Justitias kleine Fische und Günter Pfitzmann SAT.1, damals noch jung und wild, wagte sich an die Eigenproduktion von Serien. Ich durfte mitmischen. Unter der Ägide von Chefkameramann Michael Marszalek wurde mit drei Studiokameras gearbeitet – für mich absolutes Neuland. Bei der ersten komplexen Kamerafahrt gelang mir dann auch prompt ein glorreiches Scheitern. Beruhigend war allerdings, dass es meinen Kollegen nicht anders erging.
Zu diesen Kollegen zählten Rolf B., mit dem ich die kommenden zehn Jahre noch viele Projekte teilen sollte, sowie ein unkollegialer Perser, dessen Name meiner Erinnerung leider entfallen ist. Dieser Herr war bekannt dafür, heimlich Kameramarken umzukleben, um sich auf unsere Kosten die besten Positionen zu sichern. Eine charmante Eigenart.
Die Besetzung war typisch Berlin: von Brigitte Mira über Barbara Schöne bis hin zu allen, die in der Hauptstadt halbwegs flüssig sprechen konnten, ohne allzu oft ins Stocken zu geraten. Den Richter spielte Ezard Haussmann, Vater des späteren Regisseurs Leander Haussmann. Ezard, ein brillanter Schauspieler, pendelte täglich aus Ost-Berlin an. Angesichts der eher seichten Drehbücher war er jedoch chronisch unterfordert, was sich in einer gewissen Abneigung gegen übermäßige Proben oder Wiederholungen äußerte. Die Regie übernahmen Wolf Dietrich und Norbert Schulze junior, mit denen ich bereits mehrfach zusammengearbeitet hatte – beides äußerst angenehme Zeitgenossen.
Für mich markierte diese Produktion einen neuen Abschnitt meiner Karriere, da sie mich in die Welt der Fernsehstudios katapultierte.
Afrika, ich komme Bevor ich mich fast ganz den Studios verschrieb, stand noch ein Fernsehspiel der Reihe „Berliner Weisse“ mit dem unvergleichlichen Günter Pfitzmann an. Atze Glanert führte die Kamera, Ralf Gregan Regie. Mit allen hatte ich bereits das Vergnügen gehabt: Pfitzmann bei „Berliner Weisse“, Gregan von Hallervorden-Produktionen, und Atze war ohnehin ein exzellenter Weggefährte. Die Handlung sollte in Kenia spielen – Afrika, ein unbeschriebenes Blatt für mich, was die Sache von vornherein interessant machte. Mit dabei waren unter anderem Ursula Monn, Evelyn Hamann, Dolly Dollar, Barbara Schöne und Helmut Zierl.
Das Projekt entwickelte sich rasch zu einer Art Familienausflug für die Pfitzmanns und Gregans, deren Anhang ebenfalls mitreiste. Da ich wusste, dass Ralf der Aufnahmeleiter von Losberg in Kenia einst eine illegale Surfschule betrieben hatte, schlug ich ihn für den Job vor. Er erwies sich tatsächlich als äußerst ortskundig und eine große Hilfe. Viele bekannte Gesichter aus früheren Produktionen waren im Team – Reni und Helmut als Requisiteure, Pancho als Oberbeleuchter – es hatte in der Tat den Charakter eines Betriebsausflugs.
Der erste Eindruck von Mombasa war allerdings schockierend: Ein Ort, der mit dem Charme mancher brasilianischer Armenviertel rein gar nichts gemein hatte. Es war schlichtweg desolat.
Unser Hotel war ansprechend, das Essen vorzüglich. Dennoch ereilte mich wie die meisten anderen innerhalb von zwei Tagen ein heftiger Durchfall. Im Gegensatz zu meinen Leidensgenossen litt ich jedoch nicht darunter, nahm auch kein Imodium, sondern schaufelte all die schönen Speisen des Hotels in mich hinein. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich derart ausgiebig und gut gegessen. Bei meiner Rückkehr nach Berlin hatte ich sieben Kilo abgenommen, war aber kerngesund – dank des konsequenten Essens.
