Freitag, 13. März 2026

 Der letzte Raucher

Es war November und schweinekalt, regnerisch, superschlechte Luft. Ich musste zum Steuerberater und stand an der Bushaltestelle Lehniner Platz in Berlin. Horst Buchholz stand da auch rum und wartete. Er sah noch genau so aus wie bei den „Halbstarken“, genau so schlank, nur jetzt halt mit ein paar Falten. Er musste irgendwo hier wohnen, denn ich hatte ihn schon öfter gesehen. Auch drei alte Damen warteten auf den Bus, ein junges Mädchen rauchte ein Stück entfernt. Die Autos fuhren in Schlangen vorbei, Abgasschwaden hinterlassend. Die Damen mokierten sich über das junge Mädchen, dass es doch eine Frechheit sei, in ihrer Nähe zu rauchen – die Autoabgase ignorierten sie völlig. Mein Gott, wo soll das noch enden, dachte ich, wenn man jetzt nicht mal mehr auf offener Straße rauchen darf. Der Bus kam, und wir stiegen ein. Jetzt hörten die alten Damen auf, über das Mädchen zu schimpfen, denn sie hatten Horst Buchholz entdeckt, der auch eingestiegen war. Sie kicherten und zeigten fast mit dem Finger auf ihn. Buchholz sah müde aus.




Der Steuerberater machte mir klar, entweder musste ich noch etwas investieren, oder das Finanzamt schlug unbarmherzig zu. Das wollte ich nun auch nicht, doch irgendwas Nutzloses kaufen, nur wegen des Finanzamtes, nö. Ich hatte mir gerade meinen ersten Alfa Romeo gekauft, nicht weil ich einen Alfa wollte, ich wollte nur einen Kombi mit Katalysator, und überall hatten Sie mir erzählt: „Bloß nicht – das wird nie Gesetz, rausgeworfenes Geld!“, und wollten mir partout kein Auto mit Kat verkaufen. Bei Alfa stand ein schöner, silberner 33 Kombi rum, und der hatte einen, und die wollten mir den auch verkaufen. Um es gleich mal vorweg zu sagen, für alle Lästerer – es war ein guter Kauf. 110.000 km in vier Jahren, nicht eine Reparatur, mal abgesehen von den abgefallenen Fensterkurbeln, herausgesprungenen Heckklappenfedern und sonstigem Kleinkram, den ich aber selbst beheben konnte. Der Boxermotor hörte sich schon neu an, als sei er kaputt, hielt aber auch beim folgenden Besitzer.

Also Auto kaufen ging nicht. Die Rauchern wird es immer mehr an den Kragen gehen, die sterben bald aus, dachte ich. Ich musste auch noch immer an die Omas und das Mädel denken, die hätten am Liebsten eine Bombe unter ihr gezündet. Bombe, Zünder. Da hatte ich eine glorreiche Idee! Ich finanzierte einen Kurzfilm, der mir gerade eingefallen war. Ich brauche eine Toilette, so mit Herz drin in der Tür, einen Acker, 35 mm Filmmaterial, keine Schauspieler – Mist, Bombe bedeutet Pyrotechniker.

In Lübars wurde gerade ein historischer Film gedreht. Mein Freund Bernd Hübner sagte mir, da kannst du ’ne Toilette kriegen. Sie sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Für 100 Mark war sie mir, und für weitere 50 stand sie auf einem schneebedeckten Acker, ganz einsam. Der Bauer bekam einen Fuffi, dafür durfte ich ein Loch in seinen Acker sprengen. Der Pyrotechniker Lothar Tropp verlangte 1000, für Schauspieler und Musik war kein Geld da. Die Kamera bekam ich von Achim Onnasch, dem Kameraverleiher für lau. Der Titelgenerator kostete auch was, der Rest waren Kopierwerkskosten.

