Wieder mal L.A.: Die Traumfabrik, Sundance und der Berliner Forest
Mehran und ich hatten bei RIAS TV ein Konzept eingereicht: L.A. – eine Traumfabrik als Partnerstadt. Es sollte ein Film über die Städtepartnerschaft Berlin-L.A. werden, eine 26-minütige Doku. Der Redakteur war Harro Zimmer, ein Mann von ausgesprochener Integrität. Nach seiner Pensionierung, als RIAS dann Deutsche Welle hieß, erhielten merkwürdigerweise immer dieselben wenigen Firmen Aufträge.
Dort roch es dann auch gewaltig nach Korruption, da diese Firmen teilweise regelrechten Müll ablieferten oder ominöse Treffen veranstalteten. Sie luden Regisseure und Autoren ein, behaupteten, sie hätten Aufträge für 30 Dokus, forderten zum Brainstorming auf, schrieben eifrig mit und klauten dreist die Ideen. Ich selbst war einmal Zeuge dieser Praxis. Zimmer hätte so etwas niemals zugelassen.
West-Berlin hatte zu dieser Zeit nur eine Partnerstadt, nämlich L.A. Ost-Berlin hatte sehr viele, aber die Stadt war noch nicht wiedervereinigt, weshalb uns nur West-Berlin interessierte. Zuerst machten wir eine Umfrage auf dem Los-Angeles-Platz in Berlin und fragten dort nach der Partnerstadt. Niemand wusste es. Es kamen die absonderlichsten Antworten: Wien, Tel Aviv, Tokio, „wat wees ick“ – letzteres die häufigste Antwort. Dann interviewten wir Momper, den Regierenden, natürlich stilecht mit rotem Schal. Endlich flogen wir nach L.A.
Hollywood-Persönlichkeiten und ein „Berliner Forest“ der besonderen Art
Dort gab es ein Sister City Committee, in dem meine Freundin Gaby Landwehr vom Goethe-Institut saß, dazu Leute der Deutsch-Amerikanischen Industrie- und Handelskammer und von amerikanischer Seite Rudi Fehr und City Council Tom LaBonge, ein äußerst rühriger Politiker aus L.A.
Rudy Fehr war ein deutscher Jude, ein sehr interessanter und angenehmer Mensch. Er hatte in Berlin eine Band gehabt, war nach der Machtübernahme der Nazis nach London emigriert und von dort nach L.A. gegangen. Dort hatte er Jack Warner von den Warner Brothers kennengelernt und für ihn als Produzent gearbeitet (unter anderem bei „My Fair Lady“). Berlin hatte er nie aus den Augen verloren und mit Pastor Albrecht die Städtepartnerschaft ins Leben gerufen. Er war über achtzig Jahre alt, aber topfit und saß im Oscar-Komitee für ausländische Filme. Er kannte also Gott und die Welt und alle Stars. Er selbst hatte auch mal eine Oscar-Nominierung für den Schnitt von „Die Ehre der Prizzis“ mit Jack Nicholson erhalten.
Tom LaBonge arrangierte unseren Interviewtermin mit Tom Bradley, dem Bürgermeister von L.A. Dort beschwerten wir uns zunächst darüber, dass es keine Berliner Straße in L.A. gab. Bradley versprach, innerhalb von 14 Tagen Abhilfe zu schaffen. Wir glaubten ihm kein Wort. Umso größer war unsere Überraschung, als wir zehn Tage später eine Einladung erhielten. Es ging um die Einweihung des Berliner Forest. Voller Spannung schlugen wir dort auf. Was hatten die Amis getan? Sie hatten einen Teil des Griffith Parks, sinnigerweise den Teil, wo Tom LaBonge immer mit seinen Freunden grillen ging, in Berliner Forest umbenannt. Zwei Holzpfosten mit einem Querbrett hielten das Konstrukt zusammen, und darauf stand tatsächlich „Berliner Forest“. Bradley hatte sein Versprechen gehalten. Das war zwar ein wenig billig im Vergleich zum goldenen Berliner Bären am Eingang des Griffith Parks, den Berlin zum Dank für die Luftbrücke gespendet hatte, aber immerhin. Wer immer heute im Berliner Forest lustwandelt und Tom beim Grillen trifft, sollte daran denken: Ich bin mit schuld an diesen Brettern. (Foto von der Eröffnung des Parks mit Tom LaBonge inklusive).
