Mittwoch, 7. August 2024

 Die Hippiezeit

Da ich inzwischen am Wochenende an einer Tankstelle arbeitete hatte ich genügend Geld für ein Auto. Erst ein VW Käfer unsynchronisiert für 100 Mark, dann hatte mein Englischlehrer einen Unfall und ich kaufte seinen BMW 1800 TI für 300 Mark, den baute ich mit einem Freund der Automechaniker war wieder auf. Als ich damit mal neben dem VW Käfer des Schuldirektors parkte, hatte ich am nächsten Tag die Polizei zu Besuch, die wissen wollte, wie es denn käme, daß ich als Arbeiterkind so einen Wagen fahren könne, ich müsse doch wohl mit Drogen handeln. Ich verdiente aber etwa im Monat 1000 Mark an der Tankstelle, als Schüler damals steuerfrei, plus 500-800 Mark Trinkgeld. Die Abrechnungen beruhigten sie schnell und sie verschwanden wieder.


Bevor ich weitererzähle, will ich noch ein wenig auf die Zeit eingehen so zwischen 1968 und 1974, die Love and Peace Ära oder auch die Hippiezeit, wohlgemerkt in Deutschland. Musikalisch gesehen also der Übergang von der Beatmusik zur Rockmusik. Es war die Zeit in der ganze Gymnasien kifften oder LSD nahmen. Ich kann mich noch ganz gut an ein Schulfest erinnern, das um 22 Uhr mehr oder weniger beendet war, da fast die gesamte Oberstufe auf Pille, in der Stadt unterwegs war.
Das lag an den unverschämt günstigen Preisen. Da bei uns keiner das Talent zum Dealer hatte, legten wir zusammen und kauften großhandelsmässig bei einem supernetten Dealer ein, der keine harten Drogen verkaufte, günstig war und mittlerweile in der heutigen Gesellschaft hochangesehen einen Buchverlag betreibt. Er steht zu seiner Vergangenheit.
Die Behörden und die Presse machten damals allerdings einen folgenschweren Fehler. Sie verteufelten generell alle Drogen, undifferenziert wurden sie alle als stark süchtigmachend beschrieben, schon beim ersten Versuch. Jeder Gelegenheitskiffer wußte, daß dies Schwachsinn war und keiner glaubte den Unsinn. Leider gab es sie doch, diese gefährlichen Drogen, die wenig später einen Siegeszug durch die deutschen Kleinstädte antraten, mit einer Wirkung die keiner wirklich erwartet hatte, süchtigmachend, lebenszerstörend, existenzvernichtend und mordend.
Heroin zerstörte das Paradies aus Love und Peace und beendete die Hippiezeit.
Um jetzt wirklich einmal ehrlich zu sein, die freie Liebe damals ist mehr oder weniger ein Mythos, der zwar in einigen Kommunen gelebt wurde und auch in manchen Großstätten, in Deutschland Provinz allerdings erhebliche Probleme hatte, zur Realität zu werden. 



Klar nahm die Presse die plötzliche Offenheit lüstern auf, denn sie brachte Schlagzeilen. In den Redaktionen tobten Kämpfe zwischen stockkonservativen Redakteuren, oft noch aus der Nazizeit und jüngeren Semestern, die die neue Bewegung sympathisch fanden. Es dauerte lange bis objektiv über und nicht mehr hasserfüllt gegen diese neue Bewegung geschrieben wurde.
Klar ging es plötzlich sexuell weitaus freier zu, das heißt mit dem Händchenhalten war es vorbei, denn die Händchen fanden weitaus interessantere Stellen zum Verweilen und blieben dabei keineswegs untätig, aber es kam dabei relativ selten, zum Äußersten. Wir Jungs waren immer noch der Meinung, daß nur wir das Eine wollten, die Mädels grundsätzlich nicht und gingen deshalb behutsam zur Sache und deshalb oft erfolglos. Jungs könnt ihr euch das heute noch vorstellen? 3 Monate baggern um ne Schnecke rumzukriegen und zwar ohne Garantie auf Erfolg - obwohl Liebe im Spiel ist, auf beiden Seiten. 3 Monate - und ohne Liebe lief fast gar nichts, allerdings waren eigene Autos oder Eltern mit Geld hilfreich, bei der Überzeugung der Liebsten, daß es nun doch passieren müsse.
Die Mädels wussten damals nämlich selbst noch nicht, daß sie eigentlich auch nur das Eine wollten bzw. wollten dies einfach nicht kapieren oder zugeben und verweigerten sich oft erfolgreich. Und jetzt kommt es - und wurden dadurch interessanter, nicht langweiliger.
Wegen der sexuellen Engpässe im Mutterland, fuhren wir damals, so oft es ging per Anhalter nach Dänemark, dort war die Gesellschaft schon viel offener und weiter als in Deutschland und dies hatte keineswegs was mit Love and Peace zu tun, sondern mit aufgeklärteren Verhältnissen.
Ich glaube fast alle mitteleuropäischen Jungs dieser Zeit, sind von attraktiven Skandinavierinnen entjungfert worden.

