Sint Eustatius – die Insel, die die Vereinigten Staaten von Amerika zum Leben erweckte
Ich werde mal aufhören Euch nur mit alten Geschichten zu nerven und springe mal 30 Jahre in die Zukunft ins Jahr 2009, (keine Angst springe wieder zurück), in eine Zeit in der ich schon lange für Film und Fernsehen gearbeitet habe. Liegt auch daran, daß ich erstmal Bilder von Negativen digitalisieren muß während man neuere Photos einfach schon auf der Festplatte hat. Habe von 2005 bis 2008 in der Karibik gelebt und machte deshalb 2009 einen Zweiteiler über einige Karibikinseln. Meine Wahl bei diesem Post fiel auf eine fast vergessene Insel mit grosser Geschichte: Sint Eustatius, von den Einheimischen liebevoll Statia genannt.
Die Insel ist winzig – nur etwa 21 Quadratkilometer groß – und hat heute rund 3.300 Einwohner. Im 18. Jahrhundert jedoch lebten hier zeitweise über 8.000 Menschen, und während der Hochphase sollen sich bis zu 20.000 Personen (inklusive Seeleute und Händler) auf der Insel aufgehalten haben. Damals war Statia das wichtigste Handelszentrum der Niederländer in der Karibik und einer der geschäftigsten Häfen der gesamten Region.
Ich bin mir sicher, dass 99,9 % der Amerikaner nicht wissen, wie entscheidend diese kleine Insel für die Entstehung der Vereinigten Staaten war. Sonst würde es hier nur so von US-Touristen wimmeln.
Was war geschehen?
Im 18. Jahrhundert wurde Sint Eustatius durch seinen Freihafen unermesslich reich. Die Insel – auch „The Golden Rock“ genannt – ignorierte Handelsembargos und lieferte an jeden, der zahlen konnte: Waren, aber vor allem Waffen und Munition. Besonders die Dreizehn Kolonien in Nordamerika profitierten davon massiv. Ohne die Lieferungen über Statia wäre der Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien wahrscheinlich ganz anders verlaufen.
Der Höhepunkt kam am 16. November 1776. Die amerikanische Brig Andrew Doria unter Captain Isaiah Robinson lief in den Hafen von Oranje Bay ein. Sie segelte unter der Grand Union Flag – der rot-weiß gestreiften Flagge des Zweiten Kontinentalkongresses – und feuerte beim Einlaufen einen Salut von 13 Schüssen ab (einen für jede Kolonie). Auf Befehl des niederländischen Gouverneurs Johannes de Graaff antworteten die Kanonen von Fort Oranje mit elf Schüssen.

Damit wurde Sint Eustatius zur ersten ausländischen Macht, die die Souveränität der noch jungen Vereinigten Staaten offiziell anerkannte – ein historischer Moment, lange bevor Frankreich oder andere Mächte folgten.
Doch Amerika zu helfen, hatte seinen Preis. Die Briten waren außer sich. 1781 eroberte Admiral George Rodney die Insel in einem brutalen Schlag, plünderte sie systematisch und zerstörte ihren Reichtum. Der „Golden Rock“ wurde nie wieder derselbe. Die große Zeit war vorbei.
Heute ist Sint Eustatius eine ruhige, authentische Karibikinsel, die immer noch zu den Niederlanden gehört (als eine der besonderen Gemeinden der Karibik-Niederlande, zusammen mit Bonaire und Saba). Englisch wird überall gesprochen, und als offizielle Währung gilt der US-Dollar.
Nun fragen sich sicher einige: Was hat das Ganze eigentlich mit Film zu tun? Nun ja – ich war immerhin zweimal dort und es war eine Drehreise. Auf so einer kleinen Insel erlebt man keine riesigen Abenteuer, dafür aber ein paar richtig witzige Anekdoten.
Wir drehten damals einen Zweiteiler für das ZDF über karibische Inseln und landeten deshalb auf Statia – wegen der Tauchaufnahmen und natürlich wegen der geschichtlichen Bedeutung. Die Insel ist nicht ganz einfach zu erreichen: Es gibt nur wenige Flüge von den Nachbarinseln. Die beste Verbindung führt über St. Maarten/St. Martin. Dort landen Maschinen aus den USA und Europa, und nach einem kurzen 20-minütigen Hopser steht man schon auf Statia.
Hier ein kleiner Youtube Film über die Insel
Einmal fuhren wir hoch zum Fort de Windt, um Aufnahmen zu machen. Von dort hat man einen fantastischen Blick auf die Nachbarinsel St. Kitts – die Anfang des 21. Jahrhunderts als eine der gefährlichsten Ecken der Karibik galt (2009 wurde dort sogar ernsthaft über die Wiedereinführung der Todesstrafe wegen hoher Mordraten diskutiert). Im Gegensatz dazu wirkt Statia immer noch herrlich sicher und entspannt.
Es war extrem windig, und die niederländische Flagge am Fort hing schon halb abgerissen im Wind. Das konnten wir natürlich nicht auf uns sitzen lassen. Also kletterte unser Kameramann kurzerhand den Fahnenmast hoch, nahm die Flagge ab und hängte sie „ordentlich“ wieder auf. Wir drehten weiter – bis plötzlich eine Gruppe Einheimischer die 150 Stufen hinaufhetzte, heftig winkend und völlig außer Atem. Oben angekommen zeigten sie empört auf die Fahne: Wir hatten sie falsch herum gehisst! In den Niederlanden ist das ein klassisches Signal bei Demonstrationen, dass „etwas nicht in Ordnung ist“.
Der Kameramann durfte also nochmal hoch – um sie diesmal richtig herum aufzuhängen. Alle lachten herzlich, als wir die Geschichte erzählten, wie es dazu gekommen war. So viel niederländischen Patriotismus mitten in der Karibik hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet!
Eine andere Perle passierte kurz vor dem Abflug. Wir saßen schon fast im Flieger (bei diesen kleinen karibischen Verbindungen nimmt man die Abflugzeiten ohnehin nicht allzu ernst), als plötzlich der Vermieter unseres Leihwagens direkt aufs Rollfeld gefahren kam und auf uns zulief. Nein, wir hatten keinen Unfall gebaut – aber der Kameramann hatte eines der Nummernschilder als Souvenir mitgehen lassen. Auf unsere verdutzte Frage, warum er ausgerechnet uns verdächtigte, kam die trockene Antwort: „Das machen ganz viele Touristen.“ Da der Kameramann auf anderen Inseln für dieses Delikts schon einschlägig bekannt war (in Sachen Nummernschilder), mussten wir ihn überreden, seine Trophäe wieder rauszurücken.
Zum Tauchen und den Schiffswracks: Statia ist für Taucher ein echtes verstecktes Juwel – ruhig, uncrowded und mit kristallklarem Wasser. Rund um die Insel gibt es über 30 offizielle Tauchspots im geschützten Marine Park, darunter farbenprächtige Korallenriffe, Lava-Formationen und vor allem unzählige Schiffswracks. Historiker schätzen, dass über 400 Wracks aus der Golden-Rock-Zeit hier liegen – viele davon sind noch nicht einmal vollständig erkundet. Man taucht zwischen alten Kanonen, Ankern und Ballaststeinen, die inzwischen von Korallen und Schwämmen überwachsen sind. Besonders beliebt sind die beiden modernen Wracks: die Chien Tong (ein ehemaliges taiwanesisches Fischerboot, ideal für Nachttauchgänge mit Schildkröten) und die riesige Charles L. Brown (ein über 100 Meter langes Kabelschiff – eines der größten Wracks der Karibik). Dazwischen gibt’s tolle Riffe wie Barracuda Reef oder den „Grand Canyon“ mit Gorgonien und großen Fischschwärmen. Perfekt für alle Erfahrungsstufen – und deutlich entspannter als auf den großen Touristeninseln.
Statia lohnt sich als Ziel auch für alle, die gerne wandern. Der absolute Highlight ist der Aufstieg zum erloschenen Vulkan The Quill. Der Hauptweg (Quill Trail) ist moderat und führt in ca. 1–2 Stunden zum Kraterrand – mit tollem Blick über die Insel und das Meer. Wer fit ist, kann sogar in den Krater hinabsteigen, wo ein dichter tropischer Regenwald wartet. Es gibt insgesamt rund 17 Trails im Quill/Boven National Park – von kurzen Spaziergängen bis zu anspruchsvolleren Touren durch verschiedene Vegetationszonen. Perfekt, wenn man mal richtig raus will aus dem Alltag.
Statia bleibt mir in sehr angenehmer Erinnerung: ruhig, sicher und mit unglaublich freundlichen Bewohnern. Fliegt einfach mal hin – es lohnt sich! Kann man gut mit einem Besuch naheliegender Inseln verbinden, wie z.B. St. Maarten/St.Martin, Anguilla, Saba, St. Barths oder Antigua und Montserrat




