Göbbels-Ohrfeige, ein UFA-Chef und ein Jobangebot per Postkarte ---------
Dann machte ich noch einen Film, der war relativ interessant, ein Porträt von Gustav Fröhlich, der kam aus der Schweiz mit seinem Alfa Romeo angereist, und das mit 84 Jahren. Gustav Fröhlich kennt heute keiner mehr, aber er war während der Nazizeit so populär, dass er es sich leisten konnte, sogar Göbbels zu ohrfeigen, ohne dafür im KZ zu landen (das muss man sich mal vorstellen, ein wirklich mutiger Mann!). Redakteur bei diesem Film war Wolf Bauer, und lange Jahre der Europa-Chef der UFA, ein angenehmer Mensch, der mich, kleines Licht, jahrelang grüßte, wenn wir uns zufällig trafen. Ein Topmanager, ohne Starallüren, bodenständig, angenehmes Auftreten, kollegial. Lieber Wolf, falls Du das lesen solltest, Dein Verhalten einfachen Mitarbeitern gegenüber hat mich wirklich schwer beeindruckt, Du warst ein Gentleman ohne Fehl und Tadel. Danke.
Damit kommen wir zum Bertelsmannkonzern überhaupt. Ich habe damals lange Jahre für Universum Film gearbeitet, mit Eike Hendrich als Produktionsleiter. Es gab damals viele schwarze Schafe in der Branche, Eike und sein Aufnahmeleiter Ekke Lange (Gott hab ihn selig) gehörten nicht dazu. Ich habe selten so ein angenehmes Betriebsklima erlebt, Fairness, gute Bezahlung, gutes Essen und ein persönlicher, ja freundschaftlicher Umgang mit den Mitarbeitern gehörten zum Stil der Beiden, man konnte ohne Probleme seine Meinung sagen, Kritik üben. Wer zum Team dazugehörte, konnte sich glücklich schätzen, denn Eike und Ekke sorgten schon dafür, dass jeder Arbeit bekam.
Damals gabs ja noch keine Handys. Einmal kam ich aus einem Frankreichurlaub zurück und fand eine Postkarte in meinem Briefkasten. Sie war von Eike: „Lieber Jürgen, Du scheinst in Urlaub zu sein, melde Dich sofort nach Deiner Rückkehr. Wir können Dir den Job bis zum 1. August freihalten. Ich hoffe, Du kommst nicht später zurück.“ Das hatte Stil. Ich war rechtzeitig zurück.
„Detektivbüro Roth“, ein fieser Löwitsch und ein genialer Krug
Eine neue Fernsehserie sollte beginnen und endlich mal mit bekannten Schauspielern wie Klaus Löwitsch, Manfred Krug, Heinz Schubert, Ilja Richter usw. Die Serie hieß „Detektivbüro Roth“ und spielte in Berlin und Duisburg. Kameramann war Michael Marszalek, mit dem ich in den folgenden Jahren noch viele Filme drehen sollte. Ein Hans Dampf in allen Gassen, er produzierte noch CDs nebenbei und war ein Könner. Es war sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten, und wir wurden schnell Freunde. Bevor es bei Universum Film losging, drehte ich erst ein paar Folgen der gleichen Serie bei einer Firma, die A…… Film (ganz wichtig – sie hat nichts zu tun mit einer seit dem Jahr 2000 existierenden und überaus seriösen Firma, die auch A…… Film heißt) hieß, Regie führte Tom Engel. Leider war A Film eine wenig seriöse Firma, sie gehörte einem aalglatten Typen, Teilhaber der Firma war der berühmte Regisseur Dieter W., zu dem wir noch später kommen. Der Wahrheitsgehalt der Aussagen von Z., der Produktionsleiterin der Firma, lag deutlich unter 10 %. Trotz eines eindeutigen Vertrages wollte die Firma keine der reichlichen Überstunden bezahlen, auch die letzte Woche wurde mir nicht bezahlt. Der Chef der Firma sagte jedem, der sein Geld wollte, er solle doch klagen. Das tat ich auch, gewann den Prozess, erhielt mein Geld. Ein halbes Jahr später verklagte A. Film mich, brachte gefälschte Vorschussquittungen auf den Tisch und wollte exakt den gleichen Betrag wieder zurück, sie verloren wieder.
