Der erste Filmjob:
Zurück in die Realität: Ich bereitete mich auf ein Vorstellungsgespräch vor. Nach fünf Minuten hatte ich den Job – Cutterassistent bei der Deutschen Synchron, die ausländische Filme synchronisierte. Klingt glamourös? War es nicht.
Cutterassistent in einer Synchronfirma ist ungefähr so exotisch wie ein Stück Kernseife. Die intellektuellen Anforderungen: Englisch verstehen reicht. Man hockt den ganzen Tag (damals noch analog) am Schneidetisch und hört sich irgendwelche Töne an.
Die Firma lag auf dem Gelände der Berliner Union Film Studios am Flughafen Tempelhof – das Aufregendste dort war die ZDF-Hitparade. Man traf also Schlagerfuzzis in der Kantine und ab und zu mal einen echten Schauspieler, der woanders drehte.
Ich landete in einem Schneideraum mit fünf Assistentinnen. Sie waren nett zu mir – ich war der Hahn im Korb –, aber sobald eine den Raum verließ, fielen die anderen über sie her: „Hast du ihre Schuhe gesehen? Und diese Frisur!“ Lästereien-Level: Profi. Ich dachte mir: Hoffentlich sind Frauen nicht immer so, wenn sie zusammenarbeiten müssen. Bei Männern hab ich das nie erlebt. (Vielleicht lüge ich mich da auch nur in Sicherheit.)
Der Chef war ein echter Tyrann. Wollte jemand was von ihm, wurde erst panisch im Vorzimmer angerufen: „Wie ist seine Laune?“ Bei Bedarf verschob man das Gespräch lieber um Wochen. Die Cutterinnen (nicht alle, aber viele) waren Divas – zickig, geheimnisvoll, taten so, als wären sie mitten im großen Filmbusiness. Später beim „richtigen“ Film waren die Cutterinnen deutlich entspannter.
Die wahren Highlights waren die Synchronregisseure – die hatten teils echtes Format. Besonders brodelte die Gerüchteküche um Michael Richter (Iljas Bruder) und vor allem Rainer Brandt, der mit seiner frechen Art „Die Zwei“ neu dialogisiert und damit in Deutschland zum Hit gemacht hatte, während die Serie anderswo floppte. Leider arbeitete der nicht bei uns.
Die Synchronsprecher waren meist weniger bekannte Schauspieler – man erkannte sie oft nur an der Stimme. „War das nicht gerade John Wayne da draußen auf dem Gang?“ Nein, Arnold Marquis.
Das Schlimmste war der Job selbst. Für 130 DM im Monat (Stundenlohn: 81 Pfennig!) durfte ich vor allem gebrauchte Perfobänder wieder zusammenkleben. Erklärung für die Jüngeren: Bei der Synchronisation wurde der Ton auf 17,5-mm-Magnetband aufgenommen. Die Cutterin schnitt es in zig kleine Schnipsel, um die Dialoge passgenau ans Bild zu legen, klebte dazwischen Füllband. Nach Fertigstellung des Films wurde alles gelöscht – und ich durfte die Schnipsel wieder zusammenkleben. Billiger als ein neues Band (das locker 20 Mark oder mehr kostete).
Dann kamen immer mehr Überstunden – bei 81 Pfennig die Stunde ein Witz. Ich brauchte die Abende aber, um nebenbei zu jobben und zu überleben. Als ich die Überstunden ablehnte, flog ich nach drei Monaten raus.
Moral: Wer sich gegen Ausbeutung wehrt, zahlt drauf.
Aus mit der großen, weiten Welt des Films. Oder doch nicht?
Nächster Halt: Arbeitsamt. „Was haben Sie gemacht?“ – „Cutter-Assistent.“ – „Ach, wenn Sie auf einem Schiff gearbeitet haben, sind Sie hier falsch.“
Ich bewarb mich überall – nichts. Bis mir jemand stecken musste: Brunnemann, der Chef, hatte bei allen Synchronkollegen angerufen und vor mir gewarnt.
