Sundance-Abenteuer und unerwartete Begegnungen
Kaum zurück, musste ich gleich wieder in die USA, und zwar nach Salt Lake City. Es war Januar, und ich hatte eine Einladung für meinen Kurzfilm zum United States Sundance Film Festival erhalten. „Der letzte Raucher“ war der erste deutsche Film, der dort je gezeigt wurde – fand ich klasse. Das Festival findet in Park City statt, wo auch Robert Redfords Sundance Institute ist. Park City ist allerdings nur ein kleiner Wintersportort mit relativ wenigen, aber teuren Hotelzimmern, weshalb ich in Salt Lake City untergebracht war, etwa 70 km entfernt.
Ich nutzte den Tag vor Beginn des Festivals und kaufte mir in den Pawnshops der Gegend erstmal zwei Gitarren. Eine Gibson Flying V von 1978 und eine Gibson Les Paul Artist von 1980. Bei der letzten Reise hatte ich mir in San Diego eine Gibson SG gekauft, mit einem Autogramm von Mark Farner, dem Gitarristen von Grand Funk Railroad darauf Nun hatte ich schon vier Gitarren und ein Problem, denn ich konnte gar nicht spielen. Nicht einen Akkord, nur ein wenig Leadgitarre nach Gehör. Das konnte ich dank der Erbmasse meines Vaters, der etwa zehn Instrumente spielen konnte. Als Sechzehnjähriger war ich zwar Leadsänger in einer Band gewesen, aber relativ erfolglos, weil wir vorwiegend eigene Songs spielten, die gar nicht mal schlecht waren, aber die Leute wollten eben Hits hören.
Ich fuhr jeden Tag nach Park City zum Festival und nachts wieder zurück. Was mich am meisten beeindruckte, war, dass sie wegen meines kleinen, kurzen Films immerhin eine deutsche Fahne aufgestellt hatten.
Die Premiere war auch ein großer Erfolg, und wirklich ohne Scheiß, ich erhielt fünf Angebote, Regie bei einem Spielfilm zu führen, was mich im Nachhinein fast ruinierte, denn ich musste unzählige Male für irgendwelche Besprechungen auf eigene Kosten in die USA fliegen, und kein Film kam zustande. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir eine Wohnung genommen und wäre dort geblieben. Das System bei den Independents ist viel anders als in Deutschland. Der Produzent hat ein Drehbuch, Zusagen von Schauspielern und einen Stab von Mitarbeitern, die zugesagt haben – aber keinen Pfennig Geld. Mit diesem Drehbuch und den Zusagen versucht er, Kohle aufzutreiben, was halt etwas dauern kann. Ich hatte einfach Pech. Mit etwas Glück und gelungener Finanzierung eines dieser Projekte hätte ich problemlos eine Hollywood-Karriere starten können. Schade eigentlich.
Tagsüber war tote Hose, weil alle Besucher Ski fuhren. Gegen fünf ging dann das Festival, übrigens das renommierteste Filmfestival der Welt, los. Abends gab es immer Empfänge, gesponsert von den Major Companies, die nach Talenten suchten. Danach ging es in die Kneipe. Eines Abends, wir saßen mit fünf Leuten an einem größeren Tisch in einer ansonsten vollbesetzten Kneipe und diskutierten, tauchten zwei Männer auf und fragten ganz bescheiden, ob sie sich dazusetzen könnten. Unser Gespräch erstarb augenblicklich, und es gelang uns gerade mal ein „Of course“ herauszustottern. Die beiden Männer setzten sich zu uns, und wir hatten erhebliche Mühe, unser Gespräch wieder in Gang zu bringen, zu groß war unsere Ehrfurcht. Die beiden waren gekleidet wie der Durchschnittsamerikaner in dieser Gegend, waren bescheidene, angenehme Gesprächspartner, zeigten keinerlei Starallüren. Doch sie hatten markante Gesichter, die wohl jeder auf der Welt kannte: Dirty Harry und Sundance Kid saßen uns gegenüber.
Es war einer der Höhepunkte meines Lebens, mit Robert Redford und Clint Eastwood an einem Tisch sitzen zu dürfen und zu diskutieren, mit zwei meiner absoluten Idole und Vorbilder. Gerade Clint Eastwood gehört heute sicher zu den besten und anspruchsvollsten Regisseuren der Welt. Ich war damals ökologisch sehr engagiert und hatte die Idee, dass es etwas bringen könnte, wenn Stars wie die beiden in Dokus auf ökologische Gefahren an besonders gefährdeten Brennpunkten hinweisen könnten.
Redford zeigte Interesse und gab mir seine Adresse. Ich fiel fast vom Stuhl, so nervös war ich. Es war eine Sundance-Adresse, und er erzählte mir, dort lande die Post, die direkt für ihn bestimmt war, ohne dass das Management sie vorher kontrollierte. Die Adresse war R.R. No.1; den restlichen Adresszusatz lasse ich hier weg, damit nicht jeder auf die Idee kommt, Robert direkt zu schreiben. In Deutschland erlebte ich dann eine herbe Enttäuschung, als ich eine solche Öko-Serie anbot und mir alle in den TV-Anstalten sagten: „Redford, der ist zu alt.“ Ein klarer Fall von Altersdiskriminierung im Mediengeschäft.
Es war jedenfalls ein interessanter Abend, den ich sicher nie vergessen werde. Das Wetter war die ganze Zeit sonnig gewesen, natürlich lag Schnee, aber als ich am letzten Abend in Park City nach etwa zwei Stunden bei einem Empfang von Paramount auf die Straße ging, um Luft zu schnappen, traf mich fast der Schlag. Ein halber Meter Neuschnee! Alle Autos waren unter einer dichten Schneedecke verschwunden. Es war 21 Uhr, mein Flieger ging um 6 Uhr früh, es waren noch 70 Kilometer nach Salt Lake City, und ich war mitten in den Bergen.
Ich verabschiedete mich schnell und suchte mein Auto, was nicht einfach war, denn unter einer Schneedecke sehen alle Autos gleich aus. Das siebte oder achte Auto, das ich freilegte, war dann mein Allrad-Subaru, und ich machte mich auf den Weg zur Autobahn. Eine halbmeterhohe Schneeverwehung auf der Straße kostete mich eine weitere Stunde; ich kam nicht durch, musste erst warten, bis Trucks die Verwehung plattgefahren hatten. Auf der Autobahn war die Hölle los: querstehende Autos ohne Allradantrieb, bergab rutschende Trucks. Ich brauchte Stunden, um voranzukommen. Erst kurz vor Salt Lake City hörte das Chaos auf. Um 10 vor fünf erreichte ich mein Hotel, warf alles in den Kofferraum und hetzte zum Flughafen. Mit Ach und Krach schaffte ich meinen Flieger. Bei der Zwischenlandung in Denver, ein Schneesturm, drei Stunden unplanmäßiger Aufenthalt, doch der Anschlussflug ab New York hatte ebenfalls Verspätung, das war mein Glück. In Berlin angekommen stellte ich fest, dass die Flying V den Transport nicht unbeschadet überstanden hatte: Halsbruch. Aber TWA bezahlte die Reparatur.
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