Samstag, 14. Februar 2026


Der erste Filmjob:

Zurück in die Realität: Ich bereitete mich auf ein Vorstellungsgespräch vor. Nach fünf Minuten hatte ich den Job – Cutterassistent bei der Deutschen Synchron, die ausländische Filme synchronisierte. Klingt glamourös? War es nicht.


Cutterassistent in einer Synchronfirma ist ungefähr so exotisch wie ein Stück Kernseife.  Die intellektuellen Anforderungen: Englisch verstehen reicht. Man hockt den ganzen Tag (damals noch analog) am Schneidetisch und hört sich irgendwelche Töne an.

Die Firma lag auf dem Gelände der Berliner Union Film Studios am Flughafen Tempelhof – das Aufregendste dort war die ZDF-Hitparade. Man traf also Schlagerfuzzis in der Kantine und ab und zu mal einen echten Schauspieler, der woanders drehte.

Ich landete in einem Schneideraum mit fünf Assistentinnen. Sie waren nett zu mir – ich war der Hahn im Korb –, aber sobald eine den Raum verließ, fielen die anderen über sie her: „Hast du ihre Schuhe gesehen? Und diese Frisur!“ Lästereien-Level: Profi. Ich dachte mir: Hoffentlich sind Frauen nicht immer so, wenn sie zusammenarbeiten müssen. Bei Männern hab ich das nie erlebt. (Vielleicht lüge ich mich da auch nur in Sicherheit.)

Der Chef war ein echter Tyrann. Wollte jemand was von ihm, wurde erst panisch im Vorzimmer angerufen: „Wie ist seine Laune?“ Bei Bedarf verschob man das Gespräch lieber um Wochen. Die Cutterinnen (nicht alle, aber viele) waren Divas – zickig, geheimnisvoll, taten so, als wären sie mitten im großen Filmbusiness. Später beim „richtigen“ Film waren die Cutterinnen deutlich entspannter.

Die wahren Highlights waren die Synchronregisseure – die hatten teils echtes Format. Besonders brodelte die Gerüchteküche um Michael Richter (Iljas Bruder) und vor allem Rainer Brandt, der mit seiner frechen Art „Die Zwei“ neu dialogisiert und damit in Deutschland zum Hit gemacht hatte, während die Serie anderswo floppte. Leider arbeitete der nicht bei uns.

Die Synchronsprecher waren meist weniger bekannte Schauspieler – man erkannte sie oft nur an der Stimme. „War das nicht gerade John Wayne da draußen auf dem Gang?“ Nein, Arnold Marquis.

Das Schlimmste war der Job selbst. Für 130 DM im Monat (Stundenlohn: 81 Pfennig!) durfte ich vor allem gebrauchte Perfobänder wieder zusammenkleben. Erklärung für die Jüngeren: Bei der Synchronisation wurde der Ton auf 17,5-mm-Magnetband aufgenommen. Die Cutterin schnitt es in zig kleine Schnipsel, um die Dialoge passgenau ans Bild zu legen, klebte dazwischen Füllband. Nach Fertigstellung des Films wurde alles gelöscht – und ich durfte die Schnipsel wieder zusammenkleben. Billiger als ein neues Band (das locker 20 Mark oder mehr kostete).

Dann kamen immer mehr Überstunden – bei 81 Pfennig die Stunde ein Witz. Ich brauchte die Abende aber, um nebenbei zu jobben und zu überleben. Als ich die Überstunden ablehnte, flog ich nach drei Monaten raus.

Moral: Wer sich gegen Ausbeutung wehrt, zahlt drauf.

Aus mit der großen, weiten Welt des Films. Oder doch nicht?

Nächster Halt: Arbeitsamt. „Was haben Sie gemacht?“ – „Cutter-Assistent.“ – „Ach, wenn Sie auf einem Schiff gearbeitet haben, sind Sie hier falsch.“

Ich bewarb mich überall – nichts. Bis mir jemand stecken musste: Brunnemann, der Chef, hatte bei allen Synchronkollegen angerufen und vor mir gewarnt.

Und dann das Wunder: Geyer Synchron (das berühmte Kopierwerk!) hatte meine Bewerbung in die falsche Abteilung weitergeleitet – ins Kopierwerk. Die Geyer-Werke waren damals das Nonplusultra in Berlin: Profifilme in 35 und 16 mm entwickeln und kopieren. Besser als nichts.

Ich stellte mich vor. Herr Raps, der Leiter, war kompetent und entspannt: „Fang erst mal an, dann rotierst du durch die Abteilungen.“

Gesagt, getan. Anständiges Geld, gutes Betriebsklima. Erste Station: Filmvorführung – quasi ein kleines Kino, in dem die Kopien vor Auslieferung geprüft wurden.

Und so ging’s weiter – vom Hellseher zum Schnipselkleber zum Filmkopierer. Das Leben schreibt manchmal die besseren Drehbücher.

Ich war plötzlich Filmvorführer. 

In der Vorführung thronte Karla wie eine Institution. 



Sie sah aus wie die strenge Mathelehrerin, die man mit 60 immer noch fürchtet: korpulent, zwei Jahre vor der wohlverdienten Pension, Brille mit Gläsern so dick wie Flaschenböden – und trotzdem musste sie jedes Mal fast mit der Nase an der Leinwand kleben, um überhaupt etwas zu erkennen.

Trotz dieses optischen Handicaps war sie eine absolute Meisterin ihres Fachs, eine echte Seele von Mensch. Von Tag eins an hat sie mich bemuttert: Jeden Morgen lag irgendwas Essbares auf meinem Tisch – Kekse, Schokolade, belegte Brötchen, was auch immer sie gerade gebacken oder gekauft hatte. Innerhalb kürzester Zeit legte ich fünf Kilo zu. Ich war quasi ihr persönliches Aufzuchtprojekt.

Die Kollegen waren durch die Bank supernett. Zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich sauwohl am Arbeitsplatz – auch wenn der Job selbst (Pornofilme von halb neun bis zehn prüfen) eher fragwürdig war. Manche Streifen waren so eklig, dass selbst die Leinwand angewidert hätte wegsehen wollen.