Unsere nächste Station in L.A. war der deutsche Radiosender meines Freundes Hans-Jürgen Spürkel. Dort trafen wir Peggy March, die live „Mit 17 hat man noch Träume“ zum Besten gab und uns, immer noch fließend Deutsch sprechend, erzählte, wie sehr sie doch eine gute deutsche Currywurst vermisse. Sie schreibt übrigens Kinderbücher. Wir hatten viel Spaß.
Dann fuhren wir zu Tony Ostermeyer. Tony, ein Urbayer, war in die USA ausgewandert und baute dort den Mercedes 300SL Gullwing (Flügeltüren SL) in Handarbeit mit aktueller Mercedes-Technik nach. Viele Stars, unter anderem Burt Reynolds, gehörten zu seinen Kunden. Tony war ein sehr humorvoller Interviewpartner. Zu dieser Zeit gingen etwa 1500 Oldtimer pro Monat zurück nach Europa, da die Preise in den USA für einfache, aber in Europa gefragte Modelle sehr niedrig waren, wie zum Beispiel das Fiat 124 Cabriolet, TR 4, TR 6, die für etwa 2000 Dollar zu bekommen waren. Der Transport kostete etwa 2000 Dollar. Selbst Autos wie der Mercedes 300 (Adenauer) aus den Fifties waren für wenige tausend Dollar zu haben, oder relativ seltene Alfas oder ein seltenes Auto wie der Saab (ein kleines Zweisitzer-Coupé, nur für den US-Markt gebaut, den Namen habe ich vergessen), der Volvo Schneewittchensarg und viele andere. Probleme bereiteten den Käufern hauptsächlich britische Modelle, so auch uns, als wir für einen Freund einen Sunbeam Alpine im Topzustand erstanden. Leider erfuhren wir zu spät, dass fast alle britischen Autohersteller diese Autos für den US-Markt, wegen der dortigen Geschwindigkeitsbeschränkungen, ohne Overdrive ausgeliefert hatten und diese damit ihre theoretische Höchstgeschwindigkeit nicht erreichen konnten. Autos waren zu dieser Zeit überhaupt preiswert in den USA.
Ich hätte mir fast ein schönes Maserati Cabriolet gekauft, zwei Jahre alt, 10.000 Meilen auf dem Buckel für 7000 Dollar. Leider kam das Geld zu spät aus Deutschland an. Eine verpasste Gelegenheit!
Doch zurück zur Dokumentation über die Partnerschaft Berlin und L.A.
Im Stadtteil Pacific Palisades gab es die Villa Aurora, in der Lion Feuchtwanger, der bekannte jüdische Autor, im Exil gelebt hatte. Das Haus gehörte nun der Universität von Kalifornien, deren Vertreter Harald von Hofe wir dort trafen. Dieses Haus sollte zu einem Ort des deutsch-amerikanischen Kulturaustausches renoviert und ausgebaut werden und wurde später mit Berliner Lottogeldern erworben.
Der gute Geist der Villa Aurora war für mich die hochbetagte Haushälterin (den Namen habe ich leider vergessen) der Feuchtwangers, die zu dieser Zeit noch in der Villa lebte und die von allen in ihren Berichten vergessen wird, weil sie anscheinend nicht „wichtig“ genug ist. Nur sie konnte damals noch als Augenzeugen, authentisch und aus erster Hand über das Leben der Feuchtwangers im Exil berichten – hochinteressant. Die Exilanten (Thomas und Heinrich Mann zum Beispiel) aus Deutschland waren keineswegs eine homogene Gruppe, die die Flucht vor den Nazihorden verband. Sie waren sich teils spinnefeind, und bei Treffen in der Villa Aurora mussten die Feuchtwangers darauf Rücksicht nehmen und konnten nicht immer alle zusammen einladen. Die Haushälterin erzählte einige nette Anekdoten aus dem Exil, die ich leider nicht mehr sachlich richtig wiedergeben kann und deshalb weglassen muss.
Als Armutszeugnis empfand ich allerdings, dass diese arme Frau, die ihr Leben den Feuchtwangers gewidmet hatte, mit leeren Händen dastand und ihr bis auf ein lebenslanges Wohnrecht in der Villa nichts geblieben war (keine Rente, nichts), denn die Feuchtwangers hatten nicht einen Pfennig in ihre Sozialversicherung bezahlt. Obwohl die arme Frau im Prinzip auf Almosen angewiesen war, hegte sie keinen Groll und äußerte sich nur positiv über die Familie. Eine bemerkenswerte Einstellung.
Wir hatten genug gedreht und flogen wieder nach Berlin zurück.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen