuzeichnen. Das Ergebnis war eine Katastrophe, die Kameras nicht im richtigen Moment an der richtigen Stelle, unruhige Bilder – dabei war alles so gut geplant und es standen drei Profis an den Kameras.


Die „Hühner“ der Regie-Assistenz und der unwillige Aschenbecher

Ich brauchte einen vollen Tag, um zu verstehen, was passiert war, denn das hätte nicht passieren dürfen. Die Schuldigen waren die Mädels von der Regie-Assistenz und Continuity. In Panik und völlig überfordert, weil sie dachten, dass es passieren könne, dass plötzlich eine Kamera ohne Material dasteht, hatten sie eigenmächtig den Kameras an den falschen Stellen das Kommando zum Kassettenwechsel gegeben, teilweise schon nach 5 oder 6 Minuten, und hatten meine fest geplanten und geprobten Zeitpunkte zum Umlegen einfach ignoriert, ohne es irgendjemandem zu sagen oder mich zu fragen, ob das möglich sei. Und dies, obwohl die Proben wundervoll gelaufen waren und es gar keinen Grund gab, irgendetwas zu ändern. Da sie auch die Auflösung der Szenen nicht perfekt im Kopf hatten oder überblicken konnten, führte das dazu, dass die Kamera, die umlegte, manchmal gerade gebraucht wurde, jetzt musste eine andere Kamera aushelfen, um den Schnitt aus weitaus ungünstigerer Position zu bekommen, die aber dann teilweise nicht für ihre eigentliche Einstellung frei war. Dadurch kam alles durcheinander, und das Chaos begann. Der Material-Assistent warf am Anfang die Reste weg, die nun teilweise 50 Meter lang statt 10 waren und hatte nach 25 Minuten, statt 6 Kassetten zum Umlegen, plötzlich das Doppelte dort stehen.

Total in Panik machte er trotzdem einen guten Job, legte schnell um, und bemerkte auch, dass irgendwas nicht stimmen konnte, deshalb warf er die langen Reste clevererweise nicht mehr weg, denn ich hatte ja von maximal 20 Metern geredet, sondern packte sie zurück in die Filmdosen, was uns später rettete. Natürlich brauchte er dafür doppelt so lange, und irgendwann kam er nicht mehr hinterher, und wir mussten abbrechen. Da keiner mitbekommen hatte, dass die „Hühner“ von der Regie-Assistenz am Chaos schuld waren, auch ich nicht, dachten wir zuerst, irgendjemand habe Filmmaterial aus der Dunkelkammer geklaut, deshalb habe es Probleme gegeben.

Bis mir das Continuity Girl am nächsten Tag sagte: „Du, wir haben übrigens aus Sicherheitsgründen früher die Kassetten wechseln lassen, das war uns zu riskant, was Du geplant hattest, guck mal – hier haben wir nach 6 Minuten gewechselt, da nach 7 Minuten“ usw. Ich fiel fast tot um. Wir hatten das Wechseln an den von mir vorgegebenen Stellen sogar mehrmals ohne Filmmaterial geprobt, bei unseren Durchlaufproben, und es hatte immer reibungslos geklappt. Der ganze Ablauf, die ganze Auflösung der Aufzeichnung, war auf diese Punkte ausgerichtet. Da war nichts riskant, man musste nur wie geplant seinen Job machen und sonst nichts.

Sie hatte immer noch nicht kapiert, dass sie mit der eigenmächtigen Änderung das Chaos verursacht hatten und eine perfekte Ablaufplanung, die eigentlich absolut pannensicher war, in eine Katastrophe verwandelt hatten, weil nichts, aber auch nichts mehr kameraseitig so ablaufen konnte, wie es tagelang geprobt war. Auch als ich ihr wütend klarmachte, was sie angestellt hatte, verstand sie nur Bahnhof. Sie hatte eben keine Ahnung von ihrem Job, es war erst ihr zweiter oder dritter Film, aber sie sah gut aus, das hilft wahrscheinlich karrieremäßig weiter.

Was tun? Sie bei der Produktion anschwärzen? Vielleicht verlangte die Schadensersatz, und die Mädels waren ruiniert. Ich beschloss schweren Herzens, bei der Version mit dem gestohlenen Material zu bleiben.


Mittwoch, 11. März 2026

Die Altstars, die jeder kannte, Brigitte Horney, O.W. Fischer, Maria Schell, Lieselotte Pulver, Hildegard Knef, Horst Frank, Ingrid van Bergen und andere                                                                                                                          Ich hatte ja schon mit Harald Juhnke gedreht, eine sehr angenehme Erfahrung. Schade, dass Haralds Lieblingswitz für ihn selbst Wirklichkeit geworden ist: „Lieber Alzheimer als Parkinson, lieber vergessen als verschütten.“

Nun drohten „Jakob und Adele“, das heißt Karl-Heinz Schroth und Brigitte Horney. Kameramann war mein Freund Michael Marszalek, ein sehr humorvoller Mann, mit dem ich über die Jahre viel zusammengearbeitet hatte. Der Dreh war auf Mallorca. Es war sehr angenehm, Ende Oktober aus dem kalten Deutschland nach Mallorca zu fliegen.

Schroth war zwar ein guter Schauspieler, aber ein mürrischer Muffelkopf. Im Prinzip brauchte er für die Rolle des Jakob nicht zu spielen, er konnte so bleiben, wie er war. Brigitte Horney war eine faszinierende Frau, eine wirkliche Lady, schon über 80, aber topfit und geistig hellwach. Wir drehten, ich glaube, in Sóller, dort, wo die Straßenbahn fährt, und hatten für die Mittagspause ein Lokal nebenan gemietet. Die Horney war bei dieser Szene nicht dabei, aber anwesend, da sie später mitspielte. Es war kurz vor der Mittagspause, als ich im Lokal eine neue Kassette für die Kamera holen musste – wir drehten auf 16 mm Film. Ich war total überrascht, als ich die Kneipe betrat: Brigitte Horney, die achtzigjährige Dame, deckte für uns, ihr Team, den Tisch!

Liebevoll staffierte sie die Bestecke mit Servietten aus. „Brigitte, dafür gibt es doch Leute, das musst du nicht tun“, sagte ich zu ihr. „Ich tu es aber gerne“, entgegnete sie, „ihr arbeitet hart, ich habe Zeit, ich möchte, dass ihr euch wohlfühlt, deshalb muss es auch hübsch aussehen und nicht einfach nur daliegen.“ Respekt vor dieser Frau, ich verneige mich vor ihr. Sie war ein wirklicher Star, denn dazu gehört, trotz allen Ruhms, sich selbst nicht so fürchterlich wichtig zu nehmen. An unseren freien Wochenenden waren natürlich die schlimmsten Unwetter auf Mallorca, die man sich vorstellen kann. Einmal stand das Wasser so hoch in den Straßen, dass es durch die Türen des Leihwagens drang.


Ein anderer Film stand an, wieder mit Michael und Regisseur Ullrich Stark. „Herbst in Lugano“ hieß er und versprach interessant zu werden, zumal mein Freund Bernd Hübner Oberbeleuchter war. O.W. Fischer, Maria Schell, Liselotte Pulver und Gunnar Möller spielten mit.

Zuerst einmal gab es Stress mit der Produktion. Ich wollte 1400 Mark für meinen Alfa Kombi als Kamerafahrzeug haben, der Produktionsleiter wollte nur 1000 für den Monat Drehzeit bezahlen. Darauf ging ich nicht ein. Jetzt hatte ich Anspruch auf die Kosten einer Bahnfahrt erster Klasse, die kostete übrigens auch 1000 Mark – nicht gerade logisch. Ich fuhr trotzdem mit dem Auto hin und ließ mir das Geld für die Zugfahrt auszahlen. 

Am nächsten Tag stand mein Auto auf der Disposition als Produktionsfahrzeug. Ich sagte: „Vergesst es, das Auto ist nicht hier, oder ihr bezahlt mir 400 Mark mehr.“ Darauf gingen sie nicht ein.

Bernd hatte einen Beleuchter mehr mitgebracht, als bestellt war, und als die Produktion den nicht bezahlen wollte, rief er seine Leute zusammen und machte sich fertig für die Heimreise (er war übrigens Teilhaber der Beleuchtungsfirma, die das Equipment stellte). Das überzeugte die Produktion dann doch, den zusätzlichen Mann zu bezahlen.


Es hieß, O.W. Fischer (für alle, die es nicht wissen: OW steht für Otto Wilhelm) sei hochgradig verrückt. Er hatte einen Lehrstuhl für Philosophie an einer Schweizer Universität. „Wir kommen alle aus der Luft und werden wieder zu Luft“ oder so ähnlich, war sein Lehrsatz. Verrückt war er nicht, aber eigenartig. Er war schon eine eindrucksvolle Person, aber schwierig und sehr eigensinnig und trieb den Tonmeister fast zum Selbstmord, denn manchmal sprach er in den Szenen superleise, um dann völlig unangekündigt und unberechenbar laut zu werden. Das war kaum auszusteuern.

Das „Seelchen“ kam, wie Maria Schell auch genannt wurde. Das erste, was sie machte, war, dem Regisseur zu sagen: „Mach dir keine Hoffnung, ich weine nicht.“ Es war bekannt, dass sie bei rührseligen Szenen gerne mal zu weinen begann. Natürlich heulte sie gleich in der ersten Szene mit O.W., aber es war sehr eindrucksvoll, weil es wirklich von innen kam. Es ärgerte sie natürlich heftig, dass es wieder einmal passiert war, aber sie lebte halt ihre Rollen aus. Maria Schell war eine bemerkenswerte Frau, sie hatte traumhaft schöne Augen und war trotz ihres Alters immer noch eine schöne Frau und natürlich eine gute Schauspielerin, keine Frage. Das gleiche galt für Lieselotte Pulver, deren Rolle in Billy Wilders: „Eins, Zwei, Drei“, ich nie vergessen werde. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass ich auch den großen, aber körperlich kleinen Billy Wilder mal persönlich treffen würde.

Auch die Pulver war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, sie hatte, wie die Schell, schon in jungen Jahren große Filme gemacht. Die Schell hatte zusammen mit Curd Jürgens im „Schinderhannes“ gespielt, den mein Lehrmeister Heinz Pehlke fotografiert hatte, die Pulver hatte sich schon 1954 mit: „Ich denke oft an Piroschka“ in die Herzen der Zuschauer gespielt. Da hatte auch schon Gunnar Möller mitgespielt, der auch hier dabei war. Möller war gerade aus dem Knast gekommen. Er hatte in England seine Frau mit einem Stuhlbein erschlagen und mehrere Jahre im Gefängnis gesessen. Er erzählte völlig beiläufig über seine Tat, als habe es sich nicht um Totschlag, sondern um ein Mittagessen gehandelt. Ein merkwürdiger Mensch.

Wir drehten ein paar Tage in Verona in Italien. 

Bei unserer Rückreise warnte mich Bernd Hübner, er sagte: „Vergiss den Drehtag, wir werden nicht so einfach durch den Zoll kommen“ (damals noch ein Riesenproblem, Carnets mussten ausgefüllt werden usw.). Er hatte auch die Kameraausrüstung in seinem LKW.

Er hatte Recht. Wir standen auf dem Flughafen von Lugano, dummerweise war auch der Redakteur vom ZDF da, ein, im Gegensatz zu vielen anderen, die ich kennengelernt hatte, ein absolut integrer und kundiger Mann. Ich kannte ihn von anderen Filmen, er kam aus einer Stadt, die nahe meiner Heimatstadt liegt. Wir wollten drehen, doch kein LKW weit und breit. In der damals noch handyfreien Zeit war es natürlich schwer rauszukriegen, was passiert war. Sie steckten noch im Zoll.

Der Produktionsleiter kam zu mir und forderte mich auf, die Kamera fertig zu machen. „Welche Kamera?“, fragte ich. Er machte ein Riesentheater, ich müsse immer die Kamera dabei haben, das sei unverantwortlich usw. Ich zeigte ihm erstmal seine eigene Disposition für den Tag. Da stand deutlich drauf: „Kameraausrüstung im Beleuchtungs-LKW“ – und der stand noch beim Zoll. Dann machte ich ihm noch mal klar, dass, wenn er mein Auto bezahlt hätte, die Kamera sehr wohl da wäre. Den ganzen Vormittag beobachtete er nun misstrauisch, wie ich mit dem Redakteur sprach, er dachte sich natürlich, dass ich über die Produktion rede und hatte keine Ahnung, dass wir uns nur über unsere gemeinsame Heimat unterhielten. Erst am Nachmittag konnten wir drehen, sie hatten über 20 Stunden im Zoll gestanden.

Ansonsten war der Dreh ätzend, das lag nicht am Film, sondern am Essen in Lugano. Es war so gut, dass ich 4 Kilo zunahm, super leckere Gerichte in fast allen Restaurants, nur das Hotel Seegarten, traumhaft schön direkt am Lago gelegen, war etwas ranzig. Ich habe noch nie in einem so durchgelegenen Bett geschlafen wie dort. Baden war nicht erlaubt wegen des Fallouts von Tschernobyl einige Jahre zuvor.