Zwischendurch durfte ich aber auch richtige Kinofilme sehen – oft Monate, bevor sie ins Kino kamen. Leider gehörte dazu auch „Im Lauf der Zeit“ von Wim Wenders. Ich habe diesen Film 35-mal komplett durchgelitten. Seitdem ist mein Bedarf an Wim Wenders für mindestens drei Leben gedeckt. In meinen schlimmsten Albträumen sehe ich bis heute Rüdiger Vogler irgendwo in der Pampa hocken und kacken. Danke, Wim.

Es gab eine Stempeluhr. Ich kam jeden Morgen exakt fünf Minuten zu spät. Nach Wochen wurde ich zum Chef zitiert.

„Warum kommen Sie immer zu spät?“

„Weil um die Zeit eh nichts los ist – und ich fast jeden Tag Überstunden mache. Ist das nicht viel wertvoller für die Firma, als pünktlich rumzusitzen?“

Er schaute mich zwei Sekunden an, dann: „Kommen Sie, wann Sie wollen. Hauptsache, Sie kümmern sich nach Dienstschluss um die Kunden.“

Das war Geyer: eine wirklich gute Firma mit Chefs, die noch mitdachten.

Mit Karla und den anderen hatte ich ein super Verhältnis – keinen einzigen Kotzbrocken unter den Kollegen. Leider blieb ich ewig in der Vorführung stecken. Erst viel später rotierte ich weiter.

Dann bekam ich zwei Praktikanten: Jürgen und Kai. Beide supernett. Sie brauchten das Praktikum für die Aufnahmeprüfung an der Fachhochschule für Kameraassistenz.

Kamera-Assistent? Hörte sich plötzlich verdammt spannend an. Voraussetzung: Mittlere Reife, ein halbes Jahr Praktikum, Aufnahmeprüfung bestehen. Die Prüfung war in einer Woche. 

Ich rief sofort an – ja, ich könne noch mitmachen. Fehlte nur das Praktikum. Also zu Dr. Geyer: „Können Sie mir meine Zeit hier als Praktikum bescheinigen?“

Zwei Stunden später hatte ich das Papier in der Hand. Geyer eben.                                         

Fünf Tage bis zur Prüfung, null Vorbereitung. Ich nahm Urlaub, kaufte mir „Filmen“ von Kurt Solf und paukte das Buch mehr oder weniger auswendig.

Über 400 Bewerber auf 25 Plätze.

Die Fragen? Kein Drama – außer einer:„Was sind die Aufgaben eines Kamera-Assistenten?“

Ich schielte zum Nachbarn: „Schärfe ziehen, Blenden ziehen, Kassetten ein- und auslegen.“

Aha. Klingt logisch. Hingeschrieben. Ohne die geringste Ahnung, was das eigentlich bedeutet.

Am nächsten Tag die Ergebnisse: Ich war unter den besten Zehn. Angenommen.

Totale Schock-Überraschung.

Ich kündigte bei Geyer. Karla war richtig traurig – sie hätte mich am liebsten als ihren Nachfolger adoptiert.

Aber niemand war sauer. Alle gratulierten herzlich – schließlich blieb ich ihnen als Kunde erhalten. Jürgen hatte es auch geschafft, Kai leider nicht. Aber der hatte einen Promi-Vater – der würde schon was zaubern.

Plötzlich war ich Student. An der SFOF – Staatliche Fachschule für Optik und Phototechnik.

Die große weite Welt des Films? Immer noch Lichtjahre entfernt.

Meine Mitstudenten: ein bunter Haufen, die meisten mit TV-Erfahrung. Deutsche, ein Pakistani, ein Bangladeschi, ein Jordanier. Einer von ihnen (Achim) ist heute ein gefeierter Kameramann, ein anderer war mal kurzzeitig Programmdirektor bei einem Sender, die meisten sind irgendwo bei Sendern gelandet. Zu einigen habe ich bis heute Kontakt. Nur aus mir ist – na ja – anscheinend nichts „Vernünftiges“ geworden.

Die Dozenten: meist zweite Wahl, aber kompetent. Bis auf einen reaktionären Vollidioten, der mich absägen wollte. Hat nicht geklappt.

Mein echtes Problem: Das Geyer-Gehalt fehlte. Mit BAföG kam ich nicht weit. Also Umzug in den Wedding: Hinterhof, Erdgeschoss, stockdunkel, keine Dusche, dafür Heizung. 150 DM warm.

Praktischerweise wohnte Holger (Mitstudent) in derselben Straße – bei ihm durfte ich duschen.

Was tut man nicht alles für seinen Fiat 124 Spider. (Ein Traumauto. Holgers Vater hatte übrigens maßgeblich dazu beigetragen, dass Israel Atommacht wurde. Kleine Anekdote am Rande.)

Ich jobbte wieder in der alten Lichtpauserei – der Chef hatte nur einen Leitspruch: „Pausen müssen sein.“ (Er meinte seine Lichtpausen, nicht unsere Kaffeepausen.)

Dann baggerte ich die süße Verkäuferin aus meinem Lieblingsplattenladen GOVI an. Sie mochte mich offenbar auch und stellte mich ihrem Freund Lutz vor – dem Geschäftsführer. Zack, zweiter Job. In einem Plattenladen!

Lutz war ein absoluter Supertyp, wahnsinnig nett. Ich hörte sofort auf, seine Freundin anzubaggern. Der Job war super, die Bezahlung auch – und dank Personalrabatt kosteten LPs plötzlich nur noch 1–2 Mark.

Folge: Von meinem Gehalt blieb nie was übrig. Alles wanderte direkt in Vinyl.

Neuer Lebensrhythmus: 8 bis 14:30 Uni. Ab 15 Uhr jobben bis 18 Uhr. Dann pennen bis 23 Uhr. Danach ab ins Superfly (angesagte Disco am Adenauerplatz), Highfly, Flyhigh, Tolstefanz, Linientreu, Dschungel … Sound? Nee, da waren nur die Fixer.

