Dienstag, 10. März 2026

David Bowie - Glass Spider Tour, ein erstaunter Ritchie Blackmore, Stunts und andere Katastrophen


Natürlich war ich parallel auch schon als Kameramann zugange, aber das waren keine großen Sachen und manchmal auch unfreiwillig komisch.

Bei einem Mike-Krüger-Film machte ich zweite Kamera. Es ging um einen Stunt im Westhafen von Berlin. Ein Auto sollte über eine Rampe direkt auf mich zufliegen, auf dem Wasser aufschlagen und versinken. Ein Kran stand bereit, um das Auto wieder rauszuholen, ein Taucher, um den Gurt daran zu befestigen. Die Scheiben waren getönt, damit man darin nicht den Stuntman mit Helm sieht. Ich stand gegenüber des Hafenbeckens mit einer 35 Arri BL mit Zoom, die wiegt etwa 40 Kilo. Der Stuntman war eine Pfeife, er bestand darauf, mit offenem Seitenfenster zu fahren, das sei ja kein Problem, da er frontal auf meine Kamera zufliege und man ihn nicht sehen könne.

Die Klappe wurde geschlagen. Aktion! Der Idiot fuhr viel zu schnell, hob an der Rampe ab und kam auf mich zugeflogen, und flog und flog und flog. Gott sei Dank hatte ich den Zoom. Der Wagen schlug durch die zu hohe Geschwindigkeit nicht mit dem Wagenboden aufs Wasser, sondern mit der Schnauze, drehte sich um 90 Grad, und ich sah in Großaufnahme nun durch das mir zugewandte Seitenfenster, deutlich einen Stuntman mit Helm, in einem Auto im Wasser versinken. Klasse! Aufgeregt kam der Regisseur angerannt, „Klasse, Klasse!“, rief er schon von weitem. „Scheiße, Scheiße!“, antwortete ich und erzählte ihm, was passiert war. „Warum ich nicht mit der Kamera ein paar Meter zu Seite gegangen sei?“, wollte er wütend wissen. 

Ich hätte während des kurzen Fluges mit der Kamera und dem Stativ, etwa 40 Kilo, etwa 50 Meter zur Seite laufen müssen, um den Stuntman nicht zu erkennen, ach ja, und dabei auch noch ein sauberes Bild liefern sollen. Was für ein Dilettant! Er fährt heute Taxi in Berlin. Ach ja, der Gurt, um das Auto rauszuholen, war nun zu kurz, weil das Auto zu weit geflogen war. Es dauerte Stunden, bis sie das Auto aus dem Wasser hatten.

Ein anderer begnadeter Regisseur, mit dem ich drehte, verlangte, dass ich bei einem Stunt mit 150 Bildern drehen sollte, also in Zeitlupe. Ich erklärte ihm, dass das Blödsinn sei, dann müsse man mit zwei Kameras drehen, denn man könne nie wissen, was man bei Zeitlupenaufnahmen erkennen könne. Er habe jahrzehntelange Erfahrung, sagte er, das gehe auch ohne zweite Kamera und bestellte die Kamera wieder ab. Ich ahnte das Schlimmste. In der Szene wurde ein Radfahrer überfahren, landet auf der Motorhaube und fällt herunter. Es gelang mir sehr schön, die Szene aufzunehmen, eigentlich eine perfekte Einstellung. Leider in Zeitlupe, denn man sieht sehr deutlich, dass der Radfahrer, bevor ihn das Auto erwischt, den Fuß hebt, die Front des Autos trifft darunter das Rad, er wirft sich auf das Auto, zerschlägt mit seinem Ellenbogen die Frontscheibe (präparierter Metallsporn unter der Kleidung) und rollt sich ab. Eine perfekte Einstellung, um die Arbeit eines Stuntmans zu dokumentieren, leider für den Film unbrauchbar, denn es ging um Fahrerflucht in einem Krimi.


David Bowie kam mit seiner Glass Spider Tour nach Berlin und spielte vor dem Reichstag. Wir sollten mit mehreren Kameras (35 mm) während des Konzerts einen Videoclip aufnehmen mit dem Song „Heroes“. Das hatte aus unerfindlichen Gründen schon in Los Angeles und London nicht geklappt. Die Kameras waren per Videoausspiegelung mit der Regie verbunden. Sie wurden von dort gestartet, und per Intercom konnte der Regisseur mit uns reden. Wir sprachen die Szenen durch. Jede Kamera hatte bestimmte Einstellungen auf Kommando zu drehen. Die Monitore der Kameras standen nebeneinander in der Bildregie. Ich hatte die Arschkarte. Ich durfte mit meinem Assistenten mit der schweren 35 BL in der Songpause (etwa 45 Sekunden) vor „Heroes“ eine Leiter etwa 4 m hinaufklettern, die Kamera aufbauen, mich ankabeln an den Kabelstrang der Regie und hatte gleich die zweite Einstellung. Ob das mal gut ging?