Und dann das Wunder: Geyer Synchron (das berühmte Kopierwerk!) hatte meine Bewerbung in die falsche Abteilung weitergeleitet – ins Kopierwerk. Die Geyer-Werke waren damals das Nonplusultra in Berlin: Profifilme in 35 und 16 mm entwickeln und kopieren. Besser als nichts.
Ich stellte mich vor. Herr Raps, der Leiter, war kompetent und entspannt: „Fang erst mal an, dann rotierst du durch die Abteilungen.“
Gesagt, getan. Anständiges Geld, gutes Betriebsklima. Erste Station: Filmvorführung – quasi ein kleines Kino, in dem die Kopien vor Auslieferung geprüft wurden.
Und so ging’s weiter – vom Hellseher zum Schnipselkleber zum Filmkopierer. Das Leben schreibt manchmal die besseren Drehbücher.
Ich war plötzlich Filmvorführer.
In der Vorführung thronte Karla wie eine Institution.
Sie sah aus wie die strenge Mathelehrerin, die man mit 60 immer noch fürchtet: korpulent, zwei Jahre vor der wohlverdienten Pension, Brille mit Gläsern so dick wie Flaschenböden – und trotzdem musste sie jedes Mal fast mit der Nase an der Leinwand kleben, um überhaupt etwas zu erkennen.
Trotz dieses optischen Handicaps war sie eine absolute Meisterin ihres Fachs, eine echte Seele von Mensch. Von Tag eins an hat sie mich bemuttert: Jeden Morgen lag irgendwas Essbares auf meinem Tisch – Kekse, Schokolade, belegte Brötchen, was auch immer sie gerade gebacken oder gekauft hatte. Innerhalb kürzester Zeit legte ich fünf Kilo zu. Ich war quasi ihr persönliches Aufzuchtprojekt.
Die Kollegen waren durch die Bank supernett. Zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich sauwohl am Arbeitsplatz – auch wenn der Job selbst (Pornofilme von halb neun bis zehn prüfen) eher fragwürdig war. Manche Streifen waren so eklig, dass selbst die Leinwand angewidert hätte wegsehen wollen.
Zwischendurch durfte ich aber auch richtige Kinofilme sehen – oft Monate, bevor sie ins Kino kamen. Leider gehörte dazu auch „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Ich habe diesen Film 35-mal komplett durchgelitten. Seitdem ist mein Bedarf an Wim Wenders für mindestens drei Leben gedeckt. In meinen schlimmsten Albträumen sehe ich bis heute Rüdiger Vogler irgendwo in der Pampa hocken und kacken. Danke, Wim.
Es gab eine Stempeluhr. Ich kam jeden Morgen exakt fünf Minuten zu spät. Nach Wochen wurde ich zum Chef zitiert.
„Warum kommen Sie immer zu spät?“
„Weil um die Zeit eh nichts los ist – und ich fast jeden Tag Überstunden mache. Ist das nicht viel wertvoller für die Firma, als pünktlich rumzusitzen?“
Er schaute mich zwei Sekunden an, dann: „Kommen Sie, wann Sie wollen. Hauptsache, Sie kümmern sich nach Dienstschluss um die Kunden.“
Das war Geyer: eine wirklich gute Firma mit Chefs, die noch mitdachten.
Mit Karla und den anderen hatte ich ein super Verhältnis – keinen einzigen Kotzbrocken unter den Kollegen. Leider blieb ich ewig in der Vorführung stecken. Erst viel später rotierte ich weiter.
Dann bekam ich zwei Praktikanten: Jürgen und Kai. Beide supernett. Sie brauchten das Praktikum für die Aufnahmeprüfung an der Fachhochschule für Kameraassistenz.
Kamera-Assistent? Hörte sich plötzlich verdammt spannend an. Voraussetzung: Mittlere Reife, ein halbes Jahr Praktikum, Aufnahmeprüfung bestehen. Die Prüfung war in einer Woche.
