Dienstag, 3. März 2026

 Harald Juhnke – Ein Gentleman mit Charme und Einschaltquoten -----

Die Nova Film rief mich an, für die hatte ich schon mal bei „Wie heirate ich eine Familie“ gearbeitet. Man sagte ihnen einen schlechten Ruf nach, aber da war nichts dran. Sie zockten zwar wegen jeder Mark, aber sie zahlten ohne zu murren Tarif, und das Geld kam überpünktlich. Vielleicht lag es auch an Otto Meisner, dem etwas cholerischen Chef, der schon ein wenig merkwürdig war. Er regte sich über alles auf und wollte dann seine Meinung bestätigt haben, indem er sagte: „Nicht wahr, nich, nich.“ Manchmal hatte man das Gefühl, er suche nur ein Echo.

Mit Juhnke war es zu dieser Zeit sehr schwer zu drehen. Bei der letzten Folge hatte er gesoffen und sich in Désirée Nosbusch verliebt, der Dreh wurde abgebrochen. Deshalb gab es einen Notplan: War Juhnke trocken, hieß die einstündige Sendung mit vier Filmen: „Leute wie Du und ich“. Soff er, wurden für seine Rollen andere Schauspieler engagiert, die standen Stand-by, und das Ganze hieß dann: „So oder so ist das Leben.“

Juhnke war trocken, und ich erlebte einen brillanten, genialen Schauspieler, der ohne Probleme seine Mitschauspieler hätte an die Wand spielen können. Aber Juhnke war ein guter Kollege, hilfsbereit denen gegenüber, die mal ihren Text vergessen hatten. Er war humorvoll, ein Charmeur. Er machte keinen Unterschied zwischen Regisseur oder Beleuchter, er behandelte alle gleich: höflich und mit Respekt. Man konnte ihn nur für seine Art lieben; es macht mich traurig, dass er so enden musste. Er war ein guter Kerl, hatte ein unglaubliches Talent, Charakter, kurzum der perfekte Entertainer.

Wir drehten einmal auf einem Ausflugsboot an einem Wannseeanleger. Vom Boot nebenan hörten wir per Lautsprecher: „Liebe Gäste, auf dem Nachbarschiff dreht gerade Harald Juhnke einen Film!“ Das andere Boot wollte gerade ablegen, da entschuldigte Juhnke sich, brach den Dreh ab und sagte bloß: „Ik geh mal wat für die Einschaltquote tun.“ Er ging auf das Deck, winkte den Leuten auf dem anderen Schiff zu, die stürzten natürlich alle auf die eine Seite, um Juhnke zu sehen, sodass das Schiff in eine bedrohliche Schräglage kam. Juhnke palaverte 15 Minuten mit den Leuten, beantwortete höflich auch die dümmsten Fragen und kam dann zurück zum Dreh. „Wisst ihr“, sagte er, „die Leute sind so treue Fans, da kann ich nicht einfach weiterdrehen, die haben das Recht, dass ich diese Treue erwidere und zumindest kurz mit ihnen spreche, alles andere wäre eine Schande für jemanden wie mich, der auch aus armen Verhältnissen kommt.“ Und das war kein Spruch, Harald meinte das wirklich ernst, und dass es stimmte, was er sagte, merkte ich fast zwei Jahre später. Als Kamera-Assistent hatte ich zwar eine sehr wichtige Position, war aber dennoch ein relativ kleines Licht.

Ich war in die Podbielskiallee umgezogen, brachte gerade Renovierungsmüll zum Mülleimer, der an der Straße stand. Ich hatte nur gesehen, dass ein elegant angezogener Mann etwa 200 m hinter mir spazieren ging. Plötzlich hörte ich diese markante Stimme hinter mir: „Wat denn, wat denn, seit wann biste bei de Müllwerker, ik dacht Du bist beim Film.“ Es war Harald! Ich hatte ihn zwei Jahre lang nicht gesehen und nur einmal mit ihm gedreht, er wusste sogar meinen Namen, erkundigte sich danach, ob ich auch gut zu tun habe. Ich war total baff. Ein Star, der Menschen nicht vergisst, mit denen er nur eine kleine Zeit seines Lebens zusammen verbracht hat – unglaublich. Harald war immer ein Mann aus dem Volke, er hat niemals seine Herkunft verleugnet, sich dafür geschämt, und er hat immer ein Herz für jene gehabt, die eben kleine Leute geblieben sind. Für mich ist er einer der wirklich wahren Volksschauspieler und Stars, denn er verachtete nicht sein Publikum oder seine Fans, und waren sie noch so prollig, er respektierte sie und war ihnen dankbar. Harald, ich hoffe, dir geht es gut da oben an der Himmelsbar. Lass uns einen trinken, wenn ich irgendwann mal auch komme.

Bei diesem Dreh war übrigens Otto Meisner, der Produzent, super spendabel. Da alles gut funktionierte, waren wir immer pünktlich fertig, es war auch Dank Juhnke ein harmonischer Dreh, und Otto kam mehrmals an den Drehort, tätschelte uns und sagte uns, dass wir die Größten seien. Das war sonst nicht gerade seine Art. Er ließ Kuchen kommen, extra Essen und war überglücklich, dass alles lief.



Mord im 31. Stock – Kamikaze 1989: Fassbinder, Franco Nero und ein mieser Stuntman  Ich hatte den ersten Job als Kameramann beim ZDF. Es ging nach Wilhelmshaven, ein kurzer Beitrag über die EU-Lagerhaltung. Ich gab mir höllische Mühe, drehte, wie ich es beim richtigen Film gelernt hatte, viele Schnitte, nur hatte ich den Anschein, dass Felix Tolxdorf, der Redakteur, mir nicht vertraute. Er war total skeptisch, auch weil ich nur wenig Licht benutzte. Deprimiert fuhr ich wieder nach Berlin zurück. Einmal und nie wieder, dachte ich.

Am nächsten Tag rief mich die Cutterin aus Mainz an: „Was ist das denn?!“, fragte sie. Ich wollte mich schon entschuldigen, aber sie sagte nur: „So ein Material kriege ich so selten, es ist eine wahre Freude zu schneiden, danke!“ – und dann legte sie auf. Am nächsten Tag wurde ich in die Dispo gerufen, ein Beschwerdebrief sei angekommen. Lächelnd gaben die Mädels mir ein Fax von Tolxdorf. Er bedankte sich darin für die Zusammenarbeit und entschuldigte sich. Er schrieb, er habe mich unterschätzt, meine Arbeit falsch eingeschätzt, sei aber sehr glücklich über das Ergebnis, und er könne mich nur empfehlen. In Kopie hatte er den Brief auch an den Studioleiter geschickt. Das hatte wirklich Größe, ich war überglücklich.

Nun kam ein Anruf von Regina Ziegler Film, ich sollte ein paar Tage Assistent machen und dann selber drehen. Es ging um eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu einem Film, den ihr Mann Wolf Gremm machte. Der Film hieß „Kamikaze 1989“ – das Spannende aber war: Franco Nero und Rainer Werner Fassbinder spielten mit!

Zuerst bekam man die Zwei nicht zu sehen. Wir drehten einen Stunt auf einem noch nicht fertigen Autobahnstück. Ein Stuntman war gut, der andere war eine Pfeife. Die Pfeife in einem 1600er BMW sollte den Guten, in einem nagelneuen, aber präparierten 500er Mercedes, versuchen, von der Straße zu drängen und selbst dabei verunglücken. Beim Mercedes waren die Türen präpariert (alte Türen), damit nicht viel kaputt geht. Die Pfeife traute sich nicht, und es sah nach nichts aus. Er wurde ermahnt, etwas aggressiver zu fahren. Das tat er, er touchierte den Mercedes zu heftig, sein Kotflügel bohrte sich in seinen Reifen, der platzte. Er schleuderte quer und fuhr dem Mercedes voll in die Seite – Totalschaden! Das war mit einem billigen Stuntman an der falschen Stelle gespart. 