Zu meiner Überraschung bedankte sich der Produktionsleiter am Ende bei mir. Er habe etwas gelernt, sagte er, ich hätte ihm einen durchaus günstigen Preis für mein Auto genannt, nur aus seiner Machtposition heraus, habe er mich runterhandeln wollen, mit dem Ergebnis, dass alles viel teurer geworden sei, als er geplant hatte, weil mein Auto fehlte. Das werde ihm nie wieder passieren. Er schickte mir noch zwei Jahre lang Weihnachtskarten.

Auf der Rückreise machte ich einen Abstecher über die Côte d’Azur, ein schwerer Fehler. In Nizza wurde mein Auto aufgebrochen, mein ganzes Gepäck geklaut, das ich wegen des schweren Regens im Wagen gelassen hatte. Mit einem Schraubenzieher hackten sie das Radio aus dem Armaturenbrett und nahmen es mit dem Teil des Armaturenbretts mit. Alfa Romeo brauchte sechs Monate, um mir den Aschenbecher zu liefern, weil der geht normalerweise ja nicht kaputt.


Hildchen Knef:  ich hab’ noch einen Koffer in Berlin                                                   Hildchen Knef kam nach Berlin. Normalerweise machte Michael Epp bei Ottokar Runze Kamera, der konnte aber nicht, und so durfte ich einen Teil des Films: „Hildegard Knef – Nein, ich gebe niemals auf“, drehen, bis Michael frei war. Die Karriere der Knef war ein ständiges Auf und Ab gewesen, alles öffentlich in der Klatschpresse ausgetragen, und nun sollte ich sie selbst kennenlernen.

Sie kam abends in Tegel an, und ein großer Bahnhof erwartete sie. Unvermeidlich dabei natürlich Visagist René Koch und viele andere, die sie aus ihrer Berliner Zeit kannte. Es gab für mich ein kleines Problem, nämlich sie zu drehen und dabei nicht zu zeigen, dass sie leicht schwankte. Sie hatte auch eine relativ schwere Zunge, als sei sie leicht betrunken. Sollte Hilde etwa?

Nein, sie war keine Alkoholikerin und sie war auch nicht betrunken. Die Knef trank vielleicht mal ein, zwei alkoholische Getränke abends, meistens Whisky, soweit ich in Erinnerung habe, nicht genug, um betrunken zu werden, aber sie nahm auch Medikamente, die sich anscheinend nicht mit Alkohol vertrugen. Das war das ganze Problem, nur wie sagt man das einem Star? Am besten gar nicht.

Hilde war ein wirklicher Star, sie hatte Charisma, aber man merkte auch deutlich, dass sie ein verlorener Mensch war, vom Schicksal immer wieder arg gebeutelt und doch immer wieder wie ein Stehaufmännchen, den Weg nach oben findend. Es war ein sehr interessanter Dreh und eine gute Lehrstunde über das Leben an sich. Ich habe nie wieder einen Menschen getroffen, der so überwältigend sein Leben meisterte und dennoch hilflos und verletzlich war, jemand, der seine Schwächen nicht verbarg, sondern offen zeigte, aber nicht damit kokettierte. Vielleicht aber spielte die Knef nur die Knef, und zwar ihr ganzes Leben lang, und war in Wirklichkeit ein ganz anderer Mensch, den niemand je wirklich kennenlernen durfte. Zuzutrauen wäre es ihr.                                                                   


Der WDR versuchte sich an einer deutschen Version von Dallas, es wurde ein Flop, was ich nicht verstehe, denn die Serie war hochkarätig besetzt, lief aber, soweit ich weiß, nur auf WDR drei. Tom Engel sollte bei einigen Folgen Regie führen, und das bedeutete natürlich Michael Marszalek an der Kamera und ich. Köln war der Drehort. „Da kann man Filme machen?“, wunderte ich mich und fuhr mit gemischten Gefühlen hin. Dieter Viehweg war der Produzent, ich habe niemals jemanden mit solch blauen Augen gesehen. Ein netter Kerl, aber vielleicht zu blauäugig, denn die Serie ruinierte seine Firma.


Um es gleich vorweg zu sagen, ich änderte meine Meinung über den Medienstandort Köln sehr schnell. Das Team war Klasse, wir hatten viel Spaß, das einzige, was störte, waren die Wichtigtuer, die die Drehbücher schrieben. Einer nannte sich Xao Seffcheque, blöder Künstlername, er hieß dann gleich „Scheckheft“ beim Team. Es war eine merkwürdige Konstellation, die Losberg ins Leben gerufen hatte, angeblich eine Düsseldorfer Band, einer war nun der WDR-Redakteur, einer der Produktionsleiter, einer der Autor und einer der Produktionsfahrer. 

