Donnerstag, 12. März 2026

 Didi Hallervorden und Whopper Punch

Ich sollte Assistenz bei einem Spielfilm machen, er hieß „Whopper Punch – Zimmer 777“. Der Film war ein Kinderfilm, Rudi Kaufmann spielte die Hauptrolle. Das Interessante an diesem Film war mein Material-Assistent. Er war ein ruhiger und humorvoller Bursche, der alles in sich aufsog und nur für das Kino lebte. Er war kompetent in seinem Job und arbeitete nebenher noch als Vorführer in einem Kino. Ich freue mich ganz besonders, dass er das geschafft hat, was mir nie vergönnt war, auch weil ich nicht ehrgeizig genug war (allerdings auch nie rumgeschleimt habe und keine Leichen im Keller habe). Ihm ist es gelungen, wirklich große Filme zu machen. 

Sein Name: Frank Griebe, mit „Lola rennt“ begann seine große und, wie ich hoffe, langandauernde Karriere.




Nun kommen wir zu einem Schauspieler, an dem sich die Geister scheiden. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn, können aber nicht verleugnen, dass er ein Stück deutscher Fernsehgeschichte geschrieben hat und ein begabter Schauspieler ist. Schon in einem seiner frühen Filme: „Der Springteufel“, muss jedem klar gewesen sein, was für ein Talent in ihm schlummert. Unvergessen seine Rolle als Killer in „Das Millionenspiel“. Ich rede von Dieter Hallervorden. Ich habe über einen Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder mit ihm arbeiten dürfen, und wenn ich auch seinen Humor nicht immer mochte, musste ich doch immer anerkennen, dass er ein Superprofi ist, der für seinen Job lebte.

Dieter hat, im Gegensatz zu vielen anderen Komikern, die privat total humorlos sind, wirklich Humor. Das bedeutete, dass er natürlich auch bei den Dreharbeiten seinen Spaß haben wollte. Das hatte zur Folge, dass jeder mal dran war und von Dieter verarscht wurde. Wenn man kontern konnte, war das kein Problem, denn er konnte es sehr wohl ab, wenn man ihn auch durch den Kakao zog. Blöd natürlich für die, die nicht schlagfertig genug waren.

Dieter testete seine neuen Gags im Team, indem er sie beiläufig vorspielte oder erzählte und beobachtete genau, wie wir darauf reagierten. Auch wenn irgendein Teammitglied einen Gag machte oder einen Witz erzählte, war Dieter sofort hellhörig und ließ sich den Witz nochmal erzählen, wenn er ihn verpasst hatte. Ein Profi halt, der alles aufsaugte, was für ihn verwendbar war.

Natürlich spielte in fast allen Filmen, die ich mit ihm gemacht habe, Rotraut Schindler mit, seine Ex-Frau, mit der ihn eine Art Hassliebe verband. Die beiden warfen sich humorvoll allerlei an den Kopf, wobei ich mir sicher bin, dass nicht wirklich alles humorvoll gemeint war, sondern dass sie einen kleinen posthumen Ehekrieg vor allen Leuten ausfochten, und keiner hat davon was mitgekriegt. Nur Natalie, die Tochter der beiden, die auch mitspielte, dürfte genau gewusst haben, was Ernst und was Spaß war.

Privat verkehrte er oft, auch mit Teammitgliedern, in Kneipen am Stuttgarter Platz in Berlin, das ist so eine Art Mini-Rotlichtviertel. Morgens kam er dann unrasiert an, roch nach Alkohol, war angetrunken und gut drauf, und hatte natürlich seinen Text nicht gelernt. Aber kein Problem für Dieter! Hallervorden hat eine Art fotografisches Gedächtnis, das heißt, während er sich anzog und geschminkt wurde, schaute er kurz über den Text, und schon hatte er ihn drauf. Jetzt gibt es natürlich ein Problem: War das alles echt, mit dem angetrunken sein, oder war es gespielt? Ich muss zugeben, obwohl ich Jahre mit ihm gedreht habe, weiß ich es bis heute nicht, denn dafür ist Dieter ein zu guter Schauspieler, auch wenn das nun viele Leute nicht glauben.

