Mittwoch, 4. März 2026

 


Am Anfang war noch nicht der Pflasterstein - die total verlogene Hausbesetzerszene    ----         Anfang der achtziger Jahre waren die Hausbesetzer in Berlin schwer aktiv. Hans Günther Bücking und ich wohnten in der Pallasstraße in der Nähe des Winterfeldtplatzes, und da gab es eine Demo nach der anderen. Ich war zu Hans gezogen, und wir hatten eine nette Wohnung im Hinterhof. Leider hatte uns keiner erzählt, dass man Geschirr auch abwaschen kann, und sobald sich Schimmel zeigte, stellten wir deshalb die Küche unter Quarantäne und gingen essen, bis sich mal ein weibliches Wesen erbarmte und uns versuchte zu zeigen, wie man eine Küche wieder nutzbar macht. Wir nahmen diese Hilfe immer dankbar an. Manchmal kam diese Hilfe auch zu spät, dann warfen wir das Geschirr einfach in den Müll. Es ist schon erstaunlich, wie viele Schimmelvarianten es auf der Welt gibt, und ich überlegte schon, die Filmerei sein zu lassen und mich auf Schimmelpilze zu spezialisieren.

Das hört sich jetzt an, als wären wir superfaule Säcke gewesen, stimmt aber so nicht. Die Arbeitstage beim Film sind nicht mit normalen Arbeitstagen in einer Firma zu vergleichen. Zwölf Stunden Arbeitszeit pro Tag waren bei uns einfach normal, und es konnten auch leicht mal 14 oder 16 Stunden daraus werden, und dies über Wochen und Monate, bei Schnee und Regen, zu den unmöglichsten Tageszeiten. Die Ausrüstungen wiegen leicht mal 100 Kilo, und die karrt man Tag für Tag von Ort zu Ort. Bei der Arbeit muss man sich höllisch konzentrieren, damit nichts schief geht, der kleinste Fehler kann einfach Tausende kosten, die Verantwortung ist groß. Nach spätestens 14 Tagen ist man platt, kommt von der Arbeit, geht nur schnell was essen und schläft dann, bis der Wecker wieder klingelt. Kein Mensch stellt sich dann mehr in die Küche und wäscht brav ab, die meisten machen zu Hause gar nichts zu essen, sondern gehen nur schnell was essen, verdienen tut man ja genug.

Hans war länger im Geschäft als ich und hatte immer die besseren Filme mit den berühmteren Kameramännern, galt als der beste Assistent in Deutschland, musste dafür auch immer schwere 35 mm Ausrüstungen in den dritten Stock tragen. Ich hatte es meistens mit den leichteren 16 mm Ausrüstungen zu tun, dafür waren die Filme, die ich machte, eher leichte Kost und wurden schnell vergessen.

Eines Tages, es gab mal wieder eine Demo, und ich hatte große Mühe gehabt, überhaupt neben den Mannschaftswagen der Polizei einen Parkplatz zu finden, kam Hans völlig blau geschlagen mit einer 35 mm Arri auf der Schulter in der Wohnung an. Er hatte nur mal schauen wollen, was da am Winterfeldtplatz abging, als die Demonstranten einen Ausbruchsversuch aus dem Polizeikessel starteten und genau in seine Richtung liefen, die Bullen hinterher. Da er natürlich mit der schweren Kamera auf der Schulter nicht so schnell laufen konnte, ließen die Bullen ihren Frust an ihm aus, deshalb die blauen Flecken.

Wir hatten kaum unsere Ausrüstungen in unseren Zimmern verstaut, die aussahen wie ein mittlerer Kameraverleih, da wummerte es an der Tür: „Aufmachen, Polizei!“ Wir öffneten, und eine halbe Hundertschaft Bullen stürmte in unsere Wohnung auf der Suche nach Demonstranten. Sie nervten uns mit Fragen über die Kameraausrüstungen und dachten allen Ernstes, dass sich bei uns Demonstranten versteckt hielten. Die Durchsuchung endete, als ein Polizist mit einer Taschenlampe unsere Abstellkammer durchsuchen wollte – leider war da schon seit Monaten die Birne kaputt –, er übersah einen querliegenden Besen und fiel voll auf die Fresse, mitten in unsere Kammer. Nun zogen sie wieder ab. Es war ein Schicksalswink, denn am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf vom Saarländischen Rundfunk, ich sollte einen Film über die Hausbesetzerszene machen.


Saarbrücken, geklaute Schubkarren sind natürlich ein Kapitalverbrechen

Ich setzte mich also ins Flugzeug und flog nach Saarbrücken. Das imponierendste am SR war die Lage der Studios auf dem Halberg und die Kantine. Ich habe nie wieder so ein super Kantinenessen bekommen, feinste französische Küche kann ich nur sagen! Kameramann war Michael Faust, mit dem ich viel Spaß hatte, Regie führten ein Jens und ein Bernd. Der Dreh selbst war in Berlin, und dadurch erhielt ich tiefe Einblicke in die Hausbesetzerszene und in die teils absurden Polizeimethoden, die Häuser zu räumen. Am Ende gehörten beide Gruppen nicht gerade zu meinen bevorzugten Freunden.