Unglaublich die Besetzungsliste: Horst Frank spielte mit, einer meiner Lieblingsschauspieler, Vera Tschechowa, eine sehr beeindruckende, interessante Persönlichkeit, Raimund Harmsdorf, Sky Dumont, ein sehr angenehmer, kultivierter Mensch, Ferdy Mayne, den ich schon als Obervampir im Tanz der Vampire von Polanski bewundert hatte, Ingrid Steeger, die seltsam farblos blieb, Christine Plate, beide kannte ich schon aus Berlin, und Ingrid van Bergen.



Ingrid war eine klasse Frau, sie hatte Charisma, war die gute Seele des Teams, eine wirklich angenehme Frau, liebevoll, kollegial. Ich kann nur Gutes von ihr berichten. Ich weiß, sie hat ihren Mann umgebracht und dafür lange im Gefängnis gesessen. So wie ich sie kennengelernt habe, kann es für mich nur einen Grund dafür geben: Dieser Typ muss ein super Arschloch gewesen sein. Er muss Ingrid so fertig gemacht haben und hatte wahrscheinlich nichts anderes verdient. Diese Frau war eine Seele von Mensch, sie hat Charakter, ist ehrlich. Es muss schon viel passieren, um eine solche Frau zum Morden zu bringen. Immer wenn Ingrid mal ne Zeit nicht da war und wieder ihren ersten Drehtag hatte, kam sie sofort an und und wollte wissen: „Wer schläft mit wem?“





Zwei Monet in einer Nacht, wer hätte das gedacht..

Der Ausstatter war ein Typ in schwarzem Leder, ungepflegt, sah total prollig aus und rauchte Kette. Einmal sagte Tom, der Regisseur, bei einer Wohnungsbesichtigung, es wäre schön, wenn hier Monets hängen würden. Als wir am nächsten Morgen dort drehen wollten, hingen zwei Monets an der Wand, der Ausstatter lag total übernächtigt und völlig fertig auf der Couch. Tom sagte: „Das sind ja richtige Ölgemälde!“, und wollte gerade mit dem Finger eines der Bilder anfassen, da sprang der Ausstatter entsetzt auf und rief: „Nicht anfassen, die sind noch feucht!“ Er hatte sie in der Nacht selbst gemalt, es waren wirklich erstaunlich gute Kopien.

Bei einem Dreh in einem Schloss in Belgien im Herbst seufzte Tom einmal, als wir im Park drehen wollten: „Es wäre schön, wenn hier Rosen stehen würden.“ „Rot oder Weiß?“, fragte der Ledertyp nur, er hatte beides dabei. Ich war schwer beeindruckt.

Das Schloss lag bei Verviers und gehörte Herbert Hillebrand, einem Baulöwen, der Schlösser (angeblich 23!) und Ferraris sammelte, aber auch seinen Arbeitnehmern gegenüber sehr fair gewesen sein soll. Jedes seiner Kinder, auch adoptierte, bekam erstmal ein Schloss geschenkt.

Eines Tages mussten wir mal wieder in Belgien drehen, ein Riesenstau auf der Autobahn. Im Stau traf sich das ganze Team, nur Tom, der Regisseur, war nicht aufzufinden. Es war eine Vollsperrung wegen Brückensprengung, die Stunden dauerte, nur Tom war etwas früher gefahren und noch durchgekommen. Allein kam er am Schloss an, kein Mensch da. Dummerweise hatte er auch die Dispo vergessen, um nachprüfen zu können, ob er wirklich am richtigen Drehort war. Telefonieren ging auch nicht (Prä-Handyzeit), da er kein belgisches Geld hatte und die Banken noch geschlossen waren. Er war völlig verzweifelt und überglücklich, als wir zwei Stunden später dort auftauchten.

Ralf, der Aufnahmeleiter, war ebenfalls sensationell gut, er machte Unmögliches möglich, aber er war ein Filou. Ich freundete mich mit ihm an, und er lud mich in sein Apartment ein. Dort erfuhr ich, dass er auch noch mit Autos handelte. Er bat mich, das Telefon abzunehmen, falls es klingele und zu sagen, er sei nicht da. Zehn Minuten später klingelte das Telefon, ich hob ab und wurde sofort angeschrien. „Sie haben mir das Auto als unfallfrei verkauft!“, plärrte mich eine Stimme an, „ich habe den Vorbesitzer angerufen, es war platt bis zur Windschutzscheibe, ich will mein Geld zurück!“ Heute ist Ralf superseriös und hat mehrere gut gehende Firmen. Man lernt eben aus seinen Fehlern.