Ich rief sofort an – ja, ich könne noch mitmachen. Fehlte nur das Praktikum. Also zu Dr. Geyer: „Können Sie mir meine Zeit hier als Praktikum bescheinigen?“
Zwei Stunden später hatte ich das Papier in der Hand. Geyer eben.
Fünf Tage bis zur Prüfung, null Vorbereitung. Ich nahm Urlaub, kaufte mir „Filmen“ von Kurt Solf und paukte das Buch mehr oder weniger auswendig.
Über 400 Bewerber auf 25 Plätze.
Die Fragen? Kein Drama – außer einer:„Was sind die Aufgaben eines Kamera-Assistenten?“
Ich schielte zum Nachbarn: „Schärfe ziehen, Blenden ziehen, Kassetten ein- und auslegen.“
Aha. Klingt logisch. Hingeschrieben. Ohne die geringste Ahnung, was das eigentlich bedeutet.
Am nächsten Tag die Ergebnisse: Ich war unter den besten Zehn. Angenommen.
Totale Schock-Überraschung.
Ich kündigte bei Geyer. Karla war richtig traurig – sie hätte mich am liebsten als ihren Nachfolger adoptiert.
Aber niemand war sauer. Alle gratulierten herzlich – schließlich blieb ich ihnen als Kunde erhalten. Jürgen hatte es auch geschafft, Kai leider nicht. Aber der hatte einen Promi-Vater – der würde schon was zaubern.
Plötzlich war ich Student. An der SFOF – Staatliche Fachschule für Optik und Phototechnik.
Die große weite Welt des Films? Immer noch Lichtjahre entfernt.
Meine Mitstudenten: ein bunter Haufen, die meisten mit TV-Erfahrung. Deutsche, ein Pakistani, ein Bangladeschi, ein Jordanier. Einer von ihnen (Achim) ist heute ein gefeierter Kameramann, ein anderer war mal kurzzeitig Programmdirektor bei einem Sender, die meisten sind irgendwo bei Sendern gelandet. Zu einigen habe ich bis heute Kontakt. Nur aus mir ist – na ja – anscheinend nichts „Vernünftiges“ geworden.
Die Dozenten: meist zweite Wahl, aber kompetent. Bis auf einen reaktionären Vollidioten, der mich absägen wollte. Hat nicht geklappt.
Mein echtes Problem: Das Geyer-Gehalt fehlte. Mit BAföG kam ich nicht weit. Also Umzug in den Wedding: Hinterhof, Erdgeschoss, stockdunkel, keine Dusche, dafür Heizung. 150 DM warm.
Praktischerweise wohnte Holger (Mitstudent) in derselben Straße – bei ihm durfte ich duschen.
Was tut man nicht alles für seinen Fiat 124 Spider. (Ein Traumauto. Holgers Vater hatte übrigens maßgeblich dazu beigetragen, dass Israel Atommacht wurde. Kleine Anekdote am Rande.)
Ich jobbte wieder in der alten Lichtpauserei – der Chef hatte nur einen Leitspruch: „Pausen müssen sein.“ (Er meinte seine Lichtpausen, nicht unsere Kaffeepausen.)
Dann baggerte ich die süße Verkäuferin aus meinem Lieblingsplattenladen GOVI an. Sie mochte mich offenbar auch und stellte mich ihrem Freund Lutz vor – dem Geschäftsführer. Zack, zweiter Job. In einem Plattenladen!
Lutz war ein absoluter Supertyp, wahnsinnig nett. Ich hörte sofort auf, seine Freundin anzubaggern. Der Job war super, die Bezahlung auch – und dank Personalrabatt kosteten LPs plötzlich nur noch 1–2 Mark.
Folge: Von meinem Gehalt blieb nie was übrig. Alles wanderte direkt in Vinyl.
Neuer Lebensrhythmus: 8 bis 14:30 Uni. Ab 15 Uhr jobben bis 18 Uhr. Dann pennen bis 23 Uhr. Danach ab ins Superfly (angesagte Disco am Adenauerplatz), Highfly, Flyhigh, Tolstefanz, Linientreu, Dschungel … Sound? Nee, da waren nur die Fixer.
