Mittwoch, 11. März 2026

Die Altstars, die jeder kannte, Brigitte Horney, O.W. Fischer, Maria Schell, Lieselotte Pulver, Hildegard Knef, Horst Frank, Ingrid van Bergen und andere                                                                                                                          Ich hatte ja schon mit Harald Juhnke gedreht, eine sehr angenehme Erfahrung. Schade, dass Haralds Lieblingswitz für ihn selbst Wirklichkeit geworden ist: „Lieber Alzheimer als Parkinson, lieber vergessen als verschütten.“

Nun drohten „Jakob und Adele“, das heißt Karl-Heinz Schroth und Brigitte Horney. Kameramann war mein Freund Michael Marszalek, ein sehr humorvoller Mann, mit dem ich über die Jahre viel zusammengearbeitet hatte. Der Dreh war auf Mallorca. Es war sehr angenehm, Ende Oktober aus dem kalten Deutschland nach Mallorca zu fliegen.

Schroth war zwar ein guter Schauspieler, aber ein mürrischer Muffelkopf. Im Prinzip brauchte er für die Rolle des Jakob nicht zu spielen, er konnte so bleiben, wie er war. Brigitte Horney war eine faszinierende Frau, eine wirkliche Lady, schon über 80, aber topfit und geistig hellwach. Wir drehten, ich glaube, in Sóller, dort, wo die Straßenbahn fährt, und hatten für die Mittagspause ein Lokal nebenan gemietet. Die Horney war bei dieser Szene nicht dabei, aber anwesend, da sie später mitspielte. Es war kurz vor der Mittagspause, als ich im Lokal eine neue Kassette für die Kamera holen musste – wir drehten auf 16 mm Film. Ich war total überrascht, als ich die Kneipe betrat: Brigitte Horney, die achtzigjährige Dame, deckte für uns, ihr Team, den Tisch!

Liebevoll staffierte sie die Bestecke mit Servietten aus. „Brigitte, dafür gibt es doch Leute, das musst du nicht tun“, sagte ich zu ihr. „Ich tu es aber gerne“, entgegnete sie, „ihr arbeitet hart, ich habe Zeit, ich möchte, dass ihr euch wohlfühlt, deshalb muss es auch hübsch aussehen und nicht einfach nur daliegen.“ Respekt vor dieser Frau, ich verneige mich vor ihr. Sie war ein wirklicher Star, denn dazu gehört, trotz allen Ruhms, sich selbst nicht so fürchterlich wichtig zu nehmen. An unseren freien Wochenenden waren natürlich die schlimmsten Unwetter auf Mallorca, die man sich vorstellen kann. Einmal stand das Wasser so hoch in den Straßen, dass es durch die Türen des Leihwagens drang.


Ein anderer Film stand an, wieder mit Michael und Regisseur Ullrich Stark. „Herbst in Lugano“ hieß er und versprach interessant zu werden, zumal mein Freund Bernd Hübner Oberbeleuchter war. O.W. Fischer, Maria Schell, Liselotte Pulver und Gunnar Möller spielten mit.

Zuerst einmal gab es Stress mit der Produktion. Ich wollte 1400 Mark für meinen Alfa Kombi als Kamerafahrzeug haben, der Produktionsleiter wollte nur 1000 für den Monat Drehzeit bezahlen. Darauf ging ich nicht ein. Jetzt hatte ich Anspruch auf die Kosten einer Bahnfahrt erster Klasse, die kostete übrigens auch 1000 Mark – nicht gerade logisch. Ich fuhr trotzdem mit dem Auto hin und ließ mir das Geld für die Zugfahrt auszahlen. 

Am nächsten Tag stand mein Auto auf der Disposition als Produktionsfahrzeug. Ich sagte: „Vergesst es, das Auto ist nicht hier, oder ihr bezahlt mir 400 Mark mehr.“ Darauf gingen sie nicht ein.

Bernd hatte einen Beleuchter mehr mitgebracht, als bestellt war, und als die Produktion den nicht bezahlen wollte, rief er seine Leute zusammen und machte sich fertig für die Heimreise (er war übrigens Teilhaber der Beleuchtungsfirma, die das Equipment stellte). Das überzeugte die Produktion dann doch, den zusätzlichen Mann zu bezahlen.


Es hieß, O.W. Fischer (für alle, die es nicht wissen: OW steht für Otto Wilhelm) sei hochgradig verrückt. Er hatte einen Lehrstuhl für Philosophie an einer Schweizer Universität. „Wir kommen alle aus der Luft und werden wieder zu Luft“ oder so ähnlich, war sein Lehrsatz. Verrückt war er nicht, aber eigenartig. Er war schon eine eindrucksvolle Person, aber schwierig und sehr eigensinnig und trieb den Tonmeister fast zum Selbstmord, denn manchmal sprach er in den Szenen superleise, um dann völlig unangekündigt und unberechenbar laut zu werden. Das war kaum auszusteuern.

Das „Seelchen“ kam, wie Maria Schell auch genannt wurde. Das erste, was sie machte, war, dem Regisseur zu sagen: „Mach dir keine Hoffnung, ich weine nicht.“ Es war bekannt, dass sie bei rührseligen Szenen gerne mal zu weinen begann. Natürlich heulte sie gleich in der ersten Szene mit O.W., aber es war sehr eindrucksvoll, weil es wirklich von innen kam. Es ärgerte sie natürlich heftig, dass es wieder einmal passiert war, aber sie lebte halt ihre Rollen aus. Maria Schell war eine bemerkenswerte Frau, sie hatte traumhaft schöne Augen und war trotz ihres Alters immer noch eine schöne Frau und natürlich eine gute Schauspielerin, keine Frage. Das gleiche galt für Lieselotte Pulver, deren Rolle in Billy Wilders: „Eins, Zwei, Drei“, ich nie vergessen werde. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass ich auch den großen, aber körperlich kleinen Billy Wilder mal persönlich treffen würde.

Auch die Pulver war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, sie hatte, wie die Schell, schon in jungen Jahren große Filme gemacht. Die Schell hatte zusammen mit Curd Jürgens im „Schinderhannes“ gespielt, den mein Lehrmeister Heinz Pehlke fotografiert hatte, die Pulver hatte sich schon 1954 mit: „Ich denke oft an Piroschka“ in die Herzen der Zuschauer gespielt. Da hatte auch schon Gunnar Möller mitgespielt, der auch hier dabei war. Möller war gerade aus dem Knast gekommen. Er hatte in England seine Frau mit einem Stuhlbein erschlagen und mehrere Jahre im Gefängnis gesessen. Er erzählte völlig beiläufig über seine Tat, als habe es sich nicht um Totschlag, sondern um ein Mittagessen gehandelt. Ein merkwürdiger Mensch.

