Der sexte Sinn und das Haus in Asien. Hans rief mich an – er hatte seinen ersten Film als Kameramann, ich sollte Assistent machen. Es war ein Kurzfilm, Low Budget, „42nd Street“ hieß er. Christoph E. spielte die Hauptrolle, produzierte und führte Regie. Wir arbeiteten auf Gagenrückstellung, das heißt: Wenn der Film Geld einspielt, gibt’s was, ansonsten hat man umsonst geschuftet. Ein bisschen wie Lotto, nur mit mehr Kamera.
Hans war richtig gut, hat viel Spaß gemacht. Nachdem wir einige Monate keinen müden Cent gesehen hatten, las ich plötzlich in der Zeitung, dass der Film eine Förderung bekommen hatte – eine relativ hohe Summe für einen Kurzfilm. Wunderbar, dachte ich, endlich gibt es Geld! Ich rief bei Christoph an und erfuhr, dass er nach Asien gefahren war, um sich dort ein Haus zu kaufen. Nun ratet mal, von welchem Geld wahrscheinlich? Ich habe nie eine müde Mark gesehen, und ins Haus wurde ich auch nicht eingeladen. Habe aber dadurch gelernt, wie man zu was kommt – leider aber nicht persönlich angewendet. Wenn der Tsunami auch nur einen Funken Anstand gehabt hätte, dann hätte er dieses Haus dem Erdboden gleichgemacht.
Hans hatte gleich den nächsten Film. „Der sexte Sinn“ sollte er heißen, Regie Lothar Lambert. Lambert, war das nicht der Schwulenfilmer? Ja, er war es, und was war das für ein Typ! Als Regisseur nun nicht übermäßig talentiert, aber als Mensch war Lothar klasse. Ich hatte ihn mir als total abgefahrenen Typen vorgestellt, da ich seine Filme kannte, aber Lothar war sehr bürgerlich, hatte gute Umgangsformen, ein angenehmes Wesen, und er beutete seine Darsteller nicht aus, die ganzen Loser oder gescheiterten Existenzen, die in seinen Filmen mitspielten. Er machte sich nicht lustig über sie, sondern nahm sie ernst. Sie verkörperten wahrscheinlich alle Freiheiten, die er nicht wagte, für sich einzufordern, dazu war er zu konservativ. Er lebte diese Freiheiten in seinen Filmen aus. Dagmar Beiersdorf war auch dabei, ebenfalls eine, sagen wir mal, Undergroundfilmerin aus Berlin, auch sie sehr angenehm, sehr bürgerlich, trotz ihrer Filme, die das Gegenteil zeigten. Beide lebten unauffällig, absolut gesetzestreue Bürger, ohne Eskapaden. Lothar schrieb damals, glaube ich, die Filmkritiken für die BZ, eine Zeitung in Berlin.
Der Zirkusdirektor der aus Scheiße Gold machen konnte. Der Produzent war Albert H. Er hatte im Osten einen kleinen Wanderzirkus gehabt, der Tiere an Fernsehproduktionen vermietete, war rübergemacht, und da im Westen damals alle Ossis hofiert wurden, hatte er sich als Schauspieler ausgegeben, was keiner nachprüfte. Ich kannte ihn schon, er war der Schrecken aller Regisseure, „unbegabt“ ist gar kein Ausdruck, er war einfach unfähig und konnte keinen Satz fehlerfrei und irgendwie der Dramaturgie entsprechend aufsagen, bekam aber permanent kleine Rollen, da er nicht viel kostete.
Als Produzent war er, sagen wir mal bodenlos untertrieben, ein Schlitzohr. Es gelang ihm immer wieder, was Alchemisten schon seit dem frühen Mittelalter versucht, aber nie geschafft hatten: nämlich aus Scheiße Gold zu machen. So auch mit diesem Film. Schätzungsweise hatte der Film einen Etat von 1,2 Millionen DM. So wie der Film produziert wurde, blieben bestimmt 600.000 DM für ihn übrig, statt der 7 %, die ihm zustanden. Er war aber kein unangenehmer Typ. Sein Produktionsbüro war personalmäßig immer entweder halbseiden besetzt oder verrückt. In diesem Fall verrückt. Die Produktionsleiterin ging einige Jahre später zum Corbusierhaus (ein Hochhaus in Berlin), in dem sie mal gewohnt hatte, klingelte an der Wohnungstür ihrer früheren Wohnung im 6. Stock, fragte freundlich, ob sie sich mal umsehen dürfe, ging zum Balkon und sprang – und war sofort mausetot. Ein tragisches Ende für eine, nun ja, verrückte Zeit.