Berlin war damals ein echt heisses Pflaster: die Musik geil, die Nächte wild.
War im Superfly mal tote Hose, überquerten wir einfach die Straße – ins Kino. Als Filmstudenten hatten wir freien Eintritt.
So ging das Leben: tagsüber lernen, abends schlafen, nachts feiern, zwischendurch arbeiten – und immer mit dem Gefühl, dass die ganz große Filmwelt irgendwo da draußen auf mich wartet.
Spoiler: Sie wartete noch eine ganze Weile.
Im Kino gab es Vorführungen die ganze Nacht über, um Mitternacht, um zwei und um vier. Dann fuhr ich meistens gegen vier Uhr früh nach Hause und schlief noch ein paar Stunden. Dieser Lebensrhythmus hatte allerdings auch ein paar Nachteile.
Eines Dezembermorgens wachte ich auf – stockdunkel draußen. Blick auf die Uhr: fünf vor acht. Mist! Schnell Klamotten drüber, zum Bäcker – zu. Wieso eigentlich? Egal, ohne Frühstück ab zur Uni. Um 10 nach 8 quietschten meine Reifen auf den Parkplatz. Kein Schwein da. Dienstag, acht Uhr Vorlesung – oder hatte ich einen Feiertag verschwitzt? Ich fragte einen vorbeischlendernden Passanten: „Entschuldigung, ist der heutige Dienstag ein Feiertag?“
Der schaute mich verwundert an: „Nee, junger Mann. Es ist Montag. Und zwar 20:20 Uhr.“
Ich war Montag gegen 16 Uhr eingepennt und hatte gedacht, ich hätte die ganze Nacht durchgeschlafen. Stattdessen nur ein Power-Nickerchen. Klassiker.
Kurz gesagt: In meinem Studium hatte ich weniger Fehltage im Superfly als an der Uni. Aber hey – das Studium lief trotzdem prima.
Ich hatte die Idee zu einem Kurzfilm: die Umsetzung von Hans Heinz Ewers’ Gruselgeschichte „Die Spinne“. Drei Kommilitonen stiegen ein. Hauptdarsteller: Dietrich, ein alter Kumpel aus meiner Heimatstadt, der mittlerweile auch in Berlin lebte, und Nilgün, eine atemberaubend schöne Türkin, die ich im Superfly aufgegabelt hatte.
Eigentlich sollten wir nur Mini-Projekte à 1,5 Minuten drehen. Unser Ding wurde ambitioniert: 10 Minuten. Selbstfinanziert. Dank meiner alten Geyer-Kontakte hielten sich die Kosten aber im Rahmen – fast wie ein Gratis-Ticket in die Filmwelt.
Zwischendurch lernte ich Sonja kennen: Tochter eines österreichischen Promis. Sie machte mir schöne Augen und fragte zuckersüß, ob ich sie mal nach Wien chauffieren könnte. Klar, sofort!
Seltsamerweise checkten wir nicht bei ihr zu Hause ein, sondern in einem Hotel. Am nächsten Morgen nestelte sie am Absatz ihres Stiefels herum, zog die Sohle raus – randvoll mit Heroin. Sie hatte mich als ahnungslosen Kurier missbraucht, um ihre Drogen nach Wien zu schmuggeln und dort zu verticken.
Ich stellte sie zur Rede: „Wenn wir erwischt worden wären, hätte ich als Ausländer den schwarzen Peter gehabt – du als Promi-Tochter wärst fein raus gewesen!“
Reaktion: Null. Stattdessen setzte sie sich erst mal einen Schuss. Ich setzte mich – ins Auto – und brauste sofort zurück nach Berlin.