Die Filmmusik entstand bei Michael Marszalek, das heißt, ich klopfte auf eine Stuhllehne, und das wurde mit Echo aufgenommen, dann gaben wir noch ein wenig Sphärenklang dazu. Die Tonmischung und den Ton machte mein Freund Frank Massholder, von Thurnau Film. Es wurde, sagen wir mal, ein Low-Low-Budget-Film für 3000 Mark, aber auf 35 mm Kinoformat und später in englischen, spanischen und französischen Versionen.

Die Geschichte ist ganz einfach. Ich filmte einen Monitor ab, darauf war als Rolltitel zu lesen: Auszug aus dem Videogeschichtsbuch: Thema Raucher. „Nach jahrelangen Kämpfen zwischen Rauchern und Nichtrauchern befanden sich die Raucher weltweit auf dem Rückzug. Man glaubte sie schon ausgestorben, da entdeckte man: Den letzten Raucher.“ Totale im Schnee mit Toilette auf einem Acker. Aus dem Herz kommt eine Qualmwolke. Man hört jemanden auf die Toilette zugehen und fragen: „Entschuldigen Sie bitte, sind Sie Raucher?“ Aus der Toilette antwortet jemand mit „Ja“. Dann sieht man eine Eierhandgranate unter der Tür durchfliegen und die Toilette explodiert in 1000 Teile. Nun kommt wieder der Rolltitel: „Sie sahen den letzten Raucher. Der Gesundheitsminister warnt: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit.“


Filmfestspiele Berlin, der tote Günther und die DDR-Panzer

Die Dreharbeiten waren wider Erwarten gefährlich, denn die Tür kam direkt auf mich zugeflogen, drei Meter weiter und sie hätte mich erschlagen. Es waren etwa 30 Leute am Drehort, alles Freunde vom Film, alle kamen auf den Titel, damit der Film länger als 1 Minute dauerte.

Nun kam das Ganze ins Kopierwerk, ich wartete dort auf die erste Kopie. Dort traf ich Günther Stocklöv, einen Produktionsleiter, der mir eine Dokumentation in der Tschechei anbot – drei Monate im Winter. Ich nahm trotzdem an, konnte nicht ahnen, dass es so schweinekalt dort sein würde. Zur Strafe ließ ich ihn zwölf Jahre später umbringen und die Leiche verbrennen. Kein Scherz. Ich muss allerdings gestehen, dass Günther in diesem Fall Schauspieler war und ich der Regisseur. Er spielte das Mordopfer bei einem Fall für die „Fahndungsakte“ auf SAT1.

Günther war gerade gegangen, und da lag ein Tagesspiegel rum, ich blätterte ein wenig und las, dass heute der Annahmeschluss für die Filme der Berlinale waren. Ich hatte noch zwei Stunden. Die Kopie war fertig, und ich fuhr sofort ins Büro der Filmfestspiele, füllte den Antrag aus und ließ die Kopie da. Zehn Minuten vor Annahmeschluss.

Einige Wochen später, ich war gerade dabei, die Dokumentation zum Kinofilm: „Fabrik der Offiziere“ vorzubereiten, klingelte das Telefon. „Filmfestspiele Berlin“, meldete sich die andere Seite. Aha, die Absage. Sie kommt immer telefonisch.  

Zu meiner großen Verwunderung sagte die Stimme: „Herzlichen Glückwunsch, Ihr Film ist offizieller deutscher Kurzfilmbeitrag im internationalen Wettbewerb der 38. Filmfestspiele Berlin.“ „Keine Verarschung?“, fragte ich. „Nein, Sie müssen unbedingt ein Foto für den Katalog vorbeibringen, am besten morgen.“

Ich musste mich setzen. Eigentlich hatte ich den Film nur aus Jux gemacht und auch ohne Erwartungen eingereicht. Und nun das! Jetzt wurde ich sogar gezwungen, Fotos zu machen, und dann drohte noch die Tschechei. Ostblock, Gulag, Eiserner Vorhang, aber auch Schwejk.


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