Harald Juhnke – Ein Gentleman mit Charme und Einschaltquoten -----
Die Nova Film rief mich an, für die hatte ich schon mal bei „Wie heirate ich eine Familie“ gearbeitet. Man sagte ihnen einen schlechten Ruf nach, aber da war nichts dran. Sie zockten zwar wegen jeder Mark, aber sie zahlten ohne zu murren Tarif, und das Geld kam überpünktlich. Vielleicht lag es auch an Otto Meisner, dem etwas cholerischen Chef, der schon ein wenig merkwürdig war. Er regte sich über alles auf und wollte dann seine Meinung bestätigt haben, indem er sagte: „Nicht wahr, nich, nich.“ Manchmal hatte man das Gefühl, er suche nur ein Echo.
Mit Juhnke war es zu dieser Zeit sehr schwer zu drehen. Bei der letzten Folge hatte er gesoffen und sich in Désirée Nosbusch verliebt, der Dreh wurde abgebrochen. Deshalb gab es einen Notplan: War Juhnke trocken, hieß die einstündige Sendung mit vier Filmen: „Leute wie Du und ich“. Soff er, wurden für seine Rollen andere Schauspieler engagiert, die standen Stand-by, und das Ganze hieß dann: „So oder so ist das Leben.“
Juhnke war trocken, und ich erlebte einen brillanten, genialen Schauspieler, der ohne Probleme seine Mitschauspieler hätte an die Wand spielen können. Aber Juhnke war ein guter Kollege, hilfsbereit denen gegenüber, die mal ihren Text vergessen hatten. Er war humorvoll, ein Charmeur. Er machte keinen Unterschied zwischen Regisseur oder Beleuchter, er behandelte alle gleich: höflich und mit Respekt. Man konnte ihn nur für seine Art lieben; es macht mich traurig, dass er so enden musste. Er war ein guter Kerl, hatte ein unglaubliches Talent, Charakter, kurzum der perfekte Entertainer.
Wir drehten einmal auf einem Ausflugsboot an einem Wannseeanleger. Vom Boot nebenan hörten wir per Lautsprecher: „Liebe Gäste, auf dem Nachbarschiff dreht gerade Harald Juhnke einen Film!“ Das andere Boot wollte gerade ablegen, da entschuldigte Juhnke sich, brach den Dreh ab und sagte bloß: „Ik geh mal wat für die Einschaltquote tun.“ Er ging auf das Deck, winkte den Leuten auf dem anderen Schiff zu, die stürzten natürlich alle auf die eine Seite, um Juhnke zu sehen, sodass das Schiff in eine bedrohliche Schräglage kam. Juhnke palaverte 15 Minuten mit den Leuten, beantwortete höflich auch die dümmsten Fragen und kam dann zurück zum Dreh. „Wisst ihr“, sagte er, „die Leute sind so treue Fans, da kann ich nicht einfach weiterdrehen, die haben das Recht, dass ich diese Treue erwidere und zumindest kurz mit ihnen spreche, alles andere wäre eine Schande für jemanden wie mich, der auch aus armen Verhältnissen kommt.“ Und das war kein Spruch, Harald meinte das wirklich ernst, und dass es stimmte, was er sagte, merkte ich fast zwei Jahre später. Als Kamera-Assistent hatte ich zwar eine sehr wichtige Position, war aber dennoch ein relativ kleines Licht.
Ich war in die Podbielskiallee umgezogen, brachte gerade Renovierungsmüll zum Mülleimer, der an der Straße stand. Ich hatte nur gesehen, dass ein elegant angezogener Mann etwa 200 m hinter mir spazieren ging. Plötzlich hörte ich diese markante Stimme hinter mir: „Wat denn, wat denn, seit wann biste bei de Müllwerker, ik dacht Du bist beim Film.“ Es war Harald! Ich hatte ihn zwei Jahre lang nicht gesehen und nur einmal mit ihm gedreht, er wusste sogar meinen Namen, erkundigte sich danach, ob ich auch gut zu tun habe. Ich war total baff. Ein Star, der Menschen nicht vergisst, mit denen er nur eine kleine Zeit seines Lebens zusammen verbracht hat – unglaublich. Harald war immer ein Mann aus dem Volke, er hat niemals seine Herkunft verleugnet, sich dafür geschämt, und er hat immer ein Herz für jene gehabt, die eben kleine Leute geblieben sind. Für mich ist er einer der wirklich wahren Volksschauspieler und Stars, denn er verachtete nicht sein Publikum oder seine Fans, und waren sie noch so prollig, er respektierte sie und war ihnen dankbar. Harald, ich hoffe, dir geht es gut da oben an der Himmelsbar. Lass uns einen trinken, wenn ich irgendwann mal auch komme.