Skandinavien war einfach ganz weit vorn mit Aufklärung und Pille, man gab sich progressiv, dort ging alles viel schneller, die Mädels waren weitaus aktiver und plötzlich landete man unversehens mit einem der süssen Dänenmädels in ihrem Bett und es passierte - wohlwissend, daß ihre Eltern im Nebenzimmer vor dem Fernseher sassen und wußten warum das Bett im Nachbarzimmer quietschte.

Im Deutschland dieser Zeit unvorstellbar, dort gab es noch den Kuppeleiparagraph und es war verboten der sogenannten Unzucht Vorschub zu leisten. All diese Tabus waren tief in den Hirnen der Deutschen verankert, auch in unseren noch.

Ich kann mich an eine besonders peinliche Situation in Kopenhagen erinnern. Ich hatte den Sohn einer dänischen Familie kennengelernt und war dort eingeladen. Wir sassen zu Tisch, der Vater, zwei Söhne 17 und 15, ich und die kleine süsse Schwester, die etwa zwölf war und schon Pfeife rauchte, ein völlig normaler Vorgang im weltoffenen Dänemark. 



Alle sprachen gut Deutsch und Lotte sprach meine Muttersprache perfekt, mit dem kleinen angenehmen Akzent der Skandinavier. Ich war gerade 17 Jahre alt geworden. Lotte lächelte mir zu. Sie mochte mich sehr und ich sie auch, doch sah ich sie als Göre und keineswegs als Frau. Plötzlich und unerwartet kam der Satz ( wohlgemerkt von einem kleinen, gerade mal zwölfjährigen, pfeiferauchenden Mädchen ) unter den Augen und natürlich auch Ohren ihres Vaters: Wenn Du dann nächstes Jahr vorbeikommst bin ich 13, dann will ich mit Dir schlafen. --- Ich hätte im Boden versinken können, so peinlich war mir die Situation, im Gegensatz zu Lottes Familie, die mich feixend beobachtete. Dann sagte ihr Vater zu mir: Nimm Deinen Notizkalender, schreib es Dir auf und enttäusche nächstes Jahr meine Tochter nicht.

War dies nun Ernst gemeint oder wurde ich hier grob veralbert ?
Das Lotte es wirklich Ernst gemeint hatte, erfuhr ich etwa 7 Jahre später in einer Sylvesternacht - bei meinem nächsten Besuch.

Nachdem ich ja schon den weit überschätzten Loveteil, der Love und Peace Hippiezeit abgehandelt habe, will ich nun ein wenig auf den weit unterschätzten Peaceteil eingehen. Rein optisch,hat das wahrscheinlich total bescheuert ausgesehen, auf jeden Fremden zuzugehen, mit den zum Victory Zeichen gespreizten Fingern und hey Peace zu sagen, zumal man ja doch meist ziemlich breit in der Birne war und in diesem Zustand selbst den Teufel mit Peace begrüsst hatte, doch es war wirklich eine friedvolle Zeit. Schlägereien auf dem Schulhof - undenkbar - jeder Aggressor wäre sofort von einer Gruppe friedenswütiger Schüler umringt worden, die ihm ein freundliches hey Peace Mann ins Gesicht geschmettert hätten.