Dann kam der Dreh mit Django Franco Nero, ein imposanter Mann mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung; sie hatten ihm noch stahlblaue Kontaktlinsen besorgt, er war beeindruckend. Und dann Fassbinder – er war ein Ekel – ein widerlicher, aufgedunsener, schlecht gelaunter Wichtigtuer, dem alles zuwider war und der jeden dumm anmachte. Um die Dreharbeiten (Kameramann war Xaver Schwarzenberger) nicht zu stören, versteckte ich mich mit meiner 16 mm Kamera immer so, damit ich nicht ins Bild kam. Einmal kam Fassbinder an mir vorbei und schlug mit der Faust auf meine Vorderlinse, das Okular bekam ich natürlich voll ins Auge; ich konnte auf dem Auge fast eine halbe Stunde nichts sehen.                          Ich hatte ihn nicht behindert, nichts, es war pure Bosheit. Rudi Kaufmann, der auch mitspielte, kam sofort zu mir und stellte sich vor mir auf, teils, um mich zu beruhigen, teils, um zu verhindern, dass ich dem Arsch eins aufs Maul haue. Ich habe bei Dreharbeiten, bis auf Löwitsch, nie wieder so einen Wichser getroffen wie Fassbinder. Meine Genugtuung kam einen Tag später. Fassbinder musste aus einem in halber Höhe feststeckenden Fahrstuhl klettern. Erst war er total feige und hatte Schiss, dass was passiert, dann war er unfähig, da rauszuklettern. Fast das ganze Team freute sich darüber, er fluchte und machte ein Riesentheater. Ein paar Monate später starb er, und Ziegler Film machte aus dieser Doku den Film: „Fassbinders letzte Arbeiten.“ Clever, was?


Montag, 2. März 2026


 Göbbels-Ohrfeige, ein UFA-Chef und ein Jobangebot per Postkarte ---------

Dann machte ich noch einen Film, der war relativ interessant, ein Porträt von Gustav Fröhlich, der kam aus der Schweiz mit seinem Alfa Romeo angereist, und das mit 84 Jahren. Gustav Fröhlich kennt heute keiner mehr, aber er war während der Nazizeit so populär, dass er es sich leisten konnte, sogar Göbbels zu ohrfeigen, ohne dafür im KZ zu landen (das muss man sich mal vorstellen, ein wirklich mutiger Mann!). Redakteur bei diesem Film war Wolf Bauer, und lange Jahre der Europa-Chef der UFA, ein angenehmer Mensch, der mich, kleines Licht, jahrelang grüßte, wenn wir uns zufällig trafen. Ein Topmanager, ohne Starallüren, bodenständig, angenehmes Auftreten, kollegial. Lieber Wolf, falls Du das lesen solltest, Dein Verhalten einfachen Mitarbeitern gegenüber hat mich wirklich schwer beeindruckt, Du warst ein Gentleman ohne Fehl und Tadel. Danke.

Damit kommen wir zum Bertelsmannkonzern überhaupt. Ich habe damals lange Jahre für Universum Film gearbeitet, mit Eike Hendrich als Produktionsleiter. Es gab damals viele schwarze Schafe in der Branche, Eike und sein Aufnahmeleiter Ekke Lange (Gott hab ihn selig) gehörten nicht dazu. Ich habe selten so ein angenehmes Betriebsklima erlebt, Fairness, gute Bezahlung, gutes Essen und ein persönlicher, ja freundschaftlicher Umgang mit den Mitarbeitern gehörten zum Stil der Beiden, man konnte ohne Probleme seine Meinung sagen, Kritik üben. Wer zum Team dazugehörte, konnte sich glücklich schätzen, denn Eike und Ekke sorgten schon dafür, dass jeder Arbeit bekam.

Damals gabs ja noch keine Handys. Einmal kam ich aus einem Frankreichurlaub zurück und fand eine Postkarte in meinem Briefkasten. Sie war von Eike: „Lieber Jürgen, Du scheinst in Urlaub zu sein, melde Dich sofort nach Deiner Rückkehr. Wir können Dir den Job bis zum 1. August freihalten. Ich hoffe, Du kommst nicht später zurück.“ Das hatte Stil. Ich war rechtzeitig zurück.


„Detektivbüro Roth“, ein fieser Löwitsch und ein genialer Krug

Eine neue Fernsehserie sollte beginnen und endlich mal mit bekannten Schauspielern wie Klaus Löwitsch, Manfred Krug, Heinz Schubert, Ilja Richter usw. Die Serie hieß „Detektivbüro Roth“ und spielte in Berlin und Duisburg. Kameramann war Michael Marszalek, mit dem ich in den folgenden Jahren noch viele Filme drehen sollte. Ein Hans Dampf in allen Gassen, er produzierte noch CDs nebenbei und war ein Könner. Es war sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten, und wir wurden schnell Freunde. Bevor es bei Universum Film losging, drehte ich erst ein paar Folgen der gleichen Serie bei einer Firma, die A…… Film (ganz wichtig – sie hat nichts zu tun mit einer seit dem Jahr 2000 existierenden und überaus seriösen Firma, die auch A…… Film heißt) hieß, Regie führte Tom Engel. Leider war A Film eine wenig seriöse Firma, sie gehörte einem aalglatten Typen, Teilhaber der Firma war der berühmte Regisseur Dieter W., zu dem wir noch später kommen. Der Wahrheitsgehalt der Aussagen von Z., der Produktionsleiterin der Firma, lag deutlich unter 10 %. Trotz eines eindeutigen Vertrages wollte die Firma keine der reichlichen Überstunden bezahlen, auch die letzte Woche wurde mir nicht bezahlt. Der Chef der Firma sagte jedem, der sein Geld wollte, er solle doch klagen. Das tat ich auch, gewann den Prozess, erhielt mein Geld. Ein halbes Jahr später verklagte A. Film mich, brachte gefälschte Vorschussquittungen auf den Tisch und wollte exakt den gleichen Betrag wieder zurück, sie verloren wieder.

Doch zu den Dreharbeiten. Ich freute mich darauf, einen meiner Lieblingsschauspieler, Klaus Löwitsch, zu treffen. Die Enttäuschung war groß, Löwitsch war zwar gut, aber ein ziemlich fieser Typ. Er hatte permanent schlechte Laune und suchte sich fast jeden Tag jemanden aus, den er fertigmachen konnte. 

Natürlich nicht jemanden, der ihm Kontra geben würde, wie zum Beispiel Produktionsleitung, Regie oder Kamera, nein, kleine Lichter suchte er sich aus, die sich nicht wehren konnten. Wenn mal was nicht klappte, war irgendjemand schuld, ein Beleuchter, der in seiner Blickrichtung stand und angeblich blöd schaute und ihn deshalb irritierte, oder das Scriptgirl, was dann im Weg stand, oder irgendwas. Er suchte richtig danach. Widerlich der Mann! Konnte man echt vergessen den Typ.

Der zweite Hauptdarsteller war Manfred Krug, der galt als schwierig. Doch er entpuppte sich als angenehm, wenn der mal Streit suchte, dann mit dem Regisseur oder mit der Produktion, nie mit Teammitgliedern, die sich nicht wehren konnten. Wenn er was vorschlug und der Regisseur ging nicht darauf ein, sagte er nur: „OK, vergiss es, sag mir, was ich aufsagen soll.“ Ich habe kaum einen Schauspieler erlebt, dem die Begabung so in die Wiege gelegt wurde. Manne spielte mit einer Leichtigkeit und ohne große Anstrengung. Ich gehe mal davon aus, dass er sein ganzes Leben lang nur 25 % seiner möglichen schauspielerischen Leistung gegeben hat, und damit war er immer noch besser, als die meisten anderen. Manne war allerdings ein fauler Sack, den Text lernte er nie, er kam grundsätzlich mit Zetteln, auf denen sein Text stand, fragte mich nach der Bildkante und hängte die Zettel außerhalb des Bildes auf oder legte ihn in Schubladen oder sonstwo ab. Er konnte allerdings ablesen, ohne dass es groß auffiel. Beobachten Sie ihn mal beim Schauspielern. Krug macht permanent irgendetwas, ganz klar, er muss ja auch immer im richtigen Moment beim richtigen Zettel sein. Trotzdem ist er einfach brillant. Ich fand ihn angenehm, er ist zwar ein wenig poltrig, aber nie unangenehm, und wenn er mal schlechte Laune hatte, wusste ich, wie ich ihn ruhigstellen konnte. Er interessierte sich für Geldanlagen und hochwertige Hifianlagen. „Hey Manfred, hast Du schon den neuen Verstärker von Burmester gesehen?“ – egal wie schlecht seine Laune war – „Los erzähl“, sagte er, und die schlechte Laune war weg.