Doch zu den Dreharbeiten. Ich freute mich darauf, einen meiner Lieblingsschauspieler, Klaus Löwitsch, zu treffen. Die Enttäuschung war groß, Löwitsch war zwar gut, aber ein ziemlich fieser Typ. Er hatte permanent schlechte Laune und suchte sich fast jeden Tag jemanden aus, den er fertigmachen konnte.
Natürlich nicht jemanden, der ihm Kontra geben würde, wie zum Beispiel Produktionsleitung, Regie oder Kamera, nein, kleine Lichter suchte er sich aus, die sich nicht wehren konnten. Wenn mal was nicht klappte, war irgendjemand schuld, ein Beleuchter, der in seiner Blickrichtung stand und angeblich blöd schaute und ihn deshalb irritierte, oder das Scriptgirl, was dann im Weg stand, oder irgendwas. Er suchte richtig danach. Widerlich der Mann! Konnte man echt vergessen den Typ.
Der zweite Hauptdarsteller war Manfred Krug, der galt als schwierig. Doch er entpuppte sich als angenehm, wenn der mal Streit suchte, dann mit dem Regisseur oder mit der Produktion, nie mit Teammitgliedern, die sich nicht wehren konnten. Wenn er was vorschlug und der Regisseur ging nicht darauf ein, sagte er nur: „OK, vergiss es, sag mir, was ich aufsagen soll.“ Ich habe kaum einen Schauspieler erlebt, dem die Begabung so in die Wiege gelegt wurde. Manne spielte mit einer Leichtigkeit und ohne große Anstrengung. Ich gehe mal davon aus, dass er sein ganzes Leben lang nur 25 % seiner möglichen schauspielerischen Leistung gegeben hat, und damit war er immer noch besser, als die meisten anderen. Manne war allerdings ein fauler Sack, den Text lernte er nie, er kam grundsätzlich mit Zetteln, auf denen sein Text stand, fragte mich nach der Bildkante und hängte die Zettel außerhalb des Bildes auf oder legte ihn in Schubladen oder sonstwo ab. Er konnte allerdings ablesen, ohne dass es groß auffiel. Beobachten Sie ihn mal beim Schauspielern. Krug macht permanent irgendetwas, ganz klar, er muss ja auch immer im richtigen Moment beim richtigen Zettel sein. Trotzdem ist er einfach brillant. Ich fand ihn angenehm, er ist zwar ein wenig poltrig, aber nie unangenehm, und wenn er mal schlechte Laune hatte, wusste ich, wie ich ihn ruhigstellen konnte. Er interessierte sich für Geldanlagen und hochwertige Hifianlagen. „Hey Manfred, hast Du schon den neuen Verstärker von Burmester gesehen?“ – egal wie schlecht seine Laune war – „Los erzähl“, sagte er, und die schlechte Laune war weg.
Schaufensterpuppen und ein Wahnsinnsregisseur
Löwitsch wurde dann Gott sei Dank durch Heinz Schubert (Ekel Alfred) ersetzt, und das war wirklich ein klasse Typ. Löwitsch war weg, und es ging nach Duisburg, um dort zu drehen. Jeder, der Duisburg hört, denkt sofort: „Wie furchtbar!“, aber ich habe mich dort wohlgefühlt und viele nette Leute getroffen. Zum ersten Mal mal traf ich auf Heinz Schubert (Ekel Alfred). Nachts war Schubi immer unterwegs und frönte seinem Hobby, er fotografierte Schaufensterpuppen. Dann waren da noch Ute Willing, eine nette, hübsche, junge Schauspielerin mit einer supergroßen Klappe. Zusammen mit Harald, dem Aufnahmeleiter, waren wir oft unterwegs, aber mit Ute konnte das schon peinlich werden. Im Kino zum Beispiel gab sie immer lautstark Kommentare von sich, und von allen Seiten wurde „Ruhe!“ geschrien. Schubi setzte sich dann immer weg, es war ihm peinlich.
Mal machte sie das gesamte Kino darauf aufmerksam, dass der Hauptdarsteller und die Darstellerin wohl im Verlauf des Filmes poppen würden – jedenfalls ohne einen Kommentar alle fünf Minuten ging nichts.
Ilja Richter spielte jetzt auch mit, jawohl, der Disco-Ilja. Er war ein sehr netter, guterzogener und sehr zurückhaltender Mensch, der meist mit seiner Mutter und seiner Freundin unterwegs war. Es war sehr angenehm, mit all den Leuten zu arbeiten.