Wir drehten ein paar Tage in Verona in Italien. 

Bei unserer Rückreise warnte mich Bernd Hübner, er sagte: „Vergiss den Drehtag, wir werden nicht so einfach durch den Zoll kommen“ (damals noch ein Riesenproblem, Carnets mussten ausgefüllt werden usw.). Er hatte auch die Kameraausrüstung in seinem LKW.

Er hatte Recht. Wir standen auf dem Flughafen von Lugano, dummerweise war auch der Redakteur vom ZDF da, ein, im Gegensatz zu vielen anderen, die ich kennengelernt hatte, ein absolut integrer und kundiger Mann. Ich kannte ihn von anderen Filmen, er kam aus einer Stadt, die nahe meiner Heimatstadt liegt. Wir wollten drehen, doch kein LKW weit und breit. In der damals noch handyfreien Zeit war es natürlich schwer rauszukriegen, was passiert war. Sie steckten noch im Zoll.

Der Produktionsleiter kam zu mir und forderte mich auf, die Kamera fertig zu machen. „Welche Kamera?“, fragte ich. Er machte ein Riesentheater, ich müsse immer die Kamera dabei haben, das sei unverantwortlich usw. Ich zeigte ihm erstmal seine eigene Disposition für den Tag. Da stand deutlich drauf: „Kameraausrüstung im Beleuchtungs-LKW“ – und der stand noch beim Zoll. Dann machte ich ihm noch mal klar, dass, wenn er mein Auto bezahlt hätte, die Kamera sehr wohl da wäre. Den ganzen Vormittag beobachtete er nun misstrauisch, wie ich mit dem Redakteur sprach, er dachte sich natürlich, dass ich über die Produktion rede und hatte keine Ahnung, dass wir uns nur über unsere gemeinsame Heimat unterhielten. Erst am Nachmittag konnten wir drehen, sie hatten über 20 Stunden im Zoll gestanden.

Ansonsten war der Dreh ätzend, das lag nicht am Film, sondern am Essen in Lugano. Es war so gut, dass ich 4 Kilo zunahm, super leckere Gerichte in fast allen Restaurants, nur das Hotel Seegarten, traumhaft schön direkt am Lago gelegen, war etwas ranzig. Ich habe noch nie in einem so durchgelegenen Bett geschlafen wie dort. Baden war nicht erlaubt wegen des Fallouts von Tschernobyl einige Jahre zuvor.

Zu meiner Überraschung bedankte sich der Produktionsleiter am Ende bei mir. Er habe etwas gelernt, sagte er, ich hätte ihm einen durchaus günstigen Preis für mein Auto genannt, nur aus seiner Machtposition heraus, habe er mich runterhandeln wollen, mit dem Ergebnis, dass alles viel teurer geworden sei, als er geplant hatte, weil mein Auto fehlte. Das werde ihm nie wieder passieren. Er schickte mir noch zwei Jahre lang Weihnachtskarten.

Auf der Rückreise machte ich einen Abstecher über die Côte d’Azur, ein schwerer Fehler. In Nizza wurde mein Auto aufgebrochen, mein ganzes Gepäck geklaut, das ich wegen des schweren Regens im Wagen gelassen hatte. Mit einem Schraubenzieher hackten sie das Radio aus dem Armaturenbrett und nahmen es mit dem Teil des Armaturenbretts mit. Alfa Romeo brauchte sechs Monate, um mir den Aschenbecher zu liefern, weil der geht normalerweise ja nicht kaputt.


Hildchen Knef:  ich hab’ noch einen Koffer in Berlin                                                   Hildchen Knef kam nach Berlin. Normalerweise machte Michael Epp bei Ottokar Runze Kamera, der konnte aber nicht, und so durfte ich einen Teil des Films: „Hildegard Knef – Nein, ich gebe niemals auf“, drehen, bis Michael frei war. Die Karriere der Knef war ein ständiges Auf und Ab gewesen, alles öffentlich in der Klatschpresse ausgetragen, und nun sollte ich sie selbst kennenlernen.

Sie kam abends in Tegel an, und ein großer Bahnhof erwartete sie. Unvermeidlich dabei natürlich Visagist René Koch und viele andere, die sie aus ihrer Berliner Zeit kannte. Es gab für mich ein kleines Problem, nämlich sie zu drehen und dabei nicht zu zeigen, dass sie leicht schwankte. Sie hatte auch eine relativ schwere Zunge, als sei sie leicht betrunken. Sollte Hilde etwa?

Nein, sie war keine Alkoholikerin und sie war auch nicht betrunken. Die Knef trank vielleicht mal ein, zwei alkoholische Getränke abends, meistens Whisky, soweit ich in Erinnerung habe, nicht genug, um betrunken zu werden, aber sie nahm auch Medikamente, die sich anscheinend nicht mit Alkohol vertrugen. Das war das ganze Problem, nur wie sagt man das einem Star? Am besten gar nicht.

Hilde war ein wirklicher Star, sie hatte Charisma, aber man merkte auch deutlich, dass sie ein verlorener Mensch war, vom Schicksal immer wieder arg gebeutelt und doch immer wieder wie ein Stehaufmännchen, den Weg nach oben findend. Es war ein sehr interessanter Dreh und eine gute Lehrstunde über das Leben an sich. Ich habe nie wieder einen Menschen getroffen, der so überwältigend sein Leben meisterte und dennoch hilflos und verletzlich war, jemand, der seine Schwächen nicht verbarg, sondern offen zeigte, aber nicht damit kokettierte. Vielleicht aber spielte die Knef nur die Knef, und zwar ihr ganzes Leben lang, und war in Wirklichkeit ein ganz anderer Mensch, den niemand je wirklich kennenlernen durfte. Zuzutrauen wäre es ihr.                                                                   


Der WDR versuchte sich an einer deutschen Version von Dallas, es wurde ein Flop, was ich nicht verstehe, denn die Serie war hochkarätig besetzt, lief aber, soweit ich weiß, nur auf WDR drei. Tom Engel sollte bei einigen Folgen Regie führen, und das bedeutete natürlich Michael Marszalek an der Kamera und ich. Köln war der Drehort. „Da kann man Filme machen?“, wunderte ich mich und fuhr mit gemischten Gefühlen hin. Dieter Viehweg war der Produzent, ich habe niemals jemanden mit solch blauen Augen gesehen. Ein netter Kerl, aber vielleicht zu blauäugig, denn die Serie ruinierte seine Firma.