Der Dreh in Berlin verlief ohne Probleme, doch einige Tage sollten in Italien gedreht werden, im Haus des Schauspielers von Ingolf George, in der Nähe von Genua. Hans, ich, Alberts unbegabte Tochter, die Tonleute und Nicky, die Maskenbildnerin (Tochter von Sindermann, dem Volkskammerpräsidenten der DDR), sollten mit dem Auto hinfahren.
Fast alle waren schon unterwegs, als unser Leihwagen eintraf, ein uralter Ford Transit, höchstens noch für eine Fahrt zum Bosporus geeignet, Spitze sicher 80 km/h, nach Genua 1200 km. Wir tankten voll, als wir anhielten, um Getränke zu kaufen, war der Tank schon fast wieder leer (nach 10 km). Des Rätsels Lösung: ein fingerdickes Loch im Tank, aus dem in einem ebenfalls fingerdicken Strahl der Sprit auslief, wie wir rauchenderweise feststellten. Etwa 8 Liter blieben allerdings immer drin.
Zurück zur Leihwagenfirma. Ein Anruf im Produktionsbüro ergab, dass wir nur dort einen Wagen leihen konnten, mangels Kohle – angeblich. Es gab nur einen VW-Bus, einen wirtschaftlichen Totalschaden, dem war ein anderes Auto voll in die Schiebetür gefahren. Die ließ sich zwar noch schließen, aber der Rahmen war verzogen, wie wir in Italien feststellten, als wir zum ersten Mal neue Reifen kaufen mussten, mangels Profil auf einer Seite.
Wir fuhren also mit etwa fünf Stunden Verspätung los, und um keine Zeit zu verlieren, sagten wir den Mädels im Wagen gleich, dass nur alle fünf Stunden gepinkelt wird, was sie sehr entsetzte. Ich musste als Erster, sagte aber nichts, sondern behauptete stur, meine Zigaretten seien ausgegangen. Wohnen sollten wir im Haus des Schauspielers, das sei groß und alles sei perfekt vorbereitet, hatte Albert erzählt.
Leider vergaß Alberts Tochter in einer Autobahnraststätte in Italien ihre Handtasche und bemerkte es erst nach einer Stunde. Also wieder zurück – völliger Schwachsinn in einem Land, in dem das Verbrechen erfunden wurde, wie mein Freund Michael Marszalek immer wieder behauptete. Na ja, die Tasche, okay, ich bleib ehrlich, sie war noch da, nichts fehlte, aber wir hatten über zwei Stunden verloren.
Um halb drei nachts, nach vier Packungen Marlboro (Hans und ich), kamen wir an, fanden das Haus natürlich nicht und riefen dort an. Natürlich war nichts vorbereitet, das Haus lag in den Bergen, es war saukalt (Mai!), es gab weder Decken noch Schlafplätze, deshalb fuhren wir wieder in die kleine Stadt und schliefen noch einige Stunden auf Parkbänken, dann suchten wir uns ein billiges Hotel. Albert bekam fast einen Infarkt, als erfuhr, dass er für uns ein Hotel bezahlen sollte. Er japste nach Luft und lief rot an, das Haus sei doch schön und wir seien verwöhnte Schnösel, sagte er, aber bezahlte. Ich gehe mal davon aus, dass pro Kopf 150 DM Übernachtung in der Kalkulation für den Sender gestanden haben dürfte. Wir waren für 35 abgestiegen. Ansonsten hatten Hans und ich viel Spaß bei der Produktion, bei den ganzen Dilettanten vor der Kamera, die wir, leider nicht so feinfühlig wie zum Beispiel Lothar, permanent verarschten, zu absurd war das Ganze, natürlich ließen wir Lothar und Albert auch nicht aus.
Die Rückreise kostete einen zweiten Satz Reifen, aber wir überlebten, und Albert kaufte sich ein weiteres Mietshaus in bester Lage, als der Sender bezahlte.