Schaufensterpuppen und ein Wahnsinnsregisseur 

Löwitsch wurde dann Gott sei Dank durch Heinz Schubert (Ekel Alfred) ersetzt, und das war wirklich ein klasse Typ. Löwitsch war weg, und es ging nach Duisburg, um dort zu drehen. Jeder, der Duisburg hört, denkt sofort: „Wie furchtbar!“, aber ich habe mich dort wohlgefühlt und viele nette Leute getroffen. Zum ersten Mal mal traf ich auf Heinz Schubert (Ekel Alfred). Nachts war Schubi immer unterwegs und frönte seinem Hobby, er fotografierte Schaufensterpuppen. Dann waren da noch Ute Willing, eine nette, hübsche, junge Schauspielerin mit einer supergroßen Klappe. Zusammen mit Harald, dem Aufnahmeleiter, waren wir oft unterwegs, aber mit Ute konnte das schon peinlich werden. Im Kino zum Beispiel gab sie immer lautstark Kommentare von sich, und von allen Seiten wurde „Ruhe!“ geschrien. Schubi setzte sich dann immer weg, es war ihm peinlich.        

Mal machte sie das gesamte Kino darauf aufmerksam, dass der Hauptdarsteller und die Darstellerin wohl im Verlauf des Filmes poppen würden – jedenfalls ohne einen Kommentar alle fünf Minuten ging nichts.

Ilja Richter spielte jetzt auch mit, jawohl, der Disco-Ilja. Er war ein sehr netter, guterzogener und sehr zurückhaltender Mensch, der meist mit seiner Mutter und seiner Freundin unterwegs war. Es war sehr angenehm, mit all den Leuten zu arbeiten.

Tom Engel, der Regisseur, hatte seine Folgen abgedreht, und ein neuer Regisseur kam: Theo Mezger. Der Regisseur sah aus, wie man sich einen Regisseur eben nicht vorstellt: unauffällig gekleidet mit Cordhosen, einfachen Hemden oder Pullis und Schiebermütze. Er sah aus, als käme er direkt vom Traktor oder vom Acker. Doch nie in meinem Leben hat mich ein Regisseur so stark beeindruckt wie er. Theo war virtuos, ich habe mir viel von ihm abgeschaut. Schade, dass er ein hohes Tier beim SDR war und keine Spielfilme machte, denn Theo war ein Könner. Er war ein wenig zynisch, stellte große Anforderungen an das Team, aber blieb immer fair. Sein Intimfeind war die Abteilung Maske und Garderobe, denn die Mädels quatschten meist irgendwo, sodass Theo sie nach kurzer Zeit nur noch als die Kolleginnen von der Urlaubsfraktion bezeichnete. Theo hat wahrscheinlich nie Eigenwerbung betrieben, sonst wäre er ein superberühmter Regisseur geworden, aber er war halt ein hochgebildeter, aber einfacher Mensch und mochte keinen Trubel.

Fast alle Deutschen dürften irgendwas von Theo schon gesehen haben, entweder einen seiner Tatorte, Schwarz Rot Gold, den Klassiker „Flug in Gefahr“ mit Hans Lothar, „Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger“ oder auch die unsterbliche Fernsehserie: „Raumpatrouille“. Es war eine Freude, ihm zuzusehen, sehr gut vorbereitet war er immer, sprühte vor Ideen und hatte das Drehbuch in Einzelbilder aufgelöst im Kopf wie kein anderer – einfach sagenhaft. Die Fähigkeit, unter Zeitdruck kreuz und quer im Drehbuch herumzuspringen, um Zeit zu sparen und Lichtrichtungen hintereinander abzudrehen, sodass kein Teammitglied mehr durchblickt und jeder denkt: „Oh Gott, das passt niemals zusammen!“, um dann festzustellen: „Oh Wunder, es geht doch!“, hab ich mir von ihm abgeschaut – danke schön dafür, es war eine Ehre, mit Dir zu arbeiten.


Trollinger für alle und Legehennen zum Lachen                                                                                                              Wenn Theo aus Stuttgart zurückkam, brachte er immer kistenweise Trollinger für das Team  mit. Hin und wieder passierten dann auch komische Sachen. Wir drehten bei einer „Oma ihr klein Häuschen“, und Theo wollte Hühner dafür haben. Karl Hermann, unser Requisiteur, fuhr aber nicht zu einem Bauern, sondern, weil es billiger war, zu einer Legebatterie mit Käfighaltung, kaufte dort acht Hühner, packte die in Kartons auf den Rücksitz seines Autos. 

Dann musste er noch irgendetwas kaufen, ließ also die Hühner im Auto und ging etwas besorgen. Die Hühner befreiten sich, und als Karl Hermann 20 Minuten später zu seinem Auto kam, flatterten drin die Hühner umher und hatten inzwischen sein ganzes Auto vollgekackt. Total genervt kam Karl Hermann zum Drehort und ließ die Hühner im Garten frei. Ja, und da standen sie dann rum wie Plastikhühner und bewegten sich nicht mehr. Als Hühner aus einer Legebatterie waren sie es nicht gewohnt, herumzulaufen und sich zu bewegen. Theo lästerte noch tagelang über die Hühner.

Einmal drehten wir eine Szene, in der Polizisten Zuhälter verhaften. Das waren alles Komparsen, aber echte Polizisten spielten die Polizisten und echte Zuhälter die Zuhälter. „Na, wenigstens im Film gelingt es uns, sie zu verhaften, im wirklichen Leben leider nie“, sagte uns einer der Polizisten. Von Berlin her waren wir es gewohnt, dass irgendwelche Wichtigtuer sich im Bild aufstellten, und wenn man sie bat, wegzugehen, kam der Spruch: „Ik kann hier stehen, wie et mir passt, ik zahl ooch Steuern.“ Dann musste man warten, bis die Idioten weggingen. Die Duisburger Polizei war da schimanskierprobt anders drauf. Krakeeler wurden gepackt und zur Stadtgrenze gebracht. Bis die dann zurück waren, waren wir längst mit dem Drehen fertig. 

Ich kann nur sagen: Vergesst Eure Vorurteile über Duisburg, es ist zwar keine schöne Stadt, aber die Menschen sind gut drauf.



Samstag, 21. Februar 2026

 Illegale Drehs  und Ballhaus' kühle Distanz

Jürgen und ich begannen mit den Dreharbeiten zum neuen Film. Die Berliner S-Bahn gehörte damals der DDR, drehen, auch im Westen, war verboten. Wir filmten die folgenden Wochen mit versteckter Kamera, illegal, immer auf der Flucht vor der Bahnpolizei. Jürgen hatte das Pech, mehrmals fotografiert zu werden.

Bei der ersten Mustervorführung dachte ich schon, das sei mein letzter Tag beim Film. Wir schauten uns das Material bei Geyer an. Wir hatten mit Highspeed-Optiken gedreht, offene Blende und sehr geringe Schärfentiefe. Das heißt, wenn ich eine Person filme mit langer Brennweite und sie steht profiliert zur Kamera, ist das eine Auge scharf zu sehen, das Zweite ist schon unscharf. Immer wenn bei der Vorführung etwas groß ins Bild kam, wurde das Bild unscharf und dann erst scharf. 

Ich versank immer tiefer im Sessel – dafür war ich verantwortlich, dass alles auch scharf ist. Jürgen drehte sich nur zu mir um und sagte: „Da müssen wir aber das nächste Mal besser aufpassen.“ Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.