Einmal drehten wir bei Hausbesetzern in einem Haus zwischen den Yorckbrücken und dem Bülowbogen. Diese Jungs waren echt fit und hatten das Haus gut renoviert. Wir saßen dort beim Kaffee, als wir eine Hundertschaft über die Gleise anschleichen sahen. Als wir rausgingen, war das Haus von gut 200 Polizisten umzingelt. Als wir mit laufender Kamera nach dem Grund fragten, erhielten wir vom Mannschaftsführer die wohl dümmste Antwort, die ich je gehört habe. Er sagte, auf einer Baustelle in der Nachbarschaft sei eine Schubkarre geklaut worden. Dies sei angezeigt worden, und dieser Anzeige würden sie jetzt nachgehen. Lachhaft – mit 200 Leuten?! Als mein Autoradio kurz danach aus dem Auto geklaut wurde und ich die Polizei anrief, kam nicht einer, ich musste zur Polizei fahren.

Die anderen Hausbesetzer in einem Haus in der Potsdamer Straße, in dem wir meistens drehten, waren Superpfeifen. Auf die Frage, was es denn ausmache, in einem besetzten Haus zu leben, kam die stereotype Antwort, fast wie auswendig gelernt: „Zusammen leben, zusammen arbeiten.“ – Nur mit Arbeiten klappte das nicht so sonderlich, nur mit Mühe und ein paar Kisten Bier konnten wir sie dazu bringen, mal etwas an dem Haus zu tun, damit wir auch was zum Filmen hatten. Das Schlimmste aber war, dass die Intelligenten unter ihnen noch ein Zimmer bei Mutti hatten, zur Sicherheit. Die spornten zwar die anderen zu Straftaten an, Scheiben einschlagen usw., hielten sich aber dabei dezent im Hintergrund. Die Loser waren die Dümmeren, sie hatten kein Zuhause mehr, und wenn sie erwischt wurden, waren sie fällig. Meine Sympathie für die Szene wurde dabei immer kleiner. Natürlich gab es da auch die wirklichen Hausbesetzer, wie die Jungs in der Bülowstraße, die was taten und unheimlich aktiv waren, aber die waren meist über 30. Leider waren die meisten aber nur dabei, weil die ganze Szene wie ein riesiger Abenteuerspielplatz war.

Die Polizeiseite war um keinen Deut besser. Als ich Wochen später als Kameramann für das ZDF den Abbruch eines Hauses in Wannsee filmte und mit C-Rohren Wasser auf das Gebäude gespritzt wurde, damit es nicht so staubte, sah ich einen Polizisten zu einem Mann mit der Spritze gehen und auf mich zeigen. Keine fünf Minuten später schoss der Idiot mir mit voller Absicht aus fünf Meter Entfernung mit einem Hochdruckwasserstrahl die 60.000 DM teure Kamera aus der Hand. War natürlich ein Unfall, keine Absicht, nach Aussage der Polizei.


Der SR-Computer irrt sich nie – außer, er irrt sich doch

Ich hatte beim SR gut verdient, etwa 7000 Brutto, hatte auch schon 1500 DM Vorschuss erhalten. Meine Augen wurden immer größer, als ich die Schlussabrechnung bekam: Ich sollte 400 Mark zurückzahlen. 7000 brutto nur 1100 netto, unmöglich! Ich rief also beim SR an und bat um Korrektur. Die Antwort war: „Unser Computer irrt sich nicht.“ Ich ließ mir von einem Steuerberater die Summe ausrechnen. Ich hatte noch etwa 3500 Mark zu bekommen, nicht 400 zurückzuzahlen. Ich rief wieder an, ich kannte die Antwort schon: „Unser Computer irrt nicht.“ Auch eine Argumentation mit Logik, bei der ich zum Beispiel Höchststeuersätze erwähnte, Beispiele anführte usw., ließ die Abrechnungsabteilung nicht erweichen.

Ich rief die Rechtsabteilung des SR an. Der Mitarbeiter dort blickte sofort durch und gab mir Recht und bestätigte mir, dass die Abrechnung niemals stimmen könne. Er rief die Abrechnungsabteilung an und erhielt als Antwort: „Unser Computer irrt nicht.“ Nun rief er mich an und gab mir einen guten Rat, ich solle klagen und brauche mir keine Gedanken zu machen, der SR habe noch nie einen Prozess gewonnen.                                                   Soweit kam es dann nicht, denn auf ein Schreiben meines Anwalts erhielt ich mein Geld. Trotzdem erinnere ich mich gerne an diesen Sender, denn ich habe dort wirklich nette Leute kennengelernt.

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