Tom Engel, der Regisseur, hatte seine Folgen abgedreht, und ein neuer Regisseur kam: Theo Mezger. Der Regisseur sah aus, wie man sich einen Regisseur eben nicht vorstellt: unauffällig gekleidet mit Cordhosen, einfachen Hemden oder Pullis und Schiebermütze. Er sah aus, als käme er direkt vom Traktor oder vom Acker. Doch nie in meinem Leben hat mich ein Regisseur so stark beeindruckt wie er. Theo war virtuos, ich habe mir viel von ihm abgeschaut. Schade, dass er ein hohes Tier beim SDR war und keine Spielfilme machte, denn Theo war ein Könner. Er war ein wenig zynisch, stellte große Anforderungen an das Team, aber blieb immer fair. Sein Intimfeind war die Abteilung Maske und Garderobe, denn die Mädels quatschten meist irgendwo, sodass Theo sie nach kurzer Zeit nur noch als die Kolleginnen von der Urlaubsfraktion bezeichnete. Theo hat wahrscheinlich nie Eigenwerbung betrieben, sonst wäre er ein superberühmter Regisseur geworden, aber er war halt ein hochgebildeter, aber einfacher Mensch und mochte keinen Trubel.
Fast alle Deutschen dürften irgendwas von Theo schon gesehen haben, entweder einen seiner Tatorte, Schwarz Rot Gold, den Klassiker „Flug in Gefahr“ mit Hans Lothar, „Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger“ oder auch die unsterbliche Fernsehserie: „Raumpatrouille“. Es war eine Freude, ihm zuzusehen, sehr gut vorbereitet war er immer, sprühte vor Ideen und hatte das Drehbuch in Einzelbilder aufgelöst im Kopf wie kein anderer – einfach sagenhaft. Die Fähigkeit, unter Zeitdruck kreuz und quer im Drehbuch herumzuspringen, um Zeit zu sparen und Lichtrichtungen hintereinander abzudrehen, sodass kein Teammitglied mehr durchblickt und jeder denkt: „Oh Gott, das passt niemals zusammen!“, um dann festzustellen: „Oh Wunder, es geht doch!“, hab ich mir von ihm abgeschaut – danke schön dafür, es war eine Ehre, mit Dir zu arbeiten.
Trollinger für alle und Legehennen zum Lachen Wenn Theo aus Stuttgart zurückkam, brachte er immer kistenweise Trollinger für das Team mit. Hin und wieder passierten dann auch komische Sachen. Wir drehten bei einer „Oma ihr klein Häuschen“, und Theo wollte Hühner dafür haben. Karl Hermann, unser Requisiteur, fuhr aber nicht zu einem Bauern, sondern, weil es billiger war, zu einer Legebatterie mit Käfighaltung, kaufte dort acht Hühner, packte die in Kartons auf den Rücksitz seines Autos.
Dann musste er noch irgendetwas kaufen, ließ also die Hühner im Auto und ging etwas besorgen. Die Hühner befreiten sich, und als Karl Hermann 20 Minuten später zu seinem Auto kam, flatterten drin die Hühner umher und hatten inzwischen sein ganzes Auto vollgekackt. Total genervt kam Karl Hermann zum Drehort und ließ die Hühner im Garten frei. Ja, und da standen sie dann rum wie Plastikhühner und bewegten sich nicht mehr. Als Hühner aus einer Legebatterie waren sie es nicht gewohnt, herumzulaufen und sich zu bewegen. Theo lästerte noch tagelang über die Hühner.
Einmal drehten wir eine Szene, in der Polizisten Zuhälter verhaften. Das waren alles Komparsen, aber echte Polizisten spielten die Polizisten und echte Zuhälter die Zuhälter. „Na, wenigstens im Film gelingt es uns, sie zu verhaften, im wirklichen Leben leider nie“, sagte uns einer der Polizisten. Von Berlin her waren wir es gewohnt, dass irgendwelche Wichtigtuer sich im Bild aufstellten, und wenn man sie bat, wegzugehen, kam der Spruch: „Ik kann hier stehen, wie et mir passt, ik zahl ooch Steuern.“ Dann musste man warten, bis die Idioten weggingen. Die Duisburger Polizei war da schimanskierprobt anders drauf. Krakeeler wurden gepackt und zur Stadtgrenze gebracht. Bis die dann zurück waren, waren wir längst mit dem Drehen fertig.
Ich kann nur sagen: Vergesst Eure Vorurteile über Duisburg, es ist zwar keine schöne Stadt, aber die Menschen sind gut drauf.

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