Am nächsten Abend wurde das gesamte Material noch einmal angesehen, diesmal war der Produzent mit dabei. Ich machte mich schon auf meinen Rauswurf gefasst. Oh Wunder, alles war scharf! Was war geschehen? Am Tag vorher war ein Aushilfsvorführer in der Projektion, der hatte null Erfahrung. Immer wenn etwas groß ins Bild kam, versuchte er am Projektor ganz vorsichtig neu scharf zu stellen. Meine Arbeit war also okay gewesen, der Vorführer hatte die Unschärfen verursacht, nur weil er es ganz vorsichtig gemacht hatte, hatten wir nicht gemerkt, dass es der Projektor war. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Der Film war in wenigen Wochen abgedreht, und Hans wurde krank, ich musste ihn vertreten, als 1. Assistent bei Michael Ballhaus, mittlerweile der Kameramann von Martin Scorsese, mit mehreren Oscar-Nominierungen. Er hat unter anderem The Departed, Gangs of New York, Wild Wild West, Air Force One, Sleepers, Outbreak und Goodfellas gedreht. Damals drehte er unter anderem die Fassbinder-Filme. Der Film (kein Fassbinder-Film, dem begegnete ich erst später) hieß: „Das bin nicht ich, das ist nur ein Bild von mir“. Ich war ein Anfänger und dementsprechend nervös. Ballhaus war sehr unpersönlich, ich bin mit ihm nicht warm geworden. Ich war froh, als der Dreh zu Ende war. Jürgen war total anders, bei Unsicherheiten konnte man ihn immer fragen, er nahm viel Rücksicht darauf, dass ich erst am Anfang war. Ballhaus wollte, dass man seinen Job macht und sonst nichts. Gott sei Dank war Hans nach zwei Tagen wieder gesund, ich war echt überfordert.

Da die Bahnpolizei Jürgen mehrmals fotografiert hatte, traute der sich nicht mehr mit seinem PKW durch die DDR zu fahren. Er hatte eine Motivbesichtigung in Nürnberg gehabt und bat mich, seinen Wagen zurück nach Berlin zu fahren. Ich musste nach Nürnberg fliegen. Das war mein allererster Flug, ich war 26 Jahre alt. Ich habe allerdings inzwischen alles nachgeholt und sicher ne halbe Million Flugkilometer auf dem Buckel. Beim neuen Film von Jürgen machte jetzt wieder Hans Assistent, und mir drohte die Arbeitslosigkeit.


Kleinere Brötchen backen.

Gott sei Dank war ich nicht lange arbeitslos, ich bekam einen Job beim ZDF Berlin. Die Kameramänner waren ganz nett. Am liebsten arbeitete ich mit Nino Mangelli, einem Italiener, der seit 30 Jahren in Deutschland lebte, aber immer noch arg gebrochen Deutsch redete. Er war ein typischer Italiener, ein Charmeur. Immer wenn eine halbwegs hübsche Frau unseren Weg kreuzte, kam Ninos große Stunde. „Sagen Sie, sind Sie zufällig Frau Muller?“ war seine Standardanmache, das Ü konnte er als Italiener nicht. 

Dann folgte: „Habe Sie zufällig eine Bonbon?“, bei Verneinung: „Wolle Sie eine Bonbon?“ Nino war gut drauf und sprach vorwiegend in Rätseln: „Weißt du, wo ich kriege Eggeschran?“ „Was?“, fragte ich. „Sprichst du keine Deutsche, suche eine Eggeschran.“ Dann kapierte ich, einen Eckschrank suchte er. Er musste für seine Kinder Unterhalt bezahlen, die studierten allerdings, was ihm nicht passte, da sich die Unterhaltsverpflichtungen hinzogen. „Meine Tochter, studiert! Warum? Soll sie werden Nutte, ist doch auch schöner Beruf, brauch sie nix Studium.“ Aber natürlich liebte er seine Kinder, und das waren alles Sprüche, aber unterhaltsam. Lichthilfe war Prince Baba aus Ghana, ein Chaot vor dem Herren, aber ein ganz liebenswerter Zeitgenosse. Wir hatten also viel Spaß. Die Mädels in der Dispo mochten mich ganz gerne, und deshalb hatte ich genug Jobs.

Ein zweites Standbein war eine Firma namens Cinekreis, die machte Werbespots für Tupperware und alles Mögliche. Dort musste man allerdings trinkfest sein. Einmal machten wir einen Film über Ballonfliegen in Neustadt an der Weinstraße, 35 mm, mit zwei Kamerateams. Ich sollte mit einem der Kameramänner einen Tag länger bleiben und noch einen Parallelflug mit dem Hubschrauber drehen. Ich tauschte die Kameraausrüstung mit dem zweiten Team und übernahm die Ausrüstung von Gert Stallmann, dem Assistenten des zweiten Kameramanns (den ich ja schon vom Bahnhof Zoo kannte). Kurz bevor der Hubschrauber kam, wollte ich eine Kassette einlegen, dafür benutzte man einen Dunkelsack. Ein Dunkelsack ist wie ein schwarzer Pullover aus lichtundurchlässigem Material und bis auf die Armöffnungen geschlossen. Man legt die Kassette hinein, dann den Film, der in einer Blechdose ist. Dann fährt man mit den Armen in die Ärmelöffnungen, öffnet die Dose im Dunkelsack und legt den Film in die Kassette ein und schließt sie. Damit verhindert man, dass Licht auf den Film gerät und er belichtet wird.

Ich suchte den Dunkelsack in Gerts Ausrüstung, aber es war keiner da. Mist, mein Dunkelsack war in der Ausrüstung, die ich ihm gegeben hatte, und sie waren schon abgereist. Wie sollte ich nun den Film in die Kassette bekommen, auf freiem Feld? Letzte Chance wäre der Kofferraum eines Autos gewesen. Der Hubschrauber kam. „Der hat ja keinen Helimount“, sagte Ulli, der Kameramann, „so kann ich nicht drehen.“ (Helimount ist eine Vorrichtung, um die Kamera im Hubschrauber zu befestigen.) Der Dreh wurde abgebrochen, und wir fuhren nach Berlin zurück, keiner hat je mein Problem entdeckt. Der Film wurde übrigens nie fertig. Nach einem anderen Dreh (ohne mich) fehlte plötzlich eine Rolle belichtetes Filmmaterial, ohne die der Film nicht fertiggestellt werden konnte. Alle wurden beschuldigt, im Suff die Rolle verschlampt zu haben. Als vier Jahre später Winne, der Chef der Firma, seinen Mercedes verkaufte, fand man die Rolle unter dem Rücksitz – natürlich inzwischen unbrauchbar.

Für mich ging es wieder aufwärts, die Neue Filmproduktion suchte einen Assistenten und rief mich an, und diese Firma war eine richtige Fernsehproduktion!

Mein neuer Lehrmeister kannte seine Pappenheimer

Die erste Produktion bei der NFP war wenig spektakulär, es war ein Pilotfilm für Kinder, namens „Pappenheimer“. Bei den Dreharbeiten lief alles schief, Regie und Kamera harmonierten nicht so gut, und so war der Redakteur der Firma, Hans Robert Eisenhauer, später der Filmbeauftragte von Berlin und danach Deutschlandchef von Arte, ziemlich verzweifelt und glaubte, den Auftrag nicht zu bekommen. Ich bot ihm an, noch einen Tag alleine zu drehen, um all das zu bekommen, was fehlte. Er willigte ein. Ich hatte wirklich Glück und bekam alle Aufnahmen, die noch benötigt wurden, in wenigen Stunden.

Ich kam mit dem Filmmaterial aus dem Kopierwerk in den Schneideraum, und alle erwarteten nichts von einem noch unerfahrenen Assistenten, und dann wunderten sie sich sehr über das, was ich gedreht hatte. Alle waren überglücklich, ich wurde fürstlich bezahlt und bekam die Zusage, dass, wenn sie den Auftrag bekommen würden, ich der Kameramann sein solle. Sie erhielten einige Wochen später den Auftrag – ich habe allerdings niemals wieder ein Jobangebot von dieser Firma bekommen. So ist die Branche: Versprochen wird viel, gehalten wenig.