Um es gleich vorweg zu sagen, ich änderte meine Meinung über den Medienstandort Köln sehr schnell. Das Team war Klasse, wir hatten viel Spaß, das einzige, was störte, waren die Wichtigtuer, die die Drehbücher schrieben. Einer nannte sich Xao Seffcheque, blöder Künstlername, er hieß dann gleich „Scheckheft“ beim Team. Es war eine merkwürdige Konstellation, die Losberg ins Leben gerufen hatte, angeblich eine Düsseldorfer Band, einer war nun der WDR-Redakteur, einer der Produktionsleiter, einer der Autor und einer der Produktionsfahrer. 

Unglaublich die Besetzungsliste: Horst Frank spielte mit, einer meiner Lieblingsschauspieler, Vera Tschechowa, eine sehr beeindruckende, interessante Persönlichkeit, Raimund Harmsdorf, Sky Dumont, ein sehr angenehmer, kultivierter Mensch, Ferdy Mayne, den ich schon als Obervampir im Tanz der Vampire von Polanski bewundert hatte, Ingrid Steeger, die seltsam farblos blieb, Christine Plate, beide kannte ich schon aus Berlin, und Ingrid van Bergen.



Ingrid war eine klasse Frau, sie hatte Charisma, war die gute Seele des Teams, eine wirklich angenehme Frau, liebevoll, kollegial. Ich kann nur Gutes von ihr berichten. Ich weiß, sie hat ihren Mann umgebracht und dafür lange im Gefängnis gesessen. So wie ich sie kennengelernt habe, kann es für mich nur einen Grund dafür geben: Dieser Typ muss ein super Arschloch gewesen sein. Er muss Ingrid so fertig gemacht haben und hatte wahrscheinlich nichts anderes verdient. Diese Frau war eine Seele von Mensch, sie hat Charakter, ist ehrlich. Es muss schon viel passieren, um eine solche Frau zum Morden zu bringen. Immer wenn Ingrid mal ne Zeit nicht da war und wieder ihren ersten Drehtag hatte, kam sie sofort an und und wollte wissen: „Wer schläft mit wem?“





Zwei Monet in einer Nacht, wer hätte das gedacht..

Der Ausstatter war ein Typ in schwarzem Leder, ungepflegt, sah total prollig aus und rauchte Kette. Einmal sagte Tom, der Regisseur, bei einer Wohnungsbesichtigung, es wäre schön, wenn hier Monets hängen würden. Als wir am nächsten Morgen dort drehen wollten, hingen zwei Monets an der Wand, der Ausstatter lag total übernächtigt und völlig fertig auf der Couch. Tom sagte: „Das sind ja richtige Ölgemälde!“, und wollte gerade mit dem Finger eines der Bilder anfassen, da sprang der Ausstatter entsetzt auf und rief: „Nicht anfassen, die sind noch feucht!“ Er hatte sie in der Nacht selbst gemalt, es waren wirklich erstaunlich gute Kopien.

Bei einem Dreh in einem Schloss in Belgien im Herbst seufzte Tom einmal, als wir im Park drehen wollten: „Es wäre schön, wenn hier Rosen stehen würden.“ „Rot oder Weiß?“, fragte der Ledertyp nur, er hatte beides dabei. Ich war schwer beeindruckt.

Das Schloss lag bei Verviers und gehörte Herbert Hillebrand, einem Baulöwen, der Schlösser (angeblich 23!) und Ferraris sammelte, aber auch seinen Arbeitnehmern gegenüber sehr fair gewesen sein soll. Jedes seiner Kinder, auch adoptierte, bekam erstmal ein Schloss geschenkt.

Eines Tages mussten wir mal wieder in Belgien drehen, ein Riesenstau auf der Autobahn. Im Stau traf sich das ganze Team, nur Tom, der Regisseur, war nicht aufzufinden. Es war eine Vollsperrung wegen Brückensprengung, die Stunden dauerte, nur Tom war etwas früher gefahren und noch durchgekommen. Allein kam er am Schloss an, kein Mensch da. Dummerweise hatte er auch die Dispo vergessen, um nachprüfen zu können, ob er wirklich am richtigen Drehort war. Telefonieren ging auch nicht (Prä-Handyzeit), da er kein belgisches Geld hatte und die Banken noch geschlossen waren. Er war völlig verzweifelt und überglücklich, als wir zwei Stunden später dort auftauchten.

Ralf, der Aufnahmeleiter, war ebenfalls sensationell gut, er machte Unmögliches möglich, aber er war ein Filou. Ich freundete mich mit ihm an, und er lud mich in sein Apartment ein. Dort erfuhr ich, dass er auch noch mit Autos handelte. Er bat mich, das Telefon abzunehmen, falls es klingele und zu sagen, er sei nicht da. Zehn Minuten später klingelte das Telefon, ich hob ab und wurde sofort angeschrien. „Sie haben mir das Auto als unfallfrei verkauft!“, plärrte mich eine Stimme an, „ich habe den Vorbesitzer angerufen, es war platt bis zur Windschutzscheibe, ich will mein Geld zurück!“ Heute ist Ralf superseriös und hat mehrere gut gehende Firmen. Man lernt eben aus seinen Fehlern.


Eines Tages wurde es unangenehm, und das nehme ich Tom, unserem Regisseur, bis heute übel. Ein Gepard spielte mit. Das sind ausgesprochen dumme, aber auch faszinierende Tiere, wie ich später mal in Afrika feststellen sollte, als mich Geparden unbedingt auffressen wollten.

Der Besitzer des Geparden war so ein schmieriger Typ, ein kölscher Zuhälter mit starkem Kölner Akzent, teuer, aber super geschmacklos gekleidet, Goldkettchen usw. So ein Typ, bei dem man nach dem Händedruck die Finger nachzählt, ob er nicht einen geklaut hat. Der Gepard sollte auf ein im Garten aufgebautes Buffet springen, an dem alle saßen und tafelten. Natürlich kapierte das Tier nicht, was es tun sollte, es war dafür ja auch nicht trainiert worden. Außerdem essen Geparden nur rohes und nicht zubereitetes Fleisch, und trotzdem er einen Tag nichts zu essen bekommen hatte, interessierte sich das Tier überhaupt nicht für das Buffet, warum auch? In der freien Wildbahn finden die ja auch nicht jeden Tag was zu fressen.

„Allet jut, mein Jepard macht alles, wat ich sech“, hatte der Zuhälter geprahlt. Nun war er in seiner Ehre gekränkt, schlug auf das Tier ein. Ich war drauf und dran, ihm auf die Fresse zu hauen. 