Wir standen in den Startlöchern, die kurze Pause kam, wir hetzten die Leiter hoch zur Kameraposition und standen vor einer Wand, die bei unserer Probe noch nicht da war. Was war passiert? Die Bühne war beweglich und veränderte sich von Song zu Song. Leider hatte die Regie die Kameraposition ausgesucht, ohne die Bühne in die Position von „Heroes“ zu bringen. Ich hatte noch 20 Sekunden. Etwa 2 Meter weiter links hatte ich freien Blick, ich wuchtete die Kamera dorthin. Jetzt reichten allerdings die Kabel nicht bis zur Kamera. Noch 10 Sekunden, alles oder nichts, ich riss an dem Kabelstrang und hoffte, dass irgendwo auf dem Weg zur Regie noch 2 Meter Luft waren. Das Kabel gab nach, ich kabelte mich an, konnte die Regie hören und schon ging es los. Ich war erleichtert. „Kamera 2 den Auftritt, Kamera 2 den Auftritt!“, hörte ich den Regisseur verzweifelt rufen. Was wollte er denn, ich hatte die Einstellung perfekt. Ich gab zurück: „What’s the problem, I got it.“ „Not you, camera 2“, antwortete er. „But I am camera 2!“ – „No, you are camera 4.“ So ein Unsinn, ich war Kamera 2, das stand auch noch fett auf der Kamera drauf. Dann wollte er von mir eine Einstellung, die ich von dieser Position gar nicht bekommen konnte. Ich hörte nicht mehr auf ihn, während er völlig verzweifelt mit den anderen Kameras kommunizierte, die anscheinend ähnliche Probleme hatten. Ich spulte mein geprobtes Programm ab, bekam alle Schnitte, die geplant waren, und wurde immer mehr sauer über das Chaos in der Regie.

Nach dem Song mussten wir schnell abbauen, die Leiter runter. Ich stürzte wutentbrannt in die Regie – und sah sofort die Ursache des Chaos. Um besser sehen zu können, hatte er die Monitore übereinander (2 Monitore auf 3 Monitore) stellen lassen, so stand jetzt Monitor 1 über 2 und 4 auf 3. Durch die Hektik dachte er nun immer, Monitor 4 sei der Monitor von Kamera 2, Monitor 2 sei der von Kamera 3 und Monitor 3 sei der von Kamera 4. Deshalb hatte er das Chaos veranstaltet. Ich war beruhigt, weil ich mein geprobtes Programm gedreht und nicht auf ihn gehört hatte. Leider hatten das nicht alle Kameramänner getan.

Jetzt ging es an den Abbau während des laufenden Konzertes. Kamera 5 stand mitten im Publikum auf einem 5 Meter hohen Podest, und jetzt hörte man über Intercom, wie der Kameratechniker dort winselte: „Ich schaff’s nicht runter, ich hab Höhenangst!“ Er kam einfach nicht runter, lag flach auf dem Podest und wimmerte. Wir mussten warten, bis das Konzert zu Ende war und alle gegangen waren. Dann kletterte Bernd Hübner, der Oberbeleuchter, die Leiter hoch: „Los, du Dillgurke, komm runter, ich helfe Dir!“ Er versuchte es 10 Minuten lang, dann gab er auf. Die Feuerwehr musste kommen.

Da fällt mir doch gerade eine kleine Anekdote ein. Es muß 1970 oder 71 gewesen sein. Deep Purple spielte in Offenbach, Vorgruppe war Ashton, Gardner and Dyke. Wir waren alle völlig stoned und ich kam auf die Schnapsidee mal kurz frische Luft zu schnappen. Ich ging also kurz raus, die ließen mich aber trotz Karte nicht wieder rein. Mist. Ich ging um die Stadthalle herum und entdeckte eine offene Tür, kein Mensch war zu sehen. Ich ging also einfach rein und landete auf der Bühne hinter Ritchie Blackmore, der hinter den Boxen gerade dabei war seine teure Fender Stratocaster, gegen eine Billiggitarre auszutauschen, denn er pflegte damals bei jedem Konzert seine Gitarre auf der Bühne zu zertrümmern und zerstörte natürlich nicht die teure Fender. Jetzt hatten mich die Security Leute entdeckt, aber mir gelang es seitwärts von der Bühne zu springen und in der Menge unterzutauchen. Zurück in die Achziger.

Ein Kollege von mir hatte eine unheimliche Begegnung der dritten Art mit einem sehr berühmten amerikanischen Kameramann. Als er ihn vom Hotel abholte und sie an der damals noch existierenden Mauer vorbeifuhren, fragte der Ami: „There is one thing I do not understand. Why did Hitler build this wall?“ Mein Kollege war etwas sprachlos. Aber wie heißt es so schön: Wissen ist nichts, Image ist alles. Mir ging es bei einem Werbespot ähnlich, der weltberühmte Kameramann leuchtete mit der Hälfte der Lampen auf den Fußboden, der nicht im Bild war. War völlig sinnlos, erhöhte nur ein wenig die Grundhelligkeit. Ich fragte ihn warum er das mache und erhielt als Antwort: „Just for show“. Später erklärte er mir, dass er bei seinem Image nicht einfach 3 Lampen aufstellen könne, der Kunde und die Zopfträger der Agentur erwarten bei seiner Gage etwas Besonderes, deshalb müsse er jedesmal ein paar völlig sinnlose Sachen machen, damit es für sie, die keine Ahnung haben, wie Genialität aussieht.

Keine Kommentare:

David Bowie - Glass Spider Tour, ein erstaunter Ritchie Blackmore,  Stunts und andere Katastrophen Natürlich war ich parallel auch schon als...