Aber davor sollte ich noch eine Fernsehserie als Assistent machen. Der Kameramann hieß Heinz Pehlke, und es hieß, er sei schwierig. 


Heinz Pehlke war ein Herr, einer der besten Kameramänner der Nachkriegszeit. Er hatte den berühmten Film „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz gedreht, den „Schinderhannes“ mit Curt Jürgens, das „Totenschiff“ und viele Filme von Helmut Käutner und auch einen Teil der Filme mit Freddy Quinn, und er war überhaupt nicht schwierig. Er entpuppte sich als väterlicher Freund, der mir viele Freiheiten ließ, und von dem ich sehr viel gelernt habe, denn er war ein Meister seines Fachs.


„Vivatgasse 7“,  und die Last der Vergangenheit

Es ging nach Heidelberg, „Vivatgasse 7“ hieß die Fernsehserie, Regie führte Imo Moszkowicz, ebenfalls ein angenehmer Zeitgenosse. Leider spielten bei dieser Serie keine Stars mit, Eleonore Weisgerber war die bekannteste Schauspielerin. 










Eines Tages kam ich mit einem neuen T-Shirt zum Set, es hatte eine absonderlich purpurne Farbe, deshalb hatte ich es gekauft. Imo schaute mich an und sagte ganz ruhig zu mir: „Bitte geh ins Hotel und zieh dir was anderes an.“ Ich verstand kein Wort. „Warum?“, fragte ich irritiert. Er antwortete nur: „Tu es – bitte – sofort.“ Ich ging schnell ins Hotel, zog mich um und hatte keine Ahnung, warum ein bis dahin vernünftiger Regisseur sich plötzlich so merkwürdig verhielt. Als ich zurückkam, atmete Imo sichtbar erleichtert auf. Er fing an zu erzählen. Er war Jude und hatte Auschwitz überlebt, doch seine Familie war ermordet worden. Die Farbe meines T-Shirts habe ihn an die Hautfarbe der Leichen dort erinnert. Er bedankte sich bei mir, dass ich mich umgezogen hatte.

Als ich zurück ins Hotel kam, warf ich mein Shirt in den Müll. Ich wollte nicht, dass mir unbekannte Menschen, denen ich vielleicht zufällig begegnen würde und die Ähnliches durchgemacht hatten, dieselben Assoziationen bekommen würden.


Das kollektive „Wir haben nichts gewusst“ und meine Familie

Und damit kommen wir zu einem kurzen Rückblick in die Nazizeit und dem kollektiven „Wir haben nichts davon gewusst“ der meisten Deutschen, die diese Zeit erlebt haben.


Ich komme aus einer einfachen Familie, arm, aber anständig. Schon als Kind hatte mir meine Oma ein Buch über die Konzentrationslager gezeigt, ich hatte diese Leichenberge auf Bildern gesehen und das allgegenwärtige Grauen. Wir lebten in einem Dorf, weitab von einem Konzentrationslager. Als ich erwachsen war fragte ich sie, ob sie gewusst habe, was dort passiere. Mein Opa war bei der Bahn und kam erst viel später, als Soldat, direkt nach Stalingrad und kehrte von da nicht zurück. Er hatte also auch keinen direkten Kontakt mit einem KZ gehabt. „Alle haben es gewusst“, sagte meine Oma, „zwar keine Details über die Gaskammern, aber wir wussten, dass sie diese armen Menschen umbringen“, und dann erzählte sie mir von meiner Familie, was mich bis dahin nie interessiert hatte. Sie erzählte mir, dass keines der Kinder mit meiner Mutter oder ihren Brüdern spielen durfte, da sie die einzigen im Dorf waren, die nicht in der Partei waren. Sie waren immer Sozis gewesen und auch geblieben während der NS-Diktatur.

Sie zeigte mir einige Akten aus unserem Dorf, die sie nach dem Krieg mit nach Hause genommen hatte, darunter war eine Auflistung des Bürgermeisters über nicht wehrfähige Männer aus dem Jahr 1944. Auf dieser Liste waren nur Schwachsinnige und Kriegsversehrte mit schweren Amputationen, die nicht kämpfen konnten. Auf der letzten Seite, als zweitletzter unter dem Buchstaben W, war mein Urgroßvater aufgeführt, da stand aber nicht „Krüppel“ oder „geisteskrank“, da stand schwarz auf weiß: „politisch unzuverlässig“. Hätte der Bürgermeister die Liste weggeschickt, wäre mein Urgroßvater auch im KZ gelandet. Als die Amerikaner noch 1500 m vom Dorf entfernt waren und mein Urgroßvater die weiße Fahne hisste, damit das Dorf nicht beschossen wird, überlegten die Nazis noch, ob sie ihn aufhängen, bevor sie abhauten. Ich habe ihn nie kennengelernt, aber ich war plötzlich stolz auf meine Familie, die mir bis dahin immer zu einfach gewesen war.

Ich ging gleich zu meiner anderen Oma und fragte sie, warum mein anderer Opa, trotz der Länge des Krieges, nur einfacher Soldat geblieben war. Er hatte, als sie russische Zivilisten erschießen sollten, den Befehl verweigert und sein Gewehr weggeworfen. Nur Dank der Umsicht seines Vorgesetzten war er nicht zum Tode verurteilt worden, sondern sie hatten ihn an Ort und Stelle degradiert und einer Strafkompanie zugeteilt. Es ging also doch, man konnte Courage zeigen, auch in diesen Zeiten. Ich war zufrieden mit meiner Familie, alles keine Nazis, aber um ganz ehrlich zu sein, natürlich hab ich da Glück gehabt, keiner kann was für seine Naziverwandtschaft.


Betrunkene Feuerwehrleute, ein gestohlenes Tablett und die 80er

Zurück in die Gegenwart zur „Vivatgasse“ und zur Feuerwehr. Wir drehten nachts in einem Dorf hoch über dem Neckar, unsere Statisten waren die Männer der örtlichen freiwilligen Feuerwehr. Sie warteten in der Kneipe auf ihren Einsatz. Leider verzögerte sich unser Dreh um einige Stunden. Als es dann soweit war, waren alle sturzbetrunken. Es war nur eine kleine Szene, schnell abgedreht. Danach tranken sie fröhlich weiter, während wir etwas anders drehten, und dann ging die Sirene los – Feueralarm! Sie wankten zu ihren Fahrzeugen, einer fuhr mit dem Moped gleich den nächsten Gartenzaun um – es war ein Bild für die Götter. Ich glaube, von dem Haus, welches da brannte, dürfte nicht viel übrig geblieben sein.

Wir drehten in einem Antiquitätengeschäft, und der Regisseur hatte Geburtstag. Das Team und die Schauspieler legten zusammen, und wir kauften ihm ein historisches Tablett aus dem Laden, stolze 1200 Mark kostete es. Als ich am nächsten Tag am Produktionsbüro vorbeiging, das Fenster stand offen, hörte ich den Produktionsleiter auf Englisch telefonieren. „Yes, they stole an historic tablett (er sagte nicht tray). The value? The value is about 1200 DM.“ Er telefonierte anscheinend mit der Versicherung. Hony soit qui mal y pense. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Ich habe es für mich behalten.

Sonst passierte nicht viel bei den Dreharbeiten, es war halt eine Vorabendserie, nett, aber unspektakulär. Wir waren im Jahr 1981 stehen geblieben, da passierten schreckliche Sachen in Deutschland: Ufos, Schweine im Weltall, die neue deutsche Welle schwappte wie eine Seuche über das Land, aber auch BAP wurde populär, das war zumindest ein Ausgleich.