Mein Unternehmungsgeist war ungebrochen. Am ersten freien Wochenende fuhr ich mit dem Auto in einen nahegelegenen Nationalpark. Die ersten drei Stunden sah ich kein einziges Tier, was den Verdacht eines „faulen Zaubers“ nährte. Plötzlich blickte ich zur Seite und entdeckte Elefanten im Unterholz. Die Frage nach der zulässigen Annäherung verpuffte, als ich weitere Exemplare vor mir sah und mich plötzlich inmitten der Herde befand. Die Panik war real. Mein Gedanke: „Hier muss ich irgendwie weg.“ Vorsichtig legte ich den ersten Gang ein, um am nächsten Elefanten vorbeizurollen. Dieser quittierte mein Vorhaben mit Ohrenwackeln, Trompeten und dem drohenden Anheben einer Vorderpfote. Es gab nur eine Option: Rückwärtsgang. Doch der Weg führte eben nur vorwärts. Nach zwanzig Minuten fasste ich mir ein Herz und schoss mit Vollgas an dem Tier vorbei, hoffend, dass es mich nicht verfolgte. Der Elefant war zwar verstimmt, ignorierte mich aber.
Der Sonnenuntergang war atemberaubend, und ich hatte noch 25 Minuten bis zum Ausgang des Parks, der um halb sieben schloss. Eine Übernachtung dort kam nicht in Frage, da ich weder Wasser noch Essbares dabeihatte. Mitten auf dem einzigen Weg nach draußen blockierte eine Herde Wasserbüffel den Weg. Mit diesen Tieren ist bekanntlich nicht gut Kirschen essen. Ich hupte aus der Ferne – keine Reaktion. Dann schlugen wir abwechselnd die Türen auf und zu, was die Büffel offenbar nervte, denn die Herde bewegte sich langsam weiter. Nur der Anführer der Büffel blieb ungerührt am Straßenrand liegen. Ich versuchte das gleiche Manöver wie bei den Elefanten – im ersten Gang vorbeizuschleichen. Doch der Büffel stand auf, senkte den Kopf und scharrte mit den Vorderhufen. Das verhieß nichts Gutes. Erneut: Rückwärtsgang. Die Zeit wurde knapp; entweder vorbei oder eine Nacht im Park. Also erster Gang, Vollgas. Der Büffel sprang blitzartig auf, stieß mit dem Kopf Richtung Auto und verfehlte mich nur knapp. Dann verfolgte er mich. Die Straße war schlecht, ich erreichte 40, dann 50 km/h. Das Tier war ebenso schnell. Bei 55 km/h fiel es zurück, doch dann kam ein riesiges Schlagloch, und ich musste vom Gas. Der Büffel nutzte die Chance und legte noch einmal richtig zu. Beinahe hätte er mich erwischt, doch dann kam ein Stück Teerstraße, und ich war gerettet. Auf der anderen Seite des Hügels traf ich Engländer mit einem Land Rover. Zwei standen mit Ferngläsern auf dem Dach ihres Wagens. „Did you see animals?“, fragten sie. „Yes, Buffalos“, antwortete ich. Ich habe noch nie Menschen so schnell von einem Autodach klettern sehen. Dann zeigten sie mir das Heck ihres Wagens: In der Doppeltür klaffte ein riesiges Loch. Sie waren dem Büffel schon morgens begegnet, und er hatte sie erwischt.
Ich war heilfroh, als wir den Park verlassen hatten. Zum Glück hatte mein Auto keine Klimaanlage und das Fenster war offen, denn nach einigen Kilometern hörte ich brechendes Unterholz. Ich machte sofort eine Vollbremsung. Glück gehabt: Direkt vor mir brach eine Elefantenherde aus dem Dickicht und überquerte die Straße. Mein Bedarf an Begegnungen mit Wildtieren war vorerst gedeckt.
Auf dem Rückweg, kurz vor Mombasa, musste ich anhalten, weil ein entgegenkommendes Auto die Fahrbahn kreuzte und auf den Seitenstreifen fuhr, wodurch die vielen Fußgänger auf die Straße ausweichen mussten. Es waren sicherlich hundert Leute. Im Rückspiegel sah ich ein Auto kommen, noch etwa zweihundert Meter entfernt. Doch wegen der Menschen auf der Straße konnte ich nicht weiterfahren. „Der muss doch irgendwann bremsen“, dachte ich, aber er tat es nicht. Fast ungebremst fuhr er mir ins Heck. Etwa zehn Männer fielen von der Ladefläche. Gott sei Dank gab es keine Verletzten.