Bei diesem Dreh war übrigens Otto Meisner, der Produzent, super spendabel. Da alles gut funktionierte, waren wir immer pünktlich fertig, es war auch Dank Juhnke ein harmonischer Dreh, und Otto kam mehrmals an den Drehort, tätschelte uns und sagte uns, dass wir die Größten seien. Das war sonst nicht gerade seine Art. Er ließ Kuchen kommen, extra Essen und war überglücklich, dass alles lief.
Mord im 31. Stock – Kamikaze 1989: Fassbinder, Franco Nero und ein mieser Stuntman Ich hatte den ersten Job als Kameramann beim ZDF. Es ging nach Wilhelmshaven, ein kurzer Beitrag über die EU-Lagerhaltung. Ich gab mir höllische Mühe, drehte, wie ich es beim richtigen Film gelernt hatte, viele Schnitte, nur hatte ich den Anschein, dass Felix Tolxdorf, der Redakteur, mir nicht vertraute. Er war total skeptisch, auch weil ich nur wenig Licht benutzte. Deprimiert fuhr ich wieder nach Berlin zurück. Einmal und nie wieder, dachte ich.
Am nächsten Tag rief mich die Cutterin aus Mainz an: „Was ist das denn?!“, fragte sie. Ich wollte mich schon entschuldigen, aber sie sagte nur: „So ein Material kriege ich so selten, es ist eine wahre Freude zu schneiden, danke!“ – und dann legte sie auf. Am nächsten Tag wurde ich in die Dispo gerufen, ein Beschwerdebrief sei angekommen. Lächelnd gaben die Mädels mir ein Fax von Tolxdorf. Er bedankte sich darin für die Zusammenarbeit und entschuldigte sich. Er schrieb, er habe mich unterschätzt, meine Arbeit falsch eingeschätzt, sei aber sehr glücklich über das Ergebnis, und er könne mich nur empfehlen. In Kopie hatte er den Brief auch an den Studioleiter geschickt. Das hatte wirklich Größe, ich war überglücklich.
Nun kam ein Anruf von Regina Ziegler Film, ich sollte ein paar Tage Assistent machen und dann selber drehen. Es ging um eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu einem Film, den ihr Mann Wolf Gremm machte. Der Film hieß „Kamikaze 1989“ – das Spannende aber war: Franco Nero und Rainer Werner Fassbinder spielten mit!
Zuerst bekam man die Zwei nicht zu sehen. Wir drehten einen Stunt auf einem noch nicht fertigen Autobahnstück. Ein Stuntman war gut, der andere war eine Pfeife. Die Pfeife in einem 1600er BMW sollte den Guten, in einem nagelneuen, aber präparierten 500er Mercedes, versuchen, von der Straße zu drängen und selbst dabei verunglücken. Beim Mercedes waren die Türen präpariert (alte Türen), damit nicht viel kaputt geht. Die Pfeife traute sich nicht, und es sah nach nichts aus. Er wurde ermahnt, etwas aggressiver zu fahren. Das tat er, er touchierte den Mercedes zu heftig, sein Kotflügel bohrte sich in seinen Reifen, der platzte. Er schleuderte quer und fuhr dem Mercedes voll in die Seite – Totalschaden! Das war mit einem billigen Stuntman an der falschen Stelle gespart.
Dann kam der Dreh mit Django Franco Nero, ein imposanter Mann mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung; sie hatten ihm noch stahlblaue Kontaktlinsen besorgt, er war beeindruckend. Und dann Fassbinder – er war ein Ekel – ein widerlicher, aufgedunsener, schlecht gelaunter Wichtigtuer, dem alles zuwider war und der jeden dumm anmachte. Um die Dreharbeiten (Kameramann war Xaver Schwarzenberger) nicht zu stören, versteckte ich mich mit meiner 16 mm Kamera immer so, damit ich nicht ins Bild kam. Einmal kam Fassbinder an mir vorbei und schlug mit der Faust auf meine Vorderlinse, das Okular bekam ich natürlich voll ins Auge; ich konnte auf dem Auge fast eine halbe Stunde nichts sehen. Ich hatte ihn nicht behindert, nichts, es war pure Bosheit. Rudi Kaufmann, der auch mitspielte, kam sofort zu mir und stellte sich vor mir auf, teils, um mich zu beruhigen, teils, um zu verhindern, dass ich dem Arsch eins aufs Maul haue. Ich habe bei Dreharbeiten, bis auf Löwitsch, nie wieder so einen Wichser getroffen wie Fassbinder. Meine Genugtuung kam einen Tag später. Fassbinder musste aus einem in halber Höhe feststeckenden Fahrstuhl klettern. Erst war er total feige und hatte Schiss, dass was passiert, dann war er unfähig, da rauszuklettern. Fast das ganze Team freute sich darüber, er fluchte und machte ein Riesentheater. Ein paar Monate später starb er, und Ziegler Film machte aus dieser Doku den Film: „Fassbinders letzte Arbeiten.“ Clever, was?

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