Ein Jahr später heulte mir Albert was vor: Er habe wieder mit Lothar eine sündhaft teure Produktion, eine Komödie über das Leichenbestatterwesen, dummerweise spiele ein Teil in Petra/Jordanien, und das sei teuer. Youssef, ein netter Studienkollege von mir, war mit dem jordanischen Königshaus versippt und verschwägert und versprach zu helfen. Albert war erleichtert. Er versprach mir den Kamerajob. Youssef besorgte Drehgenehmigungen, Kameraausrüstung, ein Team – alles mehr oder weniger umsonst. Aus Dank bezahlte Albert Youssef nicht dafür und gab meinen Kamerajob an einen Türken, der noch nicht mal eine Arbeitserlaubnis hatte, der aber Albert beim nächsten Film in der Türkei mit Kontakten helfen sollte.
Ich ging zum Arbeitsgericht. Mit einer Unverfrorenheit behauptete Albert, unterstützt mit einem Schreiben des NDR, der Redakteure T.K. und E.S., selbst der Programmdirektor Rolf Seelmann-Eggebert hatte unterschrieben, dass der Türke besser gewählt wurde, da er als Moslem dem deutschen Leichenbestatterwesen unbefangener gegenüber stehe und damit besser geeignet sei, als ich. Ich war Mitglied beim BVK, dem Berufsverband der Kameramänner. Dort ging ein Schreiben vom NDR ein, in dem behauptet wurde, ich hätte mich als Unbekannter in die Produktion eingeschlichen, sozusagen, niemand hätte mich gekannt und hätte mich als Kameramann ausgegeben, aus Mitleid hätte Albert mir den Job angeboten, aber als er erfuhr, dass ich zu wenig Erfahrung habe, sei ihm das Risiko zu groß gewesen. Der BVK solle doch mal überprüfen, ob ich als Hochstapler aus diesem Grund überhaupt als Mitglied tragbar sei. (Die Kopien dieser Briefe habe ich noch.)
Lieber Herr RSE, Sie sind jetzt auf Rente und haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren: Sie haben damals wahrscheinlich einen mutmaßlichen Betrüger gedeckt, der den NDR vermutlich viel Geld gekostet hat, und einen Redakteur, der den Spitznamen „Mister 10 %“ hatte. Raten Sie mal, warum man zu einem solchen Namen kommt? Schauen Sie sich mal den netten Film an, der im NDR lief und der Albert und Ihren Redakteur beim Pferdewetten an der Côte d’Azur zeigt (wie dreist von einem Zocker!), oder auch das leicht faschistoide Machwerk, das Albert dann in Costa Rica drehte, mit dem unsäglichen Edwin M. als Regisseur. Damals haben Sie auch noch eine Dokumentation auf einem Bananendampfer an Albert bezahlt (nicht persönlich), damit hat Albert auch noch an den Reisekosten doppelt verdient und ihr Redakteur auch. Vor dem Arbeitsgericht war Albert zum ersten Mal gut als Schauspieler, er zog alle Register, sagte, ich wolle ihn ruinieren. Barbara Salesch wäre vor Neid erblasst und hätte man es aufgezeichnet wäre es eine Sternstunde deutscher Comedy gewesen. Es war ein unterhaltsamer Prozess, alle hatten viel zu lachen, denn wir waren weiterhin per Du. Albert gab die Drama-Queen warf sich heulend auf den Boden, sagte „Ich bin ruiniert, wenn Du gewinnst!“ Ich antwortete nur: „Mach dich nicht lächerlich und zieh nicht so ’ne Show ab.“
Der Richter fand das hochinteressant, denn Albert hatte ja behauptet, er habe mich erst gar nicht gekannt, er hatte nicht geleugnet, mir den Job angeboten zu haben. Dummerweise konnte ich auch noch mit einem Vertrag belegen, dass Albert mich schon zwei Jahre lang kennen musste (der Vertrag vom „sexten Sinn“). „Ihr Verhältnis scheint ja nicht so schlecht gewesen zu sein, wenn Sie immer noch per Du sind, sich mit dem Vornamen anreden, obwohl Sie vor Gericht stehen“, sagte der Richter, „das sieht mir nicht danach aus, als ob sie sich nur flüchtig kennen.“ Er verknackte Albert dazu, meine Gage zu zahlen. Albert, immer noch heulend mit einem knallroten Kopf, wurde sofort ganz ruhig und sagte nur: „Das geht ja noch“, er hatte anscheinend mit Schlimmerem gerechnet. Sein Winkeladvokat hatte während der ganzen Verhandlung nicht ein Wort gesagt
Das Einzige, worüber ich mich heute ärgere, ist, dass ich damals nicht den Spiegel (Magazin) auf Albert und Mr. 10 % angesetzt habe, die hätten ihnen das Handwerk gelegt. Denn diese Verbrecher wollten durch den Brief an den BVK meine Existenz vernichten; wenn ich dort rausgeflogen wäre, hätte ich umschulen können. Falls jetzt einer der Betroffenen auf die Idee kommt, mich wegen Verleumdung verklagen zu wollen: Viel Spaß dabei, ich habe noch alle Briefe!
Natürlich war das nicht das letzte Erlebnis der besonderen Art mit dem netten Sender im Norden. 1988 hatte ich einen Kurzfilm von mir im internationalen Wettbewerb der Filmfestspiele Berlin, der lief dann auch auf dem No Budget Festival in Hamburg. Ich war hocherfreut, als mich ein Redakteur vom NDR anrief, der meinen Film haben wollte. Er erzählte mir, dass seine Freundin einen Film über das Festival produziere, in dem die besten Filme vertreten sein sollten. Er bot mir 150 Mark und verlangte dafür die Rechte an meinem Film für 15 Jahre. Ich musste lachen und sagte ihm, dass dies nicht gehe, da ich den Film von meinem eigenem Geld produziert hätte und natürlich meine Produktionskosten erstmal reinbekommen wolle, was nicht gehe, wenn er die Rechte erhalte. Er sagte mir offen und ganz unverblümt: „Wenn Sie jemals wieder für den NDR arbeiten wollen, rate ich Ihnen, mein Angebot anzunehmen.“ Ich legte auf. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber das war, glaube ich, derjenige, der erst vor Kurzem bei einer großen Münchner Firma rausgeflogen ist, weil er sich für Schleichwerbung in Filmen bezahlen hat lassen.
Anfang der Neunziger reichte ich ein Konzept über Kinder aus Namibia, die in der DDR aufgewachsen sind, beim NDR ein (wegen Meck-Vorpolen), erhielt eine Absage – und kurz darauf einen Anruf von einer Produktion, die davor stand, diesen Auftrag mit meinem Konzept zu bekommen und so dreist war, mich nach Informationen über das Thema befragen zu wollen, weil ich ja als Spezialist für das Thema gelte. Meine Telefonnummer hatten sie von dem Redakteur, bei dem ich das Konzept eingereicht hatte. Ein wirklich netter, sehr integrer Sender…
Der Unhold, me too unloaded: Ein Raubvogel von Regisseur und die „Besetzungscouch 2.0“
Vor wenigen Jahren hätte ich seinen Namen nicht nennen können, denn er würde sofort klagen und versuchen, mich zu vernichten. Aber alles, was ich über ihn schreibe, entspricht der Wahrheit. Ich habe es entweder selbst erlebt oder aus absolut verlässlichen Quellen. Er war mächtig und nutzte seine Macht aus wie kein anderer. Selbst die Metoo Kampagne überstand er fast unbeschadet trotz erdrückender Anschuldigungen.
Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der mir auf Anhieb so unsympathisch war. Stechende, kalte, blaue Augen, wie ein Raubvogel mustert er lauernd seine Umgebung. Man glaubt nur zwei Gefühlsregungen darin erkennen zu können: Desinteresse und Verachtung. Er verachtet die Menschen, behandelt sie wie den letzten Dreck – wenn die Definition eines Alpha-Tieres oder Leitwolfs seine Berechtigung hat, dann bei ihm. Was sich ihm nicht bedingungslos unterwirft, wird vernichtet. Sein Name: Dr. Dieter Wedel
Er hielt sich für den größten Regisseur Deutschlands und hat zweifellos einige gute Filme gemacht, aber auch deshalb, weil er mit großen Budgets drehte und damit auch die besten Schauspieler engagieren konnte. Ich habe ihn zwar als überdurchschnittlich kennengelernt, aber keinesfalls als genial. Wer sich mit ihm anlegte, kam auf eine schwarze Liste und hatte es fortan schwer, Arbeit in der Branche zu bekommen, denn der Unhold hatte zu großen Einfluss. Als in den siebziger Jahren die ersten Berufsverbote auftauchten, für Linke, die in den Staatsdienst wollten, war ich total dagegen. Als ich den Unhold kennenlernte, wurde ich dann ein großer Fürsprecher der Berufsverbote, aber nur in seinem Fall. Dieser Mann hätte ins Gefängnis gehört wegen sexueller Nötigung und hätte seinen Beruf nicht mehr ausüben dürfen.