Was mich immer ein wenig nervte, waren die ganzen Schmeißfliegen oder sogenannten Freunde, die ihn umschwirrten, Typen, die sich bei ihm anbiederten, weil sie durch ihn auf eine Karriere hofften, Typen, die mit ihm durch die Kneipen zogen. Die waren natürlich bevorzugtes Opfer seiner Scherze, dennoch hat Dieter einigen von ihnen zu einem Karrieresprung verholfen. Manche von ihnen gingen subtiler vor, zum Beispiel ein Typ namens Thomas, der sich am geschicktesten dabei anstellte und später Karriere als Regisseur machte.

Hallervorden respektierte mich, und ich glaube, er mochte mich auch, denn er lud mich über die Jahre immer wieder ein, doch einmal mitzukommen, bei seinen Ausflügen durch das Berliner Nachtleben. Ich habe es nie getan, obwohl es vom Stuttgarter Platz nur 500 Meter nach Hause waren, das hätte ich auch auf allen Vieren geschafft. Er war darüber nicht sauer und respektierte meine, mit der Zeit doch fadenscheinigen Ausreden. „Ich wäre gerne mal mitgegangen, lieber Dieter, denn ich konnte Dich gut leiden, war ein großer Fan Deiner Spontanität, Deines Talentes, doch nicht zusammen mit den Schleimern, sorry, und von denen war immer einer dabei.“ Ich arbeitete gerne mit Hallervorden zusammen, mochte ihn und seinen Humor, hatte viel Spaß und habe auch viel von ihm gelernt. Er hat nie erfahren, dass gerade sein Metier, nämlich humorvolle Sketche und Stücke, genau das war, was ich immer machen wollte, dass ich vor Ideen sprühte und ihm am liebsten die einmal mitgeteilt hätte. Ich tat es nie, weil in jeder freien Minute immer so ein „DieterhierDieterda-Mensch“ um ihn rumwuselte.


Der „30. Urenkel Karls des Großen“ und der „Skilehrer-Charmeur“

Regie führte meistens Ralf Gregan, dessen Sohn auch als Aufnahmeleiter dabei war. Ralf war ein netter Kerl, kannte Hallervorden schon ewig lange, war zwar ein guter Regisseur, aber ohne ein besonderes Faible für Komödien, wie komischerweise fast alle Regisseure, die mit Hallervorden drehten.

Dann gab es auch noch andere Regisseure wie zum Beispiel Stefan Lukschy, der von sich behauptete, er sei der 30. Urenkel von Karl dem Großen. Stefan war nicht schlecht als Regisseur, aber er war ein kleiner Snob, der sich stundenlang mit Jörg Seidl, dem Kameramann, über die richtige Schuhcreme für braune Schuhe unterhalten konnte, denn für ihn gab es nur John Lobb Number 5, die er sich aus England einfliegen ließ. Dennoch war Stefan auch ein ganz netter Kerl, aber halt auch ein Snob. Das ging Hallervorden total auf den Keks, denn Dieter war ein recht einfacher Mensch (im positiven Sinne), ohne große Allüren, außer der Produktion gegenüber, der sich relativ schnell mit jedem anfreundete und nicht den Star raushängen ließ.

Die beiden gerieten fast täglich aneinander, und es eskalierte soweit, dass Hallervorden ihm sagte, er solle erstmal seinen Job richtig lernen, worauf sich Stefan unglücklicherweise auf einen Glastisch in der Dekoration setzte, dessen Scheibe prompt brach.

Jörg Seidl, der Kameramann von Stefan Lukschy, war Österreicher, ein richtiger Charmeur. Mit seinem Charme und Wiener Schmäh lief er aber bei Rotraud Schindler, einer waschechten Berliner Pflanze, völlig auf, die ihm dann immer, wenn er mal wieder den Charmeur raushängen ließ, nur spöttisch entgegnete: „Sie mit Ihrem Skilehrer-Charme.“

Das Team dort war eine einzige große Familie, wir hatten schon ganz viele Filme zusammen gemacht, waren alle per Du miteinander, auch mit Dieter Hallervorden. Natürlich war Hallervorden auch ein knallharter Geschäftsmann, der seine Interessen gegenüber der Produktionsfirma beinhart und nicht immer auf die feinste Art durchsetzte, aber er war halt auch der Star, der das Geld und den Sendeplatz brachte.