An der bayerischen Grenze: Stopp, Passkontrolle, rechts ranfahren. Pass abgeben, die Grenzer verschwanden damit. 30 Minuten. Eine Stunde. Ich ging ins Häuschen: „Kann ich meinen Pass zurückhaben?“
Drei Grenzer mit verschränkten Armen. Einer: „Komm doch rein und hol ihn dir – dann gibt’s aber was aufs Maul.“
Arschlöcher. Ich raus, wartete auf das nächste Auto voller Freaks, bat um Verstärkung. Zu fünft marschierten wir rein. Mit vier Zeugen bekam ich meinen Pass sofort zurück. Punkt.
Mit Drogen hatte ich nie viel am Hut – ab und zu ein Tütchen, das war’s. Als Jugendlicher probierte ich mal ein Jahr lang LSD. Unser Dealer in Heidelberg war preisgünstig: LSD Trip für 2,22 DM, Gramm Shit für 3,33 DM. Wir machten Sammelbestellungen wie beim Otto-Versand, holten das Zeug persönlich ab. Niemand wollte damit Kohle machen.
Einmal schickte Piper die ganze Schulfest-Bestellung (100 Trips!) per Post – in einem normalen Briefumschlag. Meine Mutter schüttelte ihn: „Was raschelt da?“
Ich: „Äh, Perlenkette von meiner Brieffreundin!“ Zeigte ihr eine ähnlich große Perlenkette aus meinem Zimmer. Sie war beruhigt.
Am Schulfest: Halbe Oberstufe nahm eine Pille – nichts passierte. Nach ’ner halben Stunde die zweite. Fehler! Kurz drauf knallte die erste rein, dann die zweite. Gegen 22 Uhr war das Fest vorbei: Alle Pillen-Fans flohen in die Wälder oder irrten orientierungslos durch die Altstadt.
30 Jahre später erzählte mir ein Freund in Mannheim von einem Verlagsbesitzer, der jährlich eine Riesenfete im Odenwald feierte. Rate mal, wer’s war: unser alter Dealer Piper. Feiner Kerl, faire Preise, keine harten Drogen. Harte Drogen waren bei uns eh uncool – wer’s versuchte, flog aus der Clique. Deshalb hatten wir jahrelang keine Fixer in der Stadt.
Zurück zur Uni: Unser „Die Spinne“ wurde richtig gut. Wir reichten ihn bei der Filmbewertungsstelle Wiesbaden ein – auf eigene Kosten. Danach: Funkstille.
Ein Jahr später rief ich an: „Und, wie war’s?“
Die waren baff: „Haben Sie den Bescheid nicht bekommen? Wir haben ihn direkt an die Schule geschickt!“
Ich stellte den Studiengangsleiter Eichhoff zur Rede. Er gab mir den Brief unwirsch: „Wertvoll“. Erstes Prädikat in der Geschichte der Schule.
Seine Begründung, ohne jede Reue: „Falls publik wird, dass bei uns Filme mit Prädikat entstehen, bewerben sich plötzlich doppelt so viele Filmemacher. Dann haben wir 800 statt 400 Bewerber pro Jahr – und darauf hab ich keinen Bock. Basta.“
Stolz? Fehlanzeige.
Der Einzige, der mir den Spaß vermieste, war Kremer in Sozialkunde – ultra-konservativ. Als ich für mein Referat über die Weimarer Republik „Einig gegen Recht und Freiheit“ von Bernt Engelmann als Quelle nannte, flippt er aus. Eine Woche vor dem einstündigen Vortrag (auf den ich mich echt gefreut hatte): „Kein Referat mehr, nur ein Kurzexposé, max. 10 Zeilen.“
Ich hätte das aus dem Brockhaus abschreiben können. Meine ganze Vorbereitung für die Katz.
Also hielt ich den vollen Vortrag – eine Stunde. Note: glatte Sechs. Er war stocksauer, konnte mir aber keine Sechs ins Zeugnis hauen, weil ich in den Tests zu gut war.
Ich ignorierte ihn einfach. Wir drehten noch schnell „Die letzte Wette“ – Verfilmung einer alten Urban Legend: Betrunkene in der Kneipe wetten, wer ein Grabkreuz klaut, zahlt nix mehr. Einer tut’s, bringt’s mit, sieht sein eigenes Gesicht drauf, flippt deshalb aus, will’s zurückbringen – wird vom Toten erwürgt.