Nun entspann sich allen Ernstes eine Diskussion über die Schuldfrage. „Ich sei schuld“, behaupteten sogar die Leute, die ich höflicherweise nicht überfahren hatte und die der Grund für meinen Stillstand waren.
Man dürfe für Fußgänger nicht halten, sondern müsse einfach weiterfahren. Die Polizei belehrte alle eines Besseren: „Es sei wie in Europa“, erzählten sie mir stolz, „wer auffährt, hat Schuld, und ich hätte mich absolut korrekt verhalten.“ Ein wirklich nettes Land.
Mit meinem nun etwas kürzeren Auto kam ich im Hotel an. Der Autovermieter war nicht gerade amüsiert.
Barbara Schönes BH und die schlangenjagenden Katzen
Am nächsten Tag erschien Barbara Schöne völlig aufgelöst zum Frühstück. Sie hatte das Fenster offen gelassen, und Affen waren eingedrungen. Sie hatten versucht, sie zu bestehlen, und ihr gesamtes Gepäck gleichmäßig im Zimmer verteilt. Einer der Affen wurde später sogar mit einem ihrer BHs auf dem Hotelgelände gesichtet.
Interessant waren auch die gewöhnlichen Hauskatzen, die überall wohlgenährt und gepflegt herumliefen oder in der Sonne dösten. Bis ich eines Tages ihre wahre Aufgabe erfuhr. Wir aßen gerade, als etwas von den über dem Tisch hängenden Ästen auf den Tisch fiel. Bevor irgendein Gast realisieren konnte, was geschehen war, kamen die Katzen buchstäblich angeflogen. Geschirr fiel vom Tisch, Gläser klirrten, und eine der Katzen verschwand mit ihrer Beute. Ich folgte ihr. Zwanzig Meter weiter konnte ich beobachten, was dort heruntergefallen war: eine giftige Baumschlange, die gerade von der Katze getötet wurde. Der Schweizer Hotelmanager bestätigte meine Vermutung. Es war die Aufgabe der Katzen, für eine schlangenfreie Anlage zu sorgen. Zufällig hatte man entdeckt, dass normale europäische Hauskatzen hervorragende Schlangenjäger sind und selbst mit Giftschlangen keine Probleme haben.
Wir flogen mit einer kleinen Maschine nach Tsavo, einem Nationalpark, und wohnten dort im Hilton. Das Hotel war auf Stelzen gebaut. Es war gewöhnungsbedürftig, beim Essen zuzusehen, wie Riesenkakerlaken und Gottesanbeterinnen direkt neben einem an den Stelzen hochkletterten. Auch in meinem Zimmer raschelte es an allen Ecken und Enden, und alles Mögliche, was da kreucht und fleucht, verschwand hinter Möbeln oder Spiegeln. Auf der Dachterrasse flogen einem fast handtellergroße, flugfähige, aber völlig orientierungslose Käfer an den Kopf.
Eines Abends nach dem Dreh erfuhr ich, dass ein Teil der Ausrüstung am nächsten Morgen nach Mombasa zurückgebracht werden sollte, da nicht alles in den Flieger passte. Da ich keine Lust hatte, noch früher aufzustehen, beschloss ich, es sofort zu erledigen. Das Hotel war auf Betonstelzen gebaut, der Eingang ein schmaler Turm mit einer Treppe nach oben, links und rechts davon eine etwa acht Meter lange Bretterwand – und danach nichts mehr. Ich wollte zu unseren Autos, aber der Ausgang war verschlossen. Ich schnappte mir einen Hotelbediensteten und befahl ihm, aufzuschließen. Er zierte sich, aber ich, stinksauer, schrie ihn an, und er gehorchte. Draußen war es stockdunkel. Mit einer Taschenlampe im Mund warf ich die Blechkoffer von einem Auto ins andere, laut fluchend, und hörte Löwen brüllen. Nach einer halben Stunde war ich fertig und wollte zurück ins Hotel. Es war verschlossen. Ich hatte Hunger, war müde, wütend und wollte dringend duschen. Ich hämmerte an die Glasscheibe – nichts. Ich rief, oder besser brüllte, nach jemandem, der aufmachen sollte.