Keiner protestierte. „Et krieje mer leicht mit Elektroschocks hin, isch hol dat Jerät!“ In diesem Moment nahm ich die Kamera weg und sah im Augenwinkel, wie Hardy Hardt, der Tonmeister, seinen Kram zusammenräumte. Wir blickten uns nur kurz an und sagten fast synchron: „Wir müssen mal kurz unterbrechen und den Tierschutzverein holen. Ihr könnt ja weitermachen, aber ohne Kamera und Ton.“ Totenstille.

Die Aufgabe des Regisseurs wäre es gewesen, eine Lösung zu finden und nicht die Methoden des Zuhälters zu tolerieren. Nun bekamen alle Angst, dass es Stress mit dem Tierschutzverein gäbe, schlechte Presse usw. Mit Recht, denn Hardy (danke für deinen Mut!) und ich hätten es nicht zugelassen und hätten sofort den Tierschutzverein in Verviers und die Presse informiert. Jeder entschuldigte sich und tat, als ob er ja auch von Anfang an dagegen gewesen sei. Zu spät, bei mir hatten sie verschissen, die Leistungsträger, alles Feiglinge.

Mir kam die Idee, den Geparden von einem Podest zu schubsen, damit er auf das gleichhohe Buffet springen muss. Es klappte und sah auch einigermaßen gut aus.


Dienstag, 10. März 2026

David Bowie - Glass Spider Tour, ein erstaunter Ritchie Blackmore, Stunts und andere Katastrophen


Natürlich war ich parallel auch schon als Kameramann zugange, aber das waren keine großen Sachen und manchmal auch unfreiwillig komisch.

Bei einem Mike-Krüger-Film machte ich zweite Kamera. Es ging um einen Stunt im Westhafen von Berlin. Ein Auto sollte über eine Rampe direkt auf mich zufliegen, auf dem Wasser aufschlagen und versinken. Ein Kran stand bereit, um das Auto wieder rauszuholen, ein Taucher, um den Gurt daran zu befestigen. Die Scheiben waren getönt, damit man darin nicht den Stuntman mit Helm sieht. Ich stand gegenüber des Hafenbeckens mit einer 35 Arri BL mit Zoom, die wiegt etwa 40 Kilo. Der Stuntman war eine Pfeife, er bestand darauf, mit offenem Seitenfenster zu fahren, das sei ja kein Problem, da er frontal auf meine Kamera zufliege und man ihn nicht sehen könne.

Die Klappe wurde geschlagen. Aktion! Der Idiot fuhr viel zu schnell, hob an der Rampe ab und kam auf mich zugeflogen, und flog und flog und flog. Gott sei Dank hatte ich den Zoom. Der Wagen schlug durch die zu hohe Geschwindigkeit nicht mit dem Wagenboden aufs Wasser, sondern mit der Schnauze, drehte sich um 90 Grad, und ich sah in Großaufnahme nun durch das mir zugewandte Seitenfenster, deutlich einen Stuntman mit Helm, in einem Auto im Wasser versinken. Klasse! Aufgeregt kam der Regisseur angerannt, „Klasse, Klasse!“, rief er schon von weitem. „Scheiße, Scheiße!“, antwortete ich und erzählte ihm, was passiert war. „Warum ich nicht mit der Kamera ein paar Meter zu Seite gegangen sei?“, wollte er wütend wissen. 

Ich hätte während des kurzen Fluges mit der Kamera und dem Stativ, etwa 40 Kilo, etwa 50 Meter zur Seite laufen müssen, um den Stuntman nicht zu erkennen, ach ja, und dabei auch noch ein sauberes Bild liefern sollen. Was für ein Dilettant! Er fährt heute Taxi in Berlin. Ach ja, der Gurt, um das Auto rauszuholen, war nun zu kurz, weil das Auto zu weit geflogen war. Es dauerte Stunden, bis sie das Auto aus dem Wasser hatten.

Ein anderer begnadeter Regisseur, mit dem ich drehte, verlangte, dass ich bei einem Stunt mit 150 Bildern drehen sollte, also in Zeitlupe. Ich erklärte ihm, dass das Blödsinn sei, dann müsse man mit zwei Kameras drehen, denn man könne nie wissen, was man bei Zeitlupenaufnahmen erkennen könne. Er habe jahrzehntelange Erfahrung, sagte er, das gehe auch ohne zweite Kamera und bestellte die Kamera wieder ab. Ich ahnte das Schlimmste. In der Szene wurde ein Radfahrer überfahren, landet auf der Motorhaube und fällt herunter. Es gelang mir sehr schön, die Szene aufzunehmen, eigentlich eine perfekte Einstellung. Leider in Zeitlupe, denn man sieht sehr deutlich, dass der Radfahrer, bevor ihn das Auto erwischt, den Fuß hebt, die Front des Autos trifft darunter das Rad, er wirft sich auf das Auto, zerschlägt mit seinem Ellenbogen die Frontscheibe (präparierter Metallsporn unter der Kleidung) und rollt sich ab. Eine perfekte Einstellung, um die Arbeit eines Stuntmans zu dokumentieren, leider für den Film unbrauchbar, denn es ging um Fahrerflucht in einem Krimi.


David Bowie kam mit seiner Glass Spider Tour nach Berlin und spielte vor dem Reichstag. Wir sollten mit mehreren Kameras (35 mm) während des Konzerts einen Videoclip aufnehmen mit dem Song „Heroes“. Das hatte aus unerfindlichen Gründen schon in Los Angeles und London nicht geklappt. Die Kameras waren per Videoausspiegelung mit der Regie verbunden. Sie wurden von dort gestartet, und per Intercom konnte der Regisseur mit uns reden. Wir sprachen die Szenen durch. Jede Kamera hatte bestimmte Einstellungen auf Kommando zu drehen. Die Monitore der Kameras standen nebeneinander in der Bildregie. Ich hatte die Arschkarte. Ich durfte mit meinem Assistenten mit der schweren 35 BL in der Songpause (etwa 45 Sekunden) vor „Heroes“ eine Leiter etwa 4 m hinaufklettern, die Kamera aufbauen, mich ankabeln an den Kabelstrang der Regie und hatte gleich die zweite Einstellung. Ob das mal gut ging?