Pillen, Krieg und ein Boxer-Treffen

Ich machte mit Heinz noch mehrere Filme, die aber nicht erwähnenswert sind, da sie fast alle inzwischen in Vergessenheit geraten sind (mit Recht). Eine Serie mit Elke Aberle, die in einer Pillenfabrik spielte hieß „Das doppelte Pensum“, total langweilig aber hochgelobt,, einen Film, der hieß: „In den Tod, hurra“ über das Verheizen von Jugendregimentern im ersten Weltkrieg bei Langemarck, ein anspruchsvolles Werk, aber langweilig, weil zu intellektuell umgesetzt, einen Kurzfilm: „Der Träumer“, das war ein Vorläufer von Und täglich grüßt das Murmeltier, der war witzig, und einen Film, der hieß: „Westlich von Eisenach“, mit einem unsäglichen Schauspieler aus der DDR, der hieß Edwin Marjan, ein Untalent, und Maria Louise Marian, eine sehr nette Frau, die später in der Lindenstraße zur Mutter der Nation wurde. Wir drehten in Hanau und wohnten im sogenannten Rundhotel. Eines Nachts gab es einen Höllenlärm im Zimmer nebenan, ich musste früh raus und wollte schlafen. Mit maßloser Selbstüberschätzung meiner eigenen Person stand ich ruckzuck im Gang und bollerte an die Tür nebenan. Denen würde ich was erzählen, ich war auf 180. Bad idea?

Die Tür öffnete sich, und ich hatte Menschen vor mir, mit denen ich mich weiß Gott nicht anlegen wollte. In Hanau fanden die deutschen Meisterschaften der Amateurboxer statt. Die Teilnehmer hatten sich im Zimmer nebenan versammelt, um ein wenig zu feiern. Ich bekam aber keins auf die Fresse, ermutigte sie, ruhig fröhlich weiterzufeiern. Es war keine gute Nacht.




Sonntag, 15. Februar 2026


Memoiren eines Versagers - Uli Edel und Christiane F.: Wie ich ins Filmgeschäft stolperte