Es gab nur einen Grund halbwegs Aggressionen zu zeigen, und zwar um in Rockkonzerte zu kommen. Damals war musikalisch einfach eine geile Zeit. Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple, T-Rex, Steamhammer, Spooky Tooth standen am Anfang und waren noch keine Megaacts. Waren mehr Zuschauer da als Eintrittskarten, wurden die Hallen gestürmt, in diesem Chaos war es dann unmöglich zu kontrollieren, wer eine Karte hatte und wer nicht.  Um es auf den Punkt zu bringen: Aggressionen waren ansonsten so ziemlich das uncoolste in dieser Zeit. Man ging freundlich miteinander um, Konkurrenzkampf schon in der Schule war uncool, man ließ abgucken und abschreiben und versuchte die Schwächsten nicht zu treten, sondern ihnen zu helfen. Es war zwar cool lange Haare zu haben und hippe Klamotten zu tragen, aber es ging nicht um Markenklamotten sondern um Individualität und Kreativität und andere, die wegen ihrer Eltern, konservativ altmodisch rumlaufen mussten, wurden nicht ausgeschlossen sondern nur bedauert. Man war hilfsbereit, tolerant und ohne Vorurteile, Fremden gegenüber war man neugierig und nicht ablehnend. Grössere Strecken wurden per Anhalter zurückgelegt und das funktionierte gut. Wir sind einmal mit 30 Leuten ins 650 km entfernte Dänemark getrampt und waren alle am selben Abend da. Die Kriminalität war gering, kaum ein Autofahrer hatte Angst vor Trampern und auch die brauchten kaum etwas zu befürchten. Die einzigen Gefahren für Anhalter waren Schwule und das hatte gesellschaftliche Gründe.                                                                                     10


Damals gab es noch den diskriminierenden Paragrafen 175, der homosexuelle Betätigung unter Strafe stellte, was es für Homosexuelle tierisch erschwerte, einen Sexualpartner zu finden. 

Wir mieden damals wie die Pest das Frankfurter Kreuz, denn dort fuhren Schwule immer im Kreis umher, um ihr Glück bei männlichen Anhaltern zu versuchen. War man nicht willig, dann hielten sie einfach an und warfen einen an Ort und Stelle raus und man konnte zur nächsten Auffahrt laufen. Ziemlich unangenehm. Zuerst die Anmache in einem fremden Auto und dann der Fußmarsch. Die 175 er, so wurden sie genannt, waren damals deshalb bei Trampern nicht gerade beliebt, zumal kaum ein Hetero damals wußte, was schwul war, denn man kannte ja keinen. Erst viel später wurde mir klar, was es mit den vielen Fräuleins, die auf unserer Schule unterrichteten und die paarweise zusammenwohnten, auf sich hatte. Der Groschen fiel bei mir erst als ich in die Schwulenhochburg Berlin gezogen bin.


Berlin übte in dieser Zeit eine magische Anziehungskraft auf Männer zwischen 18 und 25 aus, wegen einer politischen Besonderheit: Westberliner durften nicht zur Bundeswehr.

Da wir ja alle peacemässig unterwegs waren gab es für uns ein Hauptproblem: die Bundeswehr. Natürlich verweigerten viele aus politischen Gründen andere aber weil sie schlicht keinen Bock hatten sich die Haare schneiden zu lassen, denn kurze Haare waren superuncool. Leider war die Verweigerung nicht so einfach wie heute, denn man musste eine Gewissensprüfung ablegen. Das heisst, man wurde geladen und saß vor stockkonservativen Leuten und mußte denen klarmachen, warum man nicht wollte. Man wurde immer mit den gleichen Fragen konfrontiert: Familie wird überfallen, greift man zur Waffe, die Freundin wird fast vergewaltigt und man kann sie nur per Waffengewalt retten usw. 


Mir kamen sie völlig doof. Ich hatte gerade den Führerschein gemacht für 254,30 DM, gesponsort von meiner Oma. Da es ja theoretisch möglich sei, mit dem Auto durch einen bösen Zufall einen Menschen zu überfahren, würden sie mich nur anerkennen, wenn ich an Ort und Stelle meinen Führerschein abgäbe. Auf meinen Einwurf, daß ich ja wohl kaum mit dem Vorsatz Auto fahren würde, einen Menschen zu überfahren, im Gegensatz zu einem Soldaten im Gefechtsfall, der sehr wohl den Vorsatz hat,seine Gegner zu töten, gingen sie überhaupt nicht ein und erkannten meine Gewissenskonflikte nicht an.

Jetzt blieb als einziger Ausweg nur noch die Flucht nach Berlin. 


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