Plötzlich kam ein schwarzer Angestellter oben an der Treppe vorbei, erschrak, rannte weg und kam Sekunden später mit dem Schlüssel zurück, um aufzuschließen. Er war kreidebleich. „Mister, Mister, what do you do there outside? It’s dangerous, they eat you.“ Ich verstand nur Bahnhof. Er führte mich auf die Terrasse und zeigte mir die andere Seite der Bretterwand aus sicherer Höhe. Dort lagen sieben dieser „schönen Miezekatzen“, auch bekannt als Löwen, träge herum. In diesem Moment wurde mir allerdings klar, dass die Bretterwand ja endete und die Löwen lediglich hätten herumlaufen müssen, um mich zu vernaschen. Nachträglich überkamen mich weiche Knie, und ich verstand auch, warum die Tür verschlossen war, als ich hinauswollte: um zu verhindern, dass ein dummer Tourist (oder Kameramann) draußen herumläuft und von Löwen gefressen wird. Ich wäre damit um ein Haar ein Kandidat für den Darwin Award geworden, der an Menschen verliehen wird, die sich auf möglichst ungeschickte Weise unbeabsichtigt umbringen. Sehr amüsant zu lesen unter: www.darwinawards.com.
Im Morgengrauen, als wir zum Dreh fuhren, sah ich dann, wie man das Hotel im Dunkeln oder Halbdunkeln eigentlich verlässt: Zwei bewaffnete Personen gehen hinaus, sichern die Umgebung, und dann kann man zum Auto laufen. Eine durchaus pragmatische Lösung.
Kilimandscharo-Fiktion und britische Hubschrauberdiplomatie
Am nächsten Wochenende beschloss ich, mir eine Belohnung zu gönnen. Ich wollte zum ehemals höchsten Berg Deutschlands fahren, dem Kilimandscharo, oder Kaiser-Wilhelm-Koppe. Meinen ursprünglichen Wunsch, auf einer Teerstraße bis kurz unter den Gipfel zu fahren und die letzten zweihundert Meter zu Fuß zu gehen, hatte ich bereits ad acta gelegt. Aber ich wollte ihn zumindest aus der Ferne sehen. Lunga Lunga, ein schmutziges Grenzörtchen in Kenia, war der Endpunkt meiner Reise. Die tansanischen Grenzer verlangten Impfnachweise – gegen Fußpilz, Spreizfüße und dergleichen. Es war offensichtlich, dass sie Geld wollten. Ich wäre bereit gewesen, bis zu 50 Dollar zu zahlen, aber nicht die geforderten 200. In diesem Moment gab ich auch meinen Plan auf, aus Kenia mit Zug und Bus zurück nach Deutschland zu reisen, was, wie ich später recherchierte, ohnehin nicht möglich gewesen wäre.
Ich lungerte noch ein wenig in Lunga Lunga herum, fuhr dann zu irgendeinem Strand, nahm mir ein Zimmer und ging schnorcheln. In der Dusche vergaß ich prompt meine nagelneue Badehose. Ein Klassiker.
Alle wollten wissen, wie es am Kilimandscharo war. Ich erzählte meinen Kollegen, Lunga Lunga sei so schön gewesen, mit alten Kolonialbauten und herrlichen Stränden, dass ich deshalb gar nicht bis zum Kilimandscharo gekommen sei. Atze schwieg und petzte nicht, denn er kannte sich in Afrika bestens aus und hatte eine Freundin aus Namibia. Genau eine Woche später, am nächsten Sonntagabend, hatte ich dann etwas Stress, denn acht Leute waren nach Lunga Lunga gefahren, um sich die schönen Kolonialbauten anzusehen, die es gar nicht gab. In Lunga Lunga gab es eigentlich nichts. Es war mir etwas peinlich, aber auch den acht, denn alle anderen fanden es superwitzig.
Abends trafen wir an der Bar einige „Inselaffen“ (Engländer), die mit einem Kriegsschiff vor der Küste lagen. Wir hatten keine Luftaufnahmen. Im Suff versprachen uns die Engländer am nächsten Tag, ihren Hubschrauber zu schicken, damit wir filmen konnten. Wir glaubten ihnen kein Wort, doch als am nächsten Tag ein Hubschrauber über das Hotelgelände flog, wussten wir: Engländer halten auch im Suff gegebene Versprechen. Wir packten schnell zusammen und fuhren zum vereinbarten Treffpunkt, einer kurzen Landepiste in der Nähe. Wir wollten gerade einsteigen, als bewaffnete Soldaten aus dem Gebüsch kamen. Sie stritten sich sofort mit den Engländern und drohten mit den Waffen. Die Engländer taten so, als wären die gar nicht da. Wir drehten dennoch die Flugaufnahmen, und danach flogen die Engländer davon, obwohl die Soldaten immer noch mit den Waffen drohten. Coole Jungs, die Briten.