Berlin war damals ein echt heisses Pflaster: die Musik geil, die Nächte wild.

War im Superfly mal tote Hose, überquerten wir einfach die Straße – ins Kino. Als Filmstudenten hatten wir freien Eintritt. 

So ging das Leben: tagsüber lernen, abends schlafen, nachts feiern, zwischendurch arbeiten – und immer mit dem Gefühl, dass die ganz große Filmwelt irgendwo da draußen auf mich wartet.

Spoiler: Sie wartete noch eine ganze Weile.


Im Kino gab es Vorführungen die ganze Nacht über, um Mitternacht, um zwei und um vier. Dann fuhr ich meistens gegen vier Uhr früh nach Hause und schlief noch ein paar Stunden. Dieser Lebensrhythmus hatte allerdings auch ein paar Nachteile.

Eines Dezembermorgens wachte ich auf – stockdunkel draußen. Blick auf die Uhr: fünf vor acht. Mist! Schnell Klamotten drüber, zum Bäcker – zu. Wieso eigentlich? Egal, ohne Frühstück ab zur Uni. Um 10 nach 8 quietschten meine Reifen auf den Parkplatz. Kein Schwein da. Dienstag, acht Uhr Vorlesung – oder hatte ich einen Feiertag verschwitzt? Ich fragte einen vorbeischlendernden Passanten: „Entschuldigung, ist der heutige Dienstag ein Feiertag?“

Der schaute mich verwundert an: „Nee, junger Mann. Es ist Montag. Und zwar 20:20 Uhr.“ 

Ich war Montag gegen 16 Uhr eingepennt und hatte gedacht, ich hätte die ganze Nacht durchgeschlafen. Stattdessen nur ein Power-Nickerchen. Klassiker.

Kurz gesagt: In meinem Studium hatte ich weniger Fehltage im Superfly als an der Uni. Aber hey – das Studium lief trotzdem prima.

Ich hatte die Idee zu einem Kurzfilm: die Umsetzung von Hans Heinz Ewers’ Gruselgeschichte „Die Spinne“. Drei Kommilitonen stiegen ein. Hauptdarsteller: Dietrich, ein alter Kumpel aus meiner Heimatstadt, der mittlerweile auch in Berlin lebte, und Nilgün, eine atemberaubend schöne Türkin, die ich im Superfly aufgegabelt hatte.

Eigentlich sollten wir nur Mini-Projekte à 1,5 Minuten drehen. Unser Ding wurde ambitioniert: 10 Minuten. Selbstfinanziert. Dank meiner alten Geyer-Kontakte hielten sich die Kosten aber im Rahmen – fast wie ein Gratis-Ticket in die Filmwelt.

Zwischendurch lernte ich Sonja kennen: Tochter eines österreichischen Promis. Sie machte mir schöne Augen und fragte zuckersüß, ob ich sie mal nach Wien chauffieren könnte. Klar, sofort!

Seltsamerweise checkten wir nicht bei ihr zu Hause ein, sondern in einem Hotel. Am nächsten Morgen nestelte sie am Absatz ihres Stiefels herum, zog die Sohle raus – randvoll mit Heroin. Sie hatte mich als ahnungslosen Kurier missbraucht, um ihre Drogen nach Wien zu schmuggeln und dort zu verticken.

Ich stellte sie zur Rede: „Wenn wir erwischt worden wären, hätte ich als Ausländer den schwarzen Peter gehabt – du als Promi-Tochter wärst fein raus gewesen!“

Reaktion: Null. Stattdessen setzte sie sich erst mal einen Schuss. Ich setzte mich – ins Auto – und brauste sofort zurück nach Berlin.

An der bayerischen Grenze: Stopp, Passkontrolle, rechts ranfahren. Pass abgeben, die Grenzer verschwanden damit. 30 Minuten. Eine Stunde. Ich ging ins Häuschen: „Kann ich meinen Pass zurückhaben?“

Drei Grenzer mit verschränkten Armen. Einer: „Komm doch rein und hol ihn dir – dann gibt’s aber was aufs Maul.“

Arschlöcher. Ich raus, wartete auf das nächste Auto voller Freaks, bat um Verstärkung. Zu fünft marschierten wir rein. Mit vier Zeugen bekam ich meinen Pass sofort zurück. Punkt.

Mit Drogen hatte ich nie viel am Hut – ab und zu ein Tütchen, das war’s. Als Jugendlicher probierte ich mal ein Jahr lang LSD. Unser Dealer in Heidelberg war preisgünstig: LSD Trip für 2,22 DM, Gramm Shit für 3,33 DM. Wir machten Sammelbestellungen wie beim Otto-Versand, holten das Zeug persönlich ab. Niemand wollte damit Kohle machen.

Einmal schickte Piper die ganze Schulfest-Bestellung (100 Trips!) per Post – in einem normalen Briefumschlag. Meine Mutter schüttelte ihn: „Was raschelt da?“

Ich: „Äh, Perlenkette von meiner Brieffreundin!“ Zeigte ihr eine ähnlich große Perlenkette aus meinem Zimmer. Sie war beruhigt.

Am Schulfest: Halbe Oberstufe nahm eine Pille – nichts passierte. Nach ’ner halben Stunde die zweite. Fehler! Kurz drauf knallte die erste rein, dann die zweite. Gegen 22 Uhr war das Fest vorbei: Alle Pillen-Fans flohen in die Wälder oder irrten orientierungslos durch die Altstadt.

30 Jahre später erzählte mir ein Freund in Mannheim von einem Verlagsbesitzer, der jährlich eine Riesenfete im Odenwald feierte. Rate mal, wer’s war: unser alter Dealer Piper. Feiner Kerl, faire Preise, keine harten Drogen. Harte Drogen waren bei uns eh uncool – wer’s versuchte, flog aus der Clique. Deshalb hatten wir jahrelang keine Fixer in der Stadt.