Ich machte mich zur verabredeten Zeit auf den Weg in die Potsdamer Straße 96, dort war das Büro der Produktionsfirma Solaris. Sabine, die ich dort treffen sollte, war aber nicht da, nur ein dunkelhaariger Wuschelkopf, der hieß Uli und war tierisch nett. Er fragte mich aus, erzählte mir von der Produktion, und wir unterhielten uns etwa eine Stunde. Ich war sehr angenehm überrascht, keine Arroganz einem Anfänger wie mir gegenüber, er behandelte mich wie einen Kollegen.
Dann kam Sabine, nahm mich mit in ihr Büro. „Das war übrigens Uli Edel, unser Regisseur, mit dem du geredet hast“, erzählte sie mir beiläufig. Whow, ich war platt! Ich hatte über eine Stunde mit einem leibhaftigen Regisseur geredet! Ich hatte den Job. Sonntag fing das Casting an, und das Kamerateam tauchte auf: Jürgen Jürges war der Kameramann, Hans Günther Bücking der Assistent, beide auch supernett. Ich machte meinen Job anscheinend gut, denn ich wurde für das nächste Wochenende wieder verpflichtet und bekam jede Menge Visitenkarten der Produktion. Ich sollte ein wenig in Diskotheken nach geeigneten Laiendarstellern Ausschau halten. Das war nun wirklich ein Vertrauensbeweis von Uli Edel. Schon Montag erhielt ich wieder einen Anruf, ich solle Dienstag mit dem Kameramann die Motive ansehen.
Ich fuhr also mit Jürgen Jürges, einem Fassbinder-Kameramann, durch die Stadt, Motive anschauen – sehr spannend. Als wir zu den ersten Innenmotiven kamen, einer U-Bahn-Station, stellte Jürgen fest, dass er seinen Belichtungsmesser (Spotmeter) vergessen hatte. Ich gab ihm meinen, den ich im Auto hatte. Nun wurde Jürgen neugierig. „Warum hast du einen Spotmeter?“, fragte er. Wieder erzählte ich meine Geschichte und dass ich nun arbeitsloser Kamera-Assistent sei. „Aha, das werden wir schon ändern“, sagte er. Fortan hatte ich die ganze Woche als Fahrer zu tun. Am Wochenende waren wieder Probeaufnahmen, die Hans, der Assistent, machte. Beide mochten allerdings die kleine Videokamera nicht, die wir dafür benutzten, also durfte ich die Woche darauf die Probeaufnahmen alleine machen. Ich konnte mein Glück kaum fassen!
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Vorspiel  Es war schon etwas abartig, in Teenie-Discos zu verkehren und kleine Mädchen und kleine Jungs zu beobachten. Da gab es schon einige Sprüche zu hören wie „Spanner“, „Kinderf…“ usw. Das Schlimme war nur, dass dort tatsächlich viele ältere Männer verkehrten, um kleine Mädchen abzuschleppen.
Wir kamen mit dem Casting gut voran, und irgendwann brachte Babette, die Regieassistentin, Kathrin mit. Sie war 13 und wirklich begabt, und wir waren uns alle einig, dass sie die Hauptrolle bekommen sollte – sie war einfach mit Abstand die Beste. Bei den Jungs waren wir weniger erfolgreich. Den Typen, der für die Hauptrolle auserkoren wurde, fand ich persönlich zu blass, zu unbegabt, aber ich war ja nur ein kleines Licht und hatte keine Entscheidung zu treffen, obwohl natürlich jeder ohne Probleme seine Meinung sagen konnte.
Ab sofort machten Hans und Jürgen die Probeaufnahmen mit dem Paar nur noch auf Film, nicht auf Video, und Kathrin spielte ihren Partner immer an die Wand. Es gab noch ein anderes Problem: Egal, wie Kathrin geschminkt wurde, sie war einfach zu hübsch. Sie sah immer zu gesund aus und nie wie eine Fixerin. Als ich eines Tages ins Produktionsbüro kam, erfuhr ich, dass Kathrin doch nicht die Hauptrolle bekommen sollte. Nachdem sie einige Tage lang wie die zukünftige Hauptdarstellerin behandelt worden war, hatte man ihr einfach so gesagt, dass sie die Rolle nicht bekäme. Die Entscheidung war richtig, aber die Art, wie man es ihr gesagt hatte, war nicht okay gegenüber einem dreizehnjährigen Mädchen. Kathrin irrte enttäuscht und heulend durch die Stadt, aber Hans, der Kamera-Assistent, war sofort losgefahren und suchte sie. Er fand sie und kümmerte sich in den nächsten Tagen um sie. Die beiden heirateten einige Jahre später. Happy End trotz Produktions-Fauxpas!
Eine neue Hauptdarstellerin wurde schnell gefunden. Sie hieß Nadja Brunckhorst, war ebenfalls sehr begabt, und damit war das Casting beendet. Mittlerweile gab es eine neue Erfindung im filmtechnischen Bereich, Steadycam hieß sie. Der Kameramann trug dabei eine Art Korsett, ohne Strapse selbstverständlich, auf einem Gelenkarm, der aus dem Korsett ragte, wurde die Kamera installiert, kardanisch aufgehängt. Nun konnte der Kameramann damit Personen folgen, ohne dass es sehr wackelte. Das Kamerabild wurde auf einen kleinen Monitor ausgespiegelt, sodass er sehen konnte, was gerade im Bild war. Wir waren, glaube ich, die Ersten in Deutschland, die dann diese Erfindung in einem Film verwendeten. Jürgen ließ sich die Steadycam sofort kommen.
Einige Wochen später sollten die Dreharbeiten beginnen, aber es war nicht ganz klar, ob ich dabei sein würde.
Der Bayern-Schock, Franz Josef Strauß und eine peinliche Disco-Erfahrung
Ich nahm sicherheitshalber erstmal einen Job in München, beim ZDF an. Die Kameramänner waren sehr nett, bis auf einen, der hieß Hammerstingl. Er lehnte ab, mit einem Assistenten aus Preußen zu arbeiten. Als ich mal den Dienstwagen mit dem Heck zur Wand eingeparkt hatte, fand ich sofort einen Zettel in meinem Fach, auf dem stand: „Wenn 9 Wagen mit der Front zur Wand einparken, dann sollte das der zehnte auch tun.“ Er war ein Pedant und ein Urbayer. Der Job war nicht uninteressant, besonders ein Dreh bei Franz Josef Strauß zu Hause.
So sehr man ihn politisch hassen konnte, privat war er ein Supertyp. Nachdem wir fertig gedreht hatten und die Kamera verpackt war, zog er vom Leder, lästerte über Helmut Kohl und den Rest der Welt. Ein brillanter Kopf und perfekter, humorvoller Gastgeber; er füllte uns derartig ab, blieb selbst aber zu unserer Verblüffung ziemlich nüchtern. Mit einem Aufnahmeantrag der CSU in der Hand und einigen Aufklebern mit einem Porträt von Franz Josef kehrte ich sturzbetrunken in mein Hotel zurück. Ob ich den Antrag wirklich abgeschickt habe? Ich hoffe nicht.
In München hatte ich allerhand Probleme mit dem Dresscode, mit meiner Lederjacke kam ich fast in keine Disco, völlig anders als in Berlin. Nur einmal hatte ich Zutritt zu einer Nobeldisco, denn Uli Edel, unser Regisseur, der in München wohnte, hatte mich eingeladen. Zusammen mit Bernd Eichinger, dem Produzenten des Films, dem Platzhirsch der Medienbranche von München, hatte ich natürlich keine Mühe reinzukommen. Das war aber überhaupt nicht meine Preisklasse. Sonst ging ich ab und zu in eine Studentendisco in der Nähe des olympischen Dorfes. Eines Abends saß ich da so bei einer Cola (ja, Cola!), da kam eine tierisch hässliche Frau herein. Sie konnte ja nichts dafür, und vielleicht war sie auch nicht so hässlich, nur ich fand sie unattraktiv. Jedenfalls steuerte sie direkt meinen Tisch an und baggerte mich sofort an. Das war für mich ein klares Zeichen: München war nicht meine Stadt!
Zurück in Berlin: Wasserschaden, besoffene Nachbarn und ein tierischer Fund
Im Hotel fand ich einen Zettel in meinem Fach: „Bitte zurückrufen, Solaris Film.“ Aufgeregt rief ich am nächsten Morgen an. Ich hatte den Job! Ich war Materialassistent bei „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, und die Bezahlung war auch nicht schlecht: statt 130 DM im Monat wie bei Brunnemann, 130 Mark am Tag! Jürgen Jürges, der Kameramann, hatte darauf bestanden, dass ich dabei war, da ich ja die ganze Vorbereitung mitgemacht hatte. In der kommenden Woche sollte es losgehen, ich verließ München zwei Tage später.
Zuerst einmal zog ich zu Hans, dem Kamera-Assistenten. Der hatte eine Riesenwohnung in der Pallasstraße am Winterfeldtplatz – endlich wieder eine Dusche! Es ging auch gar nicht anders, meine alte Wohnung lag in Schutt und Asche. Nach meiner Rückkehr stellte ich fest, dass alle meine Wände nass waren. Der Mieter über mir ließ seit Tagen das Wasser überlaufen. Die Hausverwaltung reagierte nicht auf meine Klagen. Irgendwann, als ich gerade die Toilette verlassen hatte, machte es „Rumms!“, und der gesamte Putz fiel von den Wänden, und die Decke kam runter. Nun war meine Bude endgültig unbewohnbar.
Es gab noch ein anderes Problem. Mein Nachbar auf demselben Stock, ein Suffkopf, den ich bisher immer nur morgens auf dem Weg zur Uni gesehen hatte, mit einem Handwagen voller Bier und Korn auf dem Weg in seine Wohnung, hatte mich mal auf ein Bier eingeladen. Anstandshalber war ich rübergegangen. Die Bude war voller Trinker, voller menschlicher Ruinen, die sich im Akkord betranken, auch Frauen waren dabei. Nach einer Stunde sagte mein Nachbar: „So, jetzt rutschen wir über die Mädels und dann gehen wir zum Bahnhof Zoo einen trinken.“ Alle lachten und begannen sich auszuziehen. Igittigitt! Ich machte mich sofort vom Acker. Fortan hatte ich Probleme, wenn mein Nachbar außer Haus soff. Dann bollerte es nachts um drei an meine Tür, einer seiner sturzbetrunkenen Freunde stand dann meist da und lallte: „Ey Kumpel, kann ich bei Dir mal ein Bier trinken?“ Erst wollte ich mir für diese Gelegenheiten einen Baseballschläger besorgen. Der Umzug zu Hans war aber die bessere Lösung.
Dreharbeiten mit Gummibusen, Goldmedaillengewinner und einer Kofferraum-Überraschung 
Die Vorbereitungen für den Dreh waren in vollem Gange. Ich hatte einen Höllenrespekt vor all den Profis, hatte ja keine Ahnung, dass viele von denen auch erst am Anfang ihrer Karriere standen.
Mit Nadja gab es ein Problem: Sie hatte noch keinen Busen. Colin Arthur, unser Maskenbildner, ein absoluter Profi und superkomischer Engländer, modellierte ihr einen Gummibusen, den sie beim Drehen immer anschnallen musste. Er wollte immer bei Babette, der Regieassistentin, Maß nehmen, aber die zierte sich, so musste er sich auf seine Eingebung verlassen. Er konstruierte auch die Spritzen, die wir verwendeten, sodass es echt aussah, ohne im Film schneiden zu müssen (Flüssigkeit rein, Blut raus). Die Dreharbeiten verliefen sehr harmonisch.