Die Engländer hatten tatsächlich keine Genehmigung bei den Kenianern eingeholt, was dann zu ernsthaften diplomatischen Verwicklungen führte. Ein klassischer Fall von britischem Understatement.
Abschiedsfeier und Kolonialerbe Dann kam unser Abschlussfest. Alle einheimischen Helfer waren in unser Luxusresort eingeladen. Sie hatten so etwas noch nie von innen gesehen und genossen es sichtlich. Es kam zu politischen Diskussionen, die mit steigendem Alkoholpegel immer emotionaler wurden. Es ging um die Frage, was sie mochten und was sie hassten. Ich war schwerst interessiert. Es war verblüffend, den Jungs zuzuhören. Sie mochten definitiv die Engländer nicht, als ehemalige Kolonialmacht. Sie hassten die Inder und Araber, weil diese einfach geschäftstüchtiger waren und mittlerweile den gesamten Handel unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Tödlich verfeindet waren sie mit dem Stamm aus dem kenianischen Inland. Wer als Angehöriger eines falschen Stammes versehentlich die Stammkneipe eines anderen Stammes betrat, konnte tödlich enden. Raue Sitten in Kenia.
Sie liebten die Deutschen – das verblüffte mich! – und sie konnten auch gut erklären, warum. Der südliche Teil Kenias gehörte bis Mombasa zu Deutsch-Ostafrika. Die Deutschen waren zwar nicht weniger brutal als die Briten, hatten sich aber hartnäckig in den Kopf gesetzt, die Einheimischen auszubilden. Die Briten nutzten die Schwarzen nur als Hilfskräfte und Lastenträger. Die Deutschen bauten Schulen und zwangen die clevereren Einheimischen, ein Handwerk zu lernen: Schneider, Schuster, Hufschmied, was auch immer. Sie gingen dabei zwar brutal vor, doch dieses erlernte Handwerk ermöglichte den Männern später, ihre Familien zu ernähren, weil sie etwas beherrschten, was andere nicht konnten. So ging es diesen Familien über Generationen besser als den Ungebildeten, denn sie gaben ihr Wissen an die nächste Generation weiter. Deshalb sprechen viele Einheimische auch heute noch mit Hochachtung von den Deutschen und geben ihren Kindern altmodische deutsche Vornamen.
Diese Perspektive auf die Kolonialgeschichte war mir neu. Es freute mich auch, einmal irgendwo zu sein, wo man Deutschen Sympathie entgegenbrachte – nicht wegen Mercedes und erst recht nicht wegen dieses komischen, österreichischen Postkartenmalers aus Braunau am Inn.
Göteborg Nachdem mein Kurzfilm bereits auf den Festivals in Oberhausen, Bremen und Braunschweig gelaufen war, erhielt ich eine Einladung nach Göteborg in Schweden. Ich fasste mir ein Herz und reiste im Februar an. Dort erlebte ich etwas Seltsames: die Trinksitten der Schweden, die mich doch etwas irritierten. Nichtsahnend betrat ich ein Restaurant, dessen Name – „Goethe“ oder „Faust“ – mir entfallen ist. Es war ein ruhiges Restaurant. Gegen 17 Uhr war ich dort und bestellte etwas zu essen. Zahlreiche nette Schweden saßen herum, kaum jemand aß. Um 18 Uhr geschah etwas Ungewöhnliches: Einer der Angestellten klappte einen Plattenspieler aus einem der Tische, legte Platten auf, und ab sofort gab es Alkohol.
Ich hatte in meinem Leben noch nie „beidhändiges Trinken“ – nein, es war kein Trinken, es war eindeutig Saufen – gesehen. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Schweden bis zur Halskrause abgefüllt. Sie waren so stark alkoholisiert, dass einige von ihnen unter den Tischen lagen. Das einst feine, ruhige Restaurant verwandelte sich in kürzester Zeit in ein Tollhaus. Ich war fassungslos, aber man sagt ja: andere Länder, andere Sitten. Liebe Schweden, bitte erklärt mir das, oder liegt es daran, dass ihr in Ikea-Möbeln wohnen müsst?
Ich fuhr entsetzt zurück ins gesittete Deutschland.
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