Leider: Komparsen statt richtiger Schauspieler. Aus Verzweiflung darüber spielte ich den Killer selbst. Der Film hätte die goldene Himbeere verdient, aber technisch einwandfrei.
Wir schrieben unsere Abschlussklausuren, und ich bestand mit einem guten Notendurchschnitt. Fast alle hatten schon einen Job bei irgendeinem Sender in der Tasche, nur ich nicht, da ich ja nie die nötigen Senderkontakte gehabt hatte. Doch dann geschah ein kleines Wunder. Rita, eine Sportstudentin, jobbte auch in der Lichtpauserei, wo ich nebenbei malochte. Irgendwann fragte sie mich, was ich eigentlich so mache. Ich sagte ihr trocken, dass ich bald wohl ein arbeitsloser Kameraassistent sein würde. „Ist ja witzig“, entgegnete sie, „meine Schwägerin ist Aufnahmeleiterin beim Film. Ich geh da immer als Statist hin, hast du Lust mitzukommen?“ Na klar hatte ich Lust! Es gab gutes Geld, wir sollten nur ein wenig tanzen im „Meadow“, einer Diskothek am Olivaer Platz. Der Film hieß „Asphaltnacht“ und war von Peter Fratscher, Kameramann war Bernd Heinl. Wir machten uns auf den Weg in die große, weite Welt des Films. Ich konnte nicht ahnen, dass dies mein Glückstag war.
Es war ein easy Job: ein bisschen tanzen, dann wieder rumstehen und warten. Christina Plate war süße 13 und spielte eine der Hauptrollen. Renate Witte, die Aufnahmeleiterin, war supernett und kümmerte sich rührend um uns. Ich hatte Zeit, mich umzusehen. Mir fiel auf, als die Crew wieder mal in eine bestimmte Lichtrichtung drehte, dass einige Lampen, die vorher eingeschaltet gewesen waren, nicht brannten. Ich ging zu einem der Beleuchter, Helmut Grass hieß er, und wies ihn darauf hin. Er schaute mich ganz verdutzt an, ging zum Kameramann. Ich sah, wie er dort auf mich zeigte, dann schalteten sie die Lampen ein. Zwei Stunden später das Gleiche: Sie hatten wieder eine Lampe vergessen. Ich ging erneut zu Helmut, der bedankte sich, ging wieder zu Bernd Heinl, dem Kameramann, und sie schalteten die Lampe ein. In der nächsten Pause sprach mich Helmut (er übersetzt mittlerweile übrigens englischsprachige Bestseller ins Deutsche) mit seiner tiefen Bassstimme an.
Woher ich denn gewusst habe, dass die Lampen wichtig seien, wollte er wissen. Ich erzählte ihm meine Geschichte. „Aha“, sagte er nur, ging zu Bernd Heinl und erzählte es ihm gleich weiter. Nach Drehschluss kam Renate zu mir, bedankte sich und erzählte mir, dass der Kameramann mich sehr gelobt habe. Ich freute mich sehr, und dann fragte sie mich, ob ich am Wochenende Zeit hätte. Wenn ich wolle, könne ich auf Kinder aufpassen. Auf Kinder aufpassen war nun nicht gerade mein Ding, aber es ging um was ganz anderes. Sie hatte ein Drehbuch für mich von einem Film, und Sonntag würden sich die ersten Teenies vorstellen, die für einige der Rollen vorgesehen waren. Ich sollte das Buch lesen und ihnen dann was vom Film erzählen, während sie warteten. Na, das war schon was anderes, da sagte ich sofort zu!
Am nächsten Tag sollte ich schon die Produktionsfirma besuchen. Damit hatte mir Renate die Zukunft gesichert, und ich werde ihr dafür immer dankbar sein. Ihr hab ich alles zu verdanken, was danach passierte.
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