Wir standen in den Startlöchern, die kurze Pause kam, wir hetzten die Leiter hoch zur Kameraposition und standen vor einer Wand, die bei unserer Probe noch nicht da war. Was war passiert? Die Bühne war beweglich und veränderte sich von Song zu Song. Leider hatte die Regie die Kameraposition ausgesucht, ohne die Bühne in die Position von „Heroes“ zu bringen. Ich hatte noch 20 Sekunden. Etwa 2 Meter weiter links hatte ich freien Blick, ich wuchtete die Kamera dorthin. Jetzt reichten allerdings die Kabel nicht bis zur Kamera. Noch 10 Sekunden, alles oder nichts, ich riss an dem Kabelstrang und hoffte, dass irgendwo auf dem Weg zur Regie noch 2 Meter Luft waren. Das Kabel gab nach, ich kabelte mich an, konnte die Regie hören und schon ging es los. Ich war erleichtert. „Kamera 2 den Auftritt, Kamera 2 den Auftritt!“, hörte ich den Regisseur verzweifelt rufen. Was wollte er denn, ich hatte die Einstellung perfekt. Ich gab zurück: „What’s the problem, I got it.“ „Not you, camera 2“, antwortete er. „But I am camera 2!“ – „No, you are camera 4.“ So ein Unsinn, ich war Kamera 2, das stand auch noch fett auf der Kamera drauf. Dann wollte er von mir eine Einstellung, die ich von dieser Position gar nicht bekommen konnte. Ich hörte nicht mehr auf ihn, während er völlig verzweifelt mit den anderen Kameras kommunizierte, die anscheinend ähnliche Probleme hatten. Ich spulte mein geprobtes Programm ab, bekam alle Schnitte, die geplant waren, und wurde immer mehr sauer über das Chaos in der Regie.

Nach dem Song mussten wir schnell abbauen, die Leiter runter. Ich stürzte wutentbrannt in die Regie – und sah sofort die Ursache des Chaos. Um besser sehen zu können, hatte er die Monitore übereinander (2 Monitore auf 3 Monitore) stellen lassen, so stand jetzt Monitor 1 über 2 und 4 auf 3. Durch die Hektik dachte er nun immer, Monitor 4 sei der Monitor von Kamera 2, Monitor 2 sei der von Kamera 3 und Monitor 3 sei der von Kamera 4. Deshalb hatte er das Chaos veranstaltet. Ich war beruhigt, weil ich mein geprobtes Programm gedreht und nicht auf ihn gehört hatte. Leider hatten das nicht alle Kameramänner getan.

Jetzt ging es an den Abbau während des laufenden Konzertes. Kamera 5 stand mitten im Publikum auf einem 5 Meter hohen Podest, und jetzt hörte man über Intercom, wie der Kameratechniker dort winselte: „Ich schaff’s nicht runter, ich hab Höhenangst!“ Er kam einfach nicht runter, lag flach auf dem Podest und wimmerte. Wir mussten warten, bis das Konzert zu Ende war und alle gegangen waren. Dann kletterte Bernd Hübner, der Oberbeleuchter, die Leiter hoch: „Los, du Dillgurke, komm runter, ich helfe Dir!“ Er versuchte es 10 Minuten lang, dann gab er auf. Die Feuerwehr musste kommen.

Da fällt mir doch gerade eine kleine Anekdote ein. Es muß 1970 oder 71 gewesen sein. Deep Purple spielte in Offenbach, Vorgruppe war Ashton, Gardner and Dyke. Wir waren alle völlig stoned und ich kam auf die Schnapsidee mal kurz frische Luft zu schnappen. Ich ging also kurz raus, die ließen mich aber trotz Karte nicht wieder rein. Mist. Ich ging um die Stadthalle herum und entdeckte eine offene Tür, kein Mensch war zu sehen. Ich ging also einfach rein und landete auf der Bühne hinter Ritchie Blackmore, der hinter den Boxen gerade dabei war seine teure Fender Stratocaster, gegen eine Billiggitarre auszutauschen, denn er pflegte damals bei jedem Konzert seine Gitarre auf der Bühne zu zertrümmern und zerstörte natürlich nicht die teure Fender. Jetzt hatten mich die Security Leute entdeckt, aber mir gelang es seitwärts von der Bühne zu springen und in der Menge unterzutauchen. Zurück in die Achziger.

Ein Kollege von mir hatte eine unheimliche Begegnung der dritten Art mit einem sehr berühmten amerikanischen Kameramann. Als er ihn vom Hotel abholte und sie an der damals noch existierenden Mauer vorbeifuhren, fragte der Ami: „There is one thing I do not understand. Why did Hitler build this wall?“ Mein Kollege war etwas sprachlos. Aber wie heißt es so schön: Wissen ist nichts, Image ist alles. Mir ging es bei einem Werbespot ähnlich, der weltberühmte Kameramann leuchtete mit der Hälfte der Lampen auf den Fußboden, der nicht im Bild war. War völlig sinnlos, erhöhte nur ein wenig die Grundhelligkeit. Ich fragte ihn warum er das mache und erhielt als Antwort: „Just for show“. Später erklärte er mir, dass er bei seinem Image nicht einfach 3 Lampen aufstellen könne, der Kunde und die Zopfträger der Agentur erwarten bei seiner Gage etwas Besonderes, deshalb müsse er jedesmal ein paar völlig sinnlose Sachen machen, damit es für sie, die keine Ahnung haben, wie Genialität aussieht.

Montag, 9. März 2026

Vater eines Mörders, der Schiedsrichter und Inge Meysel                                                                                 Ein vom Buch her anspruchsvoller Film war zum Beispiel „Vater eines Mörders“, die Geschichte von Himmlers Vater, der Griechischlehrer an einem Gymnasium war. Gute Schauspieler (Hans Korte), eine gute Regie. 


Das ganze Stück spielte im Griechischunterricht, was dazu führte, dass der Regisseur Caspari und Kameramann Petrus Schloemp sich fast nur noch auf Altgriechisch unterhielten, was außer ihnen leider keiner verstand.


Dann gab es da noch einen netten Film, der hieß „Bisst, der Schiedsrichter“. Wolfgang  Kieling spielte die Hauptrolle – ein begnadeter Schauspieler.                                                            

Es war die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang wie ein Schiedsrichter agierte, ohne es zu sein, dadurch schuld am Tod seiner Frau hatte und sich in den Katakomben eines abrissreifen Fußballstadions versteckte und immer pfiff, wenn Kinder auf dem Platz spielten. Das geht solange gut, bis das Stadion abgerissen werden soll.


Das Stadion in dem wir in der Schweiz drehten ist nur wenige Kilometer von meinem heutigen Wohnort entfernt.

Auch dort passierte nicht viel, aber ich hatte viel Spaß mit Atze Glanert, dem Kameramann, und Rolf von Sydow, dem Regisseur (ein Guter übrigens!), mit dem ich jeden Abend Skat spielte.




