La Carrera Panamericana: Staub, Mezcal und Pink Floyd
Mehran hatte mal wieder eine Idee: Er wollte eine Doku über die Carrera Panamericana machen, die seit 1988 wieder veranstaltet wurde. Es handelte sich um ein Oldtimerrennen von der Grenze Mexiko/Guatemala bis zur Grenze Mexiko/USA, von Tuxtla Gutiérrez nach Nuevo Laredo. Die erste Carrera wurde 1950 veranstaltet, aber wegen der vielen tödlichen Unfälle 1954 wieder beendet. Ich kannte Mexiko nur von Tijuana, Ensenada und Mexicali und war begeistert. Aufgrund des knappen Budgets versuchte ich, meinen Bruder mitzunehmen, da wir einen vollwertigen Assistenten nicht bezahlen konnten.
Der war leider so unbedarft und trat am Abend vor dem Abflug aus Übermut gegen eine vermeintlich leere Mülltonne, wobei er sich den Fuß verstauchte – die Tonne war nämlich voll. Panisch suchte ich einen neuen Assistenten und fand auch einen. Mit zwei kompletten Teams und Ausrüstungen flogen wir über Amsterdam und Houston nach Mexiko-Stadt. Ich hatte noch nie eine solch schlechte Luft wie dort geatmet. Ich japste nach Luft, öffnete das Fenster vom Auto, es wurde nur noch schlimmer. Mein Fahrer war Hugo Gallo, ein mexikanischer Rallyechampion mit deutscher Großmutter. Ich habe mich noch nie in einem Auto so sicher gefühlt wie bei Hugo; er fuhr superschnell, aber trotzdem sehr umsichtig und vorsichtig. Genau das Richtige für Dreharbeiten aus dem Auto. Wir mussten zuerst nach Tuxtla, denn dort startete das Rennen. Ich war heilfroh, aus Mexiko-Stadt rauszukommen; die Luft dort war wirklich nicht mein Ding.
Da wir noch ein wenig Zeit hatten, machten wir einen Abstecher nach San Cristóbal de las Casas, ein schönes Städtchen im Indianergebiet in der Provinz Chiapas. Ich hatte große Ehrfurcht vor den alten Indianerfrauen, die Holz auf ihrem Rücken transportierten, das mit einem Band über die Stirn festgehalten wurde. Hin und wieder saßen die alten Frauen betend und total entrückt im Gras am Straßenrand. Ich drehte diese Bilder natürlich nicht, denn ich wollte ihre Andacht nicht stören, doch es waren Bilder voller Würde und Grazie, die ich nie vergessen werde.
In Tuxtla war inzwischen die Hölle los, denn alle Teams waren mittlerweile mehr oder weniger angekommen. Teilweise waren es totale Chaoten und Abenteurer, teilweise gut vorbereitete Teams. So richtig professionell wirkte die Veranstaltung nicht, obwohl gut organisiert, denn der Alkohol floss in Strömen. Die jungen mexikanischen Frauen sahen zauberhaft aus, eine schöner als die andere, aber mit etwa 24 Jahren war Schluss. Entweder wurden Mexikanerinnen automatisch hässlich und unförmig, oder sie wanderten anscheinend aus. Dieses Phänomen entdeckte ich in jeder Stadt.
Wir schauten, wer so alles angekommen war und mitfahren wollte. Ein gemeldeter Deutscher mit einem 300SL Flügeltürer war nicht erschienen. Alle atmeten auf, denn der 300SL Gullwing dominierte in den fünfziger Jahren die Carrera. Der einzige deutschsprachige Mitfahrer war ein Türke, der fließend Deutsch sprach. Mark Knopfler von Dire Straits war trotz Meldung auch nicht gekommen. Aber Nick Mason und David Gilmour von Pink Floyd waren dabei. Beide sahen jetzt, schon ein wenig in die Jahre gekommen, typisch britisch aus und waren etwas schnöselig. Hätte man sie nicht gekannt, hätte man auch denken können, es seien verwöhnte britische Adlige.
Stimmungskanonen waren natürlich nicht nur einige verrückte Engländer, die nur so aus Spaß mitfuhren, sondern auch ziemlich verrückte Amis. Die Italiener von Alfa waren halt ziemlich europäisch drauf, es hätten auch Schweden sein können. Der spätere Gewinner Alain de Cadenet, auch ein Brite, war ein ziemlicher Schnösel. Die Mexikaner waren auch gut drauf, hauptsächlich eine witzige Zahnärztin war sehr humorvoll und nahm alles nicht so ernst. Hier Ausschnitte vom Start
https://www.youtube.com/watch?v=MxJGWdzhch8
Ich fuhr mit Hugo dem Team voraus und drehte die Rennszenen. Mehran und Michael, der zweite Kameramann, machten die „Lumpensammler“ und drehten alle Interviews an der Strecke. Manchmal trafen wir uns, und ich hatte wenig Hoffnung auf gute Aufnahmen, denn der ganze VW-Bus von ihnen roch streng nach Mezcal, doch Micha machte einen guten Job. Abends wurde alles noch schlimmer. Jede Stadt, die eine Etappenendstation war, veranstaltete ein großes Fest, mit viel Alkohol, vielen schönen Frauen.
https://www.youtube.com/watch?v=wC7UGXojq3s
Wir waren, wie alle Rennfahrer, jeden Abend ziemlich breit. Das war auch zwingend notwendig, denn nirgendwo gab es genügend Hotelzimmer, sodass wir oft zu sechst in einem Zimmer schlafen mussten, was sturzbetrunken ein geringeres Problem ist als nüchtern.
Carrera Crash: https://www.youtube.com/watch?v=3862i4tdPC0
Morgens saßen die Jungs dann mit erheblichem Restalkohol und dickem Kopf in ihren Kisten und rasten los. Ich war schon lange auf der Strecke und wartete natürlich auf spektakuläre Rennszenen. David Gilmours Laune näherte sich dem Tiefpunkt, weil sein Auto nicht richtig lief, und bald schied er aus. Guy Edwards, ein richtiger Rennfahrer, sein Kopilot war allerdings immer gut drauf.
David Gilmour scheidet aus: https://www.youtube.com/watch?v=OrZIm8RBEqE
Unsere Stationen waren, ohne Gewähr auf die richtige Reihenfolge und Schreibweise: Tuxtepec, Tehuantepec, Oaxaca (superschöne Stadt mit historischen Pyramiden), Puebla mit VW-Werk, Kälte, tierisch dünner Luft, aber traumhaftem Popocatépetl, Zacatecas, Monterrey und Nuevo Laredo. Es gab „Transitos“ und „Limitadas“. Die Transitos fanden im normalen Verkehr statt, das war kein Teil des Rennens, sondern eine Spazierfahrt. Die Limitadas waren abgesperrte Strecken, wo es um Zeiten und Punkte ging.
Die ganze Rallye war wie ein großer Wanderzirkus, und die Mexikaner taten alles, damit wir dieses Erlebnis in guter Erinnerung behielten. Ein traumhaftes Land mit netten Menschen. Es gab keine Hierarchien unter den Fahrern, jeder wurde gleich behandelt, es war der Wahnsinn. Im Nachhinein ist es natürlich gut möglich, dass wir uns Mexiko „schöngetrunken“ haben, ich glaube aber eher nicht. Die Polizisten, sonst sehr streng, tolerierten alle Verkehrsverstöße. Endstation mit einer Riesenparty war Nuevo Laredo. Pink Floyd ließen sich von uns inspirieren und drehten ein Jahr später mit gigantischem Aufwand auch einen Film über die Carrera Panamericana.
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