Die Live-Aufzeichnungs-Katastrophe: Der „Nerd“, die Panik-Assistentinnen und der Filmrest

Einmal drehten wir ein Theaterstück („The Nerd – Die Laus im Pelz“) live mit drei Kameras – mit Hallervorden in der Hauptrolle. Leider ging das total in die Hose. Rolf von Sydow war der Regisseur, ein guter Mann, ohne Zweifel, aber der Falsche für eine Aufzeichnung mit drei Kameras, wo man ganz anders vorgehen muss als bei einem Fernsehfilm, wie ich mittlerweile aus eigener Erfahrung als Studioregisseur weiß. Der zweite Fehler war, dass die Regie-Assistentin und das Continuity Girl, die das auch noch nie gemacht hatten, keine Ahnung von den völlig anderen Bedingungen hatten.

Ich machte eine der Kameras und hatte die Materialeinteilung geplant. Da wir auf 16 mm mit Videoausspiegelung drehten, gab es ein Problem: Eine Rolle Film hält genau 11 Minuten und 38 Sekunden. Das heißt, wenn alle Kameras gleichzeitig eingeschaltet werden, sind auch alle Kassetten gleichzeitig durch, und neue Kassetten müssen an die Kameras angedockt werden. Das geht aber nicht bei einer Liveaufzeichnung, denn dann fehlen die 20 Sekunden, die man braucht, um neue Kassetten anzudocken.

Ich hatte also das Drehbuch durchgelesen und hatte Punkte festgelegt, an denen jeweils nur eine Kamera neuen Film einlegt, und zwar an Stellen, an denen sie definitiv nicht gebraucht wird, weil andere Kameras im Einsatz sind und die benötigten Bilder liefern können. Wir hatten 36 Rollen Film, also 132 Minuten für jede Kamera, mehr als genug bei einem Stück von 90 Minuten, und wir hatten 18 Kassetten für die Kameras. Der Material-Assistent musste also in 90 Minuten maximal 18 Kassetten mit neuem Film bestücken, wenn alles wie geplant läuft, sogar nur 9, die restlichen Rollen waren Reserve, normalerweise kein Problem. Ich hatte ihn angewiesen, die Restfilme einfach wegzuwerfen, das waren nach meinen Berechnungen zwischen 5 und 20 Meter Film pro Kassette, solch kurzen Reste benutzt kein Mensch mehr.

Nach neuneinhalb Minuten sollte die erste Kamera den Film wechseln. Etwa nach 10 Minuten die zweite, etwa zehneinhalb bis 11 Minuten, jeweils die dritte usw. Da konnte einfach nichts schief gehen. Wir fingen an. Nach dem ersten Kassettenwechsel wurde es plötzlich hektisch in der Regie. Rolf rief verzweifelt nach einer Kamera, die er brauchte, aber die gerade neu einlegte. Das konnte eigentlich nicht sein – waren die zu langsam oder was war passiert? – Eine andere Kamera versuchte, den Schuss zu bekommen, das wurde natürlich unsauber, denn diese Kamera hätte eigentlich etwas anderes machen sollen. Jetzt kam alles durcheinander. Wie konnte das passieren, es war alles so gut geplant! Die Laufzeiten der Kassetten kamen mir auch unheimlich kurz vor, das waren nie im Leben 10 Minuten.

Ich konnte nur nicht eingreifen oder irgendetwas kontrollieren, denn ich stand ja an der Kamera und musste Bilder abliefern, und bei jedem Kassettenwechsel hatte ich nur 20 Sekunden, also auch keine Zeit, um irgendwas zu klären. Wir mussten 15 Minuten vor Ende des Stückes abbrechen, der Material-Assistent war kurz vor dem Infarkt, denn er schaffte es nicht, die Kassetten einzulegen, und das Material war alle. Unmöglich, warum? Neun Kassetten in 90 Minuten, das musste er schaffen. Alle Assistenten halfen ihm nun in der Dunkelkammer, neuen Film einzulegen, wir drehten auf 40 bis 50 Meter Resten weiter, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen.

Die ersten Reste in dieser Länge hatte er weggeworfen, wie ich ihm gesagt hatte, nur sollten die Reste maximal 20 Meter lang sein, nicht 50. Wir schafften es gerade noch so, das Stück mit dem Restmaterial aufzuzeichnen. Das Ergebnis war eine Katastrophe, die Kameras nicht im richtigen Moment an der richtigen Stelle, unruhige Bilder – dabei war alles so gut geplant und es standen drei Profis an den Kameras.