Wie man sich bettet

Wolfgang Kieling hatte eine superhübsche Tochter, Susanne Uhlen, und die sollte im nächsten Film mitspielen, dessen Titel ich leider vergessen habe. Ich freute mich darauf, sie endlich kennenzulernen. Was war passiert? Als Teenager las ich natürlich die „Bravo“. Susanne war, ich glaube sechzehnjährig, mit ihrem damaligen Freund nach Schottland gefahren und hatte dort in Gretna Green geheiratet, ohne Wissen ihrer Eltern – eine Riesenstory in der „Bravo“.

Zwei Jahre später wollte ich nun achtzehnjährig meine damalige Freundin Ute heiraten, deren Vater mich am Anfang nicht mochte. Wir beschlossen, nach Gretna Green zu fahren. Ich hatte gerade mal sechs Wochen meinen Führerschein. Mein Vater lieh mir sein Auto, und wir fuhren los. Da ich wegen des Linksverkehrs natürlich Angst hatte, als Führerscheinneuling durch London zu fahren, versuchte ich, um die Stadt herum zu fahren, was mir nicht gelang. Immer wieder landete ich in den Vororten von London.

Es war mittlerweile dunkel, und ich beschloss, einen Mann zu fragen, der an seinem Auto rumbastelte. Ich nahm also mein Schulenglisch unter den Arm, die Straßenkarte, und erklärte ihm, warum ich nicht durch London fahren wolle. Er stotterte und sagte: „Yyyes, I I I I I underunderstaaaaand, bebebe-but if I were you, I I I I I wuuuould take dddthis way“, und zeigte strahlend auf die Straße, die mitten durch London lief. Ich versuchte es erneut und bekam die gleiche Antwort. Ich bedankte mich und ging. Der Mann hatte recht, es war Unsinn, um London herumzufahren zu dieser Zeit, es gab noch nicht die Ringautobahn, und London ist verdammt groß.

Wir nahmen zwei Tramper mit, und die halfen uns, den Weg zu finden. Beides waren Briten, einer aus Schottland und einer aus Südengland. Das Witzige war, dass beide mich gut verstanden und ich sie, aber sie sich wegen ihres doch starken Dialektes kaum verständigen konnten.

Gretna Green, unser Ziel und der Hafen der Ehe, kamen immer näher. Leider waren ein paar Wochen vorher die Gesetze geändert worden, und man konnte erst nach dreiwöchigem Aufenthalt heiraten, und solange reichte unser Geld nicht. In der Zeit vor dem Internet erfuhr man so was natürlich nicht. Die Enttäuschung war groß.

Im „Old Blacksmith House“ war eine „nice little wedding ceremony“ angekündigt, und Ute und ich beschlossen, mal zuzusehen, wie es hätte sein können. Wir gingen mit anderen Touris gegen Eintritt hinein und warteten auf das glückliche Paar. Da stand der Schmied und zwei Gehilfen mit Steinschlossgewehren hinter dem Amboss, auf dem mit einem Hammerschlag die Zeremonie normalerweise vollzogen wurde. Dann zeigte der Schmied auf mich, hinter mir stand keiner mehr, also war wohl ich gemeint. 


Seine beiden Schergen schnappten mich und zerrten mich zum Amboss. Dann zeigte der Schmied auf das hässlichste Mädchen im Publikum, das ich bis dahin gesehen hatte. Auch sie wurde zum Amboss gezerrt. Ich bekam einen Zylinder auf den Kopf, sie einen Schleier. Ob ich sie heiraten wolle, wurde ich gefragt. Natürlich verneinte ich, bis mich der Lauf eines der Gewehre unter meinem Kinn eines Besseren belehrte. Auch sie verneinte erst und wurde mit brachialer Gewalt der Schergen zum Ja-sagen gebracht. Dann kam das Schlimmste, ich musste sie küssen. Ein glückliches Paar waren wir nun nicht gerade, denn ihr Freund machte nun Theater wegen des Kusses, und das Foto sollte 5 Pfund kosten, die hatten wir nicht.

Ich habe meine erste Frau nie wieder gesehen. Mit Ute blieb ich 8 Jahre zusammen, eine tolle Frau, aber wir waren einfach zu jung, als wir uns kennenlernten. Susanne Uhlen war schuld an diesem Desaster. Sie musste lachen, als ich ihr die Story erzählte. 



Regie machte übrigens Rainer Söhnlein, die Kamera führte Klaus Peter Hassenstein, ein sehr angenehmer Kollege.




Dann spielte noch Olivia Pascal mit, zwar nicht die beste Schauspielerin, aber eine überaus attraktive Frau, und Claudia Demarmels, bekannt aus „Theo gegen den Rest der Welt“, die etwas zickig war, und natürlich Heinz Schubert. 



Und dann war da noch eines meiner Idole, der Schauspieler Hannes Messemer, der in vielen internationalen Filmen mitgespielt hatte und der ein großer Star geworden wäre, wäre er nicht dem Alkohol verfallen. Es ist sehr traurig mit anzusehen, was der Alkohol aus einem Menschen macht. Wir drehten immer morgens mit ihm, wenn er noch halbwegs trocken war. Er war brillant – und ein guter Mensch mit Charakter, wirklich schade um ihn. Hannes Messemer war sogar international erfolgreich und spielte z.B. neben Brigitte Bardot in „Babette zieht in den Krieg“, in „Der falsche General“ mit Vittorio De Sica, in „Gesprengte Ketten“ mit Steve McQueen, als „Alfred Jodl“ neben Jean-Paul Belmondo in „Brennt Paris?“, in „Lautlose Waffen“ mit Montgomery Clift und in „Die Akte Odessa“ mit Jon Voight.

Eines Tages mussten wir später mit ihm drehen und entdeckten ihn in der Maske, mit einer frisch geleerten Flasche Schnaps. Er müsse trinken, denn seine Tochter liege im Krankenhaus im Sterben, sagte er als Ausrede. Jeder wusste, dass dies totaler Unsinn war, denn seine Tochter arbeitete als Regie-Assistentin (eine der besten Deutschlands und eine gute Freundin von mir) in derselben Firma, bei einem anderen Film.

Rainer Söhnlein sprach mit ihm, Hannes war absolut volltrunken. Wir probten die Szene ohne ihn, es war eine lange, schwierige Szene mit viel Dialog – dann wurde es ernst. Hannes konnte kaum noch laufen und lallte deutlich hörbar. Die Klappe wurde geschlagen, dann ging ein Ruck durch seinen Körper, er stand kerzengerade, bewegte sich, als sei er völlig nüchtern, kein Lallen war zu vernehmen, fehlerfrei und grandios spielte er diese Szene, kein Kollege hätte ihm das Wasser in diesem Moment reichen können, es war bewundernswert – die Szene war im Kasten. Nach dem „Aus“ des Regisseurs sackte er sofort wieder in sich zusammen und wurde wieder das Häufchen Elend, das er vorher war. Welch eine Körperbeherrschung, welch ein Talent – ohne Alkohol hätten wir zu dieser Zeit in ihm einen grossen internationalen Star gehabt.