Als ich anfing in der Branche, hörte ich immer wieder Stories über die so genannte Besetzungscouch. Auf der waren früher (dreißiger bis sechziger Jahre) Starlets und junge Schauspielerinnen (freiwillig) gerne mal, wenn sie für eine Rolle vorsprachen, Regisseuren und Produzenten zu Willen, um schneller Karriere zu machen. Das hat anscheinend auch gut funktioniert, und es gibt einige sehr gute, ältere, internationale Schauspielerinnen, die dazu stehen, dass sie auf diese Weise angefangen haben. In den achtziger Jahren, dachte ich, gibt es so was nicht mehr. Weit gefehlt. Der Unhold ist viel schlimmer. Er engagierte für seine weiblichen Hauptrollen Schauspielerinnen, mit denen er unbedingt mal ins Bett wollte, und dann wurde er richtig widerlich.
Als ich mit ihm drehte, wusste ich von all dem nichts. Der Unhold zeigte mir während der ersten Drehtage, an denen unsere Hauptdarstellerin nicht dabei war, mal ein Bild von ihr und meinte nur: „Attraktive Frau, nicht wahr?“
Ich nickte nur. Dann warnten mich unsere Requisiteure vor, die schon mehrere Filme mit ihm gemacht hatten, und erzählten mir haarklein, was passieren würde und wie der Unhold vorgehen würde. Ich dachte, die verarschen mich, aber es geschah genau so, wie sie es mir erzählt hatten.
Einige Tage später kam unsere Hauptdarstellerin an. Die ersten drei Tage ließ er sie in Ruhe, hofierte sie sogar. Dann plötzlich und völlig unerwartet bebte das Set. Wedel brüllte die Darstellerin völlig grundlos an, bei einer völlig nichtigen Szene: „Das ist keine Kunst, das ist Karstadt, was du hier spielst, Du bist völlig unbegabt, ich weiß nicht, wie du es so weit bringen konntest, Du solltest den Beruf wechseln!“ usw. Wir (das Team) gingen einfach weg, nach dem Motto: Ohne Publikum macht das Fertigmachen von jemandem bestimmt keinen Spaß. Das brachte ihn völlig auf die Palme. „Ihr bleibt hier, sonst schicke ich euch alle nach Hause, ich will weiterdrehen!“, schrie er. Den ganzen Tag machte er die arme Frau (eine wirklich gute und engagierte Schauspielerin) fertig, egal, was sie auch spielte. Die anderen Schauspieler wurden natürlich auch nervös, denn die Luft brannte im wahrsten Sinne des Wortes, und sie wurden immer schlechter, versprachen sich, vergaßen ihren Text, spielten lustlos – das interessierte den Unhold überhaupt nicht, kein Wort der Kritik kam über seine Lippen (und so ein Arsch glaubt, dass er der beste deutsche Regisseur ist!). Nur sein Opfer musste leiden, tagelang, bis die Stimmung plötzlich umschlug. Plötzlich war sie die Größte, er war charmant zu ihr, hofierte sie und machte ihr Komplimente – das war etwa ab dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal aus dem Zimmer unserer Hauptdarstellerin kommen sah. Hony soit qui mal y pense.
Sein Verhalten war in der Branche bekannt, viele wissen davon, es ist ein absolut offenes Geheimnis und keineswegs Insiderwissen, doch keiner hatte je den Mut ihn anzuzeigen, kein Opfer hat sich gewehrt oder Klage erhoben. Alle, inklusive mir, hatten Angst, nie wieder Arbeit zu bekommen. Bei der ganzen „Me Too“-Kampagne wurde natürlich auch er genannt, aber nicht angeklagt. Ich habe keine Ahnung, wie viele Frauen er damit kaputt gemacht hat, aber vier oder fünf Schauspielerinnen haben Kinder von ihm.
Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich für Berufsverbote bin: Man muss solchen Menschen das Handwerk legen, sie gehören einfach in den Knast. Er wurde nie für seine Taten belangt, obwohl einiges ans Tageslicht kam. Jetzt schmort er ganz sicher in der Hölle, falls es diese gibt.
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