Eines Tages wurde es unangenehm, und das nehme ich Tom, unserem Regisseur, bis heute übel. Ein Gepard spielte mit. Das sind ausgesprochen dumme, aber auch faszinierende Tiere, wie ich später mal in Afrika feststellen sollte, als mich Geparden unbedingt auffressen wollten.

Der Besitzer des Geparden war so ein schmieriger Typ, ein kölscher Zuhälter mit starkem Kölner Akzent, teuer, aber super geschmacklos gekleidet, Goldkettchen usw. So ein Typ, bei dem man nach dem Händedruck die Finger nachzählt, ob er nicht einen geklaut hat. Der Gepard sollte auf ein im Garten aufgebautes Buffet springen, an dem alle saßen und tafelten. Natürlich kapierte das Tier nicht, was es tun sollte, es war dafür ja auch nicht trainiert worden. Außerdem essen Geparden nur rohes und nicht zubereitetes Fleisch, und trotzdem er einen Tag nichts zu essen bekommen hatte, interessierte sich das Tier überhaupt nicht für das Buffet, warum auch? In der freien Wildbahn finden die ja auch nicht jeden Tag was zu fressen.

„Allet jut, mein Jepard macht alles, wat ich sech“, hatte der Zuhälter geprahlt. Nun war er in seiner Ehre gekränkt, schlug auf das Tier ein. Ich war drauf und dran, ihm auf die Fresse zu hauen. 

Keiner protestierte. „Et krieje mer leicht mit Elektroschocks hin, isch hol dat Jerät!“ In diesem Moment nahm ich die Kamera weg und sah im Augenwinkel, wie Hardy Hardt, der Tonmeister, seinen Kram zusammenräumte. Wir blickten uns nur kurz an und sagten fast synchron: „Wir müssen mal kurz unterbrechen und den Tierschutzverein holen. Ihr könnt ja weitermachen, aber ohne Kamera und Ton.“ Totenstille.

Die Aufgabe des Regisseurs wäre es gewesen, eine Lösung zu finden und nicht die Methoden des Zuhälters zu tolerieren. Nun bekamen alle Angst, dass es Stress mit dem Tierschutzverein gäbe, schlechte Presse usw. Mit Recht, denn Hardy (danke für deinen Mut!) und ich hätten es nicht zugelassen und hätten sofort den Tierschutzverein in Verviers und die Presse informiert. Jeder entschuldigte sich und tat, als ob er ja auch von Anfang an dagegen gewesen sei. Zu spät, bei mir hatten sie verschissen, die Leistungsträger, alles Feiglinge.

Mir kam die Idee, den Geparden von einem Podest zu schubsen, damit er auf das gleichhohe Buffet springen muss. Es klappte und sah auch einigermaßen gut aus.


Dienstag, 10. März 2026

David Bowie - Glass Spider Tour, ein erstaunter Ritchie Blackmore, Stunts und andere Katastrophen


Natürlich war ich parallel auch schon als Kameramann zugange, aber das waren keine großen Sachen und manchmal auch unfreiwillig komisch.

Bei einem Mike-Krüger-Film machte ich zweite Kamera. Es ging um einen Stunt im Westhafen von Berlin. Ein Auto sollte über eine Rampe direkt auf mich zufliegen, auf dem Wasser aufschlagen und versinken. Ein Kran stand bereit, um das Auto wieder rauszuholen, ein Taucher, um den Gurt daran zu befestigen. Die Scheiben waren getönt, damit man darin nicht den Stuntman mit Helm sieht. Ich stand gegenüber des Hafenbeckens mit einer 35 Arri BL mit Zoom, die wiegt etwa 40 Kilo. Der Stuntman war eine Pfeife, er bestand darauf, mit offenem Seitenfenster zu fahren, das sei ja kein Problem, da er frontal auf meine Kamera zufliege und man ihn nicht sehen könne.