Zurück zur Uni: Unser „Die Spinne“ wurde richtig gut. Wir reichten ihn bei der Filmbewertungsstelle Wiesbaden ein – auf eigene Kosten. Danach: Funkstille.

Ein Jahr später rief ich an: „Und, wie war’s?“

Die waren baff: „Haben Sie den Bescheid nicht bekommen? Wir haben ihn direkt an die Schule geschickt!“

Ich stellte den Studiengangsleiter Eichhoff zur Rede. Er gab mir den Brief unwirsch: „Wertvoll“. Erstes Prädikat in der Geschichte der Schule.

Seine Begründung, ohne jede Reue: „Falls publik wird, dass bei uns Filme mit Prädikat  entstehen, bewerben sich plötzlich doppelt so viele Filmemacher. Dann haben wir 800 statt 400 Bewerber pro Jahr – und darauf hab ich keinen Bock. Basta.“

Stolz? Fehlanzeige.

Der Einzige, der mir den Spaß vermieste, war Kremer in Sozialkunde – ultra-konservativ. Als ich für mein Referat über die Weimarer Republik „Einig gegen Recht und Freiheit“ von Bernt Engelmann als Quelle nannte, flippt er aus. Eine Woche vor dem einstündigen Vortrag (auf den ich mich echt gefreut hatte): „Kein Referat mehr, nur ein Kurzexposé, max. 10 Zeilen.“

Ich hätte das aus dem Brockhaus abschreiben können. Meine ganze Vorbereitung für die Katz.



Also hielt ich den vollen Vortrag – eine Stunde. Note: glatte Sechs. Er war stocksauer, konnte mir aber keine Sechs ins Zeugnis hauen, weil ich in den Tests zu gut war.

Ich ignorierte ihn einfach. Wir drehten noch schnell „Die letzte Wette“ – Verfilmung einer alten Urban Legend: Betrunkene in der Kneipe wetten, wer ein Grabkreuz klaut, zahlt nix mehr. Einer tut’s, bringt’s mit, sieht sein eigenes Gesicht drauf, flippt deshalb aus, will’s zurückbringen – wird vom Toten erwürgt. 




Leider: Komparsen statt richtiger Schauspieler. Aus Verzweiflung darüber spielte ich den Killer selbst. Der Film hätte die goldene Himbeere verdient, aber technisch einwandfrei.


Wir schrieben unsere Abschlussklausuren, und ich bestand mit einem guten Notendurchschnitt. Fast alle hatten schon einen Job bei irgendeinem Sender in der Tasche, nur ich nicht, da ich ja nie die nötigen Senderkontakte gehabt hatte. Doch dann geschah ein kleines Wunder.                                                                                                                       Rita, eine Sportstudentin, jobbte auch in der Lichtpauserei, wo ich nebenbei malochte. Irgendwann fragte sie mich, was ich eigentlich so mache. Ich sagte ihr trocken, dass ich bald wohl ein arbeitsloser Kameraassistent sein würde. „Ist ja witzig“, entgegnete sie, „meine Schwägerin ist Aufnahmeleiterin beim Film. Ich geh da immer als Statist hin, hast du Lust mitzukommen?“ Na klar hatte ich Lust! Es gab gutes Geld, wir sollten nur ein wenig tanzen im „Meadow“, einer Diskothek am Olivaer Platz. Der Film hieß „Asphaltnacht“ und war von Peter Fratscher, Kameramann war Bernd Heinl. Wir machten uns auf den Weg in die große, weite Welt des Films. Ich konnte nicht ahnen, dass dies mein Glückstag war.

Es war ein easy Job: ein bisschen tanzen, dann wieder rumstehen und warten. Christina Plate war süße 13 und spielte eine der Hauptrollen. Renate Witte, die Aufnahmeleiterin, war supernett und kümmerte sich rührend um uns. Ich hatte Zeit, mich umzusehen. Mir fiel auf, als die Crew wieder mal in eine bestimmte Lichtrichtung drehte, dass einige Lampen, die vorher eingeschaltet gewesen waren, nicht brannten. Ich ging zu einem der Beleuchter, Helmut Grass hieß er, und wies ihn darauf hin. Er schaute mich ganz verdutzt an, ging zum Kameramann. Ich sah, wie er dort auf mich zeigte, dann schalteten sie die Lampen ein. Zwei Stunden später das Gleiche: Sie hatten wieder eine Lampe vergessen. Ich ging erneut zu Helmut, der bedankte sich, ging wieder zu Bernd Heinl, dem Kameramann, und sie schalteten die Lampe ein. In der nächsten Pause sprach mich Helmut (er übersetzt mittlerweile übrigens englischsprachige Bestseller ins Deutsche) mit seiner tiefen Bassstimme an.

Woher ich denn gewusst habe, dass die Lampen wichtig seien, wollte er wissen. Ich erzählte ihm meine Geschichte. „Aha“, sagte er nur, ging zu Bernd Heinl und erzählte es ihm gleich weiter. Nach Drehschluss kam Renate zu mir, bedankte sich und erzählte mir, dass der Kameramann mich sehr gelobt habe. Ich freute mich sehr, und dann fragte sie mich, ob ich am Wochenende Zeit hätte. Wenn ich wolle, könne ich auf Kinder aufpassen. Auf Kinder aufpassen war nun nicht gerade mein Ding, aber es ging um was ganz anderes. Sie hatte ein Drehbuch für mich von einem Film, und Sonntag würden sich die ersten Teenies vorstellen, die für einige der Rollen vorgesehen waren. Ich sollte das Buch lesen und ihnen dann was vom Film erzählen, während sie warteten. Na, das war schon was anderes, da sagte ich sofort zu!

Am nächsten Tag sollte ich schon die Produktionsfirma besuchen. Damit hatte mir Renate die Zukunft gesichert, und ich werde ihr dafür immer dankbar sein. Ihr hab ich alles zu verdanken, was danach passierte.