Inge Meysel – Neapel sehen und erben                                                                             Michael Marszalek, ein Kameramann, mit dem ich oft und gern zusammengearbeitet hatte, rief an wegen eines Filmes mit Inge Meysel. Marco Serafini sollte Regie führen, und das Ganze spielte in Berlin und Italien – das hörte sich gut an.

Die Meysel hatte einen zwiespältigen Ruf in der Branche. Zum einen war sie ein Publikumsliebling, zum anderen war sie verhasst bei Maskenbildnerinnen, denen sie öfter mal übel mitgespielt haben soll, und dann gab es noch das Gerücht, sie sei Exhibitionistin. Mal sehen, was da wirklich dran war…


Oberbeleuchter sollte Bernd Hübner sein, den ich zwar kannte, mit dem ich aber noch nie gearbeitet hatte. Es gab jede Menge nette Beleuchtertrupps in Berlin, ob es nun Ulli Chrobock war oder Pancho (Francesco Bataller), ein Exilchilene, der typischste Deutsche, den ich je kennengelernt hatte. Er verkörperte alle positiven Charaktereigenschaften, die man Deutschen so gemeinhin zuschreibt, und hatte halt nur ein wenig Schwierigkeiten mit deutschen Redewendungen, die er trotzdem gerne benutzte. So sprach er gerne über den „Normalen Verbraucherotto“, meinte allerdings „Otto Normalverbraucher“.

Bernd Hübner hatte einen Ruf wie Donnerhall, das ging von „arrogantes Arschloch“ bis zu „Leuteschinder“. Allerdings galt er als der beste Oberbeleuchter Berlins. Wenn Hollywood in Berlin drehte, dann wurde Bernd Hübner angefordert. Bernd entpuppte sich als fanatischer Arbeiter, super kompetent in seinem Job, der sein Team im Griff hatte und ein Geschenk war für jeden Kameramann, der eine gut funktionierende Truppe braucht. Er konnte nicht leiden, wenn Leute rumstanden, und wenn er sein Team beim Bummeln erwischte, dann hagelte es Beschimpfungen wie: „Dillgurke!“, „Napfsülze!“ usw. Aber er setzte sich bedingungslos für sein Team ein, wenn es um Gagen ging, um gute Arbeitsbedingungen, faire Behandlung. Alles, was ich über ihn gehört hatte, war üble Nachrede. Der Mann war eine Klasse für sich, kollegial, und es war eine wahre Freude, mit ihm zu arbeiten.

Die ersten Drehs mit Inge waren irgendwo in einem Haus. Sie war kühl und zickte oft rum. Nur Bernd Hübner hatte Inge im Griff. Er pflaumte sie an: „Los, Inge, geh in Deine Position, wir müssen arbeiten!“ – und Inge, der große Star, gehorchte widerspruchslos.

Vor der Kamera war sie natürlich sehr professionell, aber privat wirkte sie sehr kühl und unnahbar. Sie war mir nicht gerade sympathisch, bis wir im Berliner Tierheim drehten. Nach etwa einer Stunde unterbrach sie den Dreh, sie wirkte unkonzentriert. Sie bat um eine kleine Pause, bat uns zu warten und ging. Ich musste zu meinem Kamerawagen, und da sah ich sie in einer Ecke stehen, die Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie das ganze Tierelend in den Zwingern betrachtete. Als sie mich bemerkte, wischte sie sich schnell die Tränen weg, ging in ihre Garderobe, kam mit ihrer Tasche und einem Scheckbuch wieder raus, fragte nach dem Leiter des Tierheims, schrieb einen Scheck aus und drückte diesen dem Leiter des Tierheims in die Hand. An seiner Reaktion sah man, dass es eine größere Summe gewesen sein musste. Aha, die große Inge Meysel spielte auch privat nur eine Rolle, nämlich die der toughen Frau, unnahbar, kühl, dabei war sie anscheinend nahe am Wasser gebaut, nur das wollte sie keinen sehen lassen. Inge wurde mir nun sehr viel sympathischer.

Ein weiterer Darsteller war unser beliebter Sam Hawkins alias Hadschi Halef Omar alias Ralf Wolter.

Wir drehten aber nicht in Neapel, einer der fürchterlichsten Städte, die ich je gesehen habe. Schaut man nach oben: Belle Époque, schaut man geradeaus: sieht man die Dritte Welt Europas – sondern wir drehten in Massa Lubrense, einer Stadt südlich von Neapel und Sorrent, auf halbem Weg nach Amalfi (oder „Emmelfei“, wie die Amis sagen) und Positano. Aufschlussreich an dieser Stadt war der Friedhof, ein Motiv aus Billy Wilders Avanti, Avanti, mit Blick auf Ischia. Für Männer zwischen 30 und 40 schien dies ein gefährlicher Ort zu sein, denn überdurchschnittlich viele Männer dieses Alters lagen auf dem Friedhof. In näherer Umgebung gab es 150 Morde im Jahr zuvor, fast alles Opfer des örtlichen Ablegers der Mafia.

Auch die Produktionsfirma hatte sich das Wohlwollen der ehrenwerten Gesellschaft gekauft. Die Italiener lachten immer, wenn ich meinen Wagen mit der Kameraausrüstung verschloss, und machten mir klar, dass nie, aber auch nie etwas von meiner Ausrüstung gestohlen werden würde, und tatsächlich, keiner von uns wurde hier beklaut, selbst im sturzbetrunkenen Zustand nicht. Der ließ sich leider nicht immer vermeiden, denn Charly, der Produktionsleiter, war kein Kind von Traurigkeit, und wenn er sich wohlfühlte, und das tat er oft, hieß sein Urteil: „Grappa per tutti!“ Das bedeutete ein Wasserglas randvoll mit Grappa für jeden – kein Problem für den trinkfesten Charly, aber für einige aus dem Team, mich eingeschlossen. Er kontrollierte dann auch, ob jeder trank, und war man fertig, dann hallte es wieder wie Donnerhall in den Ohren: „Grappa per tutti!“ Lange hält man das nicht durch.