Die Klappe wurde geschlagen. Aktion! Der Idiot fuhr viel zu schnell, hob an der Rampe ab und kam auf mich zugeflogen, und flog und flog und flog. Gott sei Dank hatte ich den Zoom. Der Wagen schlug durch die zu hohe Geschwindigkeit nicht mit dem Wagenboden aufs Wasser, sondern mit der Schnauze, drehte sich um 90 Grad, und ich sah in Großaufnahme nun durch das mir zugewandte Seitenfenster, deutlich einen Stuntman mit Helm, in einem Auto im Wasser versinken. Klasse! Aufgeregt kam der Regisseur angerannt, „Klasse, Klasse!“, rief er schon von weitem. „Scheiße, Scheiße!“, antwortete ich und erzählte ihm, was passiert war. „Warum ich nicht mit der Kamera ein paar Meter zu Seite gegangen sei?“, wollte er wütend wissen. 

Ich hätte während des kurzen Fluges mit der Kamera und dem Stativ, etwa 40 Kilo, etwa 50 Meter zur Seite laufen müssen, um den Stuntman nicht zu erkennen, ach ja, und dabei auch noch ein sauberes Bild liefern sollen. Was für ein Dilettant! Er fährt heute Taxi in Berlin. Ach ja, der Gurt, um das Auto rauszuholen, war nun zu kurz, weil das Auto zu weit geflogen war. Es dauerte Stunden, bis sie das Auto aus dem Wasser hatten.

Ein anderer begnadeter Regisseur, mit dem ich drehte, verlangte, dass ich bei einem Stunt mit 150 Bildern drehen sollte, also in Zeitlupe. Ich erklärte ihm, dass das Blödsinn sei, dann müsse man mit zwei Kameras drehen, denn man könne nie wissen, was man bei Zeitlupenaufnahmen erkennen könne. Er habe jahrzehntelange Erfahrung, sagte er, das gehe auch ohne zweite Kamera und bestellte die Kamera wieder ab. Ich ahnte das Schlimmste. In der Szene wurde ein Radfahrer überfahren, landet auf der Motorhaube und fällt herunter. Es gelang mir sehr schön, die Szene aufzunehmen, eigentlich eine perfekte Einstellung. Leider in Zeitlupe, denn man sieht sehr deutlich, dass der Radfahrer, bevor ihn das Auto erwischt, den Fuß hebt, die Front des Autos trifft darunter das Rad, er wirft sich auf das Auto, zerschlägt mit seinem Ellenbogen die Frontscheibe (präparierter Metallsporn unter der Kleidung) und rollt sich ab. Eine perfekte Einstellung, um die Arbeit eines Stuntmans zu dokumentieren, leider für den Film unbrauchbar, denn es ging um Fahrerflucht in einem Krimi.


David Bowie kam mit seiner Glass Spider Tour nach Berlin und spielte vor dem Reichstag. Wir sollten mit mehreren Kameras (35 mm) während des Konzerts einen Videoclip aufnehmen mit dem Song „Heroes“. Das hatte aus unerfindlichen Gründen schon in Los Angeles und London nicht geklappt. Die Kameras waren per Videoausspiegelung mit der Regie verbunden. Sie wurden von dort gestartet, und per Intercom konnte der Regisseur mit uns reden. Wir sprachen die Szenen durch. Jede Kamera hatte bestimmte Einstellungen auf Kommando zu drehen. Die Monitore der Kameras standen nebeneinander in der Bildregie. Ich hatte die Arschkarte. Ich durfte mit meinem Assistenten mit der schweren 35 BL in der Songpause (etwa 45 Sekunden) vor „Heroes“ eine Leiter etwa 4 m hinaufklettern, die Kamera aufbauen, mich ankabeln an den Kabelstrang der Regie und hatte gleich die zweite Einstellung. Ob das mal gut ging?

Wir standen in den Startlöchern, die kurze Pause kam, wir hetzten die Leiter hoch zur Kameraposition und standen vor einer Wand, die bei unserer Probe noch nicht da war. Was war passiert? Die Bühne war beweglich und veränderte sich von Song zu Song. Leider hatte die Regie die Kameraposition ausgesucht, ohne die Bühne in die Position von „Heroes“ zu bringen. Ich hatte noch 20 Sekunden. Etwa 2 Meter weiter links hatte ich freien Blick, ich wuchtete die Kamera dorthin. Jetzt reichten allerdings die Kabel nicht bis zur Kamera. Noch 10 Sekunden, alles oder nichts, ich riss an dem Kabelstrang und hoffte, dass irgendwo auf dem Weg zur Regie noch 2 Meter Luft waren. Das Kabel gab nach, ich kabelte mich an, konnte die Regie hören und schon ging es los. Ich war erleichtert. „Kamera 2 den Auftritt, Kamera 2 den Auftritt!“, hörte ich den Regisseur verzweifelt rufen. Was wollte er denn, ich hatte die Einstellung perfekt. Ich gab zurück: „What’s the problem, I got it.“ „Not you, camera 2“, antwortete er. „But I am camera 2!“ – „No, you are camera 4.“ So ein Unsinn, ich war Kamera 2, das stand auch noch fett auf der Kamera drauf. Dann wollte er von mir eine Einstellung, die ich von dieser Position gar nicht bekommen konnte. Ich hörte nicht mehr auf ihn, während er völlig verzweifelt mit den anderen Kameras kommunizierte, die anscheinend ähnliche Probleme hatten. Ich spulte mein geprobtes Programm ab, bekam alle Schnitte, die geplant waren, und wurde immer mehr sauer über das Chaos in der Regie.