Freitag, 13. Februar 2026


 Ein Landei in der großen Stadt – und eine heikle Tramperfahrt

Ich hatte keinen Bock auf die Bundeswehr, also blieb nur die Flucht nach Berlin. Aber wie? Da ich mich damals, anstatt in die Schule zu gehen, häufig in unserer Bahnhofskneipe aufhielt, um Karten zu spielen, waren mir natürlich fast alle Stammgäste bekannt. Plötzlich gab es dort einen Neuen, Gert, und oh Wunder, der wohnte in Berlin, war aber aus irgendeinem Dorf in der Nähe. 


Gert war etwa Ende 20 und bot mir an, bei ihm zu wohnen – in Berlin, natürlich nicht in seinem Dorf. Ich wusste allerdings nicht, dass Gert ein ziemlicher Säufer war und sich auch gerne mal mit dem Gesetz anlegte. Ich packte also meine Siebensachen und fuhr mit meinem Polski Fiat nach Berlin. Fast wäre ich auf der ersten Fahrt schon gescheitert, denn die damaligen Transitbestimmungen waren mir noch nicht so geläufig. Ich entdeckte auf halbem Weg in der Zone eine hübsche Tramperin, hielt an und nahm sie mit; sie sah aus wie ein Wessi. Wir unterhielten uns prächtig, sie schwärmte von meiner Musik auf Kassette und erzählte mir von allen In-Kneipen und Discos, die sie so besuchte. Gert hatte mir schon einiges über das Nachtleben von Berlin erzählt, aber sie erwähnte völlig andere Lokalitäten, mit teils merkwürdigen Namen. 

Ich versuchte, mir alles zu merken. Kurz vor Michendorf erwähnte ich beiläufig, dass ja jetzt bald der Abzweig nach Westberlin kommen müsse, den wir nicht verpassen sollten. Da wurde sie plötzlich etwas blass. Sie sei aus Ostberlin, erzählte sie, und würde zwar gerne mitkommen, dürfe aber nicht, und ob ich nicht wüsste, dass man als Wessi im Transit keine Ossis mitnehmen dürfe.

Nee, wusste ich nicht. Und dann erzählte sie, dass der Rasthof Michendorf voller Stasileute sei; da könne sie nicht aussteigen. Sie bat mich, an der Potsdamer Abfahrt, gleich nach Michendorf, zu halten und sie dort rauszulassen. Ich fuhr ein paar Meter die Abfahrt runter, hielt, und wir luden ihr Gepäck aus. In diesem Moment hielt ein Vopo-Lada oben an der Ausfahrt. Sie ging ganz eilig davon, und ich fuhr wieder auf die Autobahn, an den Vopos vorbei, die mir sofort folgten. Ich achtete jetzt pedantisch auf die Geschwindigkeit, denn die Vopos fuhren direkt hinter mir und bogen mit mir Richtung West-Berlin ab. Ich hatte tierische Angst, wollte nicht im Gulag in Sibirien landen und dachte mir permanent irgendwelche Ausreden aus.

Kurz vor der Abfahrt Potsdam-Babelsberg setzten sie zum Überholen an. Scheiße, dachte ich, so kurz vor dem Ziel. Nun drohte mir statt Bundeswehr ein sicherlich unangenehmerer DDR-Knast. Als sie parallel neben mir fuhren, öffnete der Beifahrer das Fenster, drohte mir mit dem Finger, worauf ich ihm sofort den Stinkefinger zeigte. Darauf rammten sie mich, brachten mich nach Sibirien, wo ich bei 40 Grad minus geteert und gefedert wurde und dann nackig durch die Tundra laufen mußte.

Natürlich war ich nicht so blöd, sondern hob entschuldigend meine Schultern. Sie fuhren an mir vorbei und bogen nach Babelsberg ab. 

Schweißgebadet kam ich in West-Berlin an, das Bild von mir (geteert, gefedert, minus 40 Grad, am Arsch der Welt) noch vor Augen. Ich konnte damals nicht wissen, dass ich viel später die Abfahrt Babelsberg fast jeden Tag benutzen würde.

Total fertig kam ich bei Gert an, nachdem ich mich etwa zehnmal verfahren hatte. Berlin-Moabit war nun meine neue Heimat. Ich war total begeistert. Berlin hatte ungefähr zehnmal so viele Kneipen und Discos wie meine Heimatstadt Häuser – ich hätte Jahre gebraucht, um alle zu besuchen, also konzentrierte ich mich auf wenige.


Gert, die BZ und der Weg ins Filmbusiness

Gert war eine Seele von Mensch, relativ arbeitsscheu, was damals zu Zeiten üppigen Arbeitslosengeldes kein Problem war. Leider änderte sich sein Charakter unter Alkoholeinfluss sehr heftig, aber das richtete sich nicht gegen mich, sondern vorwiegend gegen Staatsdiener. 

Er verkehrte gerne im Polkwitz, einer Saufkneipe am Olivaer Platz.

Ich machte mich lieber auf die Suche nach einem Job, hatte erwartet, dass alle auf mich warten, aber das war leider eine Illusion. Zudem konnte ich ja auch nichts vorweisen, kam ja direkt von der Schule ohne Abitur. Gleich am nächsten Abend kam Gert gegen Mitternacht nach Hause, sturzbetrunken und zeigte mir ganz stolz einen Strafzettel, den er gerade erhalten hatte: Trunkenheit im Straßenverkehr als Fußgänger – kostete damals 20 Mark. Mir war bis dahin völlig unbekannt, dass es ein solches Delikt überhaupt gab.

Gert lebte in Scheidung, seine Ex arbeitete im Grunewald bei einer stinkreichen Familie, deren Firma Elektroherde herstellte. Sie wohnte auch dort. Eines Nachts kam er auf die Idee, dass der Fernseher, den seine Ex mitgenommen hatte, eigentlich ihm gehörte. Also machte er sich hackebreit auf den Weg, suchte seine Ex auf und als die nicht öffnete, trat er die Tür ein, nahm den Fernseher und ging. Seine Ex hatte natürlich sofort die Polizei angerufen, als er krakeelend vor der Tür stand, und als Gert mit dem Fernseher gerade zur Straße gehen wollte, wurde er von seinen "Freunden", den Staatsdienern, schon empfangen. Auf die Ermahnung, den Fernseher doch zurückzubringen, ließ er ihn vor die Füße der Polizisten fallen. Es sei ja sein Fernseher, und er könne damit machen, was er wolle. Mit dieser Aktion brachte er es immerhin auf die Titelseite der BZ, einer Berliner Boulevardzeitung. Davon träumen viele, Gert schaffte sowas ohne Probleme.