Bernd Hübner entpuppte sich nicht nur als ausgesprochen kollegialer, sondern auch als extrem tierfreundlicher Mensch, und wir kauften jeden Abend zwei Riesentüten mit Dosenthunfisch al natural. Wir schlenderten dann durch die Stadt und verfütterten den Thunfisch an die ganzen herrenlosen Katzen, Tag für Tag. Er freute sich tierisch darüber, dass die Katzen sehr wohl ganz schnell herausbekamen, wer ihre Gönner waren, und uns schon von Weitem entgegenliefen. Er hätte sie am liebsten alle mit nach Hause genommen.

Eines Abends kamen wir an dem Haus vorbei, in dem die Meysel wohnte, und wer stand auf dem Balkon, splitterfasernackt: die Meysel! Bernd, ein Hüne von einem Mann, plärrte sofort mit seiner sonoren Stimme los: „Inge, Du altes Ferkel, in Deinem Alter, das kann man sich ja nicht ansehen, zieh Dir sofort was über!“ Inge verschwand und zog sich widerspruchslos einen Bademantel über. Aha, es war also was dran an dem Gerücht, sie sei exhibitionistisch veranlagt.

In einer Mittagspause saßen wir in einem Lokal am Hafen, bei uns ein Bayer, der mit seiner Yacht hier gestrandet war und keine Kohle für eine Reparatur hatte. Ein unangenehmer Mensch, ein Großmaul, aber wir waren höflich und ließen ihn prahlen. Da näherte sich eine kleine Katze, die etwas von uns abhaben wollte. Der Bayer trat nach ihr.

Im gleichen Moment wusste er: „Bad idea!“ Bernd lief puterrot an: „Du Schweinehund!“, sagte er. Der Bayer gab sofort Fersengeld, Bernd hinterher. Dummerweise hatte der Bayer als Fluchtweg die Hafenmole gewählt, und die war ja irgendwann mal zu Ende. Er rettete sich mit einem Kopfsprung ins Hafenbecken und ließ sich fortan nicht mehr blicken. Als Bernd zurück war, erhielt die kleine Katze natürlich ihren Thunfisch. Als wir abgedreht hatten, war der ganze Thunfisch in Dosen in der gesamten Stadt ausverkauft.

Eines Abends beschlossen wir, ins beste Lokal der ganzen Gegend zu fahren. Es waren etwa 20 km. Der Laden war piekfein, aber total leer. Die Bedienung brauchte trotzdem 10 Minuten, um überhaupt mal aufzutauchen und verschwand sofort wieder. Ich habe in einem Lokal dieser Güte noch nie so einen schlechten Service erlebt. Das Essen war nicht übel, aber total lieblos zubereitet und leicht versalzen. Als wir uns gerade beschweren wollten, kam ein Triumphschrei aus der Küche. Wir blickten überhaupt nicht mehr durch. Der Chef des Restaurants kam jubelnd zu uns, entschuldigte sich. Neapel mit Maradona hatte gerade ein Europapokalspiel gewonnen. Kein Neapolitaner geht natürlich während eines Spiels seiner Mannschaft ins Restaurant, und kein Koch oder Kellner will von Gästen belästigt werden. Wir hatten keine Ahnung, dass an diesem Tag ein wichtiges Fußballspiel war und waren natürlich Opfer des neapolitanischen Fußballwahns. Jetzt füllte uns der Restaurantbesitzer mit Grappa ab, auf Kosten des Hauses natürlich – ein zumindest halbwegs gelungener Abend – lall.

Am Wochenende hatte Bernd ein Boot gechartert, wir liefen aus Richtung Ischia – innerhalb von fünf Minuten war Bernd seekrank und lag käseweiß mit leichtem Grüneinschlag, ächzend auf dem Deck, weigerte sich aber zurückzufahren, denn er wollte uns den Spaß nicht verderben. Es war ein schöner Nachmittag – nicht gerade für ihn, aber für uns.

Bernd konnte aber auch manchmal ein wenig zickig sein. Als einmal mehrmals hintereinander das Produktions-Walkie-Talkie nicht funktionierte, warf er es in weitem Bogen ins Hafenbecken. Es war sehr putzig mitanzusehen, wie Peter, unser Aufnahmeleiter, bis zum Hals im Wasser stehend versuchte, das Walkie zu finden, was ihm auch gelang. Ich habe keine Ahnung, was die Italiener so über uns gedacht haben.

Bei einem Dreh in Positano parkte Roger unser Tiertrainer seinen Mercedes in einer Tiefgarage, direkt neben einem Rolls. Wir waren keine zweihundert Meter weg, da sagte er, er habe ein komisches Gefühl. Wir gingen zurück – vier Italiener waren gerade im Begriff, das Auto zu klauen, und rannten weg. Später erfuhren wir, dass der Rolls ein Lockvogel war, clever die Jungs.

Das Abschlussfest des Films war der Knaller. Wir hatten ein Restaurant im Hafen gemietet, von da aus waren es etwa 200 Stufen ins Hotel. 

Das Essen war fantastisch, selten so gut gegessen. Alle 10 Minuten hörte man Charly „Grappa per tutti!“ plärren. Ich goss die Blumen mit Grappa, kippte ihn ins Klo, auf die Straße, und konnte noch halbwegs laufen. Bernd fuhr Charly ins Hotel, öffnete die Tür und mit einem Rumms fiel Charly aus dem Geländewagen. Wir trugen ihn (ca. 120 kg) in sein Zimmer.

Am nächsten Morgen war Charly nicht da, aber er war derjenige, der das Hotel bezahlen musste. Wir suchten überall, es regnete. Nach einer halben Stunde kam er die Treppe vom Hafen hochgehechelt, völlig nass. Was war passiert? Er war in der Nacht wach geworden und wollte noch einen Drink nehmen, schleppte sich die 200 Stufen bis zum Hafen runter, doch da war alles geschlossen. Also legte er sich in einen Liegestuhl. Irgendjemand hatte in der Nacht Mitleid und legte eine Decke über ihn. Als die Decke sich mit Wasser vollgesogen hatte, wurde er wach. Leider gab es da 200 Stufen zu meistern, und bergauf war das ziemlich heftig, besonders mit Restalkohol. Charly zog, bei uns angekommen, seine Jacke aus, er hatte das gesamte Geld bei dieser Aktion in seiner Jackentasche gehabt, mehr als 20.000 Mark. Es fehlte kein Pfennig. Manchmal lohnt es sich scheinbar doch, den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt einen kleinen Obolus zu bezahlen.


Die Altstars, die jeder kannte, Brigitte Horney, O.W. Fischer, Maria Schell, Lieselotte Pulver, Hildegard Knef, Horst Frank, Ingrid van Berg...