Nach dem Song mussten wir schnell abbauen, die Leiter runter. Ich stürzte wutentbrannt in die Regie – und sah sofort die Ursache des Chaos. Um besser sehen zu können, hatte er die Monitore übereinander (2 Monitore auf 3 Monitore) stellen lassen, so stand jetzt Monitor 1 über 2 und 4 auf 3. Durch die Hektik dachte er nun immer, Monitor 4 sei der Monitor von Kamera 2, Monitor 2 sei der von Kamera 3 und Monitor 3 sei der von Kamera 4. Deshalb hatte er das Chaos veranstaltet. Ich war beruhigt, weil ich mein geprobtes Programm gedreht und nicht auf ihn gehört hatte. Leider hatten das nicht alle Kameramänner getan.

Jetzt ging es an den Abbau während des laufenden Konzertes. Kamera 5 stand mitten im Publikum auf einem 5 Meter hohen Podest, und jetzt hörte man über Intercom, wie der Kameratechniker dort winselte: „Ich schaff’s nicht runter, ich hab Höhenangst!“ Er kam einfach nicht runter, lag flach auf dem Podest und wimmerte. Wir mussten warten, bis das Konzert zu Ende war und alle gegangen waren. Dann kletterte Bernd Hübner, der Oberbeleuchter, die Leiter hoch: „Los, du Dillgurke, komm runter, ich helfe Dir!“ Er versuchte es 10 Minuten lang, dann gab er auf. Die Feuerwehr musste kommen.

Da fällt mir doch gerade eine kleine Anekdote ein. Es muß 1970 oder 71 gewesen sein. Deep Purple spielte in Offenbach, Vorgruppe war Ashton, Gardner and Dyke. Wir waren alle völlig stoned und ich kam auf die Schnapsidee mal kurz frische Luft zu schnappen. Ich ging also kurz raus, die ließen mich aber trotz Karte nicht wieder rein. Mist. Ich ging um die Stadthalle herum und entdeckte eine offene Tür, kein Mensch war zu sehen. Ich ging also einfach rein und landete auf der Bühne hinter Ritchie Blackmore, der hinter den Boxen gerade dabei war seine teure Fender Stratocaster, gegen eine Billiggitarre auszutauschen, denn er pflegte damals bei jedem Konzert seine Gitarre auf der Bühne zu zertrümmern und zerstörte natürlich nicht die teure Fender. Jetzt hatten mich die Security Leute entdeckt, aber mir gelang es seitwärts von der Bühne zu springen und in der Menge unterzutauchen. Zurück in die Achziger.

Ein Kollege von mir hatte eine unheimliche Begegnung der dritten Art mit einem sehr berühmten amerikanischen Kameramann. Als er ihn vom Hotel abholte und sie an der damals noch existierenden Mauer vorbeifuhren, fragte der Ami: „There is one thing I do not understand. Why did Hitler build this wall?“ Mein Kollege war etwas sprachlos. Aber wie heißt es so schön: Wissen ist nichts, Image ist alles. Mir ging es bei einem Werbespot ähnlich, der weltberühmte Kameramann leuchtete mit der Hälfte der Lampen auf den Fußboden, der nicht im Bild war. War völlig sinnlos, erhöhte nur ein wenig die Grundhelligkeit. Ich fragte ihn warum er das mache und erhielt als Antwort: „Just for show“. Später erklärte er mir, dass er bei seinem Image nicht einfach 3 Lampen aufstellen könne, der Kunde und die Zopfträger der Agentur erwarten bei seiner Gage etwas Besonderes, deshalb müsse er jedesmal ein paar völlig sinnlose Sachen machen, damit es für sie, die keine Ahnung haben, wie Genialität aussieht.

  Der letzte Raucher Es war November und schweinekalt, regnerisch, superschlechte Luft. Ich musste zum Steuerberater und stand an der Busha...