Gott sei Dank fand ich bald einen Job als Fahrer in einer Lichtpauserei. Dies war der wichtigste Kontakt überhaupt, wie sich später herausstellen sollte; er ebnete mir den Weg ins Filmbusiness. Volker, der Chef, trank auch ganz gern mal einen über den Durst, und seine Frau verprasste gerne das Geld, das er verdiente. Beide waren aber supernett. Schon damals, 1974, erwarteten Bedienstete kommunaler Betriebe für die Auftragsvergabe üppige Geschenke. Der Begriff Korruption war mir allerdings noch nicht so geläufig. Auch Volker musste da mitspielen, und es kotzte ihn an.


Taxistreit und der Stinkefinger gegen die Polizei

Es ging nun auf Weihnachten zu, als ich plötzlich durch lautes Gehämmere an der Tür wach wurde. Ich stand auf und hörte Gert rufen: "Lass mich schnell rein, ich hab keinen Schlüssel!" Ich machte auf. Gert schloss die Tür sofort wieder ab; er hatte ein schönes blaues Veilchen. Er ging zum Fenster, da standen inzwischen an die zehn Taxen. Des Rätsels Lösung: Gert war mit dem Taxi gekommen, hatte sich mit dem Fahrer wegen des Fahrpreises gestritten, nicht den vollen Preis bezahlt, und dieser hatte ihm sofort aufs Auge geschlagen. Gert war ins Haus geflüchtet und befürchtete nun die Lynchjustiz der Taxifahrer, denn sein Fahrer hatte Verstärkung geholt. 

Also rief Gert die Polizei an und bat volltrunken um Hilfe. Nach zehn Minuten wummerte es an der Tür: "Aufmachen!" Gert verstand das völlig falsch und dachte, das seien die Taxifahrer. Also nahm er einen Spielzeugdegen, der irgendwo herumlag, ging zum Briefschlitz, stocherte hindurch und schrie: "Haut ab, ihr bekommt kein Geld!" "Aufmachen, Polizei!", hörte ich nur, und dann wummerte es derartig gegen die Tür, dass der Putz herunterfiel.

Ich machte auf. Zwei Polizisten stürzten sich sofort auf mich, doch ein Taxifahrer, der daneben stand, sagte: "Nee, der war et nich, der Andere", und zeigte auf Gert. Sie nahmen Gert in die Mangel und nahmen ihn mit.


Kripo-Klingeln um sechs und mein neues Zuhause im Abschaum-Komplex

Um Punkt sechs Uhr hämmerte es erneut gegen die Tür. Ich machte freiwillig auf – es war die Kripo, die mich zu nachtschlafender Zeit verhören wollte. Ich erzählte ihnen brav, dass Gert die Polizei selbst gerufen hatte, und zeigte ihnen den Gummidegen. Fest davon überzeugt, dass mein Kumpel abends wieder auf der Matte stehen würde, rechnete ich mit nichts Bösem.

Weit gefehlt! Die Anklage lautete "Mordversuch gegen einen Polizeibeamten" – die wurde zwar später fallen gelassen, aber erst nach satten vier Wochen Untersuchungshaft. Mir reichte es. 

            Ich beschloss, mir schleunigst eine eigene Bude zu suchen und fand auch bald eine, trotz der legendären Wohnungsnot in Berlin: Potsdamer Straße 63 lautete die Adresse. Dort wurde alles noch schlimmer, denn ich hatte eine Wohnung im übelsten Apartmentkomplex von Berlin ergattert. Dort residierte der Abschaum der Menschheit, und ich mittendrin.

Ich bezog also stolz wie Bolle meine erste eigene Wohnung, 23 qm möbliert für 370 Mark – bei 1000 Mark netto, die ich verdiente. Die Wohnung lag im zehnten Stock. Was mir bislang niemand so richtig erzählt hatte, war, dass die Potsdamer Straße damals Berlins Rotlichtbezirk war. Man hatte mir bei der Hausverwaltung versichert, die Post hätte eine komplette Etage gemietet und es wohnten vorwiegend Westdeutsche im Haus, die gerade nach Berlin gezogen seien – schließlich war ich ja auch einer davon.

Die Frauen, denen ich hin und wieder im Fahrstuhl begegnete, sahen schon ziemlich merkwürdig aus: ziemlich aufgedonnert, heute würde ich direkt "nuttig" sagen. Manchmal hatten sie aber auch ein Kreuz wie ein Holzfäller und sprachen sehr komisch, mit relativ tiefen Stimmen. Gelegentlich glaubte ich sogar, etwas Bartwuchs erkennen zu können – die sahen dann richtig gefährlich aus.


Warum Frauen gefährlich sind und der Zuhälter-Hund

Dass Frauen gefährlich sein können, wusste ich im Übrigen schon seit meiner Kindheit. Als Fünfjährige hatten wir in einem Park ein Kondom entdeckt und rätselten, was das sein könnte. Fritz kam dazu. Er war schon sechs, also quasi erwachsen. Schulmeisterlich klärte er uns auf und erzählte uns, das sei ein Gummischutz, den brauche man zur Sicherheit für den „Schniedel“, wenn man Kinder machen wolle. Mir war zwar nicht ganz klar, wie Kinder machen funktionierte, aber es musste sehr gefährlich sein, wenn man einen Schutz dabei brauchte – das lag dann sicher an den Frauen. Spinnenfrauen fressen ja schließlich auch ihre Männer auf! Ich war zutiefst beunruhigt und achtete fortan darauf, dass beim Pinkeln keine Mädchen in der Nähe waren – nur zur Sicherheit.