Die „Hühner“ der Regie-Assistenz und der unwillige Aschenbecher

Ich brauchte einen vollen Tag, um zu verstehen, was passiert war, denn das hätte nicht passieren dürfen. Die Schuldigen waren die Mädels von der Regie-Assistenz und Continuity. In Panik und völlig überfordert, weil sie dachten, dass es passieren könne, dass plötzlich eine Kamera ohne Material dasteht, hatten sie eigenmächtig den Kameras an den falschen Stellen das Kommando zum Kassettenwechsel gegeben, teilweise schon nach 5 oder 6 Minuten, und hatten meine fest geplanten und geprobten Zeitpunkte zum Umlegen einfach ignoriert, ohne es irgendjemandem zu sagen oder mich zu fragen, ob das möglich sei. Und dies, obwohl die Proben wundervoll gelaufen waren und es gar keinen Grund gab, irgendetwas zu ändern. Da sie auch die Auflösung der Szenen nicht perfekt im Kopf hatten oder überblicken konnten, führte das dazu, dass die Kamera, die umlegte, manchmal gerade gebraucht wurde, jetzt musste eine andere Kamera aushelfen, um den Schnitt aus weitaus ungünstigerer Position zu bekommen, die aber dann teilweise nicht für ihre eigentliche Einstellung frei war. Dadurch kam alles durcheinander, und das Chaos begann. Der Material-Assistent warf am Anfang die Reste weg, die nun teilweise 50 Meter lang statt 10 waren und hatte nach 25 Minuten, statt 6 Kassetten zum Umlegen, plötzlich das Doppelte dort stehen.

Total in Panik machte er trotzdem einen guten Job, legte schnell um, und bemerkte auch, dass irgendwas nicht stimmen konnte, deshalb warf er die langen Reste clevererweise nicht mehr weg, denn ich hatte ja von maximal 20 Metern geredet, sondern packte sie zurück in die Filmdosen, was uns später rettete. Natürlich brauchte er dafür doppelt so lange, und irgendwann kam er nicht mehr hinterher, und wir mussten abbrechen. Da keiner mitbekommen hatte, dass die „Hühner“ von der Regie-Assistenz am Chaos schuld waren, auch ich nicht, dachten wir zuerst, irgendjemand habe Filmmaterial aus der Dunkelkammer geklaut, deshalb habe es Probleme gegeben.

Bis mir das Continuity Girl am nächsten Tag sagte: „Du, wir haben übrigens aus Sicherheitsgründen früher die Kassetten wechseln lassen, das war uns zu riskant, was Du geplant hattest, guck mal – hier haben wir nach 6 Minuten gewechselt, da nach 7 Minuten“ usw. Ich fiel fast tot um. Wir hatten das Wechseln an den von mir vorgegebenen Stellen sogar mehrmals ohne Filmmaterial geprobt, bei unseren Durchlaufproben, und es hatte immer reibungslos geklappt. Der ganze Ablauf, die ganze Auflösung der Aufzeichnung, war auf diese Punkte ausgerichtet. Da war nichts riskant, man musste nur wie geplant seinen Job machen und sonst nichts.

Sie hatte immer noch nicht kapiert, dass sie mit der eigenmächtigen Änderung das Chaos verursacht hatten und eine perfekte Ablaufplanung, die eigentlich absolut pannensicher war, in eine Katastrophe verwandelt hatten, weil nichts, aber auch nichts mehr kameraseitig so ablaufen konnte, wie es tagelang geprobt war. Auch als ich ihr wütend klarmachte, was sie angestellt hatte, verstand sie nur Bahnhof. Sie hatte eben keine Ahnung von ihrem Job, es war erst ihr zweiter oder dritter Film, aber sie sah gut aus, das hilft wahrscheinlich karrieremäßig weiter.

Was tun? Sie bei der Produktion anschwärzen? Vielleicht verlangte die Schadensersatz, und die Mädels waren ruiniert. Ich beschloss schweren Herzens, bei der Version mit dem gestohlenen Material zu bleiben.


Keine Kommentare:

  Der letzte Raucher Es war November und schweinekalt, regnerisch, superschlechte Luft. Ich musste zum Steuerberater und stand an der Busha...