Myrella, die Kostümbildnerin, brachte ab und zu mal ihren Freund mit zum Drehen, der half mir hin und wieder die Kamerakoffer zu schleppen, wenn er sich langweilte und auf Myrella wartete – Edwin, ein sehr netter Amerikaner. Als ich dann Tage später erfuhr, wer das überhaupt war, konnte ich es gar nicht fassen. Es war Edwin Moses, der Goldmedaillengewinner über 400m Hürden und mehrmalige Weltmeister! Ein sehr bescheidener, freundlicher Mann. Die zwei heirateten dann 1982, und Myrella zog nach L.A. Später wurde dann Edwin irgendwann von der Polizei mit einer Prostituierten erwischt, und sie ließen sich 1991 wieder scheiden. So viel zum Thema Märchen aus Hollywood. 
Die Dreharbeiten zogen sich in die Länge, wochenlang drehten wir in einer Wohnung, die wir als Fixerwohnung herrichteten. Das heißt, die sah dann aus wie die Küche bei Hans und mir, unsere Abteilung „verdorbene Lebensmittel“. Jedes Teammitglied brachte seinen Hausmüll mit, und den kippten wir dann in die Wohnung, Sagrotan drüber, und fertig. Das sah sehr authentisch aus, war aber ziemlich eklig.
Jürgen Jürges, der Kameramann, war ein Meister seines Fachs, und Hans war ein Spitzenassistent, ich konnte viel von ihnen lernen. Unseren Regisseur, Uli Edel, fand ich ebenfalls gut, aber Uli war ein lausiger Autofahrer, er fuhr immer ziemlich ziel- und planlos. Er hatte einen alten Volvo. Vor unserem Motiv wurde gerade der Gehweg repariert, das störte natürlich bei den Dreharbeiten. Eines Tages, als gerade keine Bauarbeiter da waren, nahmen Udo Gaidosch, der Requisiteur, und ich die Gehwegplatten und wollten sie verschwinden lassen. Mangels Versteckmöglichkeiten packten wir sie in den Kofferraum des nächstbesten Autos. Es war Ulis Volvo. Damit sie dort nicht allzu sehr polterten, fütterten wir den Kofferraum mit vollen Müllsäcken aus unserem Bestand auf.
Der Volvo lag nun ziemlich tief, waren schon ein paar Zentner Platten im Kofferraum. In den folgenden Tagen beschwerte sich Uli über den hohen Benzinverbrauch seines Volvos und dass er schlecht beschleunige. Eines Tages kam er mit dem Taxi zum Drehort, er hatte den Wagen in die Werkstatt gebracht, weil es streng roch und er zu viel Benzin verbrauchte. Am nächsten Morgen kam er wieder mit seinem Volvo an. Wie es der Zufall so will, standen ausgerechnet Udo und ich zusammen draußen, da ich Kassetten einlegen musste. Uli lachte und erzählte uns, irgendein Scherzkeks habe seinen Wagen voller Gehwegplatten geladen, ob wir das mal schnell ausräumen könnten. Das taten wir dann auch, der Inhalt der Müllsäcke war aber schon in einem hochgradigen Stadium der Verwesung, ziemlich eklig (Ja, Uli, jetzt weißt du es, wir waren es, hatten es aber im Prinzip gut gemeint!).
Unser Produzent Bernd Eichinger ließ sich relativ selten am Drehort sehen, er war auch im Gegensatz zu allen anderen etwas unnahbar, aber nicht unangenehm.
Unsere nächsten Motive waren die Toiletten unter den S-Bahnbrücken der Kleiststraße, also direkt im Fixerkiez. Die wurden gesäubert und dann mit Schokolade verschmiert, damit sie schmutzig aussahen. Zweimal konnten wir nicht drehen, da irgendein Fixer sich dort den goldenen Schuss gesetzt hatte und die Leiche erst abtransportiert werden musste. War schon ein komisches Gefühl, dann dort zu drehen. Mehrmals kamen dann auch Fixer, bedrohten uns und forderten Zutritt zur Toilette. Die hatten dann dort irgendwo ihren Stoff versteckt. Wenn sie wieder rauskamen, waren sie viel entspannter und auf dem Klo lag dann die blutige Spritze.
Einmal drehten wir am Lehniner Platz mit künstlichem Regen, das funktionierte aber nicht so gut, der Regenmacher war ein Stümper. Es war ein subjektiver Schuss aus einem Auto heraus. Nadja musste im strömenden (künstlichen) Regen agieren. Ich saß mit Jürgen, dem Kameramann, und dem Tonmeister mit der Kamera im Auto, Hans führte eine zweite Kamera. Der Ton ist bei solchen Szenen nicht zu verwenden, aber der Tonmann wollte sicherheitshalber trotzdem den Ton aufnehmen. Jürgen dachte, der Ton würde eh im Müll landen und fluchte vor sich hin: „Da regnet’s, da regnet’s nicht, diese Dilettanten, das klappt doch so nie, guck mal da kommt ein voller Strahl runter!“ Er konnte sich gar nicht beruhigen.
Am nächsten Tag bei der Mustervorführung (bei der Mustervorführung schaute man sich das Material an, das am vorigen Tag gedreht wurde, um es zu kontrollieren, wir drehten ja auf 35 mm Film und nicht auf Video) wurde Jürgen immer kleiner in seinem Kinositz, als er sein Gefluche hörte. Der Schneideraum hatte den Ton mit seinen Flüchen aus Versehen an den Film angelegt. Jürgen drehte sich zu Lothar, dem Tonmeister, um und sagte nur: „Das war ja nun wirklich nicht nötig.“
Der Original Tatort des Geschehens
Unser nächstes Motiv sollte die berühmt-berüchtigte Original-Diskothek Sound in der Genthiner Straße sein. Das Sound war ein versiffter Laden, Treffpunkt der Drogenabhängigen. Dort hatte sich ein Teil der Originalgeschichte der Christiane F. abgespielt. Ich kannte den Laden schon vorher, war nicht so mein Ding, zu viele Menschen, für die das Leben schon fertig war, bevor es überhaupt begonnen hatte.
Die echte Christiane F. spielte als Statist in einigen Szenen mit. Sie war für mich eine Enttäuschung. Eine unscheinbare, junge Frau ohne Charisma. Erst dann wurde mir klar, dass ihr Schicksal nur eines von vielen, nahezu identischen Schicksalen war. Sie hatte nur das Glück gehabt, jemanden zu treffen, der sich für ihr kaputtes Leben interessierte und es aufschrieb. Es gab sicher noch viel extremere Schicksale in dieser Szene.
Nun kommt die zweite Enttäuschung, aber im Prinzip auch eine positive Erfahrung. Ich bemerkte oft jemanden, der im Hintergrund rumstand und die Dreharbeiten beobachtete. Er war etwa 1,80 Meter groß, Mitte 30 und keineswegs auffällig oder extravagant, eher unscheinbar. Irgendwann ging ich durch Zufall dichter an ihm vorbei. Er war keineswegs sofort zu erkennen, aber er war es: David Bowie, dessen Musik den ganzen Film prägt. Er wohnte damals in Berlin. Er hielt sich unauffällig im Hintergrund auf, mischte sich nicht ein, keine Allüren, kein Stargetue. Ein ganz normaler Mann. Enttäuschend auf den ersten Blick, angenehm aber sein Verhalten und sein ganzes bescheidenes Auftreten.
Sein Konzertausschnitt aus dem Film ist allerdings eine Mogelpackung. Das Konzert selbst wurde in New York gefilmt, nur Nadja war dort und natürlich Uli Edel, der Regisseur selbst. Alle Szenen vor der Bühne wurden in der Berliner Deutschlandhalle gedreht, in den Umbaupausen eines Konzerts von Whitesnake und ACDC. Das Publikum selbst wurde bei dem ACDC-Auftritt gedreht. Film ist halt Illusion, damit muss man leben. Bei den Strichszenen vor dem Sound kam auch mein damaliges Auto zum Einsatz, ein braunmetalliges Fiat 124 Coupé.
Eine Szene werde ich nie vergessen. Unser damaliger Produktionsleiter Harald Muchametow spielte auch kurz mit. Er spielte einen Spaziergänger, der von Nadja angeschnorrt wurde. Er gab ihr nichts, daraufhin sagte sie „Alter Wichser!“ zu ihm, und er haute ihr eine runter. Fortan musste ich immer an diese Szene denken, wenn ich Harald traf.
Feuer im Europacenter - Hochhaus in Flammen 
Eines Nachts drehten wir auf dem Dach des Europacenters. Ein paar Tage vorher war gerade „Hochhaus in Flammen“ in den Kinos angelaufen. So gegen fünf Uhr früh fuhren plötzlich einige Löschzüge der Feuerwehr vor. Per Walkie-Talkie kam die Anweisung: „Keiner verlässt das Dach, keine Fahrstühle benutzen!“ 
Wir schauten mit mulmigen Gefühlen die zwanzig Stockwerke nach unten. Gott sei Dank hatte nur ein Papierkorb in einem der Büros Feuer gefangen. Wir atmeten auf, als die Entwarnung kam. Die nächsten Tage gab es allerdings schlechte Nachrichten.
Jürgen Jürges, unser Kameramann, einer der besten Deutschlands, wurde entlassen. Jürgen ist sicher nicht einer der Schnellsten, aber er ist hervorragend. Dieser Film war einer der Ersten, den Bernd Eichinger produzierte, und ich gehe mal davon aus, dass man sich ein wenig verkalkuliert hatte. Das Buch war endlos lang, die Kinoversion hatte schon deutlich Überlänge. Die erste Schnittversion des Films war nochmals deutlich länger als die Kinoversion und wurde auf die Kinoversion gekürzt. Hans, Jürgens Assistent, ging auch, aber Beide sagten mir, ich solle auf alle Fälle bleiben, um Erfahrung zu gewinnen. Das tat ich auch. Als Kameramann kam Justus Pankau, der Chefkameramann des SDR, eine Seele von Mensch, er war deutlich schneller als Jürgen, aber das ging auf Kosten der optischen Qualität, bei der Jürgen keine Kompromisse einging. Erster Assistent wurde Gert Stallmann, mit dem ich heute noch befreundet bin. Er ist heute Professor an der TFH Berlin, an der ich später auch mal unterrichtet habe. 
Meinen Mitstudenten Achim hatte ich mittlerweile bei den Beleuchtern untergebracht. Die Dreharbeiten gingen weiter, und keiner wusste, wie lange. Die Verträge wurden nur wochenweise verlängert. Hans hatte mittlerweile einen Job als Kameraassistent bei Michael Ballhaus. Dann bekam Jürgen einen kleinen, neuen Film „Berliner Stadtbahnbilder“. Hans war beschäftigt, und oh Wunder, Jürgen rief mich an. Erster Kameraassistent bei einem der besten Kameramänner Deutschlands – natürlich sagte ich zu. Gert Stallmann hatte inzwischen auch einen neuen Job, also machte Achim Poulheim als erster Assistent bei Bahnhof Zoo weiter.



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