Auf meiner Etage lebten Jimmy und Agnes, ein nettes Pärchen, mit dem ich mich gleich anfreundete. Die erzählten mir, das ganze Haus sei voller Schwuler, Transen, Zuhälter und Nutten. Kaum ein "normaler" Mensch sei dabei – die beiden hatten recht. Nach vierzehn Tagen dann der erste Mord im Haus. Ein anderer wurde in seinem Apartment eingemauert und musste durch die Feuerwehr befreit werden. Willkommen im Miet-Paradies!

Ein neues Paar zog in unsere Etage. Ab diesem Tag kläffte ein Riesenschäferhund auf dem Balkon, jede Nacht, bis in die frühen Morgenstunden. 

Manchmal versammelten sich dreißig Leute aus der ganzen Nachbarschaft im Flur, um sich zu beschweren – aber da war nie jemand zu Hause. Wir holten die Polizei, die zuckten nur mit den Achseln, und dann kamen sie irgendwann gar nicht mehr, wenn man anrief. Wir versuchten es mit in Wurst eingepackten Schlaftabletten, die wir auf den Balkon warfen – es half nichts, der Hund kläffte einfach weiter.


Der Zuhälter-Plausch und die Weisheit von der Straße

Ich wusste mittlerweile, wer dort wohnte: ein blutjunger Zuhälter, der eine Türkin auf den Strich schickte. Ich ging also eines Nachts zu dem Puff, wo ich sie mal hatte stehen sehen. Da stand sie auch, und er war dabei. Ich pflaumte ihn an, er solle seinen Hund mal ruhig stellen, und wusste im selben Moment: "Bad idea!" Er war zwar nicht kräftig genug und wagte es erst gar nicht, mir eins aufs Maul zu hauen, aber ruck-zuck war ich von heftig tätowierten, kräftigen, böse dreinschauenden Kerls umringt. „Was ich denn wolle?“, machte mich der Kräftigste von ihnen an. Äh – äh, das sah gefährlich aus, und in diesem Moment dachte ich, dass ich doch in meinem Dorf hätte bleiben und brav zur Bundeswehr hätte gehen sollen.

Ich fasste all meinen Mut zusammen und trat auf den Typen zu, immer damit rechnend, eine gedröhnt zu bekommen. „Du scheinst hier der Chef zu sein“, sagte ich zu ihm. Er nickte und verschränkte die Arme, die meine Oberschenkel hätten sein können, vor der Brust. „Weißt du, ihr arbeitet nachts und wollt tagsüber eure Ruhe haben. Ich arbeite tagsüber und will nachts schlafen“, und dann erzählte ich die Geschichte von dem Hund und dass die ganze Gegend nicht schlafen könne. Er hörte sich alles ruhig an, bot mir eine Zigarette an, und als wir dann rauchten, sagte er ganz ruhig zu dem Jungzuhälter: „Du gehst jetzt nach Hause, holst den Hund, und wenn ich noch eine Beschwerde höre, gibt’s was aufs Maul. Die Leute wollen schlafen, die müssen morgens arbeiten.“

Soviel Klugheit, Konsequenz und Sachverstand würde ich mir manchmal von den Politikern wünschen! Ein Wunder war geschehen. Ich hatte keine Zähne verloren, war nicht schwer verletzt, kein Haar war gekrümmt, und ich konnte fortan in Ruhe schlafen. Leider wohnten noch mehr Zuhälter im Haus.


Doggen-Begegnung, ein Revolver-Fund und der Kaufvertrags-Schock

Der nächste Zuhälter, mit dem ich zu tun bekam, war etwa 1,60 Meter groß, aber sehr kompakt und kräftig. Dummerweise wohnte er auch in dem Haus. Er hatte eine deutsche Dogge, die fast so groß war wie er, und eines Tages lief sie mir vor dem Haus vors Auto. Ich konnte gerade noch bremsen, aber es war wirklich knapp.

Obwohl der Hund schuld war, bedrohte mich der Idiot und sagte, wenn er mich erwische, würde er mich erschlagen.

Ich hatte tierische Angst, denn auf Prügeleien stehe ich überhaupt nicht. Fortan betrat ich das Haus nur, wenn die Luft rein war und nahm nur den Fahrstuhl nach oben; nach unten lief ich die zehn Stockwerke. Nach einigen Wochen wurde ich unvorsichtig und nahm auch den Fahrstuhl nach unten. Er stoppte im sechsten, die Tür ging auf, und wer trat ein: der Zuhälter. Er bot einen jämmerlichen Anblick. Das Gesicht war völlig blau geschlagen und beide Arme waren in Gips. Innerlich habe ich mich schlapp gelacht. Er grüßte freundlich und war ganz bescheiden. Karma, Baby!

Eine Woche später klingelte mein Nachbar um halb zwölf Sturm. Jimmy war ganz aufgeregt und wollte seine Neuigkeiten loswerden. Er hatte im Treppenhaus einen Revolver gefunden – geladen, eine echte Waffe, keine Schreckschuss-Pistole! Damit war er gleich hundert Meter weiter in den „Bierhimmel“ gelaufen, eine Kneipe, wo etwa 5000 Jahre Knast verkehrten, und hatte sie dort für 300 Mark verkauft. Am nächsten Morgen um sechs wurde Jimmy von der Polizei geweckt. Der Käufer hatte mit der Waffe gleich jemanden umgelegt. Das gab für Jimmy sechs Monate Gefängnis auf Bewährung und 1500 DM Geldstrafe – ein schlechtes Geschäft.

Zwei weitere Wochen später kam ein Einschreiben von einem Anwalt, der die Miete für sechs Monate nochmal kassieren wollte. Des Rätsels Lösung: Der Hausmeister, bei dem wir cash bezahlten, hatte die Mieten unterschlagen. Von den Prostituierten hatte er sich in Naturalien bezahlen lassen, den Rest unterschlagen. Deshalb die Nachforderung, und da ich eine Quittung verbaselt hatte, durfte ich einen Monat doppelt bezahlen.

Ich hatte mir einen schnieken Gebrauchtwagen angesehen und wollte den finanzieren. Unerfahren, wie ich war, fiel ich dann auf den dümmsten Trick rein. Ich sollte eine unverbindliche Anfrage zur Finanzierung unterschreiben. Als ich gerade unterschrieben hatte, stieß mich der Verkäufer weg, ein anderer gab mir dann die Kopie eines unterschriebenen Kaufvertrages für einen Opel. Der Kaufvertrag hatte drunter gelegen, es war nur nicht zu sehen gewesen, da die Gangster sich das Formular hatten drucken lassen – und wer schaut denn schon nach, ob die Durchschrift identisch ist?

Das waren 2600 DM Vertragsstrafe, weil ich den Opel nicht abnahm. Es fiel mir äußerst schwer, zu bezahlen. Vierzehn Tage später stand dann eine Warnung vor solchen Methoden in der Zeitung – leider vierzehn Tage zu spät für mich. Ich hab allerdings keine Ahnung, wer dem Verkäufer immer wieder alle vier Reifen platt gestochen hat, das ging über Jahre so (war auch in der Zeitung). Der Besitzer des Autohauses ersoff dann irgendwann beim Surfen in der Nordsee. Ich habe nicht geweint, als ich das las.


Ab ins Filmbusiness: Der unkonventionelle Weg zum Film

Mit meinem Fahrerjob war ich nicht wirklich zufrieden. Der Chef war nett, aber intellektuell war der Job nicht der Bringer. Ich beschloss, mein Leben zu ändern und zum Film zu gehen.

Hurra, ich bin beim Film!

Nun ist es heute nicht so ganz einfach, einen Job beim Film zu bekommen, damals wahrscheinlich auch nicht, aber ich hatte Glück. Steven Spielberg war ein Brieffreund von mir, und den fragte ich einfach. Glaubt ihr nicht? Na gut, dann bleibe ich bei der Wahrheit: Ich ging zum Arbeitsamt und sagte: „Ich will zum Film.“ Keiner lachte. Ich war überrascht. Sie hatten ein Angebot. Eine Ausbildung zum Cutter-Assistenten, zwei Jahre, Anfangsgehalt 130 DM – im Monat! Wohlgemerkt nicht im Jahr 1930, sondern 1976. Da war das verdammt wenig Kohle. Außerdem war es kein anerkannter Lehrberuf, also wohl Ausbeutung pur. Egal, ich wollte zum Film! Zwei Tage später sollte mein Vorstellungsgespräch sein. Ich war ganz aufgeregt.



Am Abend klingelte das Telefon – meine Mutter. Mit der ihr eigenen Mischung aus Sorge und Neugier teilte sie mir mit, dass Klaus, ein alter Schulfreund von mir, von einer Brücke gesprungen sei. Sofort tot. Und dann die obligatorische Frage: „Hast du’s wieder geahnt?“

Nein, Fehlanzeige. Null Komma nichts geahnt. Nada.

Dabei hatte die Frage durchaus einen triftigen Grund. Mit 17 wachte ich eines Nachts schweißgebadet aus einem Albtraum auf: Klaus in seinem Auto, mitten auf einem Feld, Fenster zu, Schlauch vom Auspuff ins Innere – leblos. Ich erzählte meiner Mutter davon, ging in die Schule und traf Klaus als einen der Ersten. Ich schwieg. Seine Schwester hatte ein paar Jahre zuvor Selbstmord begangen – da wollte ich nicht der Bote schlechter Omen sein.

Am nächsten Tag: Chaos in der Schule. Klaus hatte exakt am Nachmittag zuvor versucht, sich genau so umzubringen – Auto, Schlauch, Abgase. Gott sei Dank überlebt. Meine Mutter war völlig durch den Wind: „Du kannst in die Zukunft sehen!“


Zwei Monate später hielt Hansi mit seinem nagelneuen von Papi finanzierten Käfer neben mir, hupte fröhlich und fragte, ob ich mit zu den Petards wolle – unserer lokalen Rockband, deren Proben wir gerne belauschten. Plötzlich: Herzrasen, Polizeisirenen im Kopf, Übelkeit. Ich sagte ab. Jürgen, ein anderer Freund, stieg stattdessen ein, ich drückte ihm noch meine Jacke in die Hand („Abends wird’s kühl“), und verzog mich erschöpft ins Bett. Um 18 Uhr. Für einen 17-Jährigen quasi Rentenalter.

Gegen 20:30 wurde ich wach – von meiner Oma, die herzzerreißend weinte, und dem Bürgermeister, der beruhigend auf sie einredete. Der ganze Hof voller Leute. Ich schaute aus dem Fenster, alle starrten hoch, dann brach schlagartig Erleichterung aus. Ich tappte runter und wurde sofort bestürmt: „Wer hat denn deine Jacke an?“

Hansi war in einer Kurve – Leitplanken links und rechts – frontal in einen Lkw gekracht. Zwei Lastwagen hatten sich dort verbotenerweise überholt, Ausweichen unmöglich. Beide tot, Jürgen als Beifahrer nicht mehr identifizierbar. Nur Hansis Eltern erkannten meine Jacke. Der Bürgermeister hatte gerade meiner Oma meinen vermeintlichen Tod mitgeteilt.





Ich dachte ernsthaft: Wow, ich bin ein Hellseher!

Leider: Never again. Außer einmal in Russland, als eine Wahrsagerin unserem TV-Team aus der Hand las. Bei mir schaute sie nur, lächelte milde und sagte: „Warum soll ich dir aus der Hand lesen? Du weißt es doch viel besser als ich.“

Sehr mysteriös. Und sehr ernüchternd.

Jahre später traf ich bei einer Fernsehshow jemanden, der wirklich übersinnliche Fähigkeiten hatte – James Van Praagh aus den USA. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die kommt viel, viel später.


  Der zu Unrecht gehasste deutsche Zoll und das Kurzfilmfestival in Grimstad Ausschnitt aus meinem Film "